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Hohe Erwartungen

Kletter-WM 2018

Hohe Erwartungen

Beim Training mit dem österreichischen Kletternationalteam in Innsbruck

Text: Simon Leitner, Bild: Johannes Mair / Alpsolut

Nur wenige Wochen vor der Weltmeisterschaft fand sich das österreichische Kletternationalteam zu einem zweitägigen Trainingslager im Innsbrucker Kletterzentrum ein. Sport.tirol hat die Athleten dabei begleitet und mit ihnen auch über ihre Vorbereitungen und Ziele für die WM gesprochen.

Es herrscht wieder einmal viel Betrieb im Kletterzentrum Innsbruck – man merkt, dass die WM nun nicht mehr fern ist. Überall sind internationale Topkletterer aus allen Teilen der Welt anzutreffen, die sich mitunter bereits seit geraumer Zeit in der Tiroler Landeshauptstadt auf die anstehenden Weltmeisterschaften vorbereiten. Auch viele österreichische Athleten nutzen die perfekten Bedingungen im Kletterzentrum regelmäßig für Trainingseinheiten. An diesem Tag wird allerdings nicht individuell, sondern gemeinsam mit dem Nationalteam trainiert.

„Wir führen heute eine Boulderwettkampf-Simulation für den letzten Weltcup in München (fand vom 17. bis 18. August statt, Anm.) durch“, erklärt Trainerin Ellie Howard den Ablauf. „Am Vormittag sind die Herren an der Reihe, am Abend sind die Damen gefordert.“ Bei dieser Simulation müssen die Athleten wie im Wettkampf in einer vorgegebenen Zeit eine bestimmte Anzahl an Bouldern absolvieren. Dabei handelt es sich um sehr kurze Routen, die sich durch komplexe und dynamische Zugfolgen wie etwa Sprünge auszeichnen und insbesondere Koordination und Problemlösungsvermögen erfordern. Je näher ein Bewerb heranrückt, desto mehr werden solche Simulationen der tatsächlichen Situation im Wettkampf angeglichen. Während in der wettkampffreien Zeit auch gezielt Aspekte wie Kraft oder Technik trainiert werden, geht es in diesem Fall also vor allem darum, sich auf die kommenden Bewerbe einzustimmen.

Ellie Howard und Roman Krajnik sind seit diesem Jahr als Trainer des österreichischen Teams im Einsatz.

Die Britin Howard bildet gemeinsam mit dem slowenischen Headcoach Roman Krajnik und dem für den Speed-Bereich zuständigen Pavel Draga seit vergangenem Januar den neuen Trainerstab der österreichischen Nationalmannschaft. In der noch relativ kurzen Zeit ihrer Zusammenarbeit mit dem Team habe Howard bereits einen guten Eindruck von selbigem erhalten: „Die Athleten sind in guter Form, das haben sie nicht zuletzt in den vergangenen Bewerben bewiesen.“ Allen voran sind hierbei Jakob Schubert und Jessica Pilz zu nennen, die heuer insbesondere im Lead-Weltcup ansprechende Leistungen gezeigt haben und die österreichische Nationalmannschaft auch als Teamleader in die kommende WM führen werden.

Ziel der Trainer ist Howard zufolge allerdings nicht nur, das Team auf die anstehenden Wettbewerbe vorzubereiten, sondern es auch auf längere Sicht wieder zurück an die Spitze zu führen. „Sowohl bei den Damen als auch bei den Herren liegen die Athleten alle meist sehr knapp beieinander, da können Details den Unterschied ausmachen. Wir als Trainer möchten an diesen kleinen Schrauben drehen und das Team somit für die nächsten Jahre fit machen.“ Im Moment ist das Training jedenfalls, wie fast immer unmittelbar vor Bewerben, nicht ganz so kräfteraubend. Abgesehen vom anstehenden Boulder-Weltcup in München bleibt schließlich nur noch wenig Zeit bis zum WM-Start, und in dieser Phase der Vorbereitung ist auch Regeneration ein wichtiger Faktor. Howard zufolge sei es nun nötig, das im Training Geübte gewissermaßen auf die Wettbewerbe zu übertragen.

