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Gemeinsam ans Limit

Radsport in Tirol

Gemeinsam ans Limit

Ex-Rennradprofi Thomas Rohregger über heimische Radmarathons

Text: Simon Leitner
Header-Bild: TVB Tannheimer Tal/Achim Meurer

Bei den zahlreichen Tiroler Radmarathons gehen alljährlich tausende motivierte Sportler unterschiedlichster Niveaustufen an den Start. Der ehemalige Profi-Rennradfahrer Thomas Rohregger klärt im Gespräch mit sport.tirol über den Stellenwert, die Eigenheiten und den Reiz dieser speziellen Rennen auf.

Radfahren boomt in Tirol. Davon zeugt nicht nur die große Anzahl an Sportlern, die sich jedes Jahr, sobald es die äußeren Bedingungen erlauben, mit ihrem Rad auf die Straße begeben, sondern vor allem auch die ungebrochene Popularität der Rennradveranstaltungen im Land. Insbesondere die etablierten Rennen wie die Dolomitenrundfahrt oder der Ötztaler Radmarathon erfreuen sich nunmehr bereits seit geraumer Zeit großer Beliebtheit, bei der heimischen Bevölkerung ebenso wie bei Sportlern aus dem Ausland.

„Wenn man sich die Teilnehmerzahlen so anschaut, ist letztendlich keinerlei Rückgang zu spüren, im Gegenteil“, berichtet auch der ehemalige Tiroler Rennradprofi Thomas Rohregger, der selbst immer mal wieder bei derartigen Jedermann-Radrennen antritt. „Meist gibt es deutlich mehr Anmeldungen als Startplätze, und die Nachfrage scheint generell zu steigen.“ Das legt auch der Umstand nahe, dass immer wieder neue Formate für Amateure und Hobbysportler ins Leben gerufen werden.

Dolomitenrundfahrt
Thomas Rohregger: „Die Dolomitenrundfahrt zählt zu den ältesten Radmarathons in Tirol und stellt quasi den alljährlichen Auftakt der österreichischen Szene dar. Mittlerweile gibt es zwei unterschiedliche Strecken, wobei jene des Super Giro Dolomiti extrem schwer ist. Das klassische Rennen kann man hingegen auch dann, wenn man noch nicht so viele Kilometer gefahren ist, gut bewältigen. Das Teilnehmerfeld ist sehr ambitioniert, der Streckenverlauf wunderschön und die Zieleinfahrt am Lienzer Stadtplatz immer wieder ein Highlight.“

9. Juni 2019, Lienz
Strecken: Classic (112 km, 1.870 Hm); Super Giro Dolomiti (215 km, 4.797 Hm)
https://www.tirol.at/reisefuehrer/veranstaltungen/events/e-dolomiten-radrundfahrt-lienz


Radfahren als Lebensgefühl

Einen Grund für den wachsenden Stellenwert des Sports sieht Rohregger in dem damit verbundenen Lebensgefühl. „Rennradfahren ist momentan sehr hip, weil es einen bestimmten Lifestyle repräsentiert – ähnlich dem Langlaufen im Winter, das ja ebenfalls eine Renaissance erlebt hat“, so der Ex-Profi. „Es ist Teil eines Fitnesshypes, der in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen hat.“

Darüber hinaus hätten auch die vergangenen Straßenradweltmeisterschaften in Tirol einen nicht unbeträchtlichen Anteil daran, dass immer mehr Rennradfahrer auf den heimischen Straßen unterwegs seien. „Früher war man eine Art Exot, ist fast belächelt worden, wenn man eine Ausfahrt mit dem Rennrad unternommen hat“, meint Rohregger. „Heute trifft man jedoch auf so viele Gleichgesinnte, dass man sich oft fragt, ob man nicht vielleicht aus Versehen in einen Radmarathon geraten ist.“

Dreiländergiro
Thomas Rohregger: „Wie der Name bereits verrät, führt der Dreiländergiro nicht nur durch Österreich, sondern auch durch Italien und die Schweiz. Es gibt zwei verschiedene Strecken zur Auswahl, Start- und Zielpunkt ist jedoch in beiden Fällen Nauders, wo schließlich auch die Siegerehrung stattfindet. Wegen seiner anspruchsvollen Route und seiner langen Geschichte gehört der Dreiländergiro definitiv zu den Klassikern der heimischen Radmarathons.“

30. Juni 2019, Nauders
Strecken: Engadin (168 km, 3.300 Hm); Vinschgau (120 km, 2.975 Hm)
https://www.tirol.at/reisefuehrer/veranstaltungen/events/e-dreilaendergiro-nauders-reschenpass


