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Jemand, zu dem man aufschauen kann

Gemeinsame Leidenschaft

Jemand, zu dem man aufschauen kann

Hannah und Jakob Schubert – Geschwister und Profikletterer

Text: Simon Leitner, Bild: Tirol Werbung

Als professionelle Kletterer und Mitglieder des österreichischen Nationalteams verbringen Hannah und Jakob Schubert auch beruflich viel Zeit miteinander. Die Liebe zu ihrem Sport ist aber nicht das Einzige, was die beiden Geschwister verbindet.

Es ist noch gar nicht so lange her, da spielte das Klettern in der Familie Schubert keine allzu große Rolle. Es gab niemanden bei ihnen, der diese Sportart ernsthaft, geschweige denn professionell ausübte, und auch niemanden, der das auch nur annähernd in Erwägung zog. Mittlerweile ist jedoch alles ganz anders, denn im Laufe der Zeit fanden nicht nur ein, sondern gleich zwei Schuberts ihre Erfüllung im Klettersport: Jakob, der heute als einer der besten Kletterer der Welt gilt, und seine sieben Jahre jüngere Schwester Hannah, die ebenfalls längst fixer Bestandteil des österreichischen Nationalteams ist.

Die Geschwister Jakob und Hannah Schubert hatten schon immer ein gutes Verhältnis zueinander. Durch das Klettern wurde ihre Beziehung aber nochmal spezieller.

Die Anfänge der beiden Geschwister im Klettersport hätten jedoch kaum unterschiedlicher sein können. Während Jakob mit nicht ganz zwölf Jahren erstmals von seinem Taufpaten mit in die Kletterhalle genommen wurde und folglich verhältnismäßig spät mit der Sportart in Kontakt kam, begann Hannah bereits um einiges früher. Der Grund dafür war jedoch der Anblick ihres großen Bruder an der Kletterwand, der einen nachhaltigen Eindruck auf die damals Vierjährige gemacht hat.

„Als ich ihn zum ersten Mal beim Klettern gesehen habe, war ich ganz begeistert und wollte das gleich selbst ausprobieren“, erinnert sich Hannah zurück. Ihre Mutter meinte damals allerdings, sie solle noch warten, bis sie sechs Jahre alt sei. „Sie war wohl der Ansicht, es wäre noch zu gefährlich für mich oder ich solle davor vielleicht noch etwas anderes ausprobieren“, vermutet die mittlerweile 21-Jährige. „Aber ich wollte nie etwas anderes machen, deswegen bin ich an meinem sechsten Geburtstag auch sofort in die Halle gestürmt.“ Sehr zur Freude von Jakob, der seine große Leidenschaft dadurch schon früh mit einem Familienmitglied teilen konnte. „Als großer Bruder freut es einen natürlich, wenn die kleine Schwester auch Gefallen an dem findet, was man selbst so liebt“, so der Innsbrucker. „Und mich machte es auch stolz, dass sie so schnell so gut geworden ist.“

„Als großer Bruder freut es einen natürlich, wenn die kleine Schwester auch Gefallen an dem findet, was man selbst so liebt.“ Jakob Schubert

Daran hatte auch Jakob einen Anteil, wenngleich nur einen geringen, wie er sagt – denn er habe seine Schwester eigentlich von Anfang an ihren eigenen Weg gehen lassen und sich deshalb nicht zu sehr einmischen wollen. „Natürlich habe ich immer versucht, ihr zu helfen und eine unterstützende Rolle einzunehmen, allerdings eher im Hintergrund. Sie war ja gut bei ihren Trainern aufgehoben.“ Hannah erinnert sich aber doch an zumindest eine Begebenheit in ihrer Anfangszeit, bei der ihr Bruder diesen Vorsatz aufgegeben und eingegriffen hat: „Ich kletterte eine Wand hoch, die leicht schräg nach innen geneigt war, und versuchte ständig, das Seil mit beiden Händen einzuhängen, weil ich es mit einer allein noch nicht konnte. Jakob stand ungläubig da und fragte, was ich denn da mache. Ich sagte, ich könne es nur so, worauf er meinte: ‚Das kannst du dir gleich abgewöhnen, ich zeige dir mal, wie es funktioniert.‘ Und das hat sich eingebrannt. Seitdem weiß ich, wie es richtig geht.“

