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Mex, I can

Exoten im Sportland Tirol

Mex, I can

Wie zwei Mexikaner in Tirol zu Biathleten werden

Text: Eva Schwienbacher, Bild: Peter Koren

Zwei Mexikaner werden in Tirol zu Biathleten, obwohl sie den Sport bis vor Kurzem gar nicht kannten. Ihr Ziel ist ambitioniert: Sie wollen ihr Land bei Olympia 2022 in Peking vertreten. Wie es dazu kam, warum Tiroler Kühe dabei eine Rolle spielten und was sie antreibt.  

Die Geschichte der beiden Männer, die Biathlon nach Mexiko bringen wollen und Mexiko zu den Olympischen Winterspielen 2022, beginnt nicht mit einem Kindheitstraum, sondern mit einem Tiroler Brauch. Raul Antonio Figueroa und Jesus Christopher Gómez Mateos, zwei Mexikaner und Wahltiroler, besuchen im Herbst 2018 einen Almabtrieb im Zillertal. „Wir hatten genug Kühe gesehen und wollten uns an der Schießbude versuchen“, erzählt Raul. „Wir schossen so gut, dass der Schießbudenbetreiber sagte: ‚Jungs, ihr solltet mit Biathlon beginnen.‘“ Das ist das erste Mal, dass Raul und Chris von diesem Sport hören. Sie werden neugierig.

 Chris und Raul beim Langlauftraining in Seefeld

Wie wird man Biathlet?

Raul recherchiert, was Biathlon ist. Der studierte Luft- und Raumfahrtingenieur findet heraus, dass es mit Skiern und Schießen zu tun hat – und dass es kein mexikanisches Biathlon-Team gibt. Letzteres will der 31-Jährige gemeinsam mit seinem Freund Chris, den er vor acht Jahren in München kennengelernt hat, ändern. Die Frage ist nur, wie.

„Man kann zwar googeln ‚Wie werde ich Biathlet in Mexiko‘, aber man findet nichts dazu“, erzählt Raul. Auch die Kontaktaufnahme mit dem mexikanischen olympischen Komitee bleibt ohne Erfolg. Man verweist ihn an den mexikanischen Skiverband, der Mitglied des Internationalen Skiverbands (FIS) ist. Doch dort ist man nicht für Biathlon zuständig. Raul lässt sich nicht entmutigen. Denn zu diesem Zeitpunkt – nur wenige Tage nach dem Almabtrieb – hat er es sich schon zum Ziel gemacht, zu beweisen, dass Mexiko Wintersport kann.

Sì, se puede

Dabei war den beiden, bis sie vor acht Jahren nach Europa gekommen sind, Sport im Schnee fremd. Dass ihr Ziel trotzdem gleich Olympia ist, hängt mit ihrer Lebenseinstellung zusammen, sagen sie: „Wie weit kann ich es bringen? Diese Frage bewegt uns. Deshalb lautet unser Motto auch: Mex, I can“, erklärt Raul. Und Chris, der in Tirol als Sales Manager arbeitet, ergänzt: „Es ist eine mexikanische Denkweise: Think big or go home. Das ist zwar nicht immer nur gut, aber zumindest versuchen wir alles und bewegen uns aus der Komfortzone raus.“

Es sei etwas typisch Mexikanisches, Neues zu probieren, ohne über Scheitern nachzudenken – das unterscheide sie von Europäern. „Ein gängiger Spruch, der in Mexiko in allen möglichen Situationen verwendet wird, lautet: ‚Sì, se puede‘ – ‚Ja, du schaffst es‘, selbst dann, wenn es nicht unbedingt zutrifft‘“, erzählt Raul. Das ist ihr Lebensmotto und ihre Art und Weise, mit Herausforderungen umzugehen. In diesem konkreten Fall mit der Herausforderung, in einer Sportart Fuß zu fassen, die hochspezialisiert und -professionalisiert ist. 

Vor oder nach der Arbeit geht's für Raul und Chris zum Training.

