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Ein Skitag mit Benjamin Raich

Auf der Piste unterwegs

Ein Skitag mit Benjamin Raich

Beim Skifahren mit dem Ex-Profi am Hochzeiger

Text: Simon Leitner, Bild: Severin Wegener, Johannes Mair / Alpsolut

In seiner Karriere als Skirennläufer ging es für Benjamin Raich auf der Piste immer darum, das Maximum aus sich herauszuholen. Trotz dieses Drucks schaffte er es jedoch, sich den Spaß am Fahren stets zu bewahren. Sport.tirol hat den Pitztaler bei einem Skitag auf seinem Hausberg begleitet.

Seine Karriere war, wenn man so will, schon früh vorgezeichnet. Bereits als Zweijähriger wurde er von seinen Eltern, die ihm auf der Böschung vor dem Familienhaus erstmals ein Paar Skier umschnallten, mit jenem Sportgerät vertraut gemacht, mit dem er später internationale Berühmtheit erlangen sollte. In den fast vier Jahrzehnten, die seitdem vergangen sind, ist viel passiert: Der Bub von damals wurde im Laufe der Zeit zu einem der erfolgreichsten Skirennläufer Österreichs, triumphierte unter anderem dreimal bei Weltmeisterschaften sowie zweimal bei Olympischen Winterspielen und beendete schließlich, etwa 16 Jahre nach seinem ersten Weltcupsieg und kurz vor der Geburt seines ersten Kindes, seine sportliche Laufbahn. Eines hat sich in all der Zeit jedoch nicht geändert, nämlich die Freude, die Benjamin Raich empfindet, wenn er auf Skiern unterwegs ist.

Benjamin Raich hat noch immer Spaß auf der Piste – und das, obwohl das Skifahren für ihn jahrelang auch ein Job war. 

Vor der Haustür

Die ungebrochene Leidenschaft fürs Skifahren sieht man Raich auch heute, beim Skitag am Hochzeiger, an, wo er im Winter regelmäßig seine Schwünge zieht. Zwar ist das Skigebiet verhältnismäßig klein, doch der 41-Jährige schätzt es trotzdem: „Der Hochzeiger ist quasi mein Hausberg, wo ich Skifahren gelernt und während meiner aktiven Zeit viel trainiert habe“, erzählt er, während ihn der Sessellift nach oben bringt. „Das Gebiet ist nicht riesengroß, aber man findet hier viele gute Hänge und ein wunderschönes Panorama. Unter Wintersportlern ist es eine Art Geheimtipp.“

Die Qualität der Skipisten und die sich dort bietenden Ausblicke sind jedoch nicht der einzige Grund, warum der Pitztaler den Hochzeiger gegenüber vielen anderen Skigebieten bevorzugt. Auch die Nähe zu seinem Heimatort Oberleins spielt eine maßgebliche Rolle dabei. „Natürlich gibt es auf der ganzen Welt schöne Gegenden zum Skifahren, vor allem bei uns in Tirol“, erklärt Raich. „Aber für mich hat es auch Charme, wenn ich einfach mal schnell ins Auto springen kann und nicht weit fahren muss, um einen Tag auf einer guten Piste zu verbringen.“ Deshalb, meint er schmunzelnd, gehöre der Hochzeiger für ihn zu den besten Skigebieten überhaupt.

Gerade mal 15 Minuten benötigt Raich von seiner Haustür bis zur Gondel, sodass er sich, sollte er Lust und Laune dazu haben, auch kurzfristig für einen Tag oder ein paar Stunden im Schnee entscheiden kann. Und das passiere tatsächlich gar nicht so selten: „Eigentlich entschließe ich mich mittlerweile meist spontan dazu, Ski fahren zu gehen. Wenn es mich zum Beispiel in der Früh packt, dann bin ich eine Viertelstunde später beim Lift, das geht wirklich ganz flott“, sagt Raich, der damit auch heute noch in gewisser Weise oftmals der Schnellste auf der Piste ist.

