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Dorado des Langlaufsports

Nordische Ski-WM 2019 in Seefeld

Dorado des Langlaufsports

Wie Seefeld zum Hotspot der Nordischen Disziplinen wurde

Text: Simon Leitner, Bild: Schaadfoto/Frischauf Bild

Seefeld gilt heute sowohl bei Breiten- als auch bei Profisportlern als ausgewiesene Langlaufdestination. Doch dem ging ein langer Prozess voraus, der mit den Olympischen Winterspielen 1964 in Innsbruck seinen Anfang nahm und eng mit der touristischen Entwicklung Seefelds verbunden ist. Ein Rückblick.

Langlaufen und Seefeld – für viele gehört das einfach zusammen. Nicht nur Hobbysportler, auch Spitzenathleten aus dem In- und Ausland nützen das Loipenangebot in der Tiroler Gemeinde regelmäßig zum Training und zur Vorbereitung auf sportliche Großereignisse wie Weltcupbewerbe oder Nordische Skiweltmeisterschaften. Solche Veranstaltungen waren es schließlich auch, die in der Vergangenheit maßgeblich zur Reputation Seefelds als Hotspot für Langläufer beigetragen haben. Doch nicht allein: Die Bemühungen des örtlichen Tourismusverbandes unter dem damaligen Geschäftsführer Walter Frenes, der sich seit den 1960er Jahren stark um die Popularisierung des Langlaufsports verdient gemacht hat, spielen in dieser Hinsicht mindestens eine ebenso große Rolle.

Der Startschuss

Die Geschichte des Langlaufsports in Seefeld geht zurück bis in die 1960er Jahre, als Innsbruck vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) den Zuschlag für die Olympischen Winterspiele 1964 erhielt und Seefeld in der Folge zum Austragungsort der nordischen Bewerbe bestimmt wurde. Aufgrund ihrer Topografie und insbesondere ihrer Schneesicherheit schien die Tiroler Gemeinde ideal dafür geeignet, die Wettkämpfe in den Disziplinen Langlaufen, Skispringen und Nordische Kombination auszurichten. Diese Entscheidung sollte sich im Hinblick auf den schneearmen Winter 1964 nicht nur als goldrichtig für die Spiele erweisen, sondern am Ende auch große Auswirkungen auf die Entwicklung des Wintersports in Seefeld haben.

Denn im Rahmen der Vorbereitung auf Olympia reiste Walter Frenes mit einer Abordnung zum Holmenkollen nach Oslo, um sich über die nordischen Disziplinen und die Abwicklung der Wettkämpfe zu informieren. Und ebendort, beim Besuch einer Langlaufveranstaltung für jedermann, kam ihm schließlich erstmals der Gedanke, dass die Sportart eigentlich auch ganz gut zu seiner Heimatgemeinde passen könnte.

„Bevor wir nach Norwegen gereist sind, kannten wir das Langlaufen ausschließlich in Verbindung mit Rennen“, erinnert sich Frenes zurück. „Nun sahen wir aber plötzlich tausende Menschen, die aus purem Vergnügen auf Langlaufskiern unterwegs waren und damit gemütlich in die Wälder zogen. Das war eine absolute Massenbewegung. Und ich dachte mir: Wieso machen wir das nicht einfach auch bei uns?“ Frenes war nämlich damals schon klar, dass Seefeld im Bereich des alpinen Skilaufs langfristig nicht mit den großen Wintersportorten konkurrieren kann und sich folglich nach einem alternativen Angebot umsehen musste. Da kam das Langlaufen gerade recht.

Sixten Jernberg (SWE) gewann bei Olympia 1964 das Langlaufrennen über 50 Kilometer, der Finne Eero Mäntyranta (r.) holte sich hingegen in den Bewerben über 15 und 30 Kilometer jeweils Gold.  

