Aufstehen

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Aufstehen

Para-Kletterin Jasmin Plank gewährt Einblick in ihr beeindruckendes Leben in dem nichts unmöglich scheint

Text: Mathea Holaus, Foto: Stefan Gapp

Eines vorweg: Es gibt Menschen, die stehen jeden Morgen ganz selbstverständlich auf, weil sie zur Arbeit oder in die Schule müssen. Es gibt aber auch Menschen, die einfach liegen bleiben, weil sie nicht aufstehen wollen. Und dann gibt es Menschen, die jeden Tag nach dem Motto aufstehen (müssen): „Je steiniger der Weg, desto wertvoller das Ziel.“

Mit einem breiten Grinsen im Gesicht rollt uns Jasmin entgegen. Neben ihr, kaum von ihrer Seite weichend, Chiara. Der Husky-Schäfer-Mischling ist ihr vierbeiniger Begleiter oder, wie Jasmin zu sagen pflegt, ihr Seelenhund. Das breite Grinsen der 32-Jährigen gilt wohl eher der Kletterhalle als unserem Kamerateam. Obwohl, ein bisschen öffentliche Aufmerksamkeit könnte dem Para-Climbing-Team nicht schaden. „Wir sind der Randsport vom Randsport“, trifft es Jasmin auf den Punkt und heißt uns im KI Willkommen.
Die Hallerin gehört zu den besten Para-Kletterinnen der Welt. Ihr Handicap nennt sich beinbetonte spastische Tetraparese. Eine Erkrankung, die sich in Schüben meldet. Wenn das passiert, spielen Jasmins Nerven verrückt. „Dann machen sie einen auf ADHS“, beschreibt es Jasmin mit einem Augenzwinkern. Für uns Laien erklärt, äußert sich ihre Erkrankung in starken Spastiken, wodurch sich ihr gesamter Körper und vor allem ihre Gliedmaßen verkrampfen. An solchen Tagen, die zudem mit starken Schmerzen verbunden sind, fällt das Aufstehen besonders schwer. Es sind jene Tage, an denen die sonst so starke Kämpferin mit ihrem Schicksal hadert.  

Hündin Chiara weicht Jasmin nicht von der Seite.

Klettern, meine persönliche Kopf-Freizeit

2016, nach einem weiteren starken Schub und dem damit verbundenen Reha-Aufenthalt, findet Jasmin zum Klettersport. Es ist ein Neustart, der Beginn einer Leidenschaft und der Anfang einer Spitzensport-Karriere. Das Para-Climbing-Team befand sich damals gerade im Aufbau. Heute ist Jasmin eine wichtige Stütze innerhalb der Mannschaft, nicht nur menschlich, auch sportlich. 2018 erreicht sie bei der Heim-Weltmeisterschaft in Innsbruck den 5. Platz. Heuer soll der nächste Schritt nach vorn gelingen. „Momentan geht richtig viel weiter,“ meint Jasmin. Für Trainer Lukas Knapp gehört Jasmin aktuell zu den Top-3 ihrer Kategorie weltweit. Ende Juni, beim Heim-Weltcup in Innsbruck, soll dies nach langer Corona-bedingter Wettkampfpause endlich unter Beweis gestellt werden.

Der Wettkampf ist aber nur eine von vielen Facetten. Für Jasmin ist das Klettern ihre persönliche Kopf-Freizeit. In der Wand gibt es weder Sorgen, Ängste noch Kummer. Da zählt nur das Hier und Jetzt. „Dieser mentale Teil ist das Wichtigste für mich. Nebenbei lerne ich durch den Sport meinen Körper besser kennen, das hilft mir in meiner Therapie enorm weiter,“ erklärt Jasmin.

Beim Klettern zählt für Jasmin nur das Hier und Jetzt.