Ansporn und Anspruch

Schnell sein und schneller werden – genau das war für Raich lange Zeit der größte Ansporn beim Skifahren. Dementsprechend hatte er während seiner Zeit als aktiver Rennläufer stets ein klares Ziel vor Augen, sobald es für ihn auf die Piste ging, unabhängig davon, ob er sich gerade in der Trainingsphase befand oder nicht. „Natürlich gab es auch Tage, an denen die Gaudi im Vordergrund stand. Wenn ich etwa mit Freunden unterwegs war“, so der Pitztaler. „Aber grundsätzlich wollte ich mich immer, selbst beim freien Skifahren, verbessern und weiterentwickeln. Das war schon so, als ich noch ein junger Bursche war, und hat sich natürlich auch als arrivierter Skifahrer nicht geändert.“

"Grundsätzlich wollte ich mich immer, selbst beim freien Skifahren, verbessern und weiterentwickeln." Benjamin Raich

Dabei ist Raich zufolge vor allem eines notwendig, um Fortschritte erzielen zu können: „Man muss aufmerksam und vollkommen bei der Sache sein, damit man spürt, was mit dem Körper passiert. Diese Frische im Kopf braucht es einfach, wenn man besser werden möchte.“ Er selbst habe sich deswegen immer schon im Vorhinein überlegt, was er mit der jeweiligen Einheit auf der Piste erreichen will, und sich auch am Vortag geschont, damit er das Training möglichst ausgeruht angehen kann. „Ich wollte die Dinge, die ich mache, einfach bewusst spüren und mich ganz aufs Fahren konzentrieren können“, erklärt Raich, dessen Trainingseinheiten bis ins letzte Detail geplant und durchgetaktet waren.

Seit dem Ende seiner Karriere ist dies freilich etwas anders: Zwar bemühe er sich, wenn er Ski fahren gehe, weiterhin um ein gewissen Grad an Ernsthaftigkeit, im Allgemeinen sei er aber längst nicht mehr so fokussiert, wie er mal war. „Ich versuche natürlich, jene Spannung aufzubauen, die nötig ist, wenn man ordentlich fahren will“, so der Tiroler. „Aber ich merke, dass ich dabei mit den Gedanken oft auch ganz woanders bin. Früher wäre das undenkbar gewesen.“ Zu sagen, er würde nun ausschließlich zum Spaß Ski fahren, wäre jedoch irreführend, meint Raich: „Das klingt nämlich so, als hätte ich früher keinen Spaß daran gehabt, und das stimmt einfach nicht. Skifahren war und ist schließlich meine Leidenschaft, es hat mir immer Freude gemacht, auch, als es mein Job war und gewisse Opfer erforderte.“

Einkehrschwünge musste Raich während seiner Zeit als Profi meist auslassen. Heute gönnt er sich allerdings mehr.

Kleine Freuden

Jene Zugeständnisse, die Profisportler machen müssen, um erfolgreich zu sein, sind für Raich nun jedenfalls passé. Er kann einen Skitag wie heute, wenn er denn möchte, ganz entspannt angehen und dabei nicht zuletzt Dinge tun, die ihm als Aktiver meist verwehrt geblieben sind. Darunter fällt unter anderem auch ein gemütlicher Einkehrschwung, der für den Pitztaler nun ein fester Bestandteil eines gelungenen Tags am Berg ist. „Natürlich haben mich Einkehrschwünge auch früher immer mal wieder angeschaut“, gibt Raich zu. „Aber das Training ging einfach vor.“ 

Mittlerweile setzt er sich jedoch gern nach dem Skifahren in die Alm, um einen Kaffee oder mal ein Glas Wein zu trinken und etwas Gutes zu essen – zum Beispiel, wie heute am Hochzeiger, einen Apfelstrudel. Unabhängig davon achtet der 41-Jährige aber weiterhin, auch nach seiner Karriere, sehr auf das, was er zu sich nimmt. „Als Profisportler ist die richtige Ernährung natürlich das Um und Auf. Für mich persönlich war es eine der größten Herausforderungen, mich ordentlich zu ernähren“, erläutert Raich. „Heute gönne ich mir grundsätzlich mehr, schaue allerdings trotzdem immer auf Qualität und Regionalität.“

