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Struktur ist die halbe Miete

Spitzensportler in Quarantäne

Struktur ist die halbe Miete

Triathlon-Staatsmeisterin Magdalena Früh gibt Einblick in ihren aktuellen Alltag und erzählt wieso sie einen gut gefüllten Trainingsplan bevorzugt.

Text: Wolfgang Westermeier, Bild: Ben Lumley/ITU Media

Magdalena Früh, Jahrgang 2000, ist amtierende Triathlon-Staatsmeisterin über die Sprintdistanz. Seit letztem Jahr ist sie Teil des Elitekaders, eigentlich wollte sie dieses Jahr ihr erstes Rennen über die Olympische Distanz absolvieren. Im Interview erzählt sie, wie sie mit der aktuellen Situation umgeht und warum ihr ein voller Trainingsplan hilft.

Hallo Magdalena, die ganz strikten Ausgangssperren wurden gerade wieder aufgehoben. Hast du die Laufschuhe schon geschnürt?  

(lacht) Das war so ziemlich das erste, was ich gestern früh gemacht habe.   

Wie sah dein Alltag vor einem Monat aus?

Da bin ich gerade aus dem Trainingslager auf Mallorca zurückgekommen. Meine Tage waren ziemlich durchgetaktet. Ich gehe noch zur Schule, aber ich trainiere durchschnittlich 20 Stunden in der Woche, in Belastungswochen auch mal mehr. Um das mit dem Unterricht zu koordinieren, muss der Plan für die Woche sitzen, sonst kommt man nicht weit.  

Und jetzt?

Tatsächlich genieße ich es, meine Trainings jetzt auch mal so legen zu können, wie ich möchte. Zum Radfahren habe ich viel Zeit auf der Rolle verbracht. Dieses Training in der Wohnung zu machen ist natürlich nicht optimal, aber wenigstens konnte ich es überhaupt machen. Und jetzt freue ich mich natürlich, wieder draußen fahren zu können.

Kreativität ist gefragt!
Das Zugseiltraining im Garten ersetzt
momentan die Schwimmeinheit im Freibad.

Das Schwimmtraining dürfte sich aber nach wie vor ein bisschen schwierig gestalten.

Ja, die Schwimmbäder haben schon lange zu. Zum Glück haben wir einen Garten und ich bin gut ausgerüstet: Ich mache jetzt schwimmspezifische Kraftausdauer-Übungen, zum Beispiel mit einem Zugseil. 

Wie funktioniert dieses Zugseiltraining?

Ich habe ein Gummiseil, an dem zwei Griffe für die Hände befestigt sind. Das Seil spanne ich, dann lege ich mich mit dem Bauch auf eine kleine Bank und versuche, die Arme so nach hinten zu ziehen, wie ich es beim Schwimmen tun würde.   

Wie hast du dich für das Laufen fit gehalten, als die Ausgangssperren noch galten?

Da funktionieren so Dinge wie Seilspringen ganz gut. Aber die meiste Zeit habe ich schon auf dem Rad verbracht, was auch nicht immer angenehm ist: Es gibt ein schöneres Training als drei Stunden am Stück in der Wohnung zu schwitzen. Aber man muss eben sehen, dass man sein Training macht. Keiner weiß, wann es wieder mit den Wettkämpfen losgeht und es wäre wahnsinnig schade, wenn jetzt die ganze Form verloren gehen würde. 

Kommt es auch mal vor, dass du keine Lust hast?

Ich trainiere nach einem genauen Trainingsplan, den ich zusammen mit meinem Trainer erstelle. Tatsächlich ist es oft schwieriger für mich, auch mal etwas nicht zu machen, obwohl es auf dem Plan steht. Aber in der aktuellen Situation halte ich es für wichtiger denn je, dass man sich selbst gut kennt und frühzeitig merkt, wenn man die Lust verliert. Dann muss man etwas ändern – sich zum Beispiel sagen, dass man die Einheit heute noch macht und dafür morgen wieder etwas, dass einem mehr Spaß macht.   

Die Motivation hochzuhalten, wenn plötzlich das konkrete Ziel fehlt, ist wahrscheinlich trotzdem nicht einfach.

