Sie befinden sich hier:
Material für Profis

UCI Straßenrad-WM 2018

Material für Profis

Rund ums Rad: Hier können auch eingefleischte Radfans noch dazulernen.

Text: Daniel Feichtner, Bild: Franz Oss

Muskelkraft und Hightech: Im perfekten Zusammenspiel zwischen Mensch und Mechanik liegt eine große Faszination des Radsports. Wie viel Technologie in den Rädern der Profis steckt, erklären Markus Wildauer und Thomas Pupp vom Tirol Cycling Team.

Hartes Training, die richtige Mentalität und Disziplin ohne Ende sind Grundvoraussetzungen, um es im Radsport in die Profiliga zu schaffen. Doch selbst wenn die Athleten all diese Anforderungen erfüllen, bringt ihnen ihre physische Leistungsfähigkeit nichts, solange sie ihre Kraft nicht auf die Straße bringen. Profis sind auf optimales Material angewiesen. „Ansonsten nützen einem die besten Beine nichts“, weiß Markus Wildauer aus Erfahrung. Der Nachwuchsprofi des Tirol Cycling Teams konnte dieses Jahr nicht nur EM-Bronze im Zeitfahren erobern, sondern erkämpfte für das Tiroler UCI Continental Team beim Giro d’Italia U23 einen Etappenerfolg und das Rosa Trikot.

Fest im Sattel

Erster Kontaktpunkt zwischen Fahrer und Rad ist der Sattel. Wenn er richtig eingestellt ist, erlaubt er den Athleten eine möglichst aerodynamische Haltung und bringt sie in die perfekte Position zu den Pedalen, um die Kraftübertragung zu optimieren. „Beim Tirol Cycling Team fahren wir alle dieselben Sättel von Selle Italia“, erzählt Wildauer. „Wichtig ist, dass sie anatomisch angepasst, stromlinienförmig und vor allem nicht zu weich sind. Sonst wird es schnell unbequem.“ Gewechselt werden die Sättel im Team jährlich, jeweils mit den neuen Rädern. „Dann müssen sie aber erst eingefahren werden.“ Denn erst bei der Benutzung beginnt sich der Sattel an den Körper das Fahrers anzupassen, bis er die individuell perfekte Form hat.

Trittsicher

Die womöglich wichtigste Verbindung zwischen den Profis und ihren Rädern sind die Pedale. Sie geben die Muskelkraft an die Mechanik weiter. Hier setzt das Tirol Cycling Team auf Hightech von Look. „Unsere Karbonpedale wiegen pro Stück weniger als 100 Gramm“, erklärt Wildauer. Dazu sind sie aerodynamisch designt, um maximale Windschlüpfrigkeit zu garantieren. Der Clou an den Pedalen ist das herstellerspezifische Bindungssystem. Auch auf ihnen rastet der Radschuh des Fahrers wie bei einem Klick-System ein. Das erlaubt eine stabile Verbindung und Kraftübertragung, nicht nur beim Tritt nach unten, sondern auch beim Hochziehen des Fußes. „Allerdings bietet Look ein Sicherheitssystem, ähnlich wie eine Skibindung“, beschreibt Thomas Pupp, Leiter des Tirol Cycling Teams. Wann genau sie auslöst, lässt sich individuell einstellen. „Damit haben wir nicht nur den perfekten Kontakt und die perfekte Verbindung, sondern auch höchste Sicherheit, sollte es zum Sturz kommen.“

Nach Maß

Während Pedale und Sattel „von der Stange“ kommen, muss die Kurbel, die das Pedal mit dem vorderen Zahnradkranz verbindet, auf jeden Fahrer angepasst sein. „Entscheidend sind die Körpergröße und Trittlänge“, erklärt der Teamchef. Ideal ist die Länge der Kurbel dann, wenn der Fahrer im Sattel sitzt und bei durchgestrecktem Bein die Ferse auf dem Pedal aufliegt. „Dann kommt es zu einer optimalen Kraftübertragung. Deswegen sind die richtige Sitzposition und der perfekte Kontakt vom Sattel aufs Pedal die entscheidendsten Dinge beim Radfahren.“ Markus Wildauer fährt mit einer 172,5 Millimeter langen Kurbel und ist damit genau im Mittelfeld. „In der Regel liegt die Kurbellänge zwischen 170 und 175 Millimetern“, erzählt der Profi. Was das perfekte Maß ist, müsse aber jeder selbst herausfinden. „Da kann man unzählige Stunden investieren, um zu probieren und zu tüfteln.“

