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Vom Kasbach in die große Radsportwelt

Rennradsport

Vom Kasbach in die große Radsportwelt

Die Schweinberger Zwillinge aus Jenbach mischen gemeinsam mit ihrem belgischen Profiteam "Doltcini-van Eyck Sport" die Radsportwelt auf.

Text: Fred Steinacher, Bild: Tirol Werbung

Vor rund vier Jahren hatten sie die Koffer sowie Räder gepackt, waren aufgebrochen um die Radsportwelt zu erobern! Was hat sich in der Zwischenzeit bei den Schweinberger Zwillingen getan - sport.tirol hat nachgefragt!

Das sind die Schweinbeger-Sisters aus Jenbach (Ortsteil Kasbach), noch 23 Jahre jung, Zwillinge, im  Minuten-Abstand hatten sie im Oktober 1996 (Sternzeichen Skorpion) das Licht der Welt erblickt.
Den ersten ,,Sprint“ sozusagen hatte damals Kathrin für sich entschieden, vielleicht ein wenig richtungsweisend für die spätere Karriere, die nun, im Jahr 2020, so richtig in Schwung gekommen ist. 

Die quasi ,,glänzende Bestätigung" dafür lieferten die ,,Twins" im August ab, da eroberte Christina bei den österreichischen Meisterschaften im Zeitfahren Bronze, Kathrin holte im Burgenland sogar Gold im Straßenrennen. Ein eindrucksvolles Dankeschön für den wenige Tage zuvor erhaltenen Vertrauensvorschuss durch die Verantwortlichen ihres belgischen Profiteams. Denn im Zillertal, im heimelig-gemütlichen Ambiente des Hotels Kohlerhof in Fügen hatten Kathrin und Christina mit Shana van Glabeke, Managerin von DOLTCINI-VAN EYCK SPORT, am Ende des zehntätigen Trainingslagers ihre Verträge um ein weiteres Jahr verlängert. Irgendwie ein Zeichen der gegenseitigen Wertschätzung - von Seiten des Teams, weil die Belgier das Potential von Kathrin und Christina wohl erkannt haben und vice versa weil sich das Schweinberger-Duo (als Vertreterinnen der kleinen deutschsprachigen Fraktion) im Kader des belgischen UCI-Continental-Teams mittlerweile heimisch fühlen. ,,Wir verstehen uns wirklich sehr gut, da haben alle dasselbe Ziel vor Augen, alle wollen Erfolg und gemeinsam können wir das auch schaffen", so Christina.  

,,Wir verstehen uns wirklich sehr gut, da haben alle dasselbe Ziel vor Augen, alle wollen Erfolg und gemeinsam können wir das auch schaffen."
Christina Schweinberger

Dieses sich wohl fühlen ist den jungen Profis aus Tirol - aufgewachsen auf einem Bauernhof am Kasbach, mitten drinnen zwischen  Jenbach und dem Achensee, ein Ort den man auf Anhieb ins Herz geschlossen hat, ganz wichtig. Ungeachtet dessen sind die Mädels, ohnehin so oft es der Terminkalender erlaubt, zuhause am Hof, inmitten einer faszinierenden Natur. Denn diese war  nicht nur in Zeiten des Lockdowns der perfekte Rückzugsplatz, zum Abschalten, um die Batterien aufzuladen. 

,,Wir wollten den Teamkolleginnen unsere schöne Heimat zeigen"

Und weil es zu Hause eben doch am Schönsten ist, kam für Kathrin und Christina das Angebot aus dem Zillertal,  das Trainingslager in Fügen zu absolvieren, wie ein verfrühtes ,,Weihnachtsgeschenk".  ,,Wir vom Hotel Kohlerhof", so Juniorchefin Daniela Heim, ,,pflegen schon seit vielen Jahren eine Sponsor-Partnerschaft mit den  Schweinbergers, also haben wir angeboten, das Trainingslager bei uns abzuhalten." Da fiel dann auch Doltcini-Teamchef Marc Bracke die Entscheidung zugunsten des Zillertals nicht mehr sehr schwer. Sehr zur Freude seines Teams mit insgesamt siebzehn jungen Damen aus acht Nationen, die es aufgrund vieler Erzählungen der Rad-Zwillinge gar nicht erwarten konnten, in der Heimat von Kathrin und Christina ihr Vorbereitungsprogramm ,,abzuspulen".

(c) Heisen Photography

Im Kohlerhof im Zillertal sind die Rennradlerinnen bestens aufgehoben und können sich voll auf ihr Training konzentrieren.

