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Dominik Landertinger sagt Servus

ÖSV-Biathlet beendet Karriere

Dominik Landertinger sagt Servus

Wenige Wochen nach dem finalen WM-Bronze-Glücksgefühl blickt Dominik auf 22 Jahre Biathlonsport zurück.

Text: Fred Steinacher, Bild: GEPA

Neun Medaillen,  vier davon glänzten olympisch, fünf Stück des Edelmetalls gewann er bei Weltmeisterschaften, eine davon in Gold, 37 Podestplätze im Weltcup. Faszinierende Augenblicke, bittere Momente, Jubel, Hoffen, Bangen und nun – wenige Wochen nach dem finalen WM-Bronze-Glücksgefühl von Südtirol  der Abschied von der großen Bühne des Sports – Dominik Landertinger beendete seine großartige Karriere, stellte Langlaufski und Gewehr für immer ,,ins Eck“! Ein Großer des Sports sagte leise Servus.

Der Blick zurück ist zwar – verständlich – ein wehmütiger, 22 Lebensjahre für den Biathlonsport, 13 davon im Weltcup – sind nicht so ,,mir-nix dir-nix“ zu streichen. Dafür ist zu viel geschehen in diesen mehr als zwei Jahrzehnten, auch wenn der Wahl-Tiroler an diesem 19. April 2020 überzeugt davon war, ,,dass für mich genau jetzt – nach Antholz -  der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um aufzuhören. Denn seit meiner Bandscheiben-Operation vor drei Jahren (Oktober 2017) bin ich zu oft meinem Leistungsvermögen und meiner Erwartungen hinterhergelaufen.“ Sagte ausgerechnet der Mann, der sich diesem Eingriff acht Monate nach dem Gewinn von Staffel-Bronze bei der Heim-WM in Hochfilzen (2017) und fünf Monate vor Bronze über 20 Kilometer bei den Olympischen Spielen von Pyeongchang unterzogen hatte. Medaillen als Bestätigung seiner außergewöhnlichen Klasse, die ihn wohl auch befähigte, stets bei Großereignissen Topleistungen abzuliefern; allen Widrigkeiten zum Trotz. Wie auch in diesem WM-Winter 2020.

Da wollte er eigentlich schon im Dezember aufhören, ehe nach einer intensiven Physiotherapie und Trainingsumstellung noch einmal der Ehrgeiz erwachte und dem 32-jährigen just bei der WM in Antholz den Weg auf das Podest ebnete. Da stand er nun, der Landi, neben Johannes Thingnes Bö (2.) und Weltmeister Martin Fourcade, mit nassen Augen, von Emotionen gebeutelt. Am Ende eines zwar faszinierenden, aber beschwerlichen Weges und erneut pünktlich zum Saison-Höhepunkt in Hochform. Ein echter Landertinger eben, der mit einer großartigen Leistung wie schon so oft zuvor die österreichische Biathlon-Ehre gerettet hatte.

Landi - zum Abschied mit Johannes Thingens Bö und Martin Fourcade auf dem Podest.
(c) GEPA

Der Anfang prägt, auch das Ende haftet.

Im Winter 2009 war der damals noch 20-jährige Hochfilzener wie ein Komet in der Biathlon-Szene erschienen hatte bei der WM in Pyeongchang Gold im Massenstart und den Respekt der Konkurrenten wie Ole-Einar Björndalen gewonnen. Und nun, nach elf intensiven Jahren inmitten der Weltspitze, verlässt der ,Landi“ die Szene und fühlt sich dabei nach dem Gustostückerl von Antholz mit Bronze ganz wie ein Sieger über dessen Karriere man einmal sagen wird: Der Anfang (Medaille) prägt, auch das Ende (Medaille) haftet.

„Die hohen Umfänge im Training zu verkraften, fiel mir immer schwerer, in der Früh, beim Aufstehen, hatte ich mich oft 30 Jahre älter gefühlt.“
Dominik Landertinger

Dominik, mit 32 Jahren, sagt man, komme das beste Alter für Ausdauersportler. Doch jetzt der Rücktritt, warum gerade zu diesem Zeitpunkt? 

,,Für mich war klar, dass es so nicht mehr weiter gehen konnte. Nach der Bandscheiben-Operation hatte ich eine sehr harte Zeit. Die hohen Umfänge im Training zu verkraften, fiel mir immer schwerer, in der Früh, beim Aufstehen, hatte ich mich oft 30 Jahre älter gefühlt. Da wusste ich, meine Karriere fortzusetzen wäre meinem Körper und meiner Gesundheit gegenüber zu gierig, zu unfair gewesen.“

13 Jahre Weltcup haben ihre Spuren hinterlassen?

,,Tatsächlich hatte ich ja schon mit zehn Jahren meine Leidenschaft für Biathlon entdeckt, bin also 22 Jahre im ,Geschäft‘. Mit 14 habe ich trainiert wie ein 18-Jähriger, mit 18 wie ein 22-Jähriger; vielleicht oder besser wahrscheinlich bin ich deshalb mit 20 auch Weltmeister geworden, einer der Jüngsten in der Geschichte des Biathlon-Sports.“

Wann hast du gemerkt, dass dieser Aufwand auf Dauer nicht durchzuziehen ist?

„Mitte 20 ungefähr, nachdem ich als jüngerer Athlet quasi immer mit dem Schädel gegen die Wand gelaufen bin und nicht so sehr auf den Körper geachtet hatte. Aber in den letzten Jahren bin ich geduldiger und erfahrener geworden und hatte den Spagat zwischen Belastung und Erholung geschafft.“

Wie war das am Montag oder Dienstag früh aufzuwachen, was ging dir da durch den Kopf?

