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Plötzliche Stille im Sport

Plötzliche Stille im Sport

Drei Menschen blicken aus drei unterschiedlichen Perspektiven auf die aktuelle Ausnahmesituation im Leistungssport.

Text: Simon Leitner, Eva Schwienbacher, Headerbild: Elisa Haumesser

Wie wirkte sich die corona-bedingte Zwangspause auf Profisportler aus? Wie motivierten sie sich während des Lockdowns? Und hatte das Ganze auch Positives? Ein Sportpsychologe, ein Trainer und ein Nachwuchsradsportler berichten über ihre Erfahrungen.

„Die Mehrheit der Sportler hat den Corona-Stress-Test überstanden.“ Christopher Willis, Sportpsychologe:

Abgesagte Wettkämpfe und Meisterschaften, verschobene Olympische Spiele, die nun wackeln, kein Kontakt zu Mannschaftskollegen oder Trainern, eine ungewisse Zukunft – Covid-19 hat auch das Leben von Spitzensportlern von heute auf morgen schlagartig verändert. Einige stehen auch vor schwierigen finanziellen Fragen. Was geht in einer solchen Situation in einem Profisportler vor?
Christopher Willis: Dies ist von Sportler zu Sportler sowie von Sportart zu Sportart sehr unterschiedlich und abhängig von der persönlichen Lebenssituation, Lebenserfahrung und Persönlichkeitsstruktur. Prinzipiell gehören Profisportler einer sehr selektiven Bevölkerungsgruppe an. Konstruktives Krisenmanagement und gerade die Fähigkeit, relativ rasch mit ungewissen Situationen umgehen zu können und auch Rückschläge als Chance zu sehen, zeichnet diese Berufsgruppe aus. Profis sind es zudem gewöhnt, dass Zielsetzungen immer einer gewissen Dynamik unterliegen und sich ständig verändern können. Fehlt jedoch die persönliche Perspektive, so kann es im Einzelfall zu Motivationsverlust, Sinnkrisen, psychosomatischen Beschwerden wie Schlaflosigkeit und depressiven Verstimmungen kommen. Profisportler, die sich plötzlich berechtigte Sorgen um ihre finanzielle Absicherung machen müssen, können depressive Phasen und Existenzängste erleben. Eine fundierte sportpsychologische Einzelberatung ist hierbei sicherlich die beste Hilfe.

Wie wichtig ist es für Profis, auch während einer Trainingspause einen geregelten Alltag zu haben? 
Eine geregelte Alltagsstruktur gibt Sicherheit und stärkt Personen in Stresssituationen – dies gilt insbesondere für Leistungssportler. Die Tagesstruktur von Berufssportlern ist normalerweise auf Training, Wettkämpfe, Reisetätigkeiten und Regeneration ausgerichtet. Während des Lockdowns musste die gesamte Struktur komplett neu aufgesetzt werden. Wir haben gesehen, dass der Großteil der Berufssportler sehr konstruktiv mit dieser Ausnahmesituation umgegangen ist. Sie akzeptierten die Situation relativ schnell, richteten ihre Ziele neu aus und passten ihr Trainings- und Alltagsverhalten entsprechend an. Für einige Spitzensportler war und ist diese Situation sogar sehr positiv. Sie leben in der Regel in einer ständigen Überbelastung. Jetzt hatten sie endlich mal Zeit für Regeneration, Erholung und für ihr soziales Umfeld.

Zur Person:

Christopher Willis, geboren in Las Vegas, ist Lehrgangsleiter und Geschäftsführer der Center of Mental Excellence GmbH in Innsbruck. Er zählt zu den führenden Performance-Coaches im deutschsprachigen Raum. Willis absolvierte seine Ausbildung in den USA, England und Deutschland und betreut seit über 20 Jahren Nachwuchs-, National- und Olympiakaderathleten sowie High-Performer aus den Bereichen Wirtschaft, Musik und Medizin. Willis hat die Entwicklung der Sportpsychologie im deutschsprachigen Raum entscheidend geprägt.

