Sie befinden sich hier:
Neue Wege

Sport auf Distanz

Neue Wege

Was sich Tiroler Sportveranstalter in Zeiten wie diesen so alles einfallen lassen

Text: Eva Schwienbacher, Simon Leitner, Header-Bild: Ötztal Tourismus

Der Ausbruch von Covid-19 und die damit einhergehenden Konsequenzen haben auch die heimische Sportszene hart getroffen: Viele Events, große ebenso wie kleine, mussten verschoben oder abgesagt werden. Doch einige der Veranstalter haben sich Alternativen überlegt, die den Sportkalender auch in Zeiten von Corona bereichern können. Sport.tirol hat mit ihnen über allfällige Herausforderungen und Schwierigkeiten dabei gesprochen.

„Eine komplette Absage kam für uns eigentlich nie in Frage“

Viktoria Mall, OK-Chefin Dreiländergiro Nauders

Welche Auswirkungen hatte die Coronakrise auf den Dreiländergiro bzw. auf Sie als Veranstalter?
Viktoria Mall: Anfangs war es für uns natürlich ein Schock, weil wir bereits in der Operationalisierungsphase waren. Zudem konnten wir die Lage lange nur schwer einschätzen – es gab da das Gefühl, der Dreiländergiro findet jedes Jahr statt, es kann nicht sein, dass man ihn absagt, es wird schon irgendwie gehen. Was uns dann aber schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt hat, war, dass Italien, in dem sich ja ein Hauptteil der Strecke befindet, so stark betroffen war.

Wie haben Sie darauf reagiert?
Wir haben so lange wie möglich versucht, Wege für eine „normale“ Umsetzung des Dreiländergiro zu finden, aber im Hintergrund schon an Plan B und Plan C getüftelt. Eine der positiven Auswirkungen der Krise war, dass wir uns die Frage stellen mussten, was macht uns aus, was wollen wir überhaupt? Und das hat uns zu unseren eigentlichen Werten zurückgeführt. Der Dreiländergiro wurde ins Leben gerufen, um den Radsport zu unterstützen und Radsportler zu vereinen, unabhängig davon, wer sie sind und woher sie kommen. Dieses Ziel ist gerade jetzt wichtiger denn je, eine komplette Absage kam daher für uns eigentlich nie in Frage. Wir mussten uns was also anderes überlegen.

"Wir haben so lange wie möglich versucht, Wege für eine 'normale' Umsetzung des Dreiländergiro zu finden, aber im Hintergrund schon an Plan B und Plan C getüftelt."
Viktoria Mall, OK-Chefin Dreiländergiro

Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Wir wollten unsere Teilnehmer miteinbeziehen, deshalb haben wir eine Umfrage gestartet und nach Wünschen und Vorstellungen gefragt. Dabei haben mehr als 400 Leute mitgemacht, was uns sehr geholfen hat. Überhaupt muss man sagen, dass unsere Community wohl noch nie so stark war – wir haben von Anfang an unendlich viel positiven Zuspruch erfahren, wofür wir sehr dankbar sind.

Was genau haben Sie nun für das Event geplant?
Es wird nicht vor Ort, sondern digital stattfinden, jeder fährt quasi seinen eigenen Radmarathon. Dafür haben wir einen speziellen Streckenumrechner entwickelt – wenn etwa jemand in den Niederlanden mitfahren möchte, aber maximal 300 Höhenmeter machen kann, ermittelt das Tool, wie viele Kilometer man zusätzlich fahren muss, um das zu kompensieren. Anschließend fährt man die berechnete Strecke ab und lädt die GPX-Daten hoch, die von uns ausgewertet werden. Dadurch hoffen wir, den Fahrern ein Trainingsziel bieten und sie zum Radsport motivieren zu können.

