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Wachsen – aber richtig!

Tipps vom Profi

Wachsen – aber richtig!

Mario Stecher erklärt, worauf es beim Wachsen von Langlaufski ankommt

Text: Julia Tapfer, Bild: Johannes Mair / Alpsolut

Das Skiwachsen ist eine Wissenschaft für sich. Mario Stecher, ehemaliger Nordischer Kombinierer und heute sportlicher Leiter für Kombination und Skispringen im ÖSV, zeigt Schritt für Schritt, was Amateure beim Wachsen von Langlaufski von den Profis lernen können.

Ein gut oder schlecht gewachster Langlaufski entscheidet im Profisport über Sieg oder Niederlage. Das weiß Mario Stecher nur zu gut. Der gebürtige Steirer war 24 Jahre lang Teil des ÖSV-Teams der Nordischen Kombinierer und fuhr dort Weltcup- und Olympiasiege ein. Wenn er heute seine Skatingski wachst, dann macht er das aber sehr entspannt. 2015 hat Stecher seine Profikarriere beendet und steht seitdem nicht mehr für Wettkämpfe, sondern nur noch zum privaten Vergnügen auf Skiern.

„Sodala, a Schürze braucht‘s“, sagt Mario Stecher und schmunzelt, während er sich diese umbindet. In einem Skikeller in Seefeld, direkt neben der Loipe, sucht er sich alles zusammen, was er braucht, um in die Kunst des Wachsens von Langlaufski einzuführen: Bürsten, Wachs, Bügeleisen und verschiedene andere kleine Werkzeuge legt er sich auf dem Werktisch bereit, dann greift er sich seinen Ski und stellt gleich zu Beginn klar: „Wenn man ganz ehrlich ist, muss man zugeben, dass ein normaler Athlet vom Wachsen im Profibereich kaum Ahnung hat. Das Skiwachsen ist eine Wissenschaft für sich.“ Zur Skipräparierung vor Wettkämpfen brauche man Spezialisten. „Bei den Nordischen Kombinierern sind momentan sieben Serviceleute für ungefähr gleich viele Athleten angestellt“, veranschaulicht Stecher. Diese Experten tüfteln das ganze Jahr über an neuen Schliffen und probieren verschiedene Wachse aus, um immer auf dem neusten Stand zu sein. Ständig gibt es nämlich technische Innovationen, die im Wettkampf vielleicht die entscheidenden Sekunden einbringen.

© GEPA / Christian Walgram

Mario Stecher

Der gebürtige Steirer startete am 24. Jänner 1993 das erste Mal bei einem Weltcup in Saalfelden, auf den Tag genau 22 Jahre später fuhr er sein letztes Weltcuprennen in Sapporo. In der Zeit dazwischen holte er mit seinem Team zweimal Gold und zweimal Bronze bei den Olympischen Spielen, wurde zweimal Weltmeister und dreimal Vize-Weltmeister. Zudem fuhr er auch zwölf Einzel-Weltcupsiege ein. Seit Frühjahr 2018 ist er sportlicher Leiter für Skispringen und Nordische Kombination im ÖSV. Stecher lebt er mit seiner Frau Carina und den beiden Söhnen im Pitztal in Tirol. 

Warum überhaupt wachsen?

Wenn der Ski über den Schnee gleitet, entsteht bei der Reibung Wärme, die wiederum die Schneepartikel an der Oberfläche zu feinen Wassertröpfchen schmelzen lässt. Der dünne Wasserfilm ist eine Art Schmiermittel und Voraussetzung für ein gutes Gleitverhalten des Skis. Ist die Wasserschicht allerdings zu dick – zum Beispiel, weil die Reibung zu hoch ist und der Schnee zu schnell schmilzt – ist das Gegenteil der Fall und es entsteht eine bremsende Saugwirkung.

Durch das Wachs kann man Einfluss auf das Gleitverhalten des Skis nehmen. Je nach Temperatur, Feuchtigkeit oder Dichte des Schnees greift der Servicemann zum passenden Wachs – die Entscheidung, welches das ist, ist aber alles andere einfach. Besonders schwierig ist das Skipräparieren bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. „Da passieren ganz oft Überraschungen. Dass Ski zum Beispiel hervorragend funktionieren, auch wenn man es nicht für möglich gehalten hätte“, erklärt Mario Stecher die Komplexität des Themas.

