Von der Spitze in die Breite

Technische Meilensteine

Von der Spitze in die Breite

Wie Innovationen im Radsport mit der Zeit massentauglich werden

Text: Simon Leitner, Header-Bild: Axel Springer

Technische Weiterentwicklungen im Spitzensport kommen in vielen Fällen auch der breiten Masse zugute – meist jedoch mit zeitlichen Verzögerungen. Auch im Radsport gibt es immer wieder Innovationen, die erst Profis vorbehalten sind, dann aber zum Standard werden – sowohl bei Mountainbikes als auch bei Straßenrädern.

Das Mountainbike hat eine buchstäblich bewegte Geschichte hinter sich. Den einen Erfinder gibt es nicht, vielmehr haben zahlreiche Tüftler und Radsportbegeisterte im Laufe der Zeit mit ihren Ideen, Modifikationen und Weiterentwicklungen dazu beigetragen, dass das Fahrrad, das bis dahin lediglich auf ebenem Untergrund einsetzbar war, schließlich auch bergfit wurde. Einen großen Anteil daran hatten die drei Amerikaner Gary Fisher, Charles Kelly und Joe Breeze, die in den 1970er Jahren mit Fahrrädern am Mount Talmapais in Kalifornien eine Abfahrt gewagt und so den Grundstein für die Idee des Mountainbike gelegt haben.

Breeze war es dann auch, der sich 1977 erstmals daran gemacht hat, ein dezidiertes Mountainbike zu konstruieren – das allerdings mehr eine Art Vorläufer dessen war, was man heute unter diesem Namen versteht, denn diese frühen Räder unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht grundlegend von den heutigen Mountainbikes. „Die Entwicklung ist wirklich rasant vor sich gegangen“, erläutert Matthias Grick vom Fahrradhersteller KTM Industries. „Heutige Strecken könnte man mit den damaligen Bikes gar nicht mehr fahren, das ist echt was komplett anderes.“

Das Mountainbike wurde von begeisterten Freizeitsportlern "erfunden". Die wesentlichen Innovationen haben ihre Ursprünge allerdings im Rennsport.
© KTM

Federleicht

Neben dem flachen Lenker und leichterem Material war einer der größten Meilensteine in der frühen Entwicklung des Mountainbikes der Einsatz von Federelementen, insbesondere bei der Gabel. „Für mich sind Federgabel und Dämpfer die wichtigsten Teile eines Racebikes“, meint Grick. „Denn erst durch sie wurde es überhaupt richtig möglich, Steinhaufen zu bezwingen und Sprünge zu machen. Je besser die Federung, desto freier bewegt man sich am Rad.“

Als Vater der Federgabelung gilt heute Paul Turner, der Ende der 90er Jahre erstmals einen Prototypen, den sogenannten „Rock Shox“, entwickelt hatte. Zuvor wurde die Idee unter Radsportlern lange Zeit als unsinnig abgetan, doch Turner ließ sich nicht beirren und entwarf, angeleht an die Federgabel bei Motorrädern, eine Teleskop-Gabel mit Federweg, Luftfederung und Dämpfung mittels Öl. Diese Erfindung wurde kurze Zeit später von einem Komponentenhersteller in großem Stil produziert und im Laufe der Jahre stetig verbessert – ebenso viele weitere technische Innovationen, von der Scheibenbremse bis zur Zwölfer-Schaltung.

Interessant dabei ist, dass die Entwicklung des Mountainbikes und des dazugehörigen Sports zwar von einigen wenigen Radbegeisterten ausging, die zu jener Zeit etwas Neues ausprobieren wollten, die wirklich wegweisenden Modifikationen aber woanders zu suchen sind, wie Grick erläutert: „Seit der ersten Mountainbike-WM in den USA 1990, spätestens aber, seit der Sport 1996 in Atlanta seine olympische Premiere gefeiert hat, kommen die wichtigen Entwicklungsschritte beim Mountainbike aus dem Rennsport.“

Über Stock und Stein

Mountainbikes müssen so einiges aushalten. Elemente wie Federgabelung und Dämpfer sind dabei essentiell.

