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Qualität statt Quantität

Professionelle Trainingsoptimierung

Qualität statt Quantität

Über den Ablauf einer Leistungsdiagnostik und welche Vorteile sie für Sportler mit sich bringen kann

Text: Simon Leitner, Bild: Tirol Werbung/Charly Schwarz Photos

Immer mehr Sportler bauen leistungsdiagnostische Untersuchungen in ihre Trainingsplanung ein. Doch was genau versteht man unter einer Leistungsdiagnostik? Und wie können Athleten davon profitieren? Sport.tirol hat bei den Experten des Olympiazentrums Innsbruck nachgefragt.

Im Herbst fiel der Startschuss zu einem außergewöhnlichen Projekt: Das Nordic Team Tirol, eine Gruppe von sieben Bloggern aus dem deutschsprachigen Raum, soll unter Anleitung von professionellen Trainern rund um Urban Lentsch innerhalb kurzer Zeit für das Langlauf-Event Koasalauf in St. Johann fit gemacht werden. Das Besondere daran: Die Schreiberlinge haben so gut wie keinerlei Vorerfahrung und müssen die Sportart von Grund auf erlernen.

Im Rahmen der Vorbereitung wurde in Seefeld, das kommenden Februar Gastgeber der Nordischen Ski-Weltmeisterschaften ist, auch eine sportmotorische Leistungsdiagnostik mit den Bloggern durchgeführt. Verantwortlich für die Ausführung und Auswertung der Tests war das Team des Olympiazentrums Innsbruck, das seit Jahren leistungsdiagnostische Untersuchungen für diverse heimische Profisportler und Verbände, unter anderem den Österreichischen Skiverband (ÖSV), anbietet.

Zielgerichtetes Training

Grundsätzlich besteht eine Leistungsdiagnostik, wie sie auch beim Nordic Team durchgeführt wurde, aus mehreren Testverfahren, mit denen unterschiedliche Parameter wie Schnelligkeit, Kraft, Ausdauer oder auch Gleichgewicht gemessen werden. Ziel ist es nicht nur, die momentane Leistungsfähigkeit eines Sportlers zu überprüfen, sondern vor allem, etwaige Schwächen ausfindig zu machen, um die Trainingsplanung anschließend entsprechend optimieren zu können.

Beim beidbeinigen Sprungkrafttest muss die Testperson aus dem Stand möglichst hoch springen.

Die langlaufspezifische Rumpf- und Armkraft wird mittels anaeroben Schubtests gemessen.

„Eine Leistungsdiagnostik ist als Bestandteil einer Trainingsplanung zu sehen, die Qualität statt Quantität in den Vordergrund stellt“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Christian Raschner, Sportlicher Leiter des Olympiazentrums Innsbruck. „Es geht nicht darum, möglichst viel, sondern zielgerichtet zu trainieren, indem man bestimmte Bereiche in den Fokus rückt und sich auf diese konzentriert.“

Stellt sich etwa im Zuge einer Leistungsdiagnostik heraus, dass ein Langläufer zwar über eine gute Ausdauer und genug Kraft in den Beinen verfügt, aber Probleme mit seiner Rumpfstabilität und dadurch Nachteile im Wettkampf hat, kann er sein Training dementsprechend (um)gestalten und gezielt an diesem Aspekt arbeiten. Mittels weiterer leistungsdiagnostischer Tests wird überprüft, ob die getätigten Maßnahmen auch die gewünschten Ergebnisse bringen. So kann gegebenenfalls nachjustiert und Schritt für Schritt am idealen Trainingsplan gearbeitet werden.

Angepasste Testungen

Die Auswahl der Testmethoden richtet sich dabei immer nach der Sportart des jeweiligen Athleten. Als Basis dafür wird ein sogenanntes Anforderungsprofil herangezogen: Dieses wird aufgrund von Expertenratings oder wissenschaftlichen Studien erstellt und hält fest, welche Faktoren für eine sportliche Disziplin besonders wichtig sind und wie sie gewichtet werden müssen. Bei Skispringern ist beispielsweise die Sprungkraft ein leistungsbestimmendes Kriterium, während im Skirennsport wiederum mehrere Aspekte in etwa gleichem Maße zum Erfolg beitragen.

„Es gibt einige Basic- oder allgemeinere Tests, die fast immer gemacht werden“, erzählt Carolin Haibel, die im Olympiazentrum zuständig für Leistungsdiagnostik ist. „Dazu gehören unter anderem Koordinations- und Krafttests, beispielsweise Gleichgewichts- oder Rumpfkrafttests, die für die meisten Sportler relevant sind. Abgesehen davon werden die Testverfahren aber immer in Bezug auf die jeweilige Sportart ausgewählt und dieser, wenn möglich, auch angepasst.“

Der Y-Balance-Test, bei dem man mit einem Bein einen beweglichen Schlitten von sich wegschieben muss, gibt Aufschluss über Gewandheit und Gleichgewichtsfähigkeit.  

Im Falle von Langläufern werden beispielsweise die Tests zu Sprungkraft und Gleichgewicht, den Anforderungen der Sportart entsprechend, nicht nur mit beiden, sondern auch jeweils mit einem Bein durchgeführt. Der Y-Balance-Test ­– ein Gewandtheitstest, bei dem man einen beweglichen Schlitten mit jeweils einem Fuß so weit wie möglich von sich wegschieben muss, während das Standbein fixiert bleibt ­– ähnelt dem Bewegungsablauf beim Skaten im Langlaufsport. Dezidiert auf diesen zugeschnitten ist hingegen der anaerobe Schubtest, der die Leistungsfähigkeit der langlaufspezifischen Rumpf- und Armkraft ermitteln soll. Bei diesem Test müssen die Athleten in aufrechter Körperhaltung die Griffe eines Seilzugs mit beiden Händen nach unten ziehen, wobei der Oberkörper gleichzeitig abgesenkt wird – ähnlich wie bei der Doppelstock-Technik.