Wie im Wettkampf

Bei der Simulation an diesem Tag im Kletterzentrum müssen insgesamt vier eigens für diesen Zweck geschraubte Boulder absolviert werden. Geklettert wird dabei in Intervallen: Die Athleten gehen nacheinander an die Wand, jeder erhält jeweils fünf Minuten an den Bouldern sowie fünf Minuten Pause dazwischen. Die Kletterer wissen erst, wenn sie an der Reihe sind, wie die Boulder aussehen. Sie dürfen sich diese im Vorfeld weder an- noch ihren Kollegen bei deren Versuchen zuschauen. In den Pausen müssen sie, wie im Wettbewerb, in eine Isolationszone, von der aus sie das Geschehen an der Wand nicht beobachten können.

Howard und Krajnik stehen während des Trainings an der Seite und schauen dem Team beim Klettern zu, machen sich immer wieder Notizen und halten fest, wie viele Versuche die einzelnen Athleten für die jeweiligen Boulder brauchen. Die ersten beiden Boulder überwacht Krajnik, die anderen zwei hat Howard im Blick. Abgesehen von der lautstarken Durchgabe der Zeit – „2:20!“ – und gelegentlichen Anfeuerungsrufen wird dabei kaum gesprochen. Die Trainer sind ebenso fokussiert wie die Sportler, die die Simulation zwar locker, aber auch mit dem nötigen Ehrgeiz angehen.

Dabei zeigt sich auch an diesem Tag, dass die Boulder-Disziplin durchaus eine Kopf- bzw. bis zu gewissem Grad sogar eine Glückssache sein kann. Denn die größte Schwierigkeit ist dabei oftmals schlicht, den Boulder richtig zu lesen und zu verstehen, was genau zu tun ist. Und wenn man in der vorgegebenen Zeit nicht auf den richtigen Lösungsweg kommt, sind selbst die besten und erfahrensten Kletterer machtlos. Auch Schubert hat bei der Simulation seine Probleme: „Die Boulder selbst sind eigentlich nicht schwer, aber dafür speziell. Auf zwei bin ich einfach nicht draufgekommen“, erklärt er. „Aber wenn man weiß, wie sie angegangen werden müssen, sind sie kein Problem.“ Genau das, so der gebürtige Innsbrucker, sei auch in Wettkämpfen mitunter frustrierend – wenn einem die Lösung eines Boulder-Problems einfach nicht einfallen will.

Bei der anstehenden Weltmeisterschaft in Innsbruck soll es für Schubert, der in allen Disziplinen – Lead, Bouldern, Speed und Kombination – antreten wird, dann aber natürlich besser laufen. Dazu sollen nicht zuletzt auch solche Simulationen beitragen: „Die holen einen gewissermaßen wieder auf den Boden zurück. Man merkt, dass es nicht von alleine geht, dass man Probleme haben kann, auch wenn man noch so gut in Form ist.“ Schuberts Teamkollege Jan-Luca Posch ergänzt: „Genau dafür machen wir solche Trainings – um auch ungewöhnliche, für uns ungewohnte Routen zu klettern und an unseren Schwächen zu arbeiten.“ Wichtig sei, so der 20-Jährige, Praxis zu sammeln und ein gutes Gefühl für die anstehenden Wettkämpfe und die WM zu bekommen.

Posch wurde ebenso wie Schubert vom nationalen Verband in den Kader für die WM berufen, er wird allerdings ausschließlich im Boulder-Bewerb, seiner Spezialdisziplin, antreten. Was seine Ziele betrifft, ist der Imster eher zurückhaltend: „Ich möchte mich selbst nicht zu stark unter Druck setzen, in den letzten Jahren habe ich damit keine so guten Erfahrungen gemacht. Ich will einfach Spaß haben, dann kommen die Ergebnisse ganz von alleine.“ Mit dem Einzug ins Halbfinale wäre Posch bereits zufrieden, alles Weitere sei Zugabe.

