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Die Kunst des Quälens

Giro d’Italia U23

Die Kunst des Quälens

Das Tirol KTM Cycling Team bei  der härtesten Etappe des diesjährigen Giro d’Italia U 23

Text und Bild: Simon Schöpf

Wir haben das Tirol KTM Cycling Team auf der Königsetappe beim wichtigsten Rennen des Jahres begleitet, dem Giro d’Italia U23. Eine Geschichte der Leiden(sbereit)schaft für ein Leben auf zwei Rädern.

Aprica verströmt den wundersamen Duft der zeitlosen Entschleunigung, wie dies nur einem kleinen, italienischen Skiort im Retro-80er-Jahre-Stil gelingt, das den Sommertourismus bisher eindeutig verschlafen hat. Die meisten Rollos der rechteckigen Hotels sind geschlossen, die meisten Prosciutterias ebenso, eine Pizzeria auf der Hauptstraße hat geöffnet. Bei einem Spaziergang in der Abendsonne, Gelato in der Hand, fällt bald eine ungewöhnliche Häufung an großen, bunten Kastenwagen auf. Die Sprinter und Ducatos sind randvoll bedruckt mit Sponsorenlogos, im Innenraum hängen Karbonräder und ein halber Baumarkt voller Werkzeuge. Und auf einem dieser Ducatos prangt ein bekanntes Logo. TIROL steht da in dicken Lettern, rot umrahmt, und daneben: „Ride with passion. Tirol KTM Cycling Team.

Aprica. Alles wartet hier auf die Ankunft der Rennfahrer, die das Bergdörfchen für einen Tag aus dem Sommerschlaf wachküssen werden. Der Giro d’Italia U23 rollt morgen durch, auf der Etappe 6. Der Königsetappe, könnte man auch sagen, denn die Elite der Nachwuchsradler wird sich den legendären Mortirolo-Pass gleich zwei Mal hinaufquälen. „Der normale Giro is heuer nur ein Mal drüber,“ mein Patrick Gamper ebenso stolz wie respektvoll. Und: „Des wird scho a harter Kampf morgen, scho brutal steil.“

Aprica–Aprica. Zum ersten Mal auf dieser Tour ist der Start- auch gleichzeitig der Zielpunkt. Bisher wurde immer eine Strecke gefahren. In der Praxis bedeutet das einen großen Organisationsaufwand für das Team, jede Nacht in einem anderen Hotel entlang der Strecke, ein ständiges Weiterziehen. Zur Ruhe kommen wird schwer, doch: „Der Giro ist für uns das wichtigste Rennen der Saison. Und sicher das durchdachteste. Die U23 hat dieselbe Organisation wie der normale Giro d’Italia“, schwärmt Patrick weiter.

Die Hälfte der Etappen ist bereits geschlagen, doch ab jetzt kommen die anspruchsvollen Berganstiege und die fünf Renntage stecken den Jungs bereits merklich in den Schenkeln. „Die Beine waren heut schlecht“, kommentiert Fahrer Markus Wildauer seine Tagesperformance, als er sich am Massagetisch niederlässt. Fast so, als wären die Extremitäten gar nicht Teil von ihm, sondern externe Maschinen. „I kann’s nit beschreiben, die Oberschenkel sind irgendwie hart, aber es is kein Krampf.“ Die tätowierten Arme von Physiotherapeut Ziga legen los, kneten sich durch die Muskeln, eine halbe Stunde lang. Die Massage ist das tägliche Ritual nach dem Rennen, soll helfen, die Muskulatur aufzulockern und für den nächsten Tag fit zu machen. „Nach einem Ruhetag ist es immer besonders hart. Vielleicht lag’s daran. Du warst heut super im Flachen, gut weggezogen“, motiviert Grega Gazvoda, der Sportliche Leiter. „Aber morgen wird’s nicht flach.“

Insgesamt stellten sich sechs Fahrer des Tirol KTM Cycling Team der Herausforderung des diesjährigen Giro d’Italia U23.
© Haumesser/Ride with Passion

Die Vollblutradler aus Tirol

Die Latte, die das Tirol KTM Cycling Team sich gesetzt hat, ist hoch: zu den drei besten Nachwuchsteams zu gehören, weltweit. „Wir sind schon wie ein Profiteam organisiert, nur verdienen wir halt nicht so viel. Der Sprung nach ganz oben ist aber hart“, meint Patrick. Weit weg sind die Nachwuchsfahrer davon jedenfalls nicht mehr: Sportlicher Leiter, zwei Mechaniker, zwei Physiotherapeuten, Pressedame und Fotografin. Und ein ansehnlicher Tourbus. Viel Aufwand für ein Rennen im Semiprofibereich.