Skiwandern statt Langlaufen

Die Etablierung der Sportart am Seefelder Plateau erwies sich allerdings als gar nicht so einfach, denn Langlaufen hatte damals generell einen schweren Stand in Tirol – auch Olympia konnte daran erst mal nichts ändern. In den meisten Wintersportorten des Landes setzte man weiterhin auf den alpinen Skilauf, der auf eine lange Tradition verweisen konnte und und sich einfach als viel beliebter in der breiten Bevölkerung ausnahm. „Das Problem war, dass der Langlaufsport bei uns bis dahin nur als Rennsport bekannt war und einen wirklich schlechten Ruf hatte“, erklärt Frenes. „Die Leute haben gesehen, wie Langläufer am Ende der Rennen völlig entkräftet zusammenbrechen, und sich gedacht: Warum soll ich mir das antun, das kann ja nicht schön sein. Wir taten uns lange schwer, da herauszukommen.“

Um der Skepsis vonseiten der Bevölkerung entgegenzuwirken, wurden von Frenes und seinem Team diverse Maßnahmen gesetzt. Unter anderem versuchte man etwa, einen neuen Begriff zu begründen: Statt „Langlaufen“ sprach man in Seefeld nun plötzlich vom „Skiwandern“ und propagierte dies bewusst als Breitensport, der für Menschen jedes Alters und jeder Könnerstufe geeignet sei. Seefeld wiederum wurde als „Dorado der Skiwanderer“ beworben, während bei der Seekirche Spaziergänger direkt von einem Mitarbeiter des Fremdenverkehrsverbands angesprochen und gefragt wurden, ob sie nicht mal Lust hätten, sich auf Langlaufskiern zu versuchen.

Neben der Schaffung eines neuen Bewusstseins für das Langlaufen brauchte es damals jedoch vor allem eines – geeignete Loipen. „Bei den Olympischen Spielen haben noch etwa 50 Bundesheersoldaten die Spuren gezogen“, erläutert Frenes. „Danach waren wir jedoch völlig auf uns allein gestellt. Und da wir nur drei Bauhofmitarbeiter hatten, von denen noch dazu zwei recht wackelig auf Skiern gestanden sind, mussten wir beim Bau der Loipen improvisieren.“

Die Langläufer lieferten sich 1964 in Seefeld harte Kämpfe.

Nach jahrelangem Tüfteln und verschiedenen, mehr oder weniger erfolgreichen Versuchen – etwa mit beschwerten Skiern, die von einem Skidoo nachgezogen wurden – entwickelte man schließlich in Zusammenarbeit mit einem Pistengerätehersteller eine kleine Vorrichtung, mit der Spuren gezogen werden konnten. „Dieser ganze Prozess hat zwar von 1965 bis 1972 gedauert, dafür waren wir aber dann die Ersten, die wirklich gute Spuren anbieten konnten. Sogar die Skandinavier sind damals zu uns gekommen und haben sich angeschaut, wie wir das machen“, so Frenes.

So eignete man sich in Seefeld über die Jahre zunehmend Know-how im Bereich Langlaufen an, was nicht nur zur touristischen Entwicklung, sondern auch zur sportlichen Reputation der Region beitrug. Die Olympischen Winterspiele 1976 in Innsbruck, bei denen Seefeld abermals als Schauplatz der nordischen Bewerbe fungierte, sorgten dabei nochmal für einen zusätzlichen Schub: Bestehende Loipen wurden verbessert und ausgebaut, darüber hinaus wurde auch das Olympia Sport- und Kongresszentrum errichtet. „Olympia 1976 hat in jeder Hinsicht frische Impulse verliehen“, meint Frenes. „Darüber hinaus haben in weiterer Folge auch viele andere Orte in Mitteleuropa begonnen, das Langlaufen zu pushen.“

Olympische Winterspiele 1964

Die Sprungbewerbe in Seefeld fanden vor viel Publikum statt.

