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Der Beginn einer neuen Ära

Skiweltcup-Opening 2019

Der Beginn einer neuen Ära

Was der Rücktritt Marcel Hirschers für den Skisport bedeutet

Text: Simon Leitner, Header-Bild: EXPA/Dominik Angerer

Mit dem Skiweltcup-Opening in Sölden fällt am kommenden Wochenende nicht nur der Startschuss für die neue, sondern auch für die erste Saison seit dem Rücktritt Marcel Hirschers. Was den erfolgreichsten Skifahrer aller Zeiten ausgezeichnet und welche Auswirkungen sein Abgang auf den Skisport hat, erklären Ex-Skiprofi Benjamin Raich, ÖSV-Herren-Cheftrainer Andreas Puelacher und der Schweizer Sportjournalist Richard Hegglin.

Benjamin Raich, ehemaliger österreichischer Skirennfahrer

Wie haben Sie persönlich den Rücktritt Marcel Hirschers aufgenommen?
Benjamin Raich:
Ich war, ehrlich gesagt, etwas überrascht, dass er es am Ende wirklich durchgezogen hat. Kurz bevor er es bekanntgegeben hat, war es schon absehbar, aber noch eineinhalb Wochen vorher hätte ich nicht damit gerechnet – zum einen, weil es in den Jahren zuvor schon ähnliche Situationen gab, zum anderen, weil Marcel ja noch relativ jung ist und sicher noch ein paar Jahre auf Topniveau hätte mitfahren können.

Was waren Ihrer Meinung nach die Gründe für Hirschers Entscheidung?
Er hat immer sehr viel investiert und alles gegeben, sich auch sehr viel zu Herzen genommen, was sicher eine Belastung war. Er selbst meinte ja, er habe es nicht mehr geschafft, sich immer wieder aufs Neue zu regenerieren. Vielleicht ist es ihm aber auch zunehmend schwergefallen, nach all seinen Erfolgen neue Ziele für sich selbst zu formulieren. Aber das braucht es, sonst kannst du dich nicht mehr mobilisieren und jene Spannung aufbauen, die nötig ist, um Rennen zu bestreiten.

Was bedeutet Hirschers Rücktritt für den österreichischen Skisport?
Natürlich haben nun viele Kummer und fragen sich, wer denn jetzt die Erfolge für uns einfahren solle. Und klar, einen wie Marcel wird man so schnell nicht wieder finden. Denn eines muss man schon sagen: So einen wie ihn hatten wir tatsächlich noch nie. Nicht mal ein Toni Sailer, ein Hermann Maier oder auch ein Stephan Eberharter haben das erreicht, was er erreicht hat. So gesehen, kann es also schon dauern, bis wieder so einer nachkommt. Aber es werden sicher andere nachrücken, die sich nun auf die Hinterfüße stellen und ins Scheinwerferlicht treten, die die Verantwortung und gesteigerte Aufmerksamkeit, die sie nun spüren, wahrnehmen und sich dadurch auch steigern werden. Das ist zumindest meine Hoffnung.

© Johannes Mair/Alpsolut

"Einen wie Marcel wird man so schnell nicht wieder finden. Denn eines muss man schon sagen: So einen wie ihn hatten wir tatsächlich noch nie." Benjamin Raich

Welche Fahrer kämen Ihrer Ansicht nach dafür in Frage?
Es gibt mehrere, die das Potenzial dazu hätten. Marco Schwarz als Allrounder oder Vincent Kriechmayr gehören sicher zu jenen Fahrern, die man auf der Rechnung haben sollte. Aber vielleicht rückt auch wer von unten nach, etwa jemand wie Joshua Sturm, der zwar noch sehr jung ist, dem ich aber viel zutraue. Welche der österreichischen Sportler am Ende Erfolg haben werden, ist schwer einzuschätzen und wird sich weisen. Vielleicht geht es schnell, vielleicht braucht es aber auch etwas Zeit. Die muss man ihnen auf jeden Fall geben.

Sie selbst sind 2015 vom aktiven Skisport zurückgetreten. Haben Sie diese Entscheidung in den Jahren danach mal bereut?
Nein, nie. Für mich war es damals klar, dass meine Zeit vorbei ist, dass ich meinen Teil erledigt habe. Aber ich war natürlich auch in einem anderen Alter, bei meinem Rücktritt rund sieben Jahre älter als Marcel. Deswegen kann ich mir durchaus vorstellen, dass er, wenn er sich mal richtig erholt hat, nochmal zurückkommen und wieder durchstarten könnte.