„Wir sind schon wie ein Profiteam organisiert, nur verdienen wir halt nicht so viel. Der Sprung nach ganz oben ist aber hart.“ Patrick Gamper, Fahrer Tirol KTM Cycling Team

Manche der Radler studieren oder arbeiten nebenbei, Markus „Wildi“ Wildauer zum Beispiel Wirtschaftsrecht an der Uni Innsbruck. „Aber wegen einer Vorlesung wär der Wildi niemals vom Giro daheimgeblieben, stimmt’s“, setzt Patrick Gamper die Prioritäten in die richtige Reihenfolge. „Na, sicher nit! Der Fokus liegt bei uns schon ganz klar auf dem Radeln, dann kommt irgendwann der Rest“, kommt als Antwort. Der Weg zum Vollprofi mag hart sein, aber die Jungs des Tirol KTM Cycling Team wissen ganz genau, was dafür zu tun ist. Morgen folgt die Probe aufs Exempel, der Mortirolo-Pass.

Routine am Renntag

Frühstück, dazu eine Extraportion Reis. Die Kohlehydrat-Speicher wollen gefüllt sein, heute steht mit dem Mortirolo-Pass einer der legendären Giro-d’Italia-Pässe auf dem Programm. Der Vormittag verläuft in gedämpfter Anspannung, jeder folgt fokussiert seiner eigenen Rennroutine. Die Mechaniker feinjustieren die Bikes, ein zusätzlicher Gang wird montiert für die steilsten Abschnitte. Die Physios füllen die Trinkflaschen, gut 25 Stück davon, mixen das Iso-Pulver mit Wasser, „shake it, shake it!“ Grega setzt noch einen Espresso auf, die Bohnen frisch gemahlen, sogar einen teameigenen Blend hat er dafür kreiert, „Coffee for cyclists“, der Leitspruch des Teams ist sogar auf der Verpackung abgedruckt: Ride with passion. Leidenschaft an allen Ecken und Enden.

Am Material wird so lange getüftelt, bis alles perfekt vorbereitet ist.

Irgendwann bricht dann die unausweichliche Materialdiskussion los, über quietschende Scheibenbremsen, schlauchlose Reifen, ultraleichte Karbonrahmen. Und über den richtigen Reifendruck. Gut 20 Minuten geht’s allein darum. Debattiert werden Faktoren wie Gewicht des Fahrers, Lufttemperatur, die richtige Reifenbreite. „25 hinten, 23 vorne war perfekt für mich“, meint Grega, der bis letztes Jahr selbst in der Profiliga mitfuhr. An solchen Diskussionen kann man als Außenstehender gut ablesen, wie tief das Team in der Materie gefangen ist, die totale Hingabe an Geschwindigkeit und Leistung. Auch wenn die sechs Fahrer des Tirol KTM Cycling Team noch semi-professionell unterwegs sind, das Mindset macht einen voll-professionellen Eindruck.

Hart, härter, Mortirolo

Dann endlich, fast wie eine Erlösung, geht es los, der Trott setzt sich in Bewegung. Vom Hotel geht’s ins Zentrum von Aprica, wie verzaubert wirkt das Dörfchen. Über Nacht wurden Zieleinlauf und Tribünen, Merchandise-Stände und Kameratürme aufgebaut. Aprica ist erwacht aus dem Dämmerzustand, plötzlich ist es laut, grell, voll. Durch das Gewusel geht es zur Bühne, noch ein Teamfoto vor dem Start, flankiert von hübschen Italienerinnen natürlich. „Team Tirolo!“, dröhnt es aus den Boxen, und schon kommen die nächsten. Gut 130 Athleten aus 31 Teams sind am Start, ein Schwarm bunter Trikots auf dünnen Rädern. Dann endlich, Countdown, Flagge, Start. Gut 95 Kilometer werden die Burschen strampeln, 2.700 Höhenmeter in einem Höllentempo erkämpfen, 18 Prozent maximale Steigung. Doch erst mal Vollgas nach unten, mit gefühlten 100 km/h durch die Altstadt von Edolo. Ab hier geht’s bergauf.