Seit letztem Jahr ist Mario Stecher als sportlicher Leiter für Skispringen und Nordische Kombination im Österreichischen Skiverband tätig.
© EXPA / Dominik Angerer

Nicht nur das Wachs, sondern bereits die Struktur des Skibelags hat Einfluss auf das Gleitverhalten. In den Belag ist nämlich eine grobe oder feine Struktur eingearbeitet. Man unterscheidet „kalte“ und „warme Ski“, gibt also an, ob ein Ski bei kalten oder warmen Temperaturen das beste Gleitverhalten zeigt: „Bei kaltem Schnee fährt man eher einen kalten Ski mit feiner Struktur, bei warmem Schnee hat der Ski eher eine grobe Struktur“, erklärt Stecher, während er mit dem Finger sanft über seinen Ski streift. Im Amateurbereich ist diese Unterscheidung freilich nicht so wichtig, denn meistens ist einfach eine Universalstruktur eingearbeitet. Profisportler hätten hingegen mindestens zehn Paar Ski, die für Rennen infrage kommen. „Wenn man die verschiedenen Trainingsski auch dazuzählt, kommt man in einer Saison schon auf 30 bis 40 Paar“, führt der ehemalige Nordische Kombinierer aus. Jetzt will er aber zeigen, welche Tipps ein Hobbylangläufer beachten kann, um ein ideales Grundwachs auf seine Ski aufzutragen.

Säubern

Mario Stecher spannt seinen Ski in den sogenannten „Wachslbock“ ein und nimmt eine Bürste in die Hand: „Der erste Schritt ist das Saubermachen. Mit einer Messing- oder Kupferbürste wird Schmutz und altes Wachs aus dem Ski gebürstet. Wenn der Schnee im Frühjahr schon sehr schmutzig ist, kann man auch einen Wachsentferner benutzen“, führt der Sportler aus. Im Normalfall reiche es aber aus, den Belag der Ski gut auszubürsten. Wichtig ist, vor dem Wachsen auch nochmals zu kontrollieren, ob die Kanten der Ski in Ordnung oder ob sie beschädigt sind. Im Unterschied zum alpinen Ski zeichnen sich Langlaufski – egal ob im Klassik- oder Skatingbereich – durch abgerundete Kanten aus.

Mario Stecher zeigt die einzelnen Schritte der Skipräparierung vor.

Wachsen

Wenn der Ski sauber ist, fängt das eigentliche Wachsen an. Und hier hat man im wahrsten Sinne des Wortes die Qual der Wahl. Es gibt Wachs sowohl in Pulverform, als Block oder auch in Stifte gepresst. Bei Letzterem spart man sich das Auftragen mittels Bügeleisen, das Wachs wird einfach auf den Belag gerieben. „Für den normalen Langläufer funktioniert das durchaus für circa zehn Kilometer, sportlich ambitioniertere sollten aber mit Bügeleisen arbeiten“, ist Mario Stechers Tipp. Die Wahl des Wachses hängt wiederum von Temperatur bzw. Schneefeuchtigkeit ab. Grundsätzlich gilt: Je kälter es ist, desto härter das Wachs. Je feuchter der Schnee, desto weicher das Wachs. In diesem Fall spricht man von einem „warmen Wachs“, das häufig Fluor enthält. Dieses verhindert, dass der Ski am Boden ansaugt, da es wasserabweisend ist. „Es ist ein bisschen so wie der Lotusblüteneffekt“, versucht es der Sportler zu verdeutlichen. Während für den Skatingski nur Gleitwachs benötigt wird, braucht man für den Klassik-Ski auch Steigwachs, das in der Mitte des Skis für den nötigen Grip sorgt.