Abgesehen von einer guten Mahlzeit gehören für Raich auch gute Pistenverhältnisse sowie eine nette Gesellschaft mit zu einem perfekten Skitag dazu. Dabei ist ihm besonders wichtig, mit Leuten unterwegs zu sein, „die nicht nur herumstehen, sondern ebenfalls viel und ernsthaft Skifahren gehen wollen“. Das Wetter spielt für ihn hingegen keine besonders große Rolle, wie er sagt: „Es muss nicht immer strahlender Sonnenschein wie heute sein, ich gehe ebenso gerne auf die Piste, wenn es schneit.“

Durch und durch (Ex-)Profi

Raich mag inzwischen zwar in vielerlei Hinsicht einen anderen Zugang zum Skifahren (gefunden) haben, in manchen Bereichen merkt man ihm seine Zeit als professioneller Rennläufer aber natürlich noch an. Mitunter am auffälligsten in dieser Hinsicht ist der Umstand, dass er sich stets ausgiebig aufwärmt, bevor er sich auf den Hang wagt. „Aufwärmübungen sind ein Standardprogramm, das ich eigentlich jedes Mal mache“, so der Pitztaler, der seinen Kreislauf am heutigen Tag mit Beinschwüngen, Kniebeugen und Dehnübungen in Schwung gebracht hat. „Vor allem in der Früh, wenn die Glieder noch steif und die Muskeln noch nicht bereit sind, ist es extrem wichtig, sich richtig aufzuwärmen.“ Das beuge Verletzungen nicht nur vor, sondern helfe auch dabei, die Folgen von etwaigen Stürzen abzuschwächen.

Dass Raich sich aufgrund seiner Vergangenheit bestens mit der Materie auskennt, zeigt sich nicht zuletzt im Umgang mit seiner Ausrüstung, auf die er viel Wert legt. Er interessiert sich nicht nur für Neuheiten auf diesem Gebiet, sondern sorgt auch dafür, dass sein Equipment immer bestens gewartet ist. Zu Hause in seinem Skikeller, in dem er auch nach dem heutigen Skitag seine Ausrüstung verstaut, findet sich das dafür nötige Werkzeug. „Bei Skiern ist es ähnlich wie bei Rädern oder Autos: Man sollte einfach regelmäßig einen Service machen“, meint Raich. „Das gilt vor allem dann, wenn man mal aus Versehen einen Stein erwischt hat.“

Doch nicht nur die Skier, auch die dazugehörigen Schuhe und Stöcke müssen für den Pitztaler genau passen. Gerade Letztere werden im Gegensatz zu Skiern ja häufig vernachlässigt, und das, obwohl ihnen beim Skifahren eine wichtige Funktion zukommt. Durch die Skistöcke werde nämlich die sogenannte Unterstützungsfläche erhöht, wodurch es leichter falle, auch unter schwierigen Bedingungen die Balance zu halten. „Und das“, erklärt Raich lächelnd, „ist ganz wichtig – nicht nur beim Skifahren, sondern überhaupt im Leben.“

Benjamin „Benni“ Raich, geboren am 28. Februar 1978 in Leins im Pitztal, zählt zu den erfolgreichsten Skirennläufern Österreichs. Er trat in den Disziplinen Slalom, Riesentorlauf, Super-G, Abfahrt und Kombination an und galt am Höhepunkt seiner Karriere als bester Techniker im Skirennsport, wurde unter anderem dreifacher Weltmeister, Doppelolympiasieger, Gesamtweltcupsieger und 36-facher Weltcupsieger. 2015 zog sich Raich aus dem Rennsport zurück. Heute lebt er mit seiner Frau Marlies und seinen zwei Kindern im Pitztal.

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