Buntes Teilnehmerfeld

Ein Großteil der Tiroler Jedermann-Radrennen, meist als Radmarathons oder auch Gran Fondos bezeichnet, wird in erster Linie von Einzelpersonen und Vereinen getragen, die „ihr“ Event über Jahre hinweg aufgebaut und entwickelt haben. Rohregger ist überzeugt davon, dass gerade dieses Engagement und der Idealismus der Verantwortlichen maßgeblich zur Attraktivität der Rennen beitragen, die den internationalen Vergleich nicht zu scheuen brauchten. „Die Radmarathons bei uns sind immer top organisiert“, so Rohregger. „Das beginnt bei den Briefings für die Teilnehmer, geht über die umfassenden Sicherheitsmaßnahmen und endet beim aufwändigen Rahmenprogramm samt Finisherpartys. Solch ein Rundumpaket findet man so fast nirgendwo sonst. Deswegen ziehen die Veranstaltungen auch jedes Mal aufs Neue so viele Leute an.“

Da im Grunde jeder teilnehmen darf, der Lust dazu hat, präsentiert sich das Starterfeld bei den Radmarathons in der Regel als überaus vielfältig: Ambitionierte Amateure und ehrgeizige Hobbyradfahrer treten ebenso an wie ehemalige Profis, junge Freizeitsportler oder junggebliebene Senioren. „Bei den Rennen gibt es meist einen interessanten Querschnitt durch alle möglichen Leistungsniveaus und Altersklassen. Da ist wirklich fast alles zu finden“, erzählt Rohregger. Auffallend dabei sei der gestiegene Anteil an Frauen, die seit etwa fünf Jahren vermehrt an den Start gingen.

Radmarathon Tannheimer Tal
Thomas Rohregger: „Das Tannheimer Tal eignet sich aufgrund seiner Topografie perfekt zum Rennradfahren und ist durch seine geografische Lage insbesondere bei Fahrern aus dem deutschen Raum sehr beliebt. Die Strecken wurden in den letzten Jahren mehrmals geändert und adaptiert, bei der diesjährigen Ausgabe gibt es insgesamt vier unterschiedliche Varianten. Dabei geht es meist durch wunderschöne Natur – vor allem die Fahrt durchs Lechtal ist landschaftlich äußerst beeindruckend. Im Rahmen der Veranstaltung wird auch eine Vorbereitung mit Ex-Profi Marcel Wüst angeboten, der Teilnehmer auf das anstehende Rennen einstellt.“

7. Juli 2019, Tannheim
Strecken: 58 km, 400 Hm; 92 km, 530 Hm; 131 km, 700 Hm; 220 km, 3.500 Hm
https://www.tirol.at/reisefuehrer/veranstaltungen/events/e-rad-marathon-tannheimer-tal


Keine Chance ohne Training

Trotz allfälliger Unterschiede eint die meisten Teilnehmer aber der Umstand, dass sie sich eingehend auf das jeweilige Rennen vorbereitet haben. Manche trainieren nicht nur monate-, sondern mitunter sogar jahrelang, um einen der Radmarathons bezwingen zu können. Die Tatsache, dass diese grundsätzlich jedem offenstehen, bedeutet nämlich nicht, dass sie auch von jedem ohne Weiteres bewältigt werden können. Je nach Gegebenheiten der jeweiligen Strecke bedürfe es neben einer Grundausdauer auch eines spezifischen Trainings, im Idealfall mit Betreuung und Diagnostik, wie Rohregger erläutert: „Man darf nicht vergessen, dass man im Rahmen dieser Rennen schon mal bis zu acht, neun Stunden auf dem Rad sitzt. Das ist für viele eine Grenzerfahrung, die ohne entsprechende Vorbereitung schlichtweg nicht zu stemmen ist.“

Abgesehen von den körperlichen Anforderungen kommt auch dem psychischen Aspekt eine tragende Rolle zu. Die Nervosität ist bei vielen hoch, vor allem, wenn sie zum ersten Mal antreten und daher noch nicht wissen, was genau sie erwartet. Rohregger empfiehlt angehenden Marathon-Fahrern daher, das Rennen und alle denkbaren Eventualitäten schon vorher im Kopf durchzuspielen. „Das Wichtigste ist, dass man einen Rennplan hat, sodass man auch bei Rückschlägen nicht gleich die Nerven wegschmeißt“, so der Kramsacher. Wenn man etwa wisse, wie man sich das Rennen einteilt, was die voraussichtlichen Schwierigkeiten sind oder wo es Verpflegung gibt, gehe man gleich deutlich weniger nervös an den Start. „Eine gewisse Lockerheit ist der Schlüssel zu einem erfolgreichen Rennen“, meint Rohregger. „Wenn ich es mit der Brechstange versuche, verkrampfe ich. Aber wenn ich gelassen an das Ganze rangehe, kommt das Sportliche meist von selbst.“