© KTM

Umgekehrte Vorzeichen

In gewisser Hinsicht machte der Rennradsport eine umgekehrte Entwicklung durch: Speziell für den Einsatz bei Rennen konstruiert, haben Rennräder nämlich erst nach und nach ihren Weg zu Amateur- und Hobbysportlern gefunden. „Das Rennrad hat eine lange Geschichte, die bis zu den Anfängen des 20. Jahrhunderts zurückreicht, die Rennen viel Tradition“, erklärt der Tiroler Thomas Rohregger, selbst ehemaliger Rennradprofi. „Trotzdem galt man lange Zeit eher als Exot, wenn man als Hobbysportler mit einem Straßenrad unterwegs war.“

Das habe sich mittlerweile jedoch geändert, und das sehe man auch in Tirol, wo immer mehr Straßenradfahrer auf den klassischen Strecken zwischen St. Anton und Kufstein, Reutte und Lienz anzutreffen wären. Rohregger sieht einen Grund dafür in der Straßenrad-WM 2018, die in Innsbruck ausgetragen wurde und nochmal einen entscheidenden Impuls gegeben habe. „Aber im Grunde“, so der Tiroler, „gibt es schon wesentlich länger einen Boom, etwa seit den 2000er Jahren.“

Die Straßenräder von früher sind mit den heutigen kaum noch zu vergleichen – das weiß auch Ex-Rennradprofi Thomas Rohregger.
© Axel Springer

Schub um Schub

Etwa in diesem Zeitraum – und das ist kein Zufall – ließen sich im Rennradbereich auch viele Produktinnovationen beobachten, die mit den Jahren nicht nachgelassen haben. Immer wieder wird an den Rädern herumgefeilt, werden bestimmte Komponenten verfeinert, um wirklich in jeder Hinsicht das Maximum aus den Rädern rauszuholen. „Wenn ich mein damaliges Rennrad mit meinem jetzigen vergleiche, ist das schon ein gewaltiger Unterschied“, meint Rohregger. „Da hat es wirklich große Schübe gegeben.“ Diese waren zu Beginn jedoch nur den Profis vorbehalten – sie sind gewissermaßen Versuchskaninchen für jegliche Neuerungen, die erst danach, auf Basis der Erfahrungen im Spitzensport, zum Standard werden.

Zu den wesentlichen Änderungen in der (jüngeren) Entwicklung des Rennrads zählen unter anderem elektronische Schaltungen, die aerodynamisch verbaut sind und dafür mitunter sogar in Kopperation mit Formel-1-Teams oder Autoherstellern im Windkanal getestet werden, oder Scheibenbremsen, die erst vor einigen Jahren vom Mountainbike übernommen und fürs Rennrad adaptiert wurden. „Man hat lange herumdiskutiert, ob das funktionieren kann, ich selbst war auch erst skeptisch“, erzählt Rohregger. „Aber mittlerweile liebe ich es – gerade bei Abfahrten ist es einfach viel feiner, wenn man mit nur einem Finger bremsen kann.“

Straßenräder sind im Laufe der Zeit immer besser geworden: Von der Schaltung über die Bremsen bis hin zum Material hat sich vieles geändert.

© Axel Springer

Neben dem vergleichsweise geringen Kraftaufwand bieten Scheibenbremsen noch weitere Vorteile gegenüber den bis dato gängigen Felgenbremsen: Unter anderem weisen sie unabhängig von den äußeren Bedingungen eine fast annähernd gleichbleibende Bremsleistung auf, zudem ist der Verschleiß geringer. Der Nachteil ist jedoch, dass Scheibenbremsen etwas teurer und auch etwas schwerer sind – wobei letzteres durch immer leichter werdende Materialien bis zu einem gewissen Grad abgefangen werden kann.

Für jedermann?

Apropos teuer: Wenn man will, bekommt man als Hobbysportler genau jene Räder, die auch in Mountainbike- oder Straßenradrennen von Profis genutzt werden. Allerdings muss man, wenn man ein solches Gerät tatsächlich erstehen möchte, mit Kosten von mehreren tausend Euro rechnen. Man sieht also: Die meisten technischen Innovationen des Profiradsports kommen früher oder später tatsächlich in der breiten Masse an – doch nicht alle sind unbedingt das, was man erschwinglich nennt …

Sowohl Grick als auch Rohregger sehen die technische Entwicklung im Radsport im Übrigen noch lange nicht an ihrem Ende angelangt: Beide hätten schon öfter den Eindruck gehabt, nun habe man in dieser oder jener Hinsicht das absolute Maximum erreicht, bevor die nächste Idee umgesetzt wurde. Für die Zukunft rechnen beide damit, dass sich im Bereich E-Mobilität noch viel tun wird – und dass die Feuertaufe etwaiger Neuerungen erst im Spitzensport stattfindet, bevor Hobby- und Amateurradfahrer in ihren Genuss kommen werden.

© 2017 Tirol Werbung