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Zurück aufs Rad

UCI Straßenrad-WM 2018

Zurück aufs Rad

Stefan Denifl im Gespräch

Text: Eva Schwienbacher, Bild: Stefan Voitl

2017 war sein erfolgreichstes Jahr. 2018 verlief aus sportlicher Sicht bisher nicht nach Plan. Doch der Stubaier Rennradfahrer Stefan Denifl kennt nur einen Weg, und der führt zurück aufs Rad. Wie die Heim-WM den 30-jährigen Tiroler antreibt.

Stefan, als wir das letzte Mal hier waren, lag noch Schnee und du hast auf Tourenskiern trainiert. Seither ist viel passiert. Die heurige Saison ist aus gesundheitlichen Gründen für dich nicht unbedingt nach Wunsch verlaufen. Zuerst plagten dich Knieprobleme, dann musstest du aufgrund einer schweren Gehirnerschütterung eines deiner Rennhighlights, die Ö-Tour, auslassen. Nun steht auch noch fest, dass dein Rennteam Aqua Blue Sport mit Ende der Saison aufgelöst wird. Wie hast du die vergangenen Monate erlebt? Stefan Denifl: Aus sportlicher Sicht sind die letzten Monate nicht gut gelaufen. Seit Jänner ist irgendwie immer etwas. Nach meiner Knieverletzung am Anfang der Saison startete ich erst im Mai mit der Tour of Norway in die Rennsaison. Darauf folgte die Tour de Suisse. Schließlich wollte ich mich auf die Ö-Tour vorbereiten und fühlte mich auch gut, als im Training der Sturz passierte. Da wurde mir bewusst, dass bis zur WM die Zeit knapp wird und die Rennen, in denen ich zeigen konnte, was ich drauf habe, weniger werden. Denn schließlich muss auch ich mich qualifizieren – und darf natürlich nicht nur mitfahren, weil ich ein Tiroler bin. Jetzt heißt es in den nächsten Rennen Gas geben. Ohne die Schuld von mir weisen zu wollen, die Materialumstellung in dieser Saison hat mir einige Probleme und Kopfzerbrechen bereitet.

Schließlich wurdest du vom ÖRV als einer von neun Fahrern für das österreichische Team für das Straßenrennen der Herren nominiert. Sechs davon können fix starten. Wie ist es dir gegangen, als du von der Nominierung erfahren hast? Ehrlich gesagt bin ich davon ausgegangen, auch wenn ich heuer nicht so gut gefahren bin. Auf einen Fahrer wie mich können sie nur schwer verzichten. Ich bin der älteste und habe die meiste Rennerfahrung. Ich weiß, dass wir heuer sehr viele gute Fahrer in Österreich haben. Das sah vor fünf, sechs Jahren noch anders aus – da gab es nur wenige, die bergauf so ein schweres Rennen hätten fahren können. Das ist eine sehr positive Entwicklung. Heuer haben wir neun Fahrer, die allesamt gute Resultate vorweisen können. Ich bin der einzige ohne Ergebnisse. Das heißt, die Entscheidung für den Nationaltrainer, wen er letztendlich bei der WM starten lässt, wird nicht unbedingt leicht werden.

"Heuer ist es sicher die Heim-WM, die mich antreibt." Stefan Denifl

Was ist es, was dir in so schwierigen Zeiten Kraft gibt und dich antreibt, immer wieder aufzustehen und weiterzumachen? Heuer ist es sicher die Heim-WM, die mich antreibt. Mein Team hat in dieser Saison keinen Startplatz für die Vuelta a España bekommen – die Spanienrundfahrt fiel also weg. Die Tour de Suisse war für mich das erste Highlight, das mich motiviert hat. Dann stand die Ö-Tour auf meinem Rennplan, die ich allerdings verletzungsbedingt auslassen musste. Und jetzt ist es die Heim-WM, die mich antreibt. Man braucht Zwischenziele, auf die man sich immer wieder vorbereitet. Man darf nicht zu weit vorausdenken. Die Knieverletzung war für mich sehr hart, da ich dasselbe Problem bereits vor drei Jahren hatte und wusste, wie viel Arbeit es bedeutete. Ich war plötzlich in einer Situation, in der ich nie wieder sein wollte. Aber auch wenn es oft hart ist, hat es für mich nur einen Weg gegeben, und der hieß: Zurück aufs Rad.

Hat es nie Momente gegeben, in denen du alles hinschmeißen wolltest und du dir gedacht hast: Ich will nicht mehr? Nein, eigentlich nicht. Als ich im Jahr 2014 verletzt war, war das anders. Letztes Jahr war hingegen mein erfolgreichstes, deswegen fühlte ich mich heuer weniger unter Druck. Ich bin nun 30 Jahre alt – im Alter wird man gelassener. Deswegen habe ich mich darauf konzentriert, wieder fit zu werden und gar nicht so viele Gedanken daran verschwendet, dass es jetzt vorbei sein könnte.