Voneinander lernen

Im Vergleich zu Jakob, der als mehrfacher Gesamtweltcupsieger und Weltmeister im Klettersport mittlerweile so gut wie alles erreicht hat, wartet die zweimalige Juniorenweltmeisterin Hannah noch auf den ganz großen Triumph. Druck ob der beeindruckenden Karriere von Jakob verspüre sie allerdings nicht, wie sie sagt: „Klar, manchmal ist es nicht leicht, wenn der Bruder ständig Erfolge feiert, weil man selbst ja ebenso gut sein will. Aber alles in allem motiviert es mich mehr, weil ich ihm nacheifern kann. Ich sehe das Ganze eher als Ansporn.“

„Klar, manchmal ist es nicht leicht, wenn der Bruder ständig Erfolge feiert, weil man selbst ja ebenso gut sein will. Aber alles in allem motiviert es mich mehr, weil ich ihm nacheifern kann.“ Hannah Schubert

Darüber hinaus könne sie noch immer viel von Jakob lernen, erklärt Hannah. Neben der mentalen Stärke ihres Bruders imponiere ihr dabei vor allem eines: „Jakob hat nie die Freude am Klettern verloren, und man sieht ihm den Spaß daran immer an – ganz egal, ob bei Wettkämpfen oder beim Training. Er liebt das, was er tut, und wenn ich ihm zuschaue, bekomme ich jedes Mal gleich selbst Lust, wieder in die Halle zu gehen. Das ist schon beeindruckend.“

Jakob zufolge gebe es umgekehrt aber auch einiges, was er sich von seiner Schwester abschauen könne: Sie sei etwa extrem diszipliniert, was das Training betreffe, und stets mit vollem Einsatz bei der Sache. „Sie war immer schon jemand, der alles gemacht hat, was am Trainingsplan steht, und sogar noch mehr“, erzählt der 27-Jährige. „Das habe ich immer an ihr bewundert – dass sie, selbst wenn sie schon müde sein sollte, trotzdem noch alles bis zum Ende durchzieht.“

In der Kletterhalle sind sie zwar oft beide anzutreffen, gemeinsam klettern gehen sie aber eher selten.

Apropos Training: In der Regel gehen die beiden nicht gemeinsam, sondern getrennt, also mit jeweils eigenen Partnern klettern. Es mache schlichtweg mehr Sinn, jemanden mitzunehmen, der sich auf einem ähnlichen Niveau befinde, so die Geschwister. Und Jakob habe durch seine Erfahrung, nicht zuletzt aber auch aufgrund der unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen und des Altersunterschieds, seiner Schwester eben doch noch einiges voraus.

Mit dem österreichischen Kletternationalteam sind die beiden allerdings meist zusammen unterwegs, und sowohl Hannah als auch Jakob genießen es, bei Wettbewerben auf den jeweils anderen zählen zu können. „Gerade wenn es mal nicht so gut läuft, hilft es sehr, wenn man ein Familienmitglied an seiner Seite hat, das einen unterstützt – sei es nun durch konkrete Tipps oder einfach durch Zuhören“, meint Jakob. „Und auch die Erfolge sind nochmal schöner, wenn man sich gemeinsam darüber freuen kann.“

Dementsprechend fiebern die Geschwister jedes Mal aufs Neue voll mit, wenn der jeweils andere sich an der Wand befindet. Während Jakob aber grundsätzlich noch immer „extrem nervös“ ist, wenn er seiner Schwester beim Klettern zuschaut, ist Hannah mittlerweile etwas ruhiger geworden, wenn Jakob um Siege kämpft. „Er hat schon so viel Erfahrung und klettert so sicher, dass ich mir eigentlich kaum noch Sorgen mache“, berichtet die Innsbruckerin. „Bei Finalrunden schwitze ich aber meist doch ein bisschen. Auch wenn Jakob mich beim Zuschauen bisher selten enttäuscht hat.“

Hannah Schubert hat, wie sie sagt, immer schon zu ihrem großen Bruder Jakob aufgeblickt.

Familienbande

Obwohl Hannah und Jakob im Rahmen ihrer Tätigkeit als Kletterprofis viel Zeit miteinander verbringen, gebe es ihnen zufolge so gut wie keine jener Zwiste und Auseinandersetzungen, die oft typisch für Geschwister sind. Das liege daran, dass man einfach einen guten Draht zueinander habe und man sich in der Familie generell sehr gut verstehe. Das sei nie anders gewesen und habe auch dabei geholfen, den frühen Tod der Mutter, die vor nicht ganz fünf Jahren an einem Krebsleiden verstorben ist, zu verarbeiten. „Bei uns hatte Familie immer schon einen großen Stellenwert. Aber Mamas Tod hat uns nochmal deutlicher gemacht, wie wichtig es ist, die Zeit mit den Menschen, die man liebt, zu nutzen und wertzuschätzen“, sagt Hannah.