Wir sind im Begleitfahrzeug mitten im Rennen, mitten im Pulk. Hinten drin der Chefmechaniker und vier Ersatzreifen, der Sportliche Leiter am Lenkrad, der Redakteur am Beifahrersitz, irgendwas zwischen beeindruckt und verängstigt vom Tempo, mit dem sich dieser Film gerade abspielt. „Die Jungs sind alle nervös“, meint Grega vom Steuer aus. „Die haben einen Heidenrespekt vor dem Mortirolo.“ Noch setzt sich keine Gruppe ab, niemand attackiert, der bunte Schwarm strampelt homogen bergauf. Doch langsam zieht es die Teilnehmer auseinander, Begleitfahrzeuge und Rennräder werden zu einer symbiotischen, bewegten Einheit. Es wird überholt, gebremst, taktiert, die Straße immer steiler. Die Rennleitung gibt im Dauerfunk die aktuelle Situation durch, zuerst italienisch, dann englisch. „The Columbians are leading the pack“, krächzt es aus dem Empfänger. Die starken Kolumbianer setzen sich also wie am Vortag wieder ab, dahinter eine Gruppe um das Rosa Trikot. Im Mittelfeld strampelt das Tirol Team, die Steigung fährt ein.

Je höher wir kommen, desto idyllischer wird auch die Landschaft. Ausgedehnte Almwiesen, kleine Steinhäuschen, hier und da eine Kuhherde, der schneebedeckte Adamello im Hintergrund. Doch davon nehmen die Athleten nichts wahr, für sie gibt es nur Kehren und Asphalt im Tunnelblick, Fokus auf die Atmung. Kurz vor dem Pass erreichen wir Markus Wildauer, sichtlich geschafft. „I muss gruppetto fahren, I pack’s nimma“, keucht er ins Auto, als er eine frische Trinkflasche in voller Fahrt entgegennimmt. „Des geht scho, Wildi, gib Gas, du musst dich jetzt quälen“, motiviert ihn Grega. Und dass es qualvoll ist, auch für alle anderen hier, das steht außer Frage. Diese ist eher: Wer quält sich heute am meisten?

Auf der Passhöhe motivieren mitgereiste Fangruppen die Fahrer, Transparente werden geschwenkt, Kuhglockengebimmel. Dann folgt die Abfahrt, kurze Pause für die geplagten Oberschenkel. Auch wir im Begleitfahrzeug geben Vollgas Richtung Tal, versuchen mit den Radlern mitzuhalten. In jeder Kurve quietschen die Reifen, insgeheim hofft man, dass Grega früher auch mal professioneller Rallyefahrer war. Nach dem Geschwindigkeitsrausch und einer Ehrenrunde durch die Dörfer im Tal folgt erst der eigentliche Test aufs Exempel, Mortirolo nummero due, alles wieder nach oben. Unvorstellbar.

Aprica, Zieleinlauf. Wie am Vortag fährt ein Fahrer des kolumbianischen Teams mit hochgestreckten Armen durchs Ziel. „Der zweite Anstieg ist einfach nur brutal“, kommentiert Ziga, der Physio, die Situation, als wir auf die Fahrer des Tirol KTM Cycling Team warten. Weit auseinandergerissen wurde das Feld. Oft entscheiden Millisekunden über die ersten Plätze, heute sind es viele Minuten. Irgendwann kommt dann Wildi ins Ziel, mit schmerzverzerrtem Gesicht. „I brauch a Massage für mein Rücken“, sagt er nur. Die Teamkollegen folgen gleich, versammeln sich, sprechen wenig. Wie das Rennen lief? „War harscht“, meint Patrick Gamper, „aber passt scho.“ Für ein Gejammere fehlt jetzt allen die Luft, vom Physio gibt’s Gummibärchen und Cola. Die leeren Wasserflaschen werden an Kinder verschenkt. Wenigstens dabei ein Lächeln, und dann geht es auch schon zurück zum Tourbus, umziehen, weiterziehen. Für die nächste Etappe stehen nun eineinhalb Stunden Autofahrt an, dann neues Hotel, neue Strecke, neue Chance. Der Rennalltag ist hart und durchgetaktet, aber nur wer diesen Alltag liebt, wird irgendwann zum Vollblut-Profi werden und vom Radsport leben können. „Weiter geht’s“, sagt Grega, startet den Tourbus und fährt los. Und Aprica fällt zurück in seinen wohlverdienten Sommerschlaf.

© Haumesser/Ride with Passion

Tirol KTM Cycling Team

Tobias Bayer
Nicolas Dalla Valle
Marco Friedrich
Patrick Gamper
Markus Wildauer
Georg Zimmermann
      

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