Wie schätzt du im Moment deine Form ein? Das ist schwierig zu sagen. Während der Tour de Wallonie (Rundfahrt in Belgien von 28. Juli bis 1. August, Anm.) dachte ich mir, dass die Form wieder da wäre. Ich fuhr unter die Top 30. Das ist kein Bombenergebnis, aber eine solide Leistung. Dann fuhr ich zur Tour du Limousin (französisches Radrennen, das von 15. bis 18. August stattfand, Anm.) mit dem Ziel, unter die ersten Zehn zu fahren oder eine Etappe zu gewinnen. Meine Leistung war jedoch nur durchschnittlich. Ich habe mir mehr erwartet, da ich wusste, dass ich etwas zeigen musste. Bis zur WM dauert es zwar noch ein bisschen und die Form kann kommen, aber da es heuer den Druck der Qualifikation gibt – zwei Wochen vor der WM werden die sechs Starter und ein bis zwei Ersatzfahrer bekanntgegeben –, muss ich nun alles geben. Ich muss mich wie bereits das ganze Jahr wieder nach vorne kämpfen. Ich hoffe, dass man sieht, dass meine Form immer besser wird. Zudem bin ich noch frisch und nicht von anderen Rennen erschöpft, das ist vielleicht ein Vorteil. Das macht bei so einer WM, die ja immer am Ende der Saison stattfindet, viel aus. 

Stefan Denifl beim Anstieg nach Igls. Der Abschnitt ist Teil des Rundkurses beim Straßenrennen der Herren-Elite am 30. September, den es nach der Anfahrt aus Kufstein sieben Mal zu bewältigen gilt.

Wie kann man sich nun deine Vorbereitungen auf die WM vorstellen? Im Vergleich zu den Fahrern, die bereits viele Rennen gefahren sind und bei denen es darum geht, die Form zu erhalten, schauen meine Vorbereitungen anders aus. Ich kann jetzt nichts falsch machen. Das heißt viel trainieren, viele Rennen fahren und dann die letzten vier, fünf Tage vor der WM etwas ruhiger angehen.

Wie oft bist du den WM-Kurs des Straßenrennens bereits gefahren? Den ganzen Kurs bin ich wahrscheinlich zwanzig Mal gefahren. Abschnitte davon – etwa den Anstieg nach Igls – im Rahmen meiner Trainingsausfahrten schon hunderte Male. Die Höttinger Höll fahre ich natürlich nicht bei jedem Training, da sie doch sehr speziell ist. Ich kenne die WM-Strecke echt gut, da kann mir keiner etwas vormachen.

Das ist sicher auch von Vorteil ... Natürlich, da das Mentale eine große Rolle spielt und es Druck nimmt, wenn man jede Kurve und jeden Meter kennt. Die guten Fahrer sind bereits zur Streckenbesichtigung nach Innsbruck gekommen. Als Rennradfahrer will man eine Ahnung davon haben, was einen bei der WM erwartet.

Hast du angesichts der Verletzungen in jüngster Vergangenheit manchmal Angst vor einem erneuten Ausfall? Bist du vorsichtiger oder zurückhaltender geworden? Im Training nicht, aber im Rennen. Im Training hatte ich in den letzten zehn Jahren nie einen Sturz. Im Rennen sind jedoch oft Respekt und Angst dabei. Wir fahren die Abfahrten mit bis zu 70 Kilometern pro Stunde und mit bis zu 130 Fahrern im Feld. Wenn enge Straßen oder asphaltierte Feldwege dabei sind, gibt es Situationen, in denen man abwiegen muss, wie viel Risiko man eingehen möchte. Um im Rennen vorne dabei zu sein, muss man viel riskieren bzw. einen Kompromiss finden. Man sieht auch Fahrer, die immer riskieren, aber auch oft stürzen. Da wurde ich in den letzten Jahren schon etwas cleverer. Wenn es um den Sieg geht, wie letztes Jahr bei der Vuelta, da gibt es keine Option. Man muss riskieren, sonst gewinnt man keine Etappe.

Das Straßenrennen der Herren gilt als besonders schwierig. Wie muss ein Fahrer das Rennen angehen, um ans Ziel zu kommen bzw. um zu gewinnen? Ein WM-Rennen ist generell mental extrem schwierig. Es dauert zwischen sechs und sieben Stunden. Die ganze Zeit sollte man Power haben. Ich denke, jeder Fahrer wird innerhalb dieser Zeit Phasen erleben, in denen er einen Hänger hat, das ist normal bei solchen langen Rennen. Wichtig ist, cool zu bleiben. Bei der WM in Florenz im Jahr 2013 gab es auch eine Phase, in der ich hinten war. In solchen Momenten gilt es, nicht nervös zu werden. Jeder Antrieb, den man zu viel macht, bedeutet Energie, die am Ende fehlt. Ich gehe davon aus, dass beim Straßenrennen der Herren bereits bei den letzten drei der insgesamt sieben Anstiege nach Igls Fahrer wegbrechen werden. Am Ende bleiben dann noch 20 bis 30 übrig, die die Höttinger Höll rauftreten. Da heißt es, clever die Energie einzuteilen. Bei den ersten Anstiegen nach Igls kann beispielsweise eine Taktik sein, sich im Lauf des Anstiegs im Feld zurückfallen zu lassen und bei der Abfahrt wieder nach vorne zu fahren. So kann man Energie sparen. Es gibt einige Dinge, die man bei einem normalen Rennen nicht machen würde, die bei so einem schweren WM-Rennen aber von Vorteil sein können.