Die beste Übersetzung

Ist die Kraft einmal bei der Kette angekommen, sorgen die Kettenblätter und die Übersetzung dafür, dass sie so effizient wie möglich genutzt werden kann. Dabei gilt es, den idealen Mittelweg zu finden. Ist die Übersetzung zu hoch, verbrauchen die Fahrer zu viel Kraft in Steigungen. Ist sie zu klein, müssen sie deutlich schneller in die Pedale treten, um Geschwindigkeit aufzubauen. Im klassischen Rennradsport kommen an der Kurbel zwischen den Pedalen immer zwei Kettenblätter mit 53 und 39 Zähnen zum Einsatz. „Der noch immer relativ große kleinere Kranz bedeutet aber, dass du im Anstieg schnell fahren musst, um eine niedrige, kräftezehrende Trittfrequenz zu vermeiden“, beschreibt Wildauer.

Dafür gibt es zwei Lösungen, erklärt Pupp: „Entweder benutzt man eine Kurbel mit drei Kettenblättern. Das macht das Rad schwerer und ist optisch nicht schön. Oder man fährt mit einer Kompaktkurbel.“ Deren großer Kranz hat nur 50 Zähne und der kleine 34. Beim Tirol Cycling Team ist das klassische Setup aber weiterhin Standard. „In der Regel fahren wir mit 53:39. Nur bei harten Bergproben, wie am Kitzbüheler Horn, verwenden wir fallweise Kompaktkurbeln.“ Die Wahl des hinteren Radkranzes hängt ebenso vom Streckenverlauf ab. Wird es steiler, ist 11:28 die Übersetzung der Wahl, bei flachen Rennen erlaubt 11:25 dagegen eine höhere Trittkadenz. „Das ist ein Trend, der unter anderem mit Armstrong aufgekommen ist“, erzählt Pupp. „Man fährt generell leichter, mit höherer Trittfrequenz. Heute gibt es Fahrer, die Bergprüfungen mit einer Kompaktkurbel mit 85 Umdrehungen die Minute bezwingen. Früher ist man viel härter und mit mehr Kraft gefahren.“

Profiräder

Das verschleißgefährdetste Bauteil eines Rennrads sind seine Reifen. Da im Fall einer Panne eine Reparatur während des Rennens nicht in Frage kommt, hat das Tirol Cycling Team immer mehrere komplette Laufräder dabei, erzählt Pupp: „Pro Fahrer sind wir immer zumindest doppelt ausgestattet, sowohl für Pannen und Unfälle als auch, um das Profil zu wechseln.“ Denn auch das kann einen wertvollen Vorsprung verschaffen. Dabei ist zum einen die Strecke entscheidend. Bei gebirgigen Rennen wird auf flachere Felgen gesetzt. Weniger Material bedeutet Gewichtsersparnis. Hochprofilfelgen sind dafür aerodynamischer, sodass man in flachen, schnellen Rennen Kraft sparen kann. „Zum anderen ist es aber auch eine Frage der persönlichen Vorliebe“, ergänzt Wildauer. Zusätzliche Gewichtsreduktion verschaffen sich die Profis durch Karbonlaufräder. Diese kommen aber nur in Bewerben zum Einsatz. Trainiert wird mit etwas schwererem, aber deutlich kostengünstigerem und stabilerem Aluminium.