Langlauf-Schnupperstunden

Durch seine Hartnäckigkeit erwirkt Raul im Jänner 2019 die Unterstützung des Präsidenten des mexikanischen Skiverbands. Man wolle den beiden helfen, einen Verband zu gründen. Als die Sache auf bürokratischer Seite ins Rollen kommt, wird es Zeit, sich auch ums Sportliche zu kümmern. „Im Jänner vor einem Jahr besuchten wir einen zweitägigen Langlauf-Kurs in Seefeld“, erzählt Chris. „Wir hatten keine Ahnung, was uns dort erwartete und marschierten mit unseren Snowboardklamotten – breiten Hosen und langen Jacken – an.“

„Das erste Mal auf Skiern war schrecklich. Ich fahre ja nicht einmal Ski, nur Snowboard“, erinnert sich Raul. „Ich dachte: Wie um Himmels Willen soll ich auf solch dünnen Brettern abwärts fahren, ohne zu stürzen?“ Aber das Langlaufen macht ihnen trotz der Anstrengung und Stürze Spaß. Sie schreiben sich Mitte Februar für einen zweiten Kurs ein und lernen dabei den Kursleiter Stefan Mair, kurz Stevie, kennen, der Trainer im Schigymnasium Stams und Referent für Langlauf und Biathlon im Tiroler Skiverband ist.

Biathlon- und Langlauftrainer Stefan Mair gibt Raul und Chris Technik-Tipps.

Zurück zum Start

Ende Februar erreicht sie aus ihrer Heimat die Nachricht, dass Mexiko seinen Biathlon-Verband bekommt. Der nächste Schritt in Richtung Peking 2022 führt die beiden Mexikaner nach Salzburg, zum Sitz der IBU, des Internationalen Dachverbands für Biathlon. Denn Voraussetzung für die Teilnahme an internationalen Wettkämpfen ist die Mitgliedschaft Mexikos in der IBU. Die Aufnahme dauert. Doch trotz der Ungewissheit trainieren sie über die Wintermonate weiter. Und während sie anfangs für zwei Kilometer eine ganze Stunde brauchen, „auf allen vieren wären wir schneller gewesen“, schaffen sie im Frühjahr zehn Kilometer in einer Stunde und zehn Minuten.

„Am Hauptsitz der IBU in Salzburg wusste man zunächst nicht, wie mit unserem Fall umgehen“, erzählt Raul. Doch im Oktober letzten Jahres ist es schließlich soweit: Mexiko wird Teil der IBU, neben Biathlon-Nationen wie Norwegen, Deutschland, Frankreich, Russland und Österreich. Als Raul und Chris davon erfahren, können sie es kaum fassen.

„Auf der IBU-Website klicken wir immer wieder unseren Namen in der Athletenliste an, um uns zu motivieren“, erzählt Raul. „Wir sagen: Achtung, Johannes Tingnes Bø, zwei Sheriffs sind dir auf den Fersen!“ Um im Herbst körperlich wieder in Form zu kommen, lassen sie sich von einem Fitness- und Konditionstrainer einen Trainingsplan erstellen und holen sich Techniktipps von Stefan Mair, dem Biathlon-Trainer.

Seit Kurzem ist Mexiko Teil der IBU-Familie.

Mission Waffe

Die beiden Biathleten beschaffen sich die nötige Ausrüstung: gebrauchte Skier und Schuhe für 70 Euro, einen Rennanzug für 15 Euro. Neben Arbeit und Studium trainieren sie zweimal in der Woche Kraft und Ausdauer. Wann immer es möglich ist – meistens in der Früh oder spät am Abend – begeben sie sich auf die Loipe in Rinn oder in Seefeld.

Kurz vor Weihnachten hören sie erstmals, dass Innsbruck im Jänner 2020 Austragungsort der Winter World Masters Games (WWMG) ist und erkennen ihre Chance, Rennerfahrung zu sammeln. Durch eine Ausnahmeregelung bekommen sie einen Startplatz für dieses weltweite Wintersport-Festival für Über-30-Jährige – denn eigentlich sind alle Biathlon-Startplätze bereits vergeben. Es ist vier Wochen vor dem Rennen und die beiden Mexikaner stehen vor einem neuen Problem: Sie besitzen kein Gewehr.