Einige leistungsdiagnostische Testungen können auch an mehreren Personen gleichzeitig durchgeführt werden. Vor allem bei Mannschaften stellt dies eine gängige Praxis dar – wichtig ist nur, dass man individuelle Werte erhält. Zu diesen Verfahren zählt unter anderem der aerobe Laktatstufentest, ein klassischer Ausdauertest, bei dem die Probanden so lange in einer bestimmten Geschwindigkeit laufen müssen, bis sie ihre Belastungsgrenze erreicht haben. Zu diesem Zweck werden auf einer Rundbahn in regelmäßigen Abständen Bodenmarkierungen angebracht. Die Testpersonen starten gleichzeitig und müssen ihre Laufgeschwindigkeit so anpassen, dass sie jedes Mal, wenn ein Signalton zu hören ist, bei der nächsten Markierung sind. So wird garantiert, dass alle in einer gleichbleibenden Geschwindigkeit laufen. Wie schnell die Athleten rennen müssen, hängt von der jeweiligen Belastungsintensität ab, die nach und nach gesteigert wird. Nach jeder Stufe wird die Herzfrequenz der mit entsprechenden Messgeräten ausgestatteten Probanden notiert und auch Kapillarblut am Ohr zur Laktatbestimmung genommen, bevor der nächste Abschnitt, nun mit erhöhtem Tempo, startet. Ziel dieses Tests ist es, sowohl die Ausdauerleistungsfähigkeit der Probanden als auch deren individuelle Trainingsbereiche zu bestimmen.

Beim aeroben Laktatstufentest gilt es, in einer gleichbleibenden Geschwindigkeit zu laufen.

Anschließend wird Kapillarblut entnommen, um den Laktatwert zu bestimmen.

Die Auswertung der Daten wird ebenso wie die Untersuchung von Experten übernommen. Zwar gibt es bestimmte Tests, die von den Sportlern oder deren Trainern selbst durchgeführt werden können, allerdings sind dafür entsprechendes Vorwissen und Erfahrung nötig. Dies betrifft vor allem auch die richtige Interpretation der Ergebnisse: „Bei einer leistungsdiagnostischen Untersuchung spielen ungemein viele Faktoren mit“, erläutert Raschner. „Dazu gehören unter anderem Ernährung, Stress, Schlafmangel oder kürzlich überstandene Krankheiten. Das muss sowohl bei der Testung als auch bei der Deutung der erhaltenen Daten immer berücksichtigt werden.“

Andernfalls könne es sein, dass aus den Ergebnissen die falschen Schlüsse gezogen werden. Deshalb sei es auch ungemein wichtig, vor und nach der Leistungsdiagnostik mit den Sportlern zu sprechen, sagt Haibel: „Die Tests allein sind nicht genug. Man muss sich auch mit den Athleten zusammensetzen und austauschen, sodass man wichtige Zusatzinfos erhält, die unter Umständen überraschende oder ungewohnte Werte erklären können. Wenn beispielsweise jemand vor Kurzem einen Infekt hatte, kann das etwa der Grund für einen höheren Puls sein. Wenn jemand kurz vor der Testung eine Banane gegessen hat, kann sich das eventuell in einem höheren Laktatwert niederschlagen. Dafür muss man ein Gespür entwickeln.“

Fehlentwicklungen vorbeugen

Vor allem im Nachwuchsbereich spielen leistungsdiagnostische Tests eine wichtige Rolle, weil damit etwaige Fehlentwicklungen schon früh erkannt und rechtzeitig entsprechende Gegenmaßnahmen getroffen werden können. Raschner gibt ein Beispiel: „Skifahren und Langlaufen sind Sportarten, die zu einem großen Teil symmetrische Bewegungen erfordern. Wenn nun ein junger Skifahrer oder Langläufer beispielsweise ein starkes rechtes, aber ein um 20 Prozent schwächeres linkes Bein hat, wirkt sich das natürlich auf seine Leistung aus. Je früher man um diese Dysbalance weiß, desto früher kann man ihr auch entgegenwirken.“

Für Raschner sind Leistungsdiagnostiken deshalb unverzichtbar, möchte man heutzutage als Sportler erfolgreich sein: „Jeder Athlet hat nur ein bestimmtes Zeitbudget in der Woche. Deshalb sollte man das, was man trainieren will, auch gezielt trainieren. Und eine Leistungsdiagnostik hilft dabei, das Optimale aus jedem Training rauszuholen.“

Olympiazentrum Innsbruck
Das Team des 2011 gegründeten Campus Sport Tirol-Innsbruck Olympiazentrums – vormals Leistungszentrum Tirol-Innsbruck am Campus Sport – kümmert sich seit Jahren um die Betreuung von Hochleistungs- und Nachwuchssportlern aus verschiedensten Bereichen. Es besteht aus Sportwissenschaftlern, Physiotherapeuten, Sportmedizinern, Sportpsychologen sowie Ernährungswissenschaftlern und berät Einzelsportler ebenso wie Sportschulen (Skigymnasium Stams, Skimittelschule Neustift) und Verbände. Dazu zählen unter anderem der Österreichische Skiverband (ÖSV) und der Österreichische Rodelverband (ÖRV),  aber auch der Österreichische Golfverband (ÖGV) oder der Österreichische Schützenbund (ÖSB).

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