Abgesehen von solchen Trainingslagern und Simulationen trainieren viele der Sportler meistens individuell. Wie viel man dabei allein und wie viel man gemeinsam mit den Trainern des Nationalteams arbeiten will, hängt letztendlich von den einzelnen Athleten ab und steht diesen bis zu einem gewissen Grad frei. Posch trainiert beispielsweise oft mit Krajnik, Schubert hingegen setzt sich seine Schwerpunkte in der Regel selbst, auch wenn er sich immer wieder mit seinem Coach abspricht. Nichtsdestotrotz schätzt Schubert es auch, in Trainingslagern gemeinsam mit dem gesamten Team zu klettern. „Das Training in der Gruppe hat viele Vorteile. Es sorgt für mehr Spaß und Motivation, man kann voneinander lernen und sich gegenseitig pushen.“ Zudem sei die Stimmung in der Mannschaft gut, wie auch Posch bestätigt: „Gerade bei uns im Boulder-Team gönnt jeder jedem alles. Wir helfen uns gegenseitig und motivieren uns, das ist echt super.“

Gruppendynamik

Dass der Zusammenhalt im Team stark ist, merkt man auch später an diesem Tag, beim Training der Damen, die sich im Boulder-Bereich im ersten Stock des Kletterzentrums aufwärmen. Es wird viel gelacht, die Stimmung ist ausgelassen, sobald es aber an die Wand geht, sind alle hochkonzentriert. Zum Teil allein, zum Teil in kleineren Gruppen bewältigt man nacheinander mehrere Zugfolgen, die spontan ausgesucht und vereinbart werden. Während eine Athletin klettert, schauen die anderen ihr zu, geben hin und wieder Tipps und feuern an.

Auch Jessica Pilz, die bei den österreichischen Damen als größte Medaillenhoffnung für die WM gilt, ist an diesem Tag bei der Simulation dabei. Die Niederösterreicherin lebt seit zwei Jahren in Innsbruck und hat früher meist selbstständig trainiert, nun arbeitet sie allerdings viel gemeinsam mit Krajnik. „Ich mochte es eigentlich immer, alleine zu trainieren, in letzter Zeit gefällt es mir mit den Trainern aber besser – die können einen noch stärker pushen und motivieren.“ Vom neuen Trainerteam, allen voran Krajnik, ist Pilz in jedem Fall voll überzeugt: „Roman gehört mit Sicherheit zu den besten Coaches, die es gibt. Er bringt bei uns einiges weiter.“

Bei der Weltmeisterschaft wird Pilz in allen Disziplinen antreten, wobei sie sich vor allem im Lead Chancen ausrechnet – umso mehr, nachdem sie auch im Weltcup bewiesen hat, dass sie mit der Spitze durchaus mithalten kann. „Im Lead-Weltcup ist es diese Saison so gut für mich gelaufen, da wünsche ich mir auch bei der WM einen Podestplatz. Wenn alles aufgeht, ist das möglich für mich“, gibt sich die 21-Jährige selbstbewusst.

Aufgewärmt wurde in der Halle, die Simulation fand hingegen draußen an der Boulderwand statt.