"Achtung, Johannes Tingnes Bø, zwei Sheriffs sind dir auf den Fersen!“ Raul, Team Mexiko

„Eine Waffe ist nichts, was man so einfach auf Spock (eine Suchmaschine, Anm.) findet. Fast täglich rief ich nervös Stevie an, der uns helfen wollte, Gewehre zu besorgen“, erzählt Raul. Stefan Mair lässt seine Kontakte spielen. Er weiß auch, welche Vorschriften man einhalten muss, um ein Kleinkalibergewehr, wie es im Biathlon verwendet wird, besitzen zu dürfen. Er findet zwei gebrauchte Gewehre für die Biathlon-Schützlinge. Bis zum Rennen fehlen bloß fünf Tage.

Um sich mit den Geräten zumindest ein bisschen vertraut zu machen, üben Raul und Chris am Schießstand in Arzl und absolvieren eine Trockenschießübung gemeinsam mit Stevie, der ihnen die Gewehre auch einstellt. Am offiziellen Training für das erste Biathlon-Rennen im Rahmen der WWMG kann aus zeitlichen Gründen nur Raul teilnehmen. Die Professionalität der teilnehmenden Amateure beeindruckt ihn: „Es waren so viele Nationen in Seefeld, alle hatten mehrere Paare Ski, verschiedene Munitionen, große Teams und mehrere Coaches und wir haben bis dahin nicht einmal auf Skiern geschossen.“

Startschuss für Team Mexiko

Beim Anschießen am Renntag, bei dem Biathleten kurz vor dem Start ihre Gewehre justieren, ist es schließlich auch für Chris so weit. „Beim Anschießen war ich grottenschlecht, ich traf vielleicht ein- oder zweimal, aber ans Hinschmeißen dachte ich nie“, erzählt er. „Unser Ziel war es ohnehin nicht, zu gewinnen, sondern das Rennen auf unserem Niveau zu bestreiten und zu beweisen, dass wir sehr wohl wissen, was wir tun.“

Erster Wettkampf: Chris und Raul bei den World Winter Masters Games in Seefeld

Die beiden schaffen es, den Wettkampf zu beenden. Für die zehn Kilometer mit viermal Schießen brauchen Chris und Raul etwas mehr als eine Stunde, doppelt so lange wie der Erstplatzierte ihrer Alterskategorie. Doch das macht den Mexikanern nichts aus. „Die Atmosphäre war super. Und wir wurden sehr gut in die Biathlon-Community aufgenommen. Die Leute waren erstaunt, unter Biathleten Spanisch zu hören“, schwärmt Chris.

Wenn es nach den beiden geht, sollte sich die Biathlon-Gemeinschaft langsam an die Sprache gewöhnen. Denn der Plan ist nun, einem Verein in Tirol beizutreten, um auf nationaler Ebene weitere Wettkämpfe zu absolvieren. Denn sie wollen ihren Traum verwirklichen, Mexiko bei den Olympischen Winterspielen in Peking 2022 zu vertreten. Ganz nach dem Motto: Mex, I can.

Jesus Christopher Gómez Mateos (Chris), 34, kommt aus Puebla, einer Stadt auf 2.000 Metern Meereshöhe im östlich-zentralen Mexiko. Bevor ihn 2012 das Reisen nach Europa führte, lebte er in Playa del Carmen, einem Urlaubsort an der mexikanischen Karibikküste. 2013 entschied Chris, zu seiner Freundin, die aus Reith im Alpbachtal stammt, nach Innsbruck zu ziehen. Er arbeitet als Sales Manager bei einer Logistikfirma und macht seinen Master am MCI in International Business & Management.  

Jesus Christopher Gómez Mateos, kurz Chris

Raul Antonio Figueroa, kurz Raul

Raul Antonio Figueroa (Raul), 31, stammt aus Chiapas, einem Bundestaat im Süden Mexikos, an der Grenze zu Guatemala. Die Landschaft dort ist geprägt von Regenwäldern, bergigem Hochland und weißen Küstenstränden. Es hat nie weniger als 20 Grad. Bis er nach Europa kam, lebte er dort und in Mexico City. Vor acht Jahren zog er nach Deutschland und machte den Masterstudiengang an der TU München in Aerospace Engineering. Ein dreijähriges Traineeprogramm führte ihn nach Tirol. Seit eineinhalb Jahren lebt, arbeitet und studiert er in Innsbruck.

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