Was ist dein persönliches Ziel, wenn du dich fürs Straßenrennen qualifizierst? Wenn ich gut drauf bin, geht sich vielleicht eine Top-Ten-Platzierung aus. Das wäre genial. Außerdem bietet eine WM unabhängig von der Platzierung die Chance, sich zu präsentieren – etwa bei einer frühen Attacke oder einer Attacke auf den finalen Metern. Natürlich werden wir sechs Fahrer versuchen, als Team für einen Kapitän zu fahren. So machen es die großen Nationen auch. Außerdem ist es auch für die Außenwirkung wichtig, als Team aufzutreten.

Glaubst du, dass dies den Fahrern besonders schwer fällt, gerade weil es eine Heim-WM ist? Ja, das denke ich. Jeder hat sich speziell darauf vorbereitet. Zudem haben wir viele gute Bergfahrer für diesen Kurs. So hat jeder seine Wünsche. Aber letztendlich geht es darum, die Aufgabe, die man im Team hat, zu erfüllen.

"Letztendlich geht es darum, die Aufgabe, die man im Team hat, zu erfüllen." Stefan Denifl

Wer, denkst du, sind die stärksten Gegner des österreichischen Teams? Die Kolumbianer – Kolumbien hat Weltklasse-Bergfahrer–, die Italiener, die mit Nibali einen starken Kapitän haben, für welchen alle fahren werden, und die Franzosen mit Julian Alaphilippe, der heuer zwei Etappen der Tour de France gewonnen hat und kurze, knackige Anstiege mag. Dann gibt es noch die Briten mit den Zwillingsbrüdern Adam und Simon Yates, auf Fahrer wie sie ist der WM-Kurs zugeschnitten. Insgesamt sind es rund zehn gute Bergfahrer, die Weltmeister werden könnten. Schließlich ist da noch Peter Sagan, der dreifache Weltmeister. Er ist nicht der typische Bergfahrer, aber er ist der Typ, der die unmöglichsten Sachen probiert. Allerdings wird es schwer für ihn werden.

Was sind aus deiner Sicht die Highlights der WM für das heimische Publikum? Viele kennen den Radsport aus dem Fernsehen und denken, die Rennen seien langweilig. Doch ich kann nur jedem Nicht-Radfan empfehlen, sich ein Rennen live anzuschauen, da eine ganz besondere Atmosphäre herrscht. Man kommt sehr nahe an die Athleten ran. Ich würde mir das Einzelzeitfahren anschauen, das erste große Highlight. Vor allem der Anstieg nach Gnadenwald von Terfens wird spannend. Die Stimmung im Zielbereich in Innsbruck ist bestimmt immer super. Und schließlich ist auch das Straßenrennen der Herren sehr zu empfehlen. Da würde ich mich ans Ende des Anstiegs in Igls in der Nähe der Bobbahn platzieren, wo die Fahrer noch mal alles geben und so richtig leiden werden. Die Höttinger Höll sollte man sich auch nicht entgehen lassen.

Wenn du einen Wunsch für den 30. September frei hättest, wie würde dieser aussehen? Gutes Wetter wäre wichtig. Es sollte trocken sein. Zudem wäre es für mich persönlich gut, einen super Tag wie letztes Jahr bei der Vuelta zu haben. Dann liegt mir der Kurs einfach. Schließlich kann bei einer WM alles passieren. Da kann auch einer über sich hinauswachsen, überhaupt ein Tiroler Fahrer, so wie ich einer bin.

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person
Stefan Denifl aus Fulpmes fährt im irischen Profi-Radteam Aqua Blue Sport, das kürzlich seine Auflösung mit Ende der Saison 2018 verkündet hat. Denifl gilt als Bergspezialist und gewann 2017 die Gesamtwertung der Österreichrundfahrt und eine Etappe der Vuelta a España. Heuer musste er verletzungsbedingt auf den Start bei mehreren Rennen verzichten. Trotzdem gilt der Tiroler als heißer Kandidat für das Straßenrennen der Herren-Elite am 30. September. Er ist einer von neun Fahrern, die vom Österreichischen Radsportverband (ÖRV) für dieses Rennen nominiert wurde. Am 16. September gibt der ÖRV bekannt, welche sechs von diesen neun Athleten definitiv starten dürfen.

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