Bodenhaftung

Generell gibt es im Radsport drei Reifenvarianten: Die einfach zu reparierenden Clincher, bei denen Mantel und Schlauch getrennt sind, die leichteren und stabileren Tubular, bei denen Schlauch und Mantel vernäht und dann auf die Felge aufgeklebt werden, und die relativ neuen Tubeless-Reifen, die es auch in deutlich breiteren Varianten gibt. „Wir sind seit Jahren mit Reifen von Schwalbe unterwegs. Wie die meisten Profis haben wir bis vor Kurzem Tubular gefahren“, berichtet Pupp. Inzwischen ist das Tirol Cycling Team auf Tubeless-Reifen umgestiegen. „Das war eine kleine Revolution. Tubeless kommt ohne Schlauch aus. Stattdessen wird der Mantel luftdicht mit der Felge verbunden und aufgepumpt. Das sieht für Klassikfans zwar ein wenig seltsam aus, rollt aber extrem gut.“

Ein weiterer Vorteil des Tubeless-Systems ist, dass sich im Mantel Latexmilch befindet, die kleinere Schäden abdichtet – die Reifen sind also gewissermaßen „selbstheilend“. Außerdem können Tubeless-Reifen mit ein bisschen weniger Innendruck gefahren werden. „Das hilft zusätzlich, damit bei einer Panne Luft nicht so schnell entweicht und man nicht sofort stehenbleiben muss“, sagt Wildauer. „Nötig ist das aber selten. Die Reifen sind extrem widerstandfähig. Diese Saison hatten wir nur eine Panne – und die auch nur wegen eines Massensturzes. Wir sind mit den Tubeless-Reifen also quasi pannenfrei.“

Ultraleicht und extra stabil

Um all diese Komponenten auf die Straße zu bringen, benötigen die Profis Rahmen, die dem Hightech, das in den Rädern steckt, gerecht werden. Die Topräder von KTM erfüllen diesen Anspruch zu hundert Prozent. Fast ausschließlich aus Karbon gefertigt, sind sie nicht nur extrem leicht, sondern auch sehr steif. „Gerade beim Sprint oder beim Antritt am Berg wirken extreme Kräfte auf das Rad“, weiß Wildauer. „Das Rad muss absolut gehorchen.“ Auch wenn bei Standardrennrädern Aerodynamik nicht ganz so relevant ist, wie zum Beispiel beim Zeitfahren, verzichten die Athleten nicht auf Möglichkeiten, den Luftwiderstand zusätzlich zu senken: „Deswegen hat KTM bei ihren Rädern alle Züge in den Rahmen und die hintere Bremse nach unten verlegt. Damit können unsere Profis noch ein klein wenig mehr herausholen“, meint Pupp.

Digitalisiert

Als finale und modernste Ergänzung steht den Athleten ein Radcomputer zur Seite. Er liefert nicht nur Daten zu Geschwindigkeit, Steigung und Puls, sondern misst auch die Watt, die sie durch Muskelkraft erzeugen – unabhängig von externen Faktoren. „Puls wird von Temperatur, Tagesform und Nervosität beeinflusst. Watt zeigen dagegen, wie viel Energie man auf die Straße bringt“, erklärt der Teamchef. „Im Training hilft das bei der Leistungssteigerung. Und im Rennen ist es nicht zuletzt eine psychologische Unterstützung, in klaren Zahlen zu sehen, was man leistet, und hilft, die eigene Performance einzuschätzen.“

Markus Wildauer ist seit 2017 als Profi Mitglied des Tirol Cycling Teams. Neben seinem Etappenerfolg beim Giro U23 und seinen zwei Tagen in Rosa holte der zwanzigjährige Tiroler dieses Jahr im Zeitfahren Gold in der U23-Wertung der Staatsmeisterschaft und EM-Bronze. 

Thomas Pupp ist neben Georg Totschnig einer der beiden Gründer des Tirol Cycling Teams. Seit 2007 steht er den österreichischen Profis als Teamchef sowohl im Training als auch bei Wettkämpfen zur Seite.

Markus Wildauer

Thomas Pupp

© 2017 Tirol Werbung