So treffen sich die Schuberts – neben Hannah und Jakob sind das Bruder Ben und Schwester Mara sowie Papa Peter – etwa regelmäßig bei Letzterem zum gemeinsamen Familienessen. „Wir schauen, dass wir zumindest einmal die Woche alle zusammenkommen“, erzählt Jakob. „In der Wettkampfzeit ist das manchmal zwar nicht leicht, aber wir schaffen es meist trotzdem. Das zeigt, wie wichtig das für uns ist.“ Nicht zuletzt für Hannah und Jakob, denn obwohl sich die beiden durch das Klettern oft sehen, sei der Umgang zu Hause doch ein anderer. „Daheim hat man eher Zeit, mal in Ruhe miteinander zu reden“, sagt Hannah. „So bekomme ich beim Familienessen auch besser mit, wie es Jakob geht, als etwa in der Kletterhalle.“

Unabhängig davon sind Hannah und Jakob der Ansicht, dass sie durch ihre geteilte Leidenschaft zum Klettern doch nochmal eine etwas speziellere Beziehung zueinander hätten. „Wir sind viel gemeinsam unterwegs, kennen uns sehr gut und verstehen die Probleme des jeweils anderen oft womöglich besser als jemand anderer in der Familie“, erklärt Jakob. Seine Schwester fügt hinzu: „Gerade wenn es ums Klettern geht, wende ich mich natürlich am ehesten an Jakob, weil er sich am besten auskennt und Schwierigkeiten in diesem Fall am besten nachvollziehen kann.“

Der Altersunterschied von sieben Jahren sei dabei nie ein Problem für die beiden gewesen, im Gegenteil. Man habe, weil man sich stets in unterschiedlichen Lebensabschnitten befand, in der Kindheit deutlich weniger Streitereien miteinander gehabt. Für Jakob war Hannah immer die kleine Schwester, auf die es aufzupassen galt, Hannah sah ihren Bruder wiederum stets als großes Vorbild, wie sie sagt: „Jakob war immer jemand, zu dem ich aufschauen konnte, nicht nur im Klettern. Und das hat sich bis heute nicht geändert.“

Wordrap

Hannah über Jakob

Jakobs größte Stärken: Sein Ehrgeiz und seine Stressresistenz.

Das schätze ich an ihm: Dass er immer für mich da ist und mir hilft, wo es nur geht.

Damit geht er mir manchmal auf die Nerven: Mit seinem Bart. Er weiß, dass ich es hasse, wenn er mich bei einer Umarmung damit kitzelt.

Wenn Jakob nicht klettern würde, wäre er: Wahrscheinlich Fußballer? Auf jeden Fall aber Sportler, denn ich wüsste nicht, wo er sonst seinen Ehrgeiz ausleben würde.

Nach seiner Karriere sehe ich Jakob: Als Trainer, als solchen könnte ich ihn mir gut vorstellen.

Jakob über Hannah

Hannahs größte Stärken: Zielstrebigkeit und Disziplin. 

Das schätze ich an ihr: Dass sie ein positiver Mensch, immer für mich da ist und mich so respektiert, wie ich bin – auch wenn es mit mir vielleicht nicht immer einfach ist. 

Damit geht sie mir manchmal auf die Nerven: Wenn sie gestresst ist, kann sie hin und wieder recht schwierig sein. 

Wenn Hannah nicht klettern würde, wäre sie: Womöglich Konditorin, denn fürs Kochen und Backen hat sie ein besonderes Talent. 

Nach ihrer Karriere sehe ich Hannah: Am ehesten in der Sozialen Arbeit.

Hannah Schubert, geboren 1997, ist eine österreichische Kletterin. Zu ihren größten Erfolgen zählen die Jugendweltmeistertitel 2012 und 2014 sowie der dritte Platz beim letztjährigen Weltcup im slowenischen Kranj. Sie ist Heeressportlerin und hat kürzlich ihr Pädagogikstudium begonnen.

Jakob Schubert, geboren 1990, ist ein österreichischer Kletterer. Er gewann dreimal den Gesamtweltcup und wurde zweimal Weltmeister im Vorstieg (2012 und 2018), darüber hinaus holte er sich 2018 bei der WM in Innsbruck auch noch Gold im damals neuen Kombinationsbewerb. Er ist ebenfalls Heeressportler und hat einen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften.

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