Pilz’ Teamkollegin Berit Schwaiger wird sich bei der WM hingegen auf den Boulder-Bewerb konzentrieren. Ihr Ziel, so Schwaiger, sei das Halbfinale: „Ich möchte in der Qualifikation eine gute Leistung zeigen. Allerdings ist es beim Bouldern oft schwierig: Man kann generell noch so fit sein, wenn man einen schlechten Tag hat oder einem die Boulder nicht liegen, hat man keine Chance.“ Nicht zuletzt deshalb sei das Training in der Gruppe enorm hilfreich, wie Schwaiger sagt: „Beim Klettern und vor allem beim Bouldern gibt es meist viele verschiedene Lösungswege, auf die man selbst oft nicht draufkommt. Wenn man gemeinsam im Team trainiert, kann man von den anderen lernen und sich gewisse Dinge abschauen.“

Derzeit arbeitet die 24-Jährige in erster Linie an ihrer Kraft: „In diesem Bereich habe ich sicher noch Aufholbedarf. Ich bin zwar technisch und koordinativ stark, aber gerade bezüglich Fingerkraft gibt es bei mir noch Verbesserungspotenzial.“ In dieser Phase der Saison gehe es allerdings nicht mehr um den Aufbau, sondern mehr um Aktivierung bzw. Erhaltung, meint Schwaiger. Generell werde unmittelbar vor Bewerben die Trainingsintensität reduziert und mehr Wert auf Praxis gelegt. „Die Simulationen sollen dabei helfen, sich an die Wettbewerbssituation zu gewöhnen und sich mental darauf einzustimmen“, so Schwaiger.

Auch Ruhepausen spielen zu diesem Zeitpunkt der WM-Vorbereitung eine wichtige Rolle – vor allem für jene Athleten, die bis vor Kurzem noch im Lead-Weltcup im Einsatz waren und an vier Wochenenden ebenso viele Bewerbe zu absolvieren hatten. „Ich war nach den vier Weltcups extrem müde“, sagt etwa Pilz. „Meine Schultern haben geschmerzt, und auch ein Finger hat gezwickt, da habe ich erst mal einige Tage Pause gemacht. Daran merkt man dann schon, dass die Wettkämpfe auch eine Belastung darstellen.“

Die Motivation ist hoch

Nach dem Aufwärmen beginnt schließlich auch für die Damen die Simulation. Wie bei den Herren werden vor den Augen des Trainerteams alle Boulder nacheinander geklettert. Diese sind zwar nicht dieselben wie bei den männlichen Kollegen, wurden aber ebenfalls speziell für die Trainingssession eingebohrt.

Pilz ist an diesem Abend als Erste an der Reihe. Sie führt noch letzte Aufwärm- und Dehnübungen durch, dann geht es los. Bevor die Niederösterreicherin ihre ersten Züge an der Wand macht, schaut sie sich den Boulder erst in Ruhe an, betrachtet ihn aus mehreren Winkeln, überlegt, wie er am besten zu bezwingen ist. Dann startet sie schließlich ihren ersten Versuch. Dieser geht zwar noch daneben, schon beim zweiten Mal läuft es allerdings besser. Pilz erreicht auch den letzten Griff, damit ist der Boulder geschafft. Nach fünf Minuten Pause geht es für Pilz an die zweite Aufgabe. „Colour?“, fragt sie Krajnik, und dieser antwortet: „Blue.“ Pilz geht zum blauen Boulder, und das ganze Spiel beginnt von vorne.

Nachdem alle Athletinnen alle Boulder absolviert haben, ist das Training an diesem Tag schließlich zu Ende – zumindest offiziell, denn wie auch ein paar Stunden zuvor bei den Herren arbeiten auch die Damen nach der Simulation teilweise noch eigenständig im Kletterzentrum weiter. Pilz etwa versucht sich noch an den Bouldern der Herren und holt sich dabei Tipps von Krajnik, der sich hochzufrieden mit der heutigen Trainingseinheit zeigt. „Alles ist gut gelaufen, es geht in die richtige Richtung“, meint der Slowene. Natürlich gebe es immer Raum für Verbesserungen, aber das Team sei in guter Form und die Stimmung positiv. Auf die Frage, was er sich von der anstehenden WM erhoffe, bleibt Krajnik vage. Er habe natürlich hohe Erwartungen, konkrete Ziele werde er aber keine nennen, sagt er knapp – um schließlich allerdings doch noch hinzuzufügen: „Nur so viel: Ich bin zuversichtlich.“

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