Andreas Puelacher, Sportlicher Leiter ÖSV-Herren-Nationalteam

Wann haben Sie von Marcel Hirschers Rücktritt erfahren?
Andreas Puelacher: Im August, als wir gerade vom Trainingslager in Ushuaia (in Argentinien, Anm.) zurückgekehrt waren. Ich hatte Marcel davor schon gesagt, dass ich eine Entscheidung von ihm brauche, er meinte, er denke nochmal darüber nach. Noch bevor er mich dann angerufen und mir mitgeteilt hat, dass er aufhören werde, hatte ich schon irgendwie gespürt, dass es in diese Richtung gehen könnte. Bis Anfang August war ich aber noch davon überzeugt, dass er weitermacht. Ich dachte, er erholt sich schon wieder von der letzten Saison, außerdem ist er eng mit dem Sport verbunden und mag das Skifahren immer noch gern. Letztlich ist es aber seine Entscheidung, und wenn du am Höhepunkt aufhörst, nach so vielen Saisonen, ist das sicher kein Fehler.

Michael Matt (l.) und Marco Schwarz (r.) haben unter anderem bereits bei der vergangenen Ski-WM im schwedischen Åre gezeigt, dass sie in die Fußstapfen Marcel Hirschers (Mitte) treten können.
© EXPA/Dominik Angerer

Glauben Sie, dass es nach so vielen Erfolgen schwerfällt, sich noch zu motivieren?
Kann sein, bei Marcel war das aber definitiv nicht der Fall. Er war stets motiviert, wollte sich ständig messen, immer gewinnen. Und er hatte immer Spaß am Rennen, auch wenn im Laufe der Zeit natürlich viel Druck auf ihm lastete. Aber an Ehrgeiz hat es nie bei ihm gemangelt. Dafür war er einfach zu sehr Perfektionist, einer, der nicht nur von seinem Umfeld, sondern auch von sich selbst immer das Maximum verlangt hat. Das war, neben seiner Coolness und Nervenstärke an Renntagen, sicher ein maßgeblicher Faktor, wie er zum Seriensieger werden konnte.  

Welche Auswirkungen hat Hirschers Rücktritt allgemein auf den Skisport?
Ich glaube, es gibt zwei Seiten. Zum einen verliert man ein richtiges Idol, einen Star, der es geschafft hat, die Massen zu begeistern. Zum anderen muss man aber auch sagen, dass die Saison nun allgemein wieder interessanter werden dürfte. Es wird vor allem spannend zu sehen, wie die Topfavoriten reagieren werden. Für sie steigt der Druck nun natürlich, während es für andere Fahrer durchaus befreiend sein kann, dass Marcel nun nicht mehr antritt. Auch unsere Sportler können jetzt aus seinem Schatten treten und beweisen, was sie können.

Wie kann der ÖSV Hirschers Abgang kompensieren?
Gar nicht. Ich denke, man kann so einen Seriensieger nicht einfach ersetzen. Und ich sehe derzeit keinen, der beispielsweise in der Lage dazu wäre, achtmal hintereinander den Gesamtweltcup zu gewinnen. Aber wir haben andere Fahrer, die jetzt weiter nach vorne kommen können, und ich bin überzeugt, dass das Gewicht, das auf Marcel lastete, nun halt von anderen gestemmt wird. Ob das nun ein Einzelner tut oder mehrere gemeinsam, weiß ich nicht, aber wir sind definitiv breit aufgestellt und haben viel Potenzial im Team. Das gilt es nun abzurufen.

© EXPA/Johann Groder

"Ich denke, man kann so einen Seriensieger nicht einfach ersetzen. Und ich sehe derzeit keinen, der beispielsweise in der Lage dazu wäre, achtmal hintereinander den Gesamtweltcup zu gewinnen." Andreas Puelacher

Was sind Ihre Ziele und Wünsche für die kommende Saison?
Was den Gesamtweltcup betrifft, sehe ich die Favoriten derzeit woanders, aber wir möchten auf jeden Fall wieder die Nationenwertung gewinnen. Und ich hoffe, dass wir in jeder Disziplin wieder Siege und Podestplätze holen werden. Wenn die Athleten, die jetzt schon im Team sind, den nächsten Schritt nach vorne machen, bin ich aber zuversichtlich, dass wir auch heuer wieder viele Erfolge einfahren werden.