© Center of Mental Excellence

Inwiefern kann eine sportpsychologische Betreuung der Athleten in einer solchen Ausnahmesituation hilfreich sein? Hat Ihrer Erfahrung nach in den letzten Wochen der Bedarf an sportpsychologischer Beratung zugenommen? 
Zahlreiche Profisportler nehmen eine regelmäßige sportpsychologische Beratung in Anspruch. Diese Beratungsfrequenz hat sich auch während der Covid-19-Situation nicht auffallend verändert. Zudem sind Sportler aufgrund der vielen Auslandsreisen sportpsychologische Beratung mittels digitaler Technologien gewöhnt. Es haben sich jedoch die Beratungsthemen etwas verändert. Der entscheidende Faktor in der Coronakrise war und ist die Fähigkeit, neue Perspektiven für die gegenwärtige und zukünftige Situation zu entwickeln. Wie immer gilt: Nicht die Stresssituation ist entscheidend, sondern die persönliche Reaktion des Sportlers auf diese Situation. In der sportpsychologischen Arbeit wird dies unter anderem mittels kognitiver Umstrukturierung, Visionsarbeit und einem prozessorientierten Zielsetzungstraining unterstützt. Darüber hinaus war es in dieser Ausnahmesituation besonders wichtig, die mentale Gesundheit von Leistungssportlern zu beachten sowie allfällig vorhandene Ängste und Befürchtungen aufzufangen. Auch die duale Berufsausbildung, das heißt die Berufsausbildung neben dem Leistungssport, war verstärkt ein Beratungsthema.

„Wie immer gilt: nicht die Stresssituation ist entscheidend, sondern die persönliche Reaktion des Sportlers auf diese Situation.“ Christopher Willis

Wie geht es den Sportlern jetzt, nachdem sie wieder zu ihrem Trainingsalltag zurückkehren konnten?
Die Reaktionen waren eindeutig. Die Mehrheit der Spieler, Athleten und Trainer freute sich einfach, dass es wieder losging, wenn auch unter ungewohnten Bedingungen. Es war und ist bei allen Beteiligten eine hohe Motivation zu erkennen. Wie es scheint, hat die überwiegende Mehrheit der Sportler den Corona-Stress-Test für die Psyche sehr gut bewältigt.

„Wir mussten viel mit Was-wäre-wenn-Szenarien arbeiten.“ Lukas Höllrigl, Trainer

Durch den Ausbruch von Covid-19 wurde dem heimischen Radsport eine längere Zwangspause verordnet. Wie hast du die vergangenen Monate als Trainer erlebt?
Lukas Höllrigl: Es war so, dass die Rennen im Profiradsport ebenso wie im U23-Bereich schon gestartet haben und man sich gewissermaßen schon in der heißen Phase befand, als man durch die Coronakrise abrupt zum Stillstand gezwungen wurde. Die Sportler kamen quasi gerade aus dem Winterschlaf, waren wirklich heiß auf die Wettkämpfe – und dann war alles nach wenigen Rennen schon wieder vorbei. Da war die Enttäuschung bei dem einen oder anderen natürlich ziemlich groß.

© Olympiazentrum Innsbruck

„Die größte Challenge aus Trainersicht: mit dieser unklaren Situation umzugehen und dabei trotzdem analytisch und nüchtern zu bleiben.“ Lukas Höllrigl, Lukas Höllrigl, Trainer am Olympiazentrum Tirol Innsbruck

Wie hat sich das auf den Alltag der Sportler ausgewirkt?
Man muss das Ganze in zwei Phasen unterteilen. In der strengeren Phase mit dem Lockdown war es für die Athleten schwierig, sich bei Laune zu halten. Wenn ein Radfahrer nicht auf sein Rad kann, leidet natürlich die Motivation. Als Trainer muss man versuchen, sich Dinge einfallen zu lassen, damit die Fahrer trotzdem was zu tun haben. Sie sagen: Okay, ich habe zwar im Moment nicht die Möglichkeit, aufs Rad zu steigen, dafür arbeite ich aber an Bereichen, die sonst vielleicht auf der Strecke bleiben, etwa ganz allgemein am Bewegungsapparat oder an der Mobilisation. Dann gab es die andere Phase, in der Wettkämpfe zwar nicht absehbar waren, man aber zumindest wieder Rad fahren konnte, wenn auch nur in Österreich und nicht über die Grenzen hinaus. Da war alles schon wieder um einiges einfacher.