Immer wieder aufstehen 

Im Herbst 2018, just nach ihrem Erfolg bei der Heim-WM, erfüllt sich Jasmin ihren Traum einer Mehrseillängen-Tour in den Dolomiten. Dieses Erlebnis sollte jedoch kein Happy End für sie bereithalten. Jasmin verletzt sich beim Abstieg durch einen Steinschlag an der Hand und am Ellbogen. Der Unfall löst einen weiteren Schub aus, Jasmin wird in Folge viermal operiert. Sie landet im Rollstuhl. Doch es wäre nicht Jasmin, würde sie nicht ein weiteres Mal aufstehen. „Viele meiner Freunde und Bekannten dachten, ich würde nie wieder klettern. Das hat mich motiviert. Eine Woche nach meiner Rückkehr aus der Klinik war ich wieder in der Kletterhalle.“

Heute ist es eine 7a+, die Jasmin zum ersten Mal durchsteigt. Eine Route, die sie eigentlich gar nicht mag, weil sie ihre Beine an die Belastungsgrenze bringt. Durch die mangelnde neuronale Ansteuerung kann Jasmin nur bedingt ihre Muskulatur der unteren Extremitäten einsetzen. Routen mit komplexen Zügen, wo vermehrt die Beinmuskulatur zum Tragen kommt, stellen für Jasmin eine zusätzliche Herausforderung dar. Heute scheint sie das Kamerateam zu beflügeln. Chiara indessen lässt der Durchstieg unbeeindruckt. Erst als Jasmin mit einem Leckerli zum Heimgehen auffordert, wird die Hündin aufmerksam und folgt Jasmin zum Parkplatz. „Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen“, prangt groß am Heck von Jasmins Fahrzeug. Den Spruch fest im Blick folgen wir ihr nach Hause.

Von guten Feen und Geistern umgeben

Wenige Minuten später empfangen uns rund 50 Feen, 30 Schutzengel und 1 Einhorn. In ihrem Zuhause ist Jasmin gerne umgeben von guten Geistern und positiven Energien. „Ja, ich bin ein bisschen spirituell angehaucht“, gesteht Jasmin und fügt hinzu: „Ich bin mir sicher, dass ich eine alte Seele bin. Ich denke, ich brauche dieses schwierige Leben, um mich weiterzuentwickeln.“

Was uns beeindruckt, Jasmin spricht die Dinge offen an. Sie teilt ihre Geschichte, um anderen Mut zu machen. Ihre Oma stirbt, als sie noch ein kleines Mädchen ist, bei ihrem Vater erfolgt kurz darauf die Diagnose Krebs. Den Kämpfergeist hat sie von ihm geerbt. „Er hat nie aufgegeben. Das habe ich mir zum Vorbild gemacht.“

 Jasmin hat gelernt, im Hier und Jetzt zu leben. Was morgen kommt, sei unwichtig, morgen könne es schlechter sein. Auf die Frage, was für sie Einschränkung bedeute, antwortet sie nur: „Einschränkungen entstehen im Kopf. Die macht sich jeder Mensch selbst.“ 

„Ich bin mir sicher, dass ich eine alte Seele bin. Ich denke, ich brauche dieses schwierige Leben, um mich weiterzuentwickeln.“
Jasmin Plank

Wenn man mit Menschen, wie mit Jasmin Plank spricht, ist es hilfreich, die eigenen Barrieren im Kopf beiseitezulegen. Aufstehen kann vieles bedeuten. Menschen, wie Jasmin zeigen uns auf unverblümte Weise, dass vieles im Leben relativ ist. Gleichzeitig machen sie uns Mut, aufzustehen und aufrecht durchs Leben zu gehen, egal ob mit oder ohne Rollstuhl. Ihr Leben will sie dennoch kein zweites Mal. Das muss sie auch nicht. „Im nächsten Leben werde ich ein Einhorn“, weiß Jasmin. Wenn man sich mit der Symbolik des Einhorns beschäftigt, so verwundert einen das nicht, denn das Einhorn steht dafür, sich selbst treu zu bleiben und sich aus allen Zwängen zu befreien, es ist ein Symbol für Heilung und das Gute in der Welt, ein Symbol, das zweifelsohne zu Jasmin passt. 

„Im nächsten Leben werde ich ein Einhorn“

Das Einhorn steht dafür, sich selbst treu zu bleiben und sich aus allen Zwängen zu befreien, es ist ein Symbol für Heilung und das Gute in der Welt, ein Symbol, das zweifelsohne zu Jasmin passt.

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