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Trotz Unsicherheit kein Motivationstief

Spitzensportler in Quarantäne

Trotz Unsicherheit kein Motivationstief

Jakob Schubert über Trainingsziele in der Quarantäne und was er zur Zeit vermisst.

Text: Nansen & Piccard, Bild: 

Jakob Schubert, Jahrgang 1990, hat im Klettern schon viele Medaillen geholt, darunter auch dreimal die Goldmedaille bei den Weltmeisterschaften. Sein großes Ziel, dieses Jahr an den Olympischen Spielen teilzunehmen, wird er erst nächstes Jahr verwirklichen können. Im Interview erzählt er, wie er mit der Unsicherheit umgeht und warum es trotzdem kein Problem ist, sich zum Klettern zu motivieren.  

Hallo Jakob, wann warst du das letzte Mal Klettern?

Ich war vor ungefähr drei Wochen zum letzten Mal in der Kletterhalle – auch da war das bereits nur noch eingeschränkt möglich.  

Und am Fels? Die ganz strengen Ausgangsbeschränkungen wurden für Tirol ja gestern ein bisschen gelockert.

Ja, allerdings hat das für uns Kletterer nicht viel geändert. Es wird nach wie vor darum gebeten, gefährlichere Sportarten nicht auszuüben, um die Rettungskräfte und das Personal im Krankenhaus zu schonen. Auch das weiterhin geltende Kontaktverbot macht das normale Klettertraining eigentlich unmöglich. Ich bin deshalb immer noch die meiste Zeit zu Hause und absolviere ein Alternativprogramm. 

Wie sieht das aus?

Ich trainiere viel mit einem Griffbrett, das bei mir im Garten hängt. Sonst mache ich Übungen mit einem Theraband und versuche, an meiner Beweglichkeit und meinen Gegenspielern zu arbeiten.  

Wie viele Klimmzüge schaffst du denn so?

(lacht) Genau weiß ich das ehrlich gesagt gar nicht. Es ist ein Gerücht, dass Kletterer die ganze Zeit Klimmzüge machen. Natürlich sind sie Teil des Trainings, meistens aber in einer abgewandelten Form, um einen bestimmten Trainingseffekt zu erzielen. Zum Beispiel versucht man, sie so schnell wie möglich zu machen oder mit einem hohen Zusatzgewicht. Aber wenn ich jetzt schätzen müsste, würde ich 30 sagen. 

Auch an das Klettern am Fels ist trotz der Lockerungen nicht zu denken. Das Verletzungsrisiko ist zu hoch und Rettungskräfte sind jetzt an anderen Stellen gefragt.

Struktur ist das A und O.

Du trainierst offenbar weiterhin sehr diszipliniert. Hast du dafür bestimmte Strategien?

Struktur ist wichtig. Unser Verband hat zum Glück innerhalb kürzester Zeit ein virtuelles Teamtraining organisiert, das fünfmal die Woche immer vormittags stattfindet. Dadurch weiß ich immer sehr genau, welche Trainingsumfänge wann anstehen. Wenn wir dieses Teamtraining nicht hätten, würde ich versuchen, es alleine ähnlich zu machen: Ein geregelter Tagesablauf hilft enorm, am Ball zu bleiben.  

Wie funktioniert das Teamtraining?

Über einen Livestream: Einer unser Trainer macht dort die Ansagen und wir machen mit. Allerdings sehen nur wir ihn und nicht umgekehrt. 

Er kann also nicht kontrollieren, ob bei den Liegestützen die Nasenspitze tatsächlich auch den Boden berührt?

Nein, wir müssen uns schon selber dazu motivieren, die Übungen so perfekt wie möglich zu machen. Feedback können wir uns nur einholen, indem wir uns selber ebenfalls filmen. Es sind eben Übergangslösungen. 

"Im Moment habe ich immer noch die Hoffnung, dass wir dieses Jahr Weltcup-Bewerbe haben werden. Diese Perspektive versuche ich ernst zu nehmen und entsprechend konkret trainiere ich auch."
Jakob Schubert

Vermisst du den persönlichen Kontakt schon?

Der fehlt mir – nach dem Klettern selbst – am meisten. Ich bin jemand, der schon immer am liebsten mit Freunden oder in der Gruppe trainiert hat. Deshalb bin ich auch sehr froh, dass wir das digitale Teamtraining haben. Das kann das richtige Training an der Kletterwand natürlich nicht ersetzen, aber es hilft sehr, wenn man nach dem Training oder in den Pausen in den gemeinsamen Chat schreiben kann: „Boah, die Übung war zach. Wie ging’s euch?“

Der fehlende persönliche Kontakt zum Team ist das eine, dazu kommt auch noch die Frage, wie es in dieser Saison weitergeht. Worauf hättest du dich jetzt eigentlich vorbereitet?