Revolutionäre Neuerungen

Bereits 1985, nicht mal zehn Jahre nach den Olympischen Spielen in Innsbruck, stand Seefeld erneut im Fokus der nordischen Sportwelt – diesmal als Gastgeber der 35. Nordischen Skiweltmeisterschaften. Dass die Gemeinde das Vertrauen des Internationalen Skiverbands (FIS) ausgesprochen bekam, war damals selbst für Frenes, der für das Bewerbungskonzept verantwortlich zeichnete, eine Überraschung: „Wir hatten mit Finnland, Frankreich und Deutschland enorm starke Konkurrenz. Dass wir schlussendlich schon im ersten Anlauf von der FIS den Zuschlag erhalten haben, haben wir einfach nicht erwartet – auch wenn wir natürlich von uns überzeugt waren.“

Der Umstand, dass Seefeld in der Vergangenheit bereits mehrmals seine Kompetenz als Ausrichter nordischer Disziplinen beweisen konnte, mag ein Grund für die Entscheidung der FIS-Delegierten gewesen sein. Das Bemühen der Gemeinde um den Langlaufsport zu jener Zeit hat jedoch sicher auch das Seine dazu beigetragen, den Verband zu überzeugen. In jedem Fall mussten die Verantwortlichen in Seefeld für die WM keine allzu großen baulichen Maßnahmen an den Sportstätten mehr vornehmen, es waren lediglich geringfügige Verbesserungen wie etwa die Anpassung von Loipen oder die Errichtung eines Liftes bei der Sprungschanze nötig.

In sportlicher Hinsicht gab es bei der WM 1985 jedoch einige Neuerungen zu verzeichnen, wobei vor allem zwei erwähnenswert sind. Zum einen schaffte der Siitonenschritt – gewissermaßen der Wegbereiter der Skating-Technik – in Seefeld endgültig den Durchbruch. Zum anderen feierte bei der Nordischen Kombination die Gundersen-Methode Premiere: Dabei handelt es sich um einen speziellen Startmodus, bei dem die Kombinierer in bestimmten Abständen ins Langlaufrennen gehen, die aufgrund ihres Ergebnisses beim Sprungbewerb errechnet wurden. Dadurch spiegelt die Platzierung im Langlaufbewerb auch die Gesamtplatzierung wider, was um einiges spannender für die Zuschauer ist und bis heute beibehalten wurde.

Seefeld im Fokus

Nach einigen Weltcupbewerben in den letzten Jahren ist Seefeld nun erneut Austragungsort einer Nordischen Ski-WM und erhält in der Zeit vom 19. Februar bis zum 3. März aufs Neue die Chance, sich auch einer breiten Öffentlichke0it als Langlauf-Hotspot zu präsentieren. Unter Profilangläufern genießt die Gemeinde ohnehin bereits seit langer Zeit einen guten Ruf, was in erster Linie auf das dortige Loipenangebot zurückzuführen ist. „Man hat in Seefeld nicht nur enorm viele, sondern aufgrund der topografischen Gegebenheiten auch sehr abwechslungsgreiche Loipen“, erklärt Frenes. „Es geht über Wiesen und durch Wälder, über Lichtungen und vorbei an wunderschönen Landschaften. Diese Vielfalt findet man so sonst nirgends.“

Darüber hinaus profitieren Athleten und Mannschaften Frenes zufolge auch von der Infrastruktur Seefelds, das als Tourismusort eine große Anzahl an Unterkünften und ebenso viele Erholungsmöglichkeiten biete. Und das sei für Sportler fast genauso wichtig wie optimale Trainingsbedingungen, meint Frenes: „Auch Profis schätzen es, nach einer anstrengenden Einheit mal bummeln oder in ein Gasthaus gehen zu können. In Seefeld ist das möglich.“

© Stefan Voitl

FIS Nordische Ski-Weltmeisterschaften 2019

Vom 19. Februar bis 3. März richtet die Olympiaregion Seefeld zum zweiten Mal nach 1985 die Nordischen Ski-Weltmeisterschaften aus. In diesem Rahmen werden etwa 700 Athleten aus rund 60 Nationen in den Disziplinen Skispringen, Langlaufen und Nordische Kombination um Medaillen kämpfen. Austragungsorte sind Seefeld in Tirol und Innsbruck, wo die Großschanzen-Sprungbewerbe am Bergisel durchgeführt werden.

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