Ich wollte die Sensation schaffen

FIS Skiweltcup Lienz

Ich wollte die Sensation schaffen

Seit 1997 zählt Lienz zum Austragungsort von Damen-Weltcuprennen.

Text: Eva Schwienbacher, Header-Bild: GEPA

Seit 52 Jahren trägt Osttirol Skiweltcuprennen aus, seit 24 Jahren den Damenslalom und -riesentorlauf. Marlies Schild und Bernhard Gstrein haben in Lienz Skigeschichte geschrieben. Die Ex-Skistars und OK-Chef Werner Frömel erzählen, welche Bedeutung der Austragungsort für sie hat.

Marlies Schild: Die Slalom-Queen

Sie sind vor der Schwedin Anja Pärson mit vier Siegen bisher die erfolgreichste Läuferin in Lienz. Was verbinden Sie mit den Rennen in Osttirol?
Marlies Schild: 
Rennen in Österreich waren für mich immer etwas Spezielles. In Lienz war und ist die Stimmung besonders gut. Die Veranstalter lassen sich immer etwas einfallen. Ich kann auch die Strecke in Lienz sehr. Es waren am meisten schwierige Rennen, was mir aber sehr entgegengekommen ist. Für mich als Saalfeldnerin fühlten sich die Rennen außerdem wie Heimrennen an.

Welcher von Ihren vier Siegen ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben? 
Das war eindeutig mein Comeback-Sieg im Jahr 2009, als ich nach einer schweren Verletzung wieder am Start stand. Es war der vierte Wettkampf der Saison, den ich mit einem Vorsprung von über 1,8 Sekunden gewonnen habe. Es war ein sehr schwieriges Rennen. Ich war extrem nervös. Niemand durfte mich an diesem Tag ansprechen. Die Piste war hart und anspruchsvoll – das lag mir aber grundsätzlich. Ich wusste, wenn es mir gelang, mein Potenzial voll auszuschöpfen, könnte ich vor meinem Heimpublikum ganz oben am Podium stehen. Das war mein Traum, der sich endlich erfüllte. Nach dem ersten Durchgang war das Gefühl wieder da, das es braucht, um ein Rennen zu gewinnen. 

War war an jenem 29. Dezember 2009 erfolgsentscheidend? 
Ich habe wahrscheinlich den Druck von den Zuschauern gebraucht und wollte vor dem Heimpublikum die Sensation schaffen. Im ersten Durchgang gewann ich wieder Spaß am Rennfahren. Deshalb konnte ich mit Selbstvertrauen und einem guten Gefühl in den zweiten Durchgang starten.

Marlies Raich @ GEPA

Seit Ihrem Rücktritt im September 2014 aus dem Skisport hat sich in Ihrem Leben einiges verändert. Sie sind nun dreifache Mutter. Wie verfolgen Sie im Winter die Rennsaison? 
Ich schaue mir jedes Rennen an. Außerdem schreibe ich auch eine Kolumne über das Geschehen im Skisport, weil ich natürlich immer auf dem aktuellen bin. Außerdem fahre ich nach wie vor gerne selbst Ski, wenn es die Zeit erlaubt.  

Zur Person:
Marlies Schild (verheiratete Raich) aus Saalfelden ist mit 35 Slalomsiegen in dieser Disziplin eine der erfolgreichsten Läuferinnen der Weltcupgeschichte. 2005, 2009, 2011 und 2013 gewann die Wahltirolerin die Slalomrennen in Osttirol. Zwei Siege stechen dabei hervor: Nur ein Jahr nach ihrer schweren Verletzung im Jahr 2008 fuhr sie in Lienz beim Slalom mit dem Rekordvorsprung von 1,83 Sekunden auf Platz eins. Hervorzuheben ist auch ihr Sieg vor sechs Jahren, als sie in Lienz ihren 35. Slalomsieg feierte. Erst 2018 wurde dieser Rekord von der Amerikanerin Mikaela Shiffrin gebrochen. Sie ist mit Ex-Skistar Benjamin Raich verheiratet und hat drei Kinder.

Bernhard Gstrein: Der Sensationssieger

Viele verbinden die Weltcuprennen in Osttirol mit Ihrem Sieg gegen Alberto Tomba 1988, der doch eine große Sensation war. Was verbinden Sie mit Lienz?
Bernhard Gstrein: 
Ich habe schöne Erinnerungen an Lienz. Zum einen wegen des Siegs gegen Tomba, zum anderen war ich immer wieder dort, um zu trainieren bzw. Rennen zu fahren. Kurz vor dem Weltcuprennen im Jahr 1988 fand in Lienz ein FIS-Rennen statt, das habe ich gewonnen. Daher ging ich mit einem guten Gefühl ins Weltcuprennen. Außerdem habe ich auch einen persönlichen Bezug zu Lienz, da mein Vater viele Skilehrer aus Osttirol in seiner Skischule beschäftigte. 