Was waren für dich als Trainer die größten Herausforderungen während dieser Zeit?Naja, natürlich fällt man auch als Trainer erst mal in ein Loch. Man hat sich den ganzen Winter über Gedanken über Trainingsinhalte gemacht, damit man die Athleten weiterbringt und sie eine erfolgreiche Saison haben, und dann schmeißt Corona alles über den Haufen. Wir mussten viel mit Was-wäre-wenn-Szenarien arbeiten. Das war, glaube ich, die größte Challenge aus Trainersicht, mit dieser unklaren Situation umzugehen und dabei trotzdem analytisch und nüchtern zu bleiben.

"Die Saison hat sich um ein paar Monate nach hintern verschoben." Lukas Höllrigl

Wie sieht es momentan aus? Herrscht mittlerweile wieder etwas mehr Klarheit?
Ja, die offenen Variablen werden immer weniger. Wir kommen langsam zu den Wettkämpfen hin, haben auch schon Termine, und es gibt keine großen Fragezeichen mehr. Im Grunde bereiten wir nun einen standardmäßigen Trainingsaufbau vor, wie man das sonst im Frühjahr macht. Insofern hat sich die Saison für uns durch den Lockdown und die Folgen eigentlich nur um ein paar Monate nach hinten verschoben.

Siehst du diese erzwungene Pause eher als Vor- oder als Nachteil?
In Bezug auf das Training hatte das Ganze sicher auch positive Effekte. Ich habe bei vielen unserer Radsportler gemerkt, dass sie die Zeit wirklich effektiv genutzt und in gewisser Weise auch genossen haben. Sie konnten etwa lange Grundlagentrainings, die man normalerweise im Winter, in einem Trainingslager im Ausland macht, zu Hause absolvieren. Das hat den Athleten die Möglichkeit eröffnet, klassische längere Routen oder große Genussrunden in Tirol zu fahren, wofür es im Sommer im Normalfall kaum Gelegenheit gibt. Das hat vielen gut getan. Zudem konnte man auch mal neue Dinge ausprobieren. Was die Wettkämpfe selbst betrifft, kann ich mir aber vorstellen, dass es für den einen oder anderen nun schwer werden dürfte, nicht zuletzt im Hinblick auf die nächste Saison.

Inwiefern?
Durch die Zwangspause finden viele Rennen ja später als sonst und folglich sehr komprimiert im August, September und Oktober statt. Die Saison ist insgesamt länger, und man muss sich die Frage stellen, wie man darauf reagiert – ob man also beispielsweise die Winterpause verlängert oder nicht. Gerade für arrivierte Fahrer mit alten, seit Jahren bewährten Mustern könnte das ein Problem darstellen, wenn sie jetzt einen solchen Bruch erleben. Auf der anderen Seite haben junge Fahrer dadurch aber vielleicht größere Chancen. Ich glaube jedenfalls, dass da einiges passieren kann.

Zur Person:
Lukas Höllrigl ist als Trainer und Leistungsdiagnostiker am Olympiazentrum Tirol Innsbruck tätig. Unter anderem betreut er Fahrer des Tirol KTM Cycling Teams, des Innsbrucker Nachwuchs-Rennstalls für angehende Radprofis aus dem U23-Bereich.

 „Ich möchte noch viel erreichen.“ Markus Wildauer, Nachwuchsradsportler

Wie hat sich die Corona-Pandemie auf die Ausübung deines Sports ausgewirkt?
Markus Wildauer:
Der Alltag im Lockdown war ziemlich monoton. Ich habe darauf geachtet, dass ich den Trainingsumfang reduziere, aber intensiver trainiere, um die Form zu halten. Auch Abwechslung versuchte ich reinzubringen, um nicht stundenlang nur indoor auf der Rolle zu sitzen.