Was waren die größten Herausforderungen für Sie im Zuge der Organisation?
Es war extrem schwierig, alles in so kurzer Zeit umzusetzen, nicht zuletzt, weil viele der kooperierenden Firmen aufgrund von Corona in Kurzarbeit sind. Auch die Unsicherheit, was man tatsächlich machen kann und darf, war ein Problem. Wir hatten etwa Bedenken, dass am Tag des Dreiländergiros plötzlich 300 Leute in Nauders stehen und wir auf einmal ungeplanterweise eine Massenveranstaltung haben. Es sind einfach recht wenige Infos da, was neue und vor allem digitale Events betrifft, und da muss man schauen, dass alles sicher und rechtens ist.

Einen Massenstart wie bei den vergangenen Auflagen wird es beim diesjährigen Dreiländergiro nicht geben – jeder Teilnehmer fährt gewissermaßen seinen eigenen Radmarathon.
© Rudi Wyhlidal

Global Dreiländergiro 2020
28. Juni 2020

Anstatt eines Massenevents fährt dieses Jahr jeder Teilnehmer den Dreiländergiro individuell – und zwar dort, wo er möchte. Dafür wurde ein Umrechnungstool entwickelt, das eine angepasste Strecke ermittelt, die den Dimensionen der Originalroute entspricht. Die GPX-Daten werden schließlich ausgewertet, sodass auch eine offizielle Ergebnisliste erstellt werden kann und jeder eine Urkunde sowie ein „Finisher-Foto“ erhält. Die dazugehörigen Girodays finden ebenfalls statt, allerdings digital – mit Online-Workshops, -Vorträgen und mehr.

Weitere Infos gibt‘s hier.

„Wir wollten selbst einen Schritt nach vorne machen“

Florian Zinnagl, Turnier-Geschäftsführer Thiems 7

Mit Thiems 7 findet im Juli erstmals wieder ein großes Tennisturnier in Österreich statt. Worum genau handelt es sich dabei?
Florian Zinnagl: Es ist ein Preisgeldturnier mit acht Topspielern, darunter Österreichs Tennisstar Dominic Thiem. Gespielt wird in zwei Gruppen, in einem Spielmodus wie bei den ATP Finals in London. Das bedeutet, dass jeder Spieler mindestens dreimal im Laufe des Turniers zu sehen sein wird. Es wird eine Day-Session mit je drei Partien sowie eine Night-Session, in der je zwei Matches gespielt werden, geben. Das Turnier veranstalten wir gemeinsam mit Dominic und Wolfgang Thiem – Dominic war maßgeblich an der Gruppenzusammenstellung beteiligt, hat die Spieler persönlich kontaktiert, Wolfgang ist unser sportlicher Leiter.

Warum haben Sie sich dazu entschlossen, in Zeiten von Corona, in denen viele Sportveranstaltungen verschoben oder ersatzlos gestrichen wurden, ein neues Event hochzuziehen?
Die Idee ist daraus entstanden, dass die Situation um unser ATP-Turnier im September, das Generali Open in Kitzbühel, lange aufgrund von Faktoren, die wir nicht beeinflussen konnten, unsicher war. Wir wollten selbst einen Schritt nach vorne machen – für den Tennissport in Österreich, aber natürlich auch für Tirol und den Sommertourismus in Kitzbühel. Umso glücklicher sind wir jetzt, dass wir auch noch das Generali Open Kitzbühel von 7. bis 13. September austragen können.

"Wir sind das erste internationale Großevent in Österreich, das mit einer limitierten Zuschauerzahl von 500 Personen pro Session abgehalten werden darf. Daher fehlt natürlich der Erfahrungsaustausch mit anderen österreichischen Veranstaltern."
Florian Zinnagl, Turnier-Geschäftsführer Thiems 7

Wie sehen die Vorbereitungen zur Veranstaltung aus, vor allem im Hinblick auf das Thema Sicherheit?
Es ist unser wichtigstes Anliegen, dass sich Besucher, Mitarbeiter und Spieler sicher und geschützt fühlen. Wir werden das Turnier mit denselben strengen Auflagen durchführen, die uns seitens der ATP für das Generali Open im September vorgebeben wurden. Diese gehen über die ohnehin schon strengen Auflagen der österreichischen Bundesregierung hinaus. Im Vorfeld des Turniers wurde von uns deshalb ein umfangreiches Präventionskonzept erstellt.