Welche ÖSV-Fahrer machen Ihnen diesbezüglich am meisten Hoffnung?
Im Speedbereich gibt es drei, die um Podestplätze mitfahren sollten: Matthias Mayer, Vincent Kriechmayr und Max Franz. Natürlich darf man auch Hannes Reichelt nicht vergessen, von dem ich überzeugt bin, dass er heuer wieder besser abschneiden wird als letztes Jahr. Bei den technischen Bewerben sehe ich wiederum Marco Schwarz, der lange verletzt war, Manuel Feller oder Michael Matt auf einem guten Weg, ebenso Christian Hirschbühl oder Stefan Brennsteiner. Es gibt jedenfalls genug Fahrer bei uns, die den österreichischen Skisport hochhalten.

Richard Hegglin, Schweizer Sportjournalist

Wie wurde Marcel Hirschers Rücktritt außerhalb Österreichs aufgenommen?
Richard Hegglin: Es gab natürlich großes Interesse, auch bei uns in der Schweiz: Man fand in jeder Zeitung einen entsprechenden Aufmacher im Sportteil. Und das, obwohl es ja gewissermaßen ein Rücktritt mit Ankündigung und daher am Ende auch keine allzu große Überraschung war. Denn als Hirscher im August seine eigene Pressekonferenz abgesagt hatte, konnte man im Grunde schon davon ausgehen, dass er höchstwahrscheinlich seine Laufbahn beenden würde.

Sie persönlich hat Hirschers Entscheidung also nicht überrascht?
Nein, ich hatte seinen Rücktritt eigentlich schon früher erwartet – unter anderem 2018, nach den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang, als er mit den zwei Goldmedaillen die letzen Auszeichnungen geholt hat, die ihm noch gefehlt haben. Und auch in den letzten drei Jahren hat er nach der Saison ja immer wieder angedeutet, dass er aufhören könnte. Einige haben das als Koketterie gedeutet, ich glaube aber, dass ihm die ständige physische und psychische Belastung einfach zusehends zugesetzt hat.

© EXPA/Dominik Angerer

Auch mit Vincent Kriechmayr (l.) und Manuel Feller dürfte in der nächsten Saison zu rechnen sein.
© EXPA/Johann Groder

Was bedeutet Hirschers Rücktritt für den internationalen Skisport?
Wenn ein ganz Großer wie er aufhört, spricht man natürlich immer zuallererst von einem Verlust. Das war bei Aksel Lund Svindal und Felix Neureuther ähnlich, denn es handelt sich dabei um Stars, die den Sport geprägt haben und an deren Abgang man sich erst gewöhnen muss. Auch Hirscher wird man nun natürlich vermissen, nicht zuletzt, weil der den Skisport ja wirklich auf ein neues Level gehoben hat. Auf der anderen Seite geht es natürlich trotzdem weiter, und die Rennen werden nun wahrscheinlich interessanter, als sie es in den letzten Jahren waren. Denn mit Hirschers Karriereende ist natürlich ein Platz auf dem Podest freigeworden, und den gilt es neu zu besetzen.

Gehört das österreichische Team trotz Hirschers Abgang weiterhin zu den Favoriten?
Ja, für mich schon. Wie Peter Schröcksnadel (ÖSV-Präsident, Anm.) schon richtig festgestellt hat, hätte Österreich auch ohne Hirscher letztes Jahr die Nationenwertung gewonnen – wenn auch nur ganz knapp, mit gerade mal 45 Punkten Vorsprung. Österreich wird Hirschers Absenz natürlich spüren, aber ich glaube, die Mannschaft kann das heute besser verkraften als noch vor zwei, drei Jahren. Gerade in den technischen Disziplinen hat sich nämlich mittlerweile so mancher Österreicher in Lauerstellung gebracht. Mit Feller, Matt, Schwarz oder Hirschbühl ist etwa sicher zu rechnen. Sie sind den Druck schon gewohnt und die geänderten Voraussetzungen für sie in erster Linie eine Chance.

"Die Rennen werden nun wahrscheinlich interessanter, als sie es in den letzten Jahren waren. Denn mit Hirschers Karriereende ist natürlich ein Platz auf dem Podest freigeworden, und den gilt es neu zu besetzen." Richard Hegglin

Denken Sie, dass es in naher Zeit wieder einen solch dominanten Fahrer wie Hirscher geben könnte?
Ich beschäftige mich schon lange genug mit dem Sport, um zu wissen, dass immer wieder jemand nachrücken wird. Jedes Mal, wenn ein Großer die Bühne verlässt, heißt es, so einen würde es nie wieder geben. Aber solche Überflieger tauchen am Ende immer wieder auf. Wer genau in die Fußstapfen Hirschers tritt, weiß ich nicht. Vielleicht Alexis Pinturault, vielleicht Clément Noël, vielleicht aber auch jemand, den man jetzt noch gar nicht kennt. Ein Schweizer, ein Österreicher? Ich schließe nichts aus.

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