Was war die größte Herausforderung während des Lockdowns?
Eine Herausforderung war, die Motivation nicht zu verlieren. Speziell am Anfang, als die Infektionszahlen immer weiter und weiter gestiegen sind, folgte eine Rennabsage der anderen. Plötzlich waren keine Rennen mehr in Aussicht. Ich motivierte mich mit langfristigen Zielen. Mein größtes Ziel ist, den Sprung in die Profiliga zu schaffen.

© Elisa Haumesser

Inwiefern erschwert Corona die Verwirklichung dieses Traums?
Als Nachwuchssportler wäre es gut, sich bei internationalen Rennen präsentieren zu können und gute Ergebnisse einzufahren. Ohne Rennen ist das denkbar schwierig. Meine Hoffnung liegt in den internationalen Rennen, wie dem Baby-Giro, nachdem ja ganz kurzfristig auch die Tour de l’Avenir abgesagt worden ist. Bezüglich der Europameisterschaft im französischen Plouay, die für August geplant ist, hoffen wir noch. Dort würde ich mich gerne stark präsentieren. Voraussetzung ist, dass sie stattfindet. Eine gewisse Unsicherheit herrscht nach wie vor. Kommt eine zweite Welle? Wie schaut es mit den Auflagen aus?

„Aufgeben war nie Thema für mich. Ich möchte noch viel erreichen.“ Markus Wildauer

Wie gelingt es dir, die Motivation nicht zu verlieren?
Derzeit finden ja einige der wichtigsten Radrennen statt. Das spornt mich an. Da will ich zeigen, dass ich gut bin und es wirklich will. Während des Lockdowns war auch der telefonische Kontakt zu Mannschaftskollegen wichtig. Wir tauschten uns aus und bauten uns gegenseitig auf.

Wirken sich die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Rennabsagen auf deine finanzielle Situation aus?
Ich habe das große Glück, als Heeressportler nicht von Prämien und Sponsorengeldern abhängig zu sein. Ich bin sehr dankbar, in dieser Zeit weiter Unterstützung zu bekommen.

Wie sieht die aktuelle Situation aus? Trainiert ihr wieder in der Mannschaft?
Seit es wieder erlaubt ist, trainieren wir wieder in der Gruppe. Das macht definitiv mehr Spaß als alleine. Die Zeit vergeht viel schneller. Gerade nach der langen Periode, in der man sich nicht sehen konnte, hat man viel zu besprechen.

© Elisa Haumesser

Wie schaut es mit Sorgen um deine Gesundheit aus? Hast du Angst, dich mit dem Virus zu infizieren?
Angst würde ich es nicht nennen, aber klar macht man sich Gedanken. Eine Ansteckung würde bedeuten, Zeit zu verlieren, kein Training, kein Kontakt zu anderen, möglicherweise keine Rennen. Ich halte mich an die allgemeinen Empfehlungen und versuche, das Risiko einer Ansteckung zu minimieren. Ich vermeide beispielsweise Einkaufzentren oder Bars.

Hast du in den letzten Wochen jemals ans Aufgeben gedacht?
Nein, aufgeben war nie Thema für mich. Ich möchte noch viel erreichen.

Zur Person:
Markus Wildauer (22) hat seine Rennradkarriere mit 14 Jahren beim RC Tirol aus Vomp begonnen. Seit 2017 fährt er für das Tirol KTM Cycling Team. Er gilt als Allrounder, sprich er kann bergauf schnell fahren und hält auch im Flachen beim Zeitfahren mit. Seine zwei größten Erfolge erzielte er 2018 mit dem Etappensieg beim Giro Ciclistico d’Italia (Baby-Giro) und dem dritten Platz bei der EM im Einzelzeitfahren. Wildauer lebt im Zillertal. Sein großes Ziel ist, den Sprung in eine Profimannschaft zu schaffen.

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