Wie sieht das aus, welche konkreten Maßnahmen werden getroffen?
Ein ganze Reihe. Unter anderem werden die Spieler sofort nach ihrer Ankunft in Kitzbühel auf Covid-19 getestet. Am Platz selbst wird es nur eine limitierte Anzahl an Ballkindern und keine Linienrichter geben, während vonseiten der Zuschauer lediglich 500 pro Session ins Stadion eingelassen werden. Die Einhaltung der Abstandsregelung stellen reservierte und eigens zugewiesene Plätze sicher, zudem wird überall für ausreichend Hygienespender gesorgt sein.

In Kitzbühel laufen die Vorbereitungen auf das Tennisturnier Thiems 7 auf Hochtouren. Einer der wichtigsten Schwerpunkte von Florian Zinnagl (im Bild) und seinem Team ist dabei das Thema Sicherheit.
© MIA

Was sind die größten Schwierigkeiten für Sie als Veranstalter?
Wir sind das erste internationale Großevent in Österreich, das mit einer limitierten Zuschauerzahl von 500 Personen pro Session abgehalten werden darf. Daher fehlt natürlich der Erfahrungsaustausch mit anderen österreichischen Veranstaltern. Schwierig war auch, dass sich in der Vorbereitung des Turniers viel in der österreichischen Gesetzeslage verändert hat. Da braucht es schon ein breites Wissen über die Gesetze, Normen und Regeln. Auch die Verfehlungen, die kürzlich auf der Adria-Tour passiert sind, sind natürlich eine große Herausforderung für uns. Aber sie haben uns auch nochmals dazu ermahnt, aus den Fehlern der anderen zu lernen und noch sensibler und vorsichtiger, als wir das Thema ohnehin schon handhaben, vorzugehen.

Thiems 7
7.–11. Juli 2020, Kitzbühel

Beim Tennisturnier Thiems 7 kämpfen acht Topspieler rund um Österreichs Nummer eins Dominic Thiem in Kitzbühel um den Sieg und um ein Preisgeld von insgesamt 300.000 Euro. Gespielt wird dabei, wie bei den ATP Finals in London, in zwei Gruppen, wobei es sowohl Tag- als auch Nacht-Sessions mit jeweils mehreren Matches geben wird. Veranstaltet wird das Einladungsturnier in Zusammenarbeit zwischen den Kitzbüheler Organisatoren sowie Dominic und Wolfgang Thiem, die für die sportliche Leitung verantwortlich zeichnen.

Weitere Infos gibt‘s hier.

„Es braucht Geduld und Zuversicht“

Dominic Kuen, OK-Chef Ötztaler Radmarathon

Wann haben Sie erstmals realisiert, dass der diesjährige Ötztaler Radmarathon nicht stattfinden kann, und wie schwer ist die Absage gefallen?
Dominic Kuen: Die Entscheidung ist uns sehr schwer gefallen. Als wir Mitte April erfuhren, dass Großveranstaltungen im Kulturbereich bis Ende August nicht stattfinden können, gingen wir davon aus, dass dies auch den Sport betrifft. Da reagierten wir schnell und sagten das Event ab. Im Sinne der Sicherheit unserer Teilnehmer wäre es nicht redlich, ein sportliches Event in dieser Größe durchzuziehen. Die Absage war quasi alternativlos und an eine Genehmigung der Veranstaltung nicht zu denken. Außerdem waren wir es den Teilnehmern und Sponsoren schuldig, rasch für Klarheit zu sorgen. Der Startplatz der Teilnehmer wurde auf das nächste Jahr übertragen.

Hätte das Event nicht auch ein paar Wochen später ausgetragen werden können?
Eine Verschiebung auf ein späteres Datum im Herbst 2020 stellte keine Option dar. Das Tageslicht ist ab September zu kurz, um eine Renndauer von bis zu 13,5 Stunden zu verantworten. Wir sind davon überzeugt, dass die Absage die richtige Entscheidung war – immerhin tragen wir die Verantwortung für 4.000 Personen aus 40 verschiedenen Nationen. Das Virus ist noch nicht besiegt. Die aktuellen Entwicklungen bei einigen Events bestätigen unsere Einschätzungen. Abgesehen davon hätten wir mit der aktuellen Straßensperre der B186 bei Gurgl ohnehin ein zusätzliches Problem.