Bei uns hätte die Saison Ende März mit den Europameisterschaften in Moskau begonnen, danach wäre es mit einigen Boulder-Weltcups weitergegangen. Und natürlich die Olympischen Spiele in Tokio, die auch verschoben wurden. Das ausgemachte Ziel des Internationalen Kletterverbands ist zwar, die meisten dieser Bewerbe irgendwie nachzuholen. Aber ob das dieses Jahr ohne weiteres möglich sein wird, ist fraglich.  

So viel Unsicherheit ist sicher auch mental belastend. Wie bleibt man motiviert, wenn plötzlich das konkrete Ziel fehlt?

Im Moment habe ich immer noch die Hoffnung, dass wir dieses Jahr Weltcup-Bewerbe haben werden. Diese Perspektive versuche ich ernst zu nehmen und entsprechend konkret trainiere ich auch. Und die Olympiade nächstes Jahr ist nach wie vor ein großes Ziel von mir.

Viele Unwägbarkeiten bleiben dennoch bestehen. 

Das große Glück der Kletterer ist, dass sie sich auch so gut Ziele setzen können, vor allem am Fels. Wenn dieses Jahr wirklich keine Wettkämpfe mehr stattfinden sollten, dann suche ich mir irgendeine besonders schwere Route, an der ich mich lange probieren kann. Als Sportler hat man außerdem immer auch das langfristige Ziel, nicht nur bei irgendwelchen Wettkämpfen erfolgreich zu sein, sondern insgesamt ein besserer Sportler zu werden. Für mich ist es deshalb auch eine Zeit, in der ich an gewissen Schwächen arbeiten kann.

An der Fingerkraft wird an bestimmten Griffen gearbeitet.

An was arbeitest du dann?

Aktuell zum Beispiel an meiner Fingerpower – da gibt es bestimmte Griffe, bei denen ich nicht das Gefühl habe, zu den Weltbesten zu gehören. In den letzten Monaten hat mich manchmal auch meine linke Schulter genervt, was vor allem daran liegt, dass meine vordere Muskulatur stärker ist als meine hintere. Diese Disbalancen möchte ich ausgleichen. 

Hat sich die neue Trainingssituation bereits in deiner Fitness bemerkbar gemacht?

Die Fitness ist beim Klettern immer schwer zu beurteilen – und solange ich nicht an die Kletterwand kann, ist es fast unmöglich. Aber im Training haben wir einige Übungen zur Kraft-Ausdauer gemacht und hier habe ich schnell Fortschritte gespürt. Wer weiß, vielleicht klettere ich besser als davor? Ich fühle mich jedenfalls gut: Körperlich und mental – und so lange man glücklich ist, fällt auch das Training zu Hause leicht. 

Die Kletterhallen bleiben wohl noch länger geschlossen als die Ausgangssperren Bestand haben werden. Könnten die Tiroler dadurch im Vorteil sein, weil sie Berge vor der Haustür haben und früher zurück ins Training finden?

Das ist natürlich relativ: Gegenüber den Holländern vielleicht, aber jemand aus Barcelona hat noch ein paar mehr Klettermöglichkeiten als wir. Deshalb finde ich es auch sinnvoll, dass viele Wettkämpfe – vor allem auch Olympia – verschoben worden sind. Die Trainingsbedingungen sind zurzeit einfach zu unterschiedlich, um einen fairen Wettkampf austragen zu können.  

Zeit für Hobbys und Freundin.

Genießt du es, jetzt auch mal Zeit für andere Dinge zu haben?

Ja, natürlich gibt es auch ein paar positive Nebeneffekte. Am liebsten wäre es mir zwar, bald mal wieder Klettern gehen zu können, aber ich freue mich sehr, aktuell viel Zeit mit meiner Freundin verbringen zu können und mich mal wieder in meine Hobbys vertiefen zu können. Ich spiele zum Beispiel sehr gerne Computer.  

Dein Tipp, um fit zu bleiben?

Ich halte es für sehr wichtig, sich Ziele zu setzen: Das muss gar nichts Großes sein. Vielleicht wollte man schon immer mal lernen, in einem Handstand zu stehen oder zu jonglieren. Hauptsache, man kann sich an das Ziel herantasten und kontinuierlich verbessern. Das motiviert dann auch, jeden Tag daran zu arbeiten. Ich habe mir deshalb auch ein kleines Projekt gesucht und mir Holz für ein Campusboard bestellt.  

Ein Campusboard?

Ein Brett, an dem Leisten befestigt werden an denen man bestimmte Übungen machen kann, sich hochhangeln zum Beispiel. Daran bastle ich die nächsten Tage. Ich weiß, klingt ein wenig seltsam. Am besten Mal auf Youtube vorbeischauen! 

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