Natürlich ist es motivierender, wenn man auf ein Rennen trainiert. Genauso, wie es mir aktuell schwerfällt, mich auf die Matura vorzubereiten, weil wir noch kein Datum für die Prüfungen haben. Aber beim Sport ist für mich auch entscheidend, dass es aus einem Hobby entstanden ist und ich es einfach gerne mache: Sich im Wettkampf zu beweisen ist toll, aber für mich geht es auch um die Freude. 

Je anspruchsvoller desto besser.

Das Lernen auf den Schulabschluss kommt zum Training noch dazu: Versuchst du, deinem Alltag eine klare Struktur zu geben?

Unbedingt. Ich tue mich leichter, wenn ich eine Struktur habe. Deshalb überlege ich mir immer schon am Vortag, wann ich meine Trainings mache. Ich stehe auch zu einer fixen Uhrzeit auf, ich weiß, wann ich esse und wann ich meine Schulsachen erledige. Letzte Woche hat das noch ein bisschen besser funktioniert, da waren meine Trainingsumfänge noch größer.

Je anspruchsvoller und zeitintensiver der Trainingsplan, desto besser kommst du klar?

Ja, tatsächlich. Man ist dann einfach beschäftigt und hat weniger Zeit, sich Gedanken zu machen oder die Trainingseinheit vor sich herzuschieben. Diese Woche ist es mir auch mal passiert, dass ich mich erst am frühen Abend auf das Rad gesetzt habe. Ich glaube, man kann sich ruhig einiges vornehmen – dann wird man zur Struktur gezwungen und kann die viele Zeit aktuell produktiv nutzen. 

Triathlon-Weltmeister Jan Frodeno hat angekündigt, dass er an Ostern eine komplette Ironman-Distanz bei sich zu Hause absolvieren möchte: 3,8 Kilometer Schwimmen in der Gegenstromanlage, 180 Kilometer auf dem Rad und ein Marathon auf dem Laufband.

Es ist schon lustig, auf welche Ideen die Leute zurzeit kommen. Ich habe auch von jemanden gehört, der einen Marathon um seinen Küchentisch gelaufen ist. Aber deshalb finde ich es auch gut, dass die Olympischen Spiele verschoben wurden.

Inwiefern?

Es wäre einfach nicht fair gewesen, weil die Trainingsbedingungen so unterschiedlich sind. Zum einen sind die Ausgangsbeschränkungen nicht überall gleich. Zum anderen hätten die Athleten mit dem meisten Geld einen klaren Vorteil gehabt, weil man dann schnell mal ein Laufband zuhause stehen hat oder sich ein Haus mit Pool mieten kann.

Träumst du von einer Teilnahme bei Olympia?

Die ist noch weit weg, aber ein Traum sind die Olympischen Spiele auf jeden Fall. Aber ich bin ja auch noch relativ jung. 

Hilft es dir in der aktuellen Situation, dass du noch am Anfang deiner Karriere als Profisportlerin stehst?

Ja, das macht es für mich sehr viel einfacher. Vor allem die Athleten, für die die aktuelle Saison eine der letzten gewesen wäre, trifft die Krise hart. So blöd es klingt: Dadurch, dass ich mich dieses Jahr sowieso auf meinen Schulabschluss konzentrieren muss, hätte es für mich keinen günstigeren Zeitpunkt treffen können. 

Motivations-Tipp: "Sich immer wieder bewusst machen, dass vor allem der Anfang schwerfällt. Also einfach loslegen, danach fühlt man sich immer besser."
Magdalena Früh

Dein Tipp, um motiviert zu bleiben?

Auf jeden Fall einen Plan haben. Dann muss man sich nicht ständig neu motivieren, sondern arbeitet einfach das ab, was man sich vorgenommen hat. Außerdem tut es gut, immer wieder Neues auszuprobieren: Yogastunden, Athletikübungen, Balancetraining – aktuell gibt es im Internet eine Explosion an tollen Angeboten, für die man sich auch mit seinen Freunden vernetzen kann. Und: Sich immer wieder bewusst machen, dass vor allem der Anfang schwerfällt. Also einfach loslegen, danach fühlt man sich immer besser.  

Gibt es eine besonders gemeine Übung, die du neu für dich entdeckt hast?

Momentan finde ich alle Übungen mit dem Zugseil fies: Da sind einige dabei, die richtig einfahren, vor allem, weil man dieses Training nicht gewohnt ist. 

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