"Wir sind davon überzeugt, dass die Absage die richtige Entscheidung war – immerhin tragen wir die Verantwortung für 4.000 Personen aus 40 verschiedenen Nationen."
Dominic Kuen, OK-Chef Ötztaler Radmarathon

Der Aufwand, den Ötztaler zu organisieren, ist enorm. Welche finanziellen Folgen hat die Absage?
Die Absage ist ein enormer Verlust für die Region. Immerhin bringt der Ötztaler Radmarathon ca. 16.000 Nächtigungen und hat eine regionale Wertschöpfung von 4,5 Millionen Euro. Auch die Werbebilder und Medialisierung werden fehlen. Hart trifft es auch unsere jahrelangen Partner aus der Eventbranche wie Kamerateams, Fotografen, oder Caterer – sie haben in Summe zum Teil bis zu 90 Prozent Ausfälle. Für uns als Organisatoren hält sich der Verlust in Grenzen, da wir rasch reagiert haben.

Als Ersatz gibt es den Ötztaler SocialRadmarathon. Wie ist die Idee entstanden?
Es handelt sich um ein Charity-Event. Für uns war klar, wir wollen den Ötztaler und den Kontakt zur Rad-Community am Leben halten und nebenbei etwas Gutes tun. So ist die Idee für den SocialRadmarathon entstanden. Die 238 Kilometer des Ötztalers können von den Teilnehmern dabei auf einer Strecke ihrer Wahl und aufgeteilt auf bis zu drei Tagen bewältigt werden. Es sind alle herzlich eingeladen, ins Ötztal zu kommen, im Prinzip kann man aber rund um den Globus für den guten Zweck mitradeln.

Mit dem Ötztaler SocialRadmarathon findet auch der "Ötztaler" heuer in einer anderen Form als üblich statt.
© Ötztal Tourismus/Ernst Lorenzi

Glauben Sie, dass sich der Amateursport als Unterhaltungsevent nach Corona verändern wird?
Ich bin Eventmanager und kein Virologe und kann nicht sagen, wie sich die Corona-Pandemie weiterentwickeln wird. Aber vorausgesetzt, es gibt einen Impfstoff und/oder die Situation ist unter Kontrolle, kann ich mir durchaus vorstellen, dass sich Amateursportevents auch in Zukunft großer Beliebtheit erfreuen werden. Natürlich wird es auch Menschen geben, die große Massen vermeiden werden oder dies aus gesundheitlichen Gründen tun müssen. Einen Verlust am Interesse am Ötztaler als Freiluftveranstaltung mit Teilnehmern, die sehr sportlich und gesund sind, konnten wir bisher nicht feststellen, im Gegenteil. Wir erhielten viele positive Reaktionen, und knapp 85 Prozent der Starter nutzen die Gelegenheit, den Startplatz für den nächsten Ötztaler mitzunehmen. Was es jetzt braucht, ist Zuversicht und Geduld.

Ötztaler SocialRadmarathon
28.–30. August 2020

Am „Ötztaler Rennwochenende“ Ende August findet der Ötztaler SocialRadmarathon statt. Teilnehmer können sich ihre Lieblingsstrecke aussuchen, diese in ein bis zu drei Tagesstrecken einteilen und so von Freitag bis Sonntag ihren persönlichen Ötztaler Radmarathon von 238 Kilometern absolvieren. Die Teilnahme ist kostenlos. Freiwillige Spenden für die Aktion „Jeder Kilometer hilft“ geht über das „Netzwerk Tirol hilft“ an unverschuldet in Not geratene Menschen in Tirol. Die Starter nehmen an einer Tombola teil – der Hauptpreis ist das neue Trek-Émonda-Rennrad.

Weitere Infos gibt's hier.

© 2017 Tirol Werbung