Bügeln

Das Bügeleisen ist inzwischen heiß. Mario Stecher nimmt es routiniert in die Hand und führt den Wachsblock dagegen, damit dieser schmilzt. Dann gibt es unterschiedliche Techniken, es auf den Ski aufzutragen. Manche Langläufer reiben es einfach auf den Belag, andere lassen es drauftropfen. „Das ist jedem selbst überlassen, wie er es lieber hat“, meint Stecher und erinnert daran, auch Kanten und Rille beim Bügeln nicht zu vergessen. Wichtig ist zudem, zügig über den Ski zu gleiten. Vor allem bei fluorhaltigen Wachsen ist das essentiell: „Wenn man da einmal zu lang mit dem Bügeleisen stehenbleibt, ist der Belag kaputt“, warnt der ehemalige Profisportler. Grundsätzlich gilt: Ein kaltes Wachs braucht mehr Temperatur beim Bügeln als ein warmes. Steigt Rauch vom Bügeleisen auf, ist dieses aber zu heiß eingestellt.   

Abziehen und bürsten

Nach dem Bügeln lässt man den Ski abkühlen, bevor es ans Abziehen des Wachses geht. Mit dem „Rillenputzer“ entfernt man das überschüssige Wachs aus der Rille, danach kommt die Abziehklinge für den Belag zum Einsatz. Diese ist meist aus Plexiglas und deren Kante sollte gut geschärft sein. „Hier kann man richtig mit Druck arbeiten“, sagt Stecher, während er die Klinge in Laufrichtung – also vom hinteren Ende des Skis nach vorne – führt. Schließlich wird der Ski noch ausgebürstet. Man beginnt mit der härtesten Bürste (einer Messing- der Kupferbürste) und arbeitet sich schrittweise zu den weicheren wie etwa Plastikbürsten vor. Das Finish erhält der Ski mit einer Rosshaarbürste und einem Seidenstrumpf, mit dem man den Ski säubert. „Der Ski muss glänzen“, schmunzelt Mario Stecher, als er den letzten Schritt durchführt. Im Profibereich würde man auf den Grundwachs noch bis zu drei weitere Schichten auftragen, indem man alle Schritte nacheinander wiederholt. Der Amateursportler ist jetzt aber schon bereit für die Loipe.

Das Wachsen hat Mario Stecher schon als Kind von seinem Vater gelernt. „Bevor man mit circa 15 Jahren in den Skiverband einsteigt, hat man im Nordischen Bereich eigentlich nie einen Servicemann. Oft helfen einem die Eltern und sonst steht man auch viel alleine im Skikeller beim Wachsen“, erinnert sich Stecher an seine eigene Anfangsphase. Das Wachsen sei schon immer sehr wichtig gewesen, aber in den letzten Jahrzehnten habe es riesige technische Fortschritte gegeben. Und auch die Zuständigkeiten hätten sich verändert: „Wenn ich daran denke, dass ich 1994 noch bis halb zwei Uhr morgens im Skikeller stand und meine eigenen Ski für die Olympischen Spiele am Tag danach gewachst habe ... Hier hat sich schon extrem viel getan“, so der ehemalige Profi.

„Man gewinnt gemeinsam und verliert gemeinsam.“ Mario Stecher

„Wenn das Rennen gut geht, gewinnt der Athlet. Wenn es schlecht geht, kritisiert man das Wachsteam“, schreibt Mario Stecher in seinem autobiographischen Ratgeber „Ausdauernd erfolgreich“ und macht damit auf die oft schwierige Position des Serviceteams aufmerksam. An die Weltspitze könne man allerdings nur fahren, wenn Athlet und Serviceleute gut als Team funktionieren. „Man gewinnt gemeinsam und verliert gemeinsam“, weiß Mario Stecher aus Erfahrung.

Seit dem Ende seiner Profikarriere ist Mario Stecher als Coach und Speaker tätig. Von seiner Zeit als Nordischer Kombinierer vermisst er das Skispringen am meisten. Das Gefühl, durch die Luft zu gleiten, sei einfach einzigartig. Auch wenn er darauf nun verzichten muss, ist Sport immer noch ein wichtiger Teil seines Lebens. Ob auf der Loipe, der Piste oder dem Rad oder auch als Betreuer im ÖSV – ein Leben ohne Sport wäre für Stecher unvorstellbar. Umso motivierter ist er für die Nordische-Ski-WM 2019 in Seefeld.

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