,,Wegen unserer Fotos auf Instagram wollten die Mädels so gern her“, schmunzelt Kathrin., „Und wir freuten uns, denn endlich konnten wir ihnen zeigen, wie schön Tirol, unsere Heimat ist." 17 ehrgeizige junge Damen,  bunt gemischt aus acht Nationen, von Neuseeland über Belgien, Holland, Ungarn, Schweiz, Frankreich bis Zypern - und mitten drinnen die Twins vom Kasbach. Das funktionierte ohne Probleme? ,,Nun ja, je länger man zusammen ist, desto leichter kommt es zu Reibereien, verständlich bei so vielen verschiedenen Charakteren, unterschiedlichen Kulturansätzen", gestand Kathrin. ,,Da geht man sich schon ab und zu auf die Nerven - und dann für einige Zeit eben aus dem Weg. Aus, basta. Doch am Ende des Tages, wenn es darauf ankommt, sind wir ein Team, gönnt jede der Kollegin einen Erfolg, ganz ohne Eifersüchteleien. Man muss ja nicht gleich beste Freundin sein!"

,,Es gibt kleine Reibereien ja, aber wir
funktionieren als Team"
Kathrin Schweinberger

Wie das dafür bei Kathrin und Christina seit Beginn ihrer Karriere ganz ausgeprägt der Fall ist, wenngleich schon auch feststeht:  beste Freundinnen und  auch Konkurrentin zu sein, ist nicht immer einfach. ,,Aber wir haben da einen guten Weg gefunden, können uns 100 %-tig aufeinander verlassen", erklären die Schwestern im Brustton der Überzeugung, mit blitzenden Augen sowie schelmischem Lächeln und verweisen als beste Freundin auf Lisa Gürtler, die sie in ihren Radler-Anfangsjahren kennengelernt hatten und mit der sie heute noch so manches Trainingsfahrt starten. 

Wie auch immer, der Teamchef hatte einen Volltreffer ,,gelandet", seine Mädels waren begeistert von der breiten Palette des Angebots. „Verständlich, denn in der Ersten Ferienregion des Zillertals konnten wir uns sowohl auf flachen Talstrecken als auch auf anspruchsvollen Bergstraßen super vorbereiten", ging Kathrin, die selbst eher un-rhythmische Strecken mit kurzen steilen Anstiegen vorzieht, ins Detail. Vor allem der Abstecher zum Schlegeis-Stausse über die 13,3 km lange Alpenstraße mit Blick auf Wasserfälle, Natursteintunnel sowie in die atemberaubende Hochgebirgswelt wird allen wohl unvergessen bleiben. Und das Wichtigste - siehe Einleitung - der Formaufbau war perfekt. Die ÖM-Ergebnisse bestätigten quasi die Entscheidung der Belgier. Obwohl - die beiden Tirolerinnen waren schon in guter Form ins Camp eingerückt, hatten unmittelbar davor zum Auftakt der Austrian Time Trial Serie beim Bergsprint auf die Postalm in Salzburg einen Doppelsieg gefeiert - da war Kathrin um den Hauch von 0,06 Sekunden schneller gewesen wie Christina. Fast wie bei der Geburt....  

Die Zwillinge stehen auch auf dem Stockerl Seite an Seite.
(c) Jocher Wolfgang  

Glückliche Sieger-Gesichter.
(c) Jocher Wolfgang

Doch zurück in die Gegenwart, in der Virus-bedingt der vorgesehene Jahresplan mit 30 bis 40 Rennen ja nie einzuhalten ist; speziell weil die weitere Planung viele Unsicherheitsfaktoren beinhaltet. Die Europameisterschaften konnten zwar ausgetragen werden, und auch für die mittlerweile von der Schweiz abgesagte WM wurde ein neuer Termin gefunden - die Titelkämpfe haben vom 24. bis 27. September in Imola und der italienischen Region Emilia-Romagna stattgefunden. Jedoch wurden nur die Wettbewerbe für die Elite-Klassen ausgetragen. Die Zwillinge durften leider dort nicht starten (Österreich hat zwei Startplätze), dies wurde vom Verband entschieden. ,,Das können wir leider nicht beeinflussen", so Kathrin, die aber im selben Atemzug hinzufügt: ,,Sich darüber aufzuregen nützt nichts, wenn es mit der WM nicht klappt, dann ist das zwar nicht erfreulich, aber es gibt genügend andere Rennen auf die wir uns schon sehr freuen – die Klassiker in Belgien wie Gent - Wevelgem und vor allem die Flandern-Rundfahrt." Vor allem diesen Termin haben sich Kathrin und Christina (studiert Wirtschaftsrecht) ganz dick im Kalender angestrichen - den 18. Oktober 2020.