Wie haben Sie den Sieg gegen den damaligen Slalomstar Tomba erlebt? 
Bei der Startnummernauslosung am Tag vor dem Rennen habe ich die Nummer eins gezogen. Das gab mir ein gutes Gefühl. Ich kann mich erinnern, dass ich meinen Vater anrief, um ihm zu sagen: „Papa, morgen kannst du den Fernseher aufdrehen.“ Als ich im ersten Durchgang ohne Fehler Schnellster wurde, wusste ich, dass ich es schaffen. Denn bei laufendem Rennen war ich zwar schnell, allerdings passierten mir immer wieder Fehler, wie Einfädler. Beim zweiten Durchgang hörte ich die Fans toben und wusste, dass Alberto schnell war. Da gab es nur noch eins für mich: Vollgas geben.

Bernhard Gstrein (c) ÖSV 

Seit Ihrer Zeit als aktiver Sportler sind über 20 Jahre vergangen. Was sind die größten Veränderungen im Skisport aus Ihrer Sicht? Das kann ich nur von außen beurteilen. Mit Sicherheit hat sich beim Material viel getan. Außerdem wurde die Betreuung individueller, viele Rennläufer haben einen persönlichen Trainer. Es gab sicher eine Professionalisierung des Sports. 

Zur Person:
Der Tiroler Bernhard Gstrein war von 1984 bis 1996 Skirennläufer und vor allem im Slalom, aber auch im Riesentorlauf und in der Kombination erfolgreich. In seiner zwölfjährigen Weltcupkarriere erreichte Gstrein 42 Top-10-Ergebnisse (35 Mal im Slalom und sieben Mal im Riesenslalom). 1988 gewann er das Slalomrennen in Lienz. Bei den Olympischen Winterspielen 1988 in Calgary holte er Silber in der Kombination und 1984 wurde er österreichischer Meister im Slalom und in der Kombination. Heute führt er die Salomon Station, ein Sport- und Event-Center, in Sölden.

Werner Frömel: Der Organisator

Seit 1988 organisieren Sie das Weltcuprennen in Lienz. Was waren Ihre persönlichen Highlights in den letzten Jahren?
Werner Frömel: 
Das Jahr 1988 war in der 50-jährigen Weltcupgeschichte ein absolutes Highlight. Damals sprangen wir für Bad Wiessee ein, wo das Slalomrennen aufgrund von Schneemangel nicht ausgetragen Werden konnte. Dem Tiroler Bernhard Gstrein gelang es damals vor einem tobenden Publikum – darunter waren zahlreiche Italiener –, einen bis dahin ungeschlagenen Alberto Tomba zu besiegen. Lienz war immer gut für Rekorde: Marlies Schild hat hier ihren 35. Weltcupsieg gefeiert, Anna Veith gewann in Lienz ihr allererstes Weltcuprennen – damals noch als Anna Fenninger – und die Top-Favoritin Mikaela Shiffrin fuhr in Lienz mit Rang drei überhaupt das erste Mal aufs Podest bei einem Slalomrennen.   

Was wünschen Sie sich für das Rennen 2021? Ich wünsche mir natürlich einen österreichischen Erfolg. Ob sich das bewahrheitet, werden wir sehen. 

Werner Frömel @ Skiclub Lienz  

Werfen wir einen Blick in die Zukunft. Was sind die Pläne für Lienz für die kommenden Jahre? Wir sind auf alle Fälle gewillt, auch in Zukunft den Skiweltcup in Lienz auszutragen. Es geht darum, ein Gesamtbudget von einer Million Euro aufzubringen. Bisher haben die Stadtgemeinde Lienz und der Tourismusverband Osttirol die Veranstaltung mit einem Budget von 200.000 Euro mitgetragen. Von diesen beiden Institutionen sowie vom Österreichischen Skiverband gibt es positive Signale. Ich bin daher zuversichtlich, dass wir zu einem positiven Abschluss kommen und die Rennen bis 2025 in Lienz stattfinden. 

Zur Person: 
Werner Frömel ist Präsident des Skiclub Lienz, Funktionär im Tourismusverband Osttirol und im Aufsichtsrat der Lienzer Bergbahnen AG. Seit 1996, mit der Austragung der Snowboard-WM, steht er dem Organisationskomitee Lienz vor.

52 Jahre Lienz
1969 wurden in Lienz am Hochstein und am Zettersfeld die ersten Skiweltcuprennen von Damen und Herren ausgetragen. 1996 veranstaltete Lienz die allerersten Snowboard-Weltmeisterschaften der FIS. 1997 fand das erste Damenweltcuprennen statt. Seither veranstaltet Lienz alle zwei Jahre – immer wieder mit dem Semmering – Slalom und Riesentorlauf für die Damen. Lienz feiert heuer die dreizehnte Austragung innerhalb der letzten 24 Jahre.