Lacht! ,,Na ja, zunächst einmal versuche ich, mich Step-by-Step an die neue Situation zu gewöhnen; aber natürlich freue ich mich auf ein Privatleben, dass du als Sportler nur sehr eingeschränkt genießen kannst, auf das Frühstück mit der Familie z. B., auf mehr Zeit mit meiner Partnerin und meinen Sohn. Und ja, Abstand gewinnen, bis Anfang Mai Gedanken ordnen, das hat jetzt Vorrang. Freunde treffen, ein Bierchen ohne schlechtes Gewissen. “

Dominik freut sich jetzt auf mehr Zeit mit Familie und Freunden.
(c) GEPA

Nicht zuletzt deine großartigen Leistungen haben dazu beigetragen, dass Winter ohne Biathlon bei den österreichischen Sportfans nicht mehr denkbar sind.

 ,,Das freut mich, ist eine tolle Entwicklung und schön, dass ich dazu beitragen konnte. Aber die Begeisterung der Fans, volle Stadien wie auch bei uns in Hochfilzen, die faszinierende Stimmung, das ist bzw. war schon immer etwas Besonderes, da hat man als Athlet gerne die letzten Reserven rausgekitzelt.“

 Was macht die Faszination aus?

Nun, da denke ich spielt die Tatsache eine große Rolle, dass zwei Sportarten – laufen und schießen - kombiniert werden, damit bis zum Schluss jeder Ausgang möglich ist, oftmals entscheidet der letzte Schuss. Wie bei mir in Antholz, als ich mit meinem allerletzten Wettbewerbs-Schuss wahrscheinlich Silber ,verballert“ habe. Aber ich möchte darüber nicht jammern, habe mich über Bronze wie verrückt gefreut. Dank dieser Medaille habe ich das tolle Gefühl, als Sieger die große Bühne des Sports verlassen zu können.“

Jede Medaille hat seine Geschichte.

Insgesamt neun Medaillen hast du gewonnen, gibt es eine Reihung? Die Schönste, die Wichtigste, die Emotionalste?

 ,,Ganz ehrlich, da möchte ich keine herausheben, jedes Stück davon hat eine eigene Geschichte. Aber natürlich, WM-Gold 2009 als Jungspund, Olympiabronze von Pyeongchang 2018 nach der Bandscheiben-Operation oder  Staffel-Bronze bei der Heim-WM 2017 in Hochfilzen – so etwas wird man nie vergessen.“.  

Die härtesten Gegner?

 ,,Da brauche ich nicht lange nachzudenken – selbstverständlich der großartige Ole Einar Björndalen, mein Vorbild; dazu Martin Fourcade und Johannes Thingnes Bö, die Superstars der Szene und da freut es mich schon, mit jedem von den dreien zumindest einmal auf dem Podest einer Großveranstaltung gestanden zu sein. Dazu noch meine ÖSV-Teamkollegen  wie Simon Eder, Christoph Sumann, Julian Eberhard und nicht zu vergessen mein Zimmerkollege, der Felix Leitner, dem ich für die Zukunft viel zutraue.“   

Kannst du jetzt Dein Erfolgsgeheimnis verraten?

Schmunzelt. ,,Natürlich – wer mich kennt, weiß, dass ich wahnsinnig ehrgeizig bin, zusammengefasst möchte ich sagen: harte Arbeit, nie aufgeben und ab und zu auch das nötige Quentchen Glück. Das Ergebnis macht mich stolz, ich kann sagen, dass ich alles erreicht habe, was ich mir einst vorgestellt hatte und bin sehr dankbar dafür.“ 

(c) EXPA

(c) EXPA

(c) smpr

Wohin geht die Reise, Dominik?

,,Bis September bin ich noch Angehöriger des Österreichischen Bundesheeres, dann werde ich die Möglichkeit im Rahmen der gebotenen Ausbildungsmaßnahmen wahrnehmen.  Parallel zur sportlichen Karriere habe ich ja schon eine umfassende Ausbildung zum Spezial-Trainer für die Disziplin Biathlon und zum allgemeinen Trainer absolviert. Vielleicht braucht mich einmal jemand als Berater im Biathlonbereich. Meine Zukunft sehe ich allerdings im Gesundheitsmanagement für Firmen, im Fitness-und Breitensport. Gerade Themen wie die richtige Balance zwischen Belastung und Regeneration spielen nicht nur im Sport, sondern auch im beruflichen Alltag eine entscheidende Rolle, um psychischen und körperlichen Problemen entgegenzuwirken.“ 

Womit wir schon bei der Schlussfrage wären,  wie sieht das jetzt aus, mit Sport, mit Bewegung, mit Training? Was hat der Topathlet Dominik Landertinger als ,,Sport-Ruheständler“ zu beachten?

,,Von 100 auf 0 geht nicht, aber das habe ich ohnehin nicht vor. Da gilt es Regeln einzuhalten. Ich werde natürlich weiter trainieren,  kann mir jetzt aber den schweren 20iger sparen; die hohe Intensität schrittweise rausnehmen, denn ich weiß: bei einem extrem trainierten Sportler müssen das Herzkreislaufsystem, das Nervensystem und die Muskulatur genug Zeit haben, um wieder den Normalzustand zu erreichen. Vereinfacht ausgedrückt: mit dem dosierten Training dem Körper signalisieren, dass er noch gefordert ist.“

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