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Von der richtigen Balance

Vorbereitung Olympia 2020

Von der richtigen Balance

Welche Auswirkungen das olympische Kombinationsformat auf den Klettersport hat

Text: Simon Leitner, Bild: Johannes Maier / Alpsolut

2020 feiert das Sportklettern mit der Kombination seine olympische Premiere. Das neue Format hat weitreichende Konsequenzen für die Arbeit von Kletterverbänden und Athleten, die ihre Vorbereitung entsprechend umstellen müssen. Wie, das hat sport.tirol kürzlich im Rahmen eines Trainingscamps im Innsbrucker Kletterzentrum herausgefunden.

Während sich die Athleten bereits in der großen Halle eingefunden haben und auf die anstehende Einheit vorbereiten, sitzen ihre Trainer noch draußen, im Café des Kletterzentrums Innsbruck, wo letzte Einzelheiten besprochen werden. Nachdem alles geklärt ist, machen sich schließlich auch Roman Krajnik und Ellie Howard langsam auf den Weg zu ihren Schützlingen, die noch mit verschiedenen Aufwärmübungen beschäftigt sind.

Pawel Draga, der gemeinsam mit Krajnik und Howard seit 2017 das dreiköpfige Trainerteam der österreichischen Kletternationalmannschaft bildet, benötigt jedoch noch einen Moment. „Es ist schon seltsam“, meint der Pole, während er – im Stehen, mit einer Hand seine Unterlagen zusammenpackend – seinen Kaffee austrinkt. „Ich bin zwar Speed-Trainer, brauche aber immer am längsten.“ Schlussendlich stößt jedoch auch er zum Team, und das Training kann beginnen.

Pawel Draga ist seit 2017 für den österreichischen Kletterverband als Trainer im Speed-Bereich tätig. Als solcher betreut er mittlerweile nicht nur die Speed-Spezialisten, sondern auch zahlreiche Kombinierer.

Es ist der erste des insgesamt fünf Tage währenden Trainingslagers in Innsbruck, in dessen Rahmen die heimischen Kletterasse in allen drei Disziplinen – Lead, Bouldern und Speed – gefordert werden. Heute steht jedoch ausschließlich Speed-Klettern auf dem Programm, weswegen Draga eine Schlüsselrolle zukommt: Als ausgewiesener Experte auf diesem Gebiet hat er nämlich die Aufgabe, die österreichischen Sportler im Speed-Bereich zu verbessern. Und das ist, aufgrund gewisser Umstände und Entwicklungen im Klettersport, seit Kurzem wichtiger denn je.

Olympische Premiere

2016 hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) entschieden, Klettern ins Programm der Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio aufzunehmen – allerdings nur in Form eines neuen, eigens dafür entwickelten Formats: der sogenannten Kombination. Dabei handelt es sich um einen speziellen Modus, bei dem alle drei Disziplinen nacheinander geklettert und die einzelnen Platzierungen der Athleten am Ende miteinander multipliziert werden. Ein erster Platz im Lead, ein zweiter im Bouldern und ein zehnter im Speed ergibt etwa 20 Punkte (1 x 2 x 10). Sieger ist folglich derjenige, der am Schluss die wenigsten Punkte aufweist.

Bis zur vergangenen Kletter-WM letztes Jahr in Innsbruck, wo zum ersten Mal ein Kombinationsfinale auf höchstem Niveau ausgetragen wurde, war die Kombination keine eigenständige Disziplin, sondern lediglich eine Wertungskategorie, der im Allgemeinen noch dazu keine allzu große Bedeutung beigemessen wurde. Dass der Klettersport nun ausgerechnet in dieser Form Teil von Olympischen Spielen wird, hat nicht nur viele überrascht, sondern anfangs auch für einigen Unmut in der Szene gesorgt. Ellie Howard sieht die Sache eher pragmatisch: „Wenn ich an einem Wettkampf teilnehmen will, muss ich mich an die Umstände anpassen. Das gehört einfach dazu“, so die Britin. „Und in Tokio gibt es nun mal nur die Kombination, das muss man schlichtweg akzeptieren. Auch wenn ich persönlich die Einzeldisziplinen bevorzuge.“

Unabhängig davon dürfte die Tatsache, dass Klettern nun erstmals olympisch ist, aber nochmal für einen gehörigen Schub der ohnehin schon sehr populären Sportart sorgen, nicht zuletzt in finanzieller Hinsicht. Vor allem kleinere Nationen und Verbände, denen bisher weniger Budget zur Verfügung stand, versprechen sich durch den neuen Status des Kletterns als olympische Disziplin künftig mehr Förderungen.

Eines steht jedenfalls schon jetzt fest: Durch die Entscheidung des IOC hat nicht nur die Kombination, sondern auch das Speedklettern eine enorme Aufwertung erfahren. Von vielen lange Zeit (und teilweise noch immer) als eine Art „Sonderling“ im Sportklettern erachtet, der nur wenig mit den weitaus angeseheneren Disziplinen Lead und Bouldern gemein hat, üben sich im Hinblick auf eine mögliche Teilnahme bei Olympia nun immer mehr Kletterer an dieser vor allem für Zuschauer spektakulären Disziplin. Denn aufgrund der besonderen Weise der Punkteberechnung in der Kombination haben nur jene Athleten eine Chance auf den Sieg, die in keiner der drei Kategorien stark gegenüber ihren Konkurrenten abfallen. Und es gibt zwar viele Kletterer, die bisher sowohl Lead als auch Bouldern ausgeübt, aber nur wenige Speed-Spezialisten, die sich an den anderen Disziplinen versucht haben.