Arlberg Giro
Thomas Rohregger: „Der Alberg Giro hat sich in den letzten Jahren sehr gut entwickelt und zeichnet sich durch seine herrliche Strecke in einer bergigen Umgebung aus. Das Rennen selbst ist recht anspruchsvoll, was auch die Teilnahme des Tirol Cycling Teams beweist, das immer mal wieder ein paar Fahrer zu Trainingszwecken auf den Arlberg schickt. Am Vortag des Bewerbs findet ein internationales Kriterium statt, bei dem Profis 30 Runden in den Gassen St. Antons drehen, was für Zuschauer stets sehr spannend ist.“

4. August 2019, St. Anton
Strecke: 150 km, 2.500 Hm
https://www.tirol.at/reisefuehrer/veranstaltungen/events/e-arlberg-giro


Mit- statt gegeneinander

Für einen überwiegenden Teil der Starter ist die größte Herausforderung weniger der Kampf gegen die Konkurrenz als vielmehr der Kampf gegen sich selbst. Für sie geht es hauptsächlich darum, eine bessere Zeit als beim letzten Mal zu erreichen oder das Rennen überhaupt zu beenden. Dass man dabei in einer großen Gruppe von Menschen unterwegs ist, die buchstäblich dasselbe Ziel vor Augen haben – die meisten Radmarathons sind Massenrennen mit mehreren tausend Teilnehmern –, stellt insbesondere für Anfänger nochmal eine zusätzliche Motivation dar. „Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, die Erfahrung, gemeinsam mit anderen ans Limit zu gehen, macht die Rennen für viele erst richtig interessant“, erklärt Rohregger.

Das gilt übrigens auch für ehemalige Profis: Diese haben aufgrund ihrer sportlichen Vergangenheit und ihres Fitnesslevels im Allgemeinen zwar andere Ansprüche als Hobbyradler, genießen es aber ebenfalls, in einem großen Pulk an Menschen zu fahren und wieder richtiges Rennfeeling zu spüren. „Natürlich steht bei vielen die erreichte Zeit im Vordergrund. Trotzdem vergessen sie auch nicht auf den Spaß an der Sache“, erklärt Rohregger. Er selbst nimmt mittlerweile meist mit Freunden an Radmarathons teil und ist der Ansicht, dass diese Mischung aus Spaß und Ernst nicht der schlechteste Ansatz für solcherart Rennen ist: „Man soll das Ganze ja auch genießen können – auch wenn es extrem hart ist.“

Ötztaler Radmarathon
Thomas Rohregger: „Für mich ist der ‚Ötztaler‘ nicht nur das mit Abstand härteste Rennen in Tirol, sondern auch mit ein Grund dafür, warum sich die heimische Marathonszene so gut entwickelt hat. Er gilt als Benchmark und Ritterschlag unter den Fahrern, die Finishertrikots werden mit Stolz getragen – nicht nur in Tirol, sondern auch in anderen Ländern. Die Strecke ist unheimlich schwer: Mit dem Kühtai muss man gleich zu Anfang einen hohen Berg überwinden, und am Ende wartet das Timmelsjoch, wo es nochmal richtig zäh wird. Der Start wird immer aufwändig inszeniert, mit Musik, Heißluftballons und allem Drum und Dran, und die Stimmung, wenn es dann mal losgeht, ist wirklich großartig.“

1. September 2019, Sölden
Strecke: 238 km, 5.500 Hm
https://www.tirol.at/reisefuehrer/veranstaltungen/events/e-oetztaler-radmarathon-soelden

Kufsteinerland Radmarathon
Thomas Rohregger: „Die Gegend rund um Kufstein, gewissermaßen mein Trainingsrevier, ist perfekt für Radfahrer geeignet: Man kann sowohl steile Berge erklimmen als auch flache Passagen fahren, und das alles vor einer wunderschönen Naturkulisse. Das zeigt sich nicht zuletzt beim Kufsteinerland Radmarathon, der vor allem landschaftlich überaus reizvoll ist – gerade der Weg zur Wallfahrtskirche Mariastein oder das Gebiet rund um den Reintaler See sind wirklich schön. Teilnehmer können dabei zwischen drei verschiedenen Strecken wählen, wobei im Grunde alle auch für weniger erfahrene Fahrer zu schaffen sind. So ist der Radmarathon nicht nur ein schöner Abschluss der Saison, sondern auch ein guter Einstieg für angehende Hobbyradler.“

8. September 2019, Kufstein
Strecken: Radmarathon (124 km, 1.900 Hm); Seenrunde (99 km, 1.400 Hm), Panoramarunde (47,5 km, 400 Hm)
https://www.kufsteinerland-radmarathon.at/

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