,,Flandern-Rundfahrt ist wie Hahnenkamm oder Holmenkollen"

,,Das ist eine Veranstaltung, die in Belgien einen ähnlichen Stellenwert wie bei uns das Hahnenkammrennen in Kitzbühel besitzt, oder der Holmenkollen in Norwegen" schwärmen die ,,Zwei" ganz aufgeregt. ,,Ein Volksfest des Radsports in Belgien!" Dieser Blick nach vorne ist signifikant für die Mädels, die schon von klein auf vieles gemeinsam machten, später dann bis 2010 im Tiroler Skikader fuhren, ehe die Liebe zum Radsport keimte. Ein Nachbar brachte sie zum Radclub Tirol, heute schwärmen Kathrin und Christiane gemeinsam: ,,Etwas Besseres hätte uns nicht passieren können!"

(c) Peter Maurer

,,Flandern-Rundfahrt ist wie Hahnenkamm oder Holmenkollen!"
Schweinberger Zwillinge

Die bisherigen Erfolge auf der Karriereleiter haben sie sich hart erkämpft, die weiteren Ziele für die kommenden Jahre sind hoch angesiedelt. Nebst der Weltmeisterschaft 2021 in Belgien (sozusagen eine Art Heim-Titelkampf) natürlich auch Olympia in Tokio. Logisch, denn den bisher einzigen Quotenplatz für Österreich hat Kathrin (Mitglied der HSNS) herausgefahren, der aber derzeit - typisch ÖRV - noch nicht die Teilnahme garantiert. Abseits der Straße bleibt der Aufstieg bzw. Wechsel in ein World-Tour-Team im Fokus, dafür wird weiter intensiv gearbeitet, dafür wollen die Tirolerinnen in der Doltcini-van Eyck-Truppe 2021 wertvolle Rennerfahrung sammeln und selbstverständlich auch den einen oder anderen Erfolg herausfahren. Zusätzlich werden die beiden im Olympiazentrum Innsbruck mit höchster Kompetenz bei ihrem Training unterstützt. Das Talent ist vorhanden, der Ehrgeiz groß und wenn man den bisherigen Karriere-Verlauf als Maßstab heranzieht, braucht es nicht unbedingt hellseherische Fähigkeiten, um die weiteren Entwicklungschancen im höheren Erwartungsbereich anzusiedeln. 

(c) Peter Maurer

(c) Olympiazentrum Innsbruck

Apropos höhere Erwartungen - solche nehmen auch im gut gehüteten Privatleben der beiden einen großen Raum ein. Ihre Hobbys indes verraten Kathrin und Christina schon - nebst ausgedehnten Bergtouren, für die ja trotz Training während der Zwangspause genügend Zeit geblieben war, gingen die Mädels auch öfter in die Luft. Im wahrsten Sinne des Wortes. Da hatten sie die Zeit zwischen Mai und Juli gut genützt und einen Kurs im Paragleiten absolviert; inklusive der ersten Soloflüge. Noch ist Vorsicht angesagt, Routine sammeln und heil landen. ,,Nach dem harten Radtraining brauchten wir einen Ausgleich und Paragleiten ist unglaublich entspannend, nicht so anstrengend wie z. B. eine intensive Bergtour." Und ein wenig vergisst man - voll konzentriert - da oben das Radfahren, bzw. ist es schon faszinierend die Gegend die man ansonsten im Training abstrampelt fast majestätisch im Gleitflug und aus der Vogelperspektive zu ,,studieren". Wie etwa die Straße in den Zillergrund, eine der Lieblingsstrecken der  zwei Mädels.

Höhenflüge auf dem Rad und mit dem Gleitschirm 

Übrigens - dass das Zillertal nicht nur die Lieblingsstrecken der Schweinberger-Schwestern bieten kann, sondern ein überaus facettenreiche Routennetz mit über 1200 Kilometer vom Tal bis auf 2400 Höhenmeter, wissen seit  Juli schon die Profis des weltbekannten holländischen JUMBO-VISMA-Rennstalls. Das Team der Superstars Primoz Roglic, Wout van Aert und Georg Bennett oder Tom Dumoulin hatte sich in Gerlos auf die Rennen ab August vorbereitet. Durchaus möglich also, dass in Zukunft nebst den Damen von Doltcini oder den Jumbo-Stars sogar zusätzlich das eine oder andere Herrenteam aus dem stark umworbenen BeNeLux-Markt auf Saisonvorbereitung im Zillertal setzt. Nicht zuletzt auch dank der Schweinberger-Zwillinge als perfekten ,,Sport-Botschafterinnen".  

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