Gleichgewicht finden

Um diesen neuen Anforderungen gerecht zu werden, sind bei vielen Verbänden, Trainern und Sportlern mehr oder weniger große Umstellungen in Bezug auf Training und Vorbereitung vonnöten. Das trifft auch auf das österreichische Team zu. „In unserem Fall ist es am wichtigsten, die richtige Balance zu finden“, erklärt Howard. „Wir müssen nämlich zum einen für die Kombination trainieren, zum anderen dürfen wir aber die Einzeldisziplinen und jene Athleten, die sich nur darauf konzentrieren, weiterhin nicht vernachlässigen. Es gilt, einen Mittelweg zu finden, bei dem niemand benachteiligt wird – das ist die große Herausforderung, an der wir gerade arbeiten.“

Das Training jener Athleten, die schon immer in allen drei Disziplinen aktiv waren, ändert sich naturgemäß nur unwesentlich. Für andere hingegen, die sich in der Vergangenheit vorwiegend auf Lead und Bouldern fokussiert haben, aber in Tokio dabei sein wollen, gestaltet sich die Angelegenheit etwas anders: Sie müssen nun ihre Speed-Fähigkeiten Stück für Stück verbessern, ohne dabei zu große Abstriche in ihren Spezialgebieten zu machen.

Noch schwerer haben es allerdings die Speed-Spezialisten mit Olympiaambitionen, denn sie müssen nicht nur zwei zusätzliche Disziplinen, sondern gewissermaßen das Klettern von Grund auf neu lernen. Die technischen Anforderungen und Bewegungsabläufe zwischen Lead und Bouldern auf der einen und Speed auf der anderen Seite unterscheiden sich nämlich tatsächlich enorm. „Grundsätzlich haben die Lead- und Boulder-Spezialisten einen Vorteil im Hinblick auf die Kombination“, meint Howard. „Allerdings gibt es genug Speed-Kletterer auf der ganzen Welt, die bereits gezeigt haben, dass auch mit ihnen zu rechnen sein wird.“

Beim Training gehen die Athleten einzeln an den Start. Ziel ist es, die Route so schnell wie möglich zu bezwingen.

Noch Neuland

Bei der heutigen Einheit im Kletterzentrum sind insgesamt 14 Athleten vor Ort, jeweils sieben Damen und sieben Herren, sowohl Speed-Spezialisten als auch (zukünftige) Kombinierer. Für Draga ist die Gestaltung des Trainings zweier Gruppen mit so unterschiedlichen Voraussetzungen keine leichte Aufgabe, wie er sagt. „Im Gegensatz zu den Spezialisten müssen viele der Kombinierer natürlich erst noch die grundlegenden Techniken richtig verinnerlichen“, so der Pole. Darüber hinaus erfordere es im Fall der Kombinierer auch, auf die Intensität der Einheit zu achten: „Speed ist außerordentlich anstrengend. Ich kann die Athleten natürlich nicht voll an ihre Grenzen treiben, wenn sie im Anschluss auch noch Lead- und Boulder-Einheiten haben.“

Heute jedenfalls stehen für jeden Kletterer vier Durchgänge auf dem Programm. An einem automatischen Seilzug befestigt, startet jeder einzeln, erst sind die Herren dran, dann die Damen. Draga sitzt ein paar Meter von der Wand entfernt, gibt jeweils das Startkommando und schreibt sich die Zeiten auf. Howard und Krajnik stehen derweil etwas abseits und schauen sich das Ganze aus größerer Entfernung an. Doch obwohl sie an diesem Tag, wenn man so will, eher eine Nebenrolle einnehmen, sind sie voll bei der Sache, feuern an, fiebern mit und freuen sich sichtbar, wenn auf der Anzeigetafel eine gute Zeit aufleuchtet – im Fall von Krajnik sogar einmal mit einem kleinen Luftsprung. 

Viele der Athleten haben erst vor Kurzem damit begonnen, sich dem Speedklettern intensiver zu widmen – die meisten erst seit letztem Dezember –, und man sieht auch an diesem Tag, dass die Automatismen, die für diese Disziplin so wichtig sind, noch nicht bei allen vollständig greifen. Grundsätzlich zeigt sich Draga jedoch zufrieden, nicht nur mit dem heutigen Training, sondern auch generell mit den Leistungen seiner „neuen“ Schützlinge: „Ich bin vollmotiviert und freue mich, nun zusätzlich mit den Kombinierern zusammenarbeiten zu können, denn ich sehe große Fortschritte“, so Draga, der dabei insbesondere Jessica Pilz und Jakob Schubert hervorhebt. „Jessy und Jakob sind überaus intelligente Athleten, daher brauchen sie meist nicht lange, um neue Bewegungsabläufe zu erlernen.“

Nicht nur deshalb sind die beiden Aushängeschilder des heimischen Klettersports wohl die größten Hoffnungsträger für die Olympischen Spiele in Tokio. Sie haben bereits letztes Jahr bei der WM bewiesen, dass sie in der Kombination erfolgreich sein können – Pilz mit einer Bronze-, Schubert sogar mit einer Goldmedaille. Die Grundlage für den Triumph war jedoch bei beiden dieselbe: nämlich eine gute Platzierung im Speed-Bewerb.

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