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UCI Straßenrad-WM 2018

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Die Radprofis Christina und Kathrin Schweinberger im Porträt

Text: Eva Schwienbacher, Bild: Johannes Mair / Alpsolut

Am liebsten machen die beiden alles zu zweit, auch wenn es allein oft einfacher wäre: Christina und Kathrin Schweinberger, Zwillinge und Straßenradprofis aus Jenbach, im Porträt.

Kathrin Schweinberger steigt von ihrem blauen Carbon-Rennrad und dreht sich suchend um. Sie hat ihre Schwester Christina im Gewusel der vielen Spaziergänger auf der Kufsteiner Innpromenade aus den Augen verloren. „Gerade fuhr sie noch hinter mir“, wundert sich Kathrin. Als sie lostreten will, um nach Christina zu schauen, biegt diese mit dem Rad um die Kurve. „Plötzlich habe ich dich nicht mehr gesehen, sorry“, entschuldigt sie sich lachend für die eine Minute Verspätung. 

Es sind diese paar Sekunden, um die Kathrin immer wieder gern schneller ist. So zum Beispiel auch, als sie noch im Kader des Tiroler Skiverbands Rennen fuhren: Während Kathrin ihre Skier schon im Auto verstaut hatte, packte Christina noch im Haus ihre Handschuhe zusammen. „Wir sind meistens beide pünktlich, nur ist Kathrin einfach einen Tick schneller – ich weiß auch nicht, wie sie das macht“, sagt Christina und lacht. Ein weiterer Unterschied ist ihr Äußeres: Die beiden schauen sich nicht ähnlicher, als es „normale“ Schwestern auch tun. 

„Österreicherinnen, die im Rennradsport nach oben wollen, müssen ins Ausland.“ Kathrin Schweinberger

Die Jenbacher Athletinnen stellen ihre Rennräder im Gastgarten eines Cafés an der Innpromenade ab und machen es sich auf einer Couch bequem. Die 21-Jährigen sind gerade für drei Wochen auf Heimatbesuch. Seit heuer haben sie in Belgien ein zweites Zuhause gefunden: 2017 unterschrieben sie einen Vertrag bei Health Mate – Cyclelive, einem neu gegründeten belgischen Frauenrennradteam mit UCI-Lizenz. „Österreicherinnen, die im Rennradsport nach oben wollen, müssen ins Ausland“, weiß Kathrin. Entweder nach Deutschland, Belgien oder in die Niederlande, wo der Frauenstraßenradsport einen höheren Stellenwert hat.  

Trainieren bei Heuarbeit

Christina und Kathrin stammen von einer Bauernfamilie im Tiroler Unterland. Ihre Eltern führen einen landwirtschaftlichen Betrieb mit Milchkühen. Die Felder am Kasbach oberhalb von Jenbach, wo sich die Landwirtschaft der Schweinberger befindet, sind sehr steil. Ein Großteil der Arbeit muss von Hand verrichtet werden. Wann immer es möglich ist, helfen die beiden mit. „Mama meint immer, Heuarbeiten sei ein gutes Training“, sagt Christina und lacht. Es ist ein abgelegener Hof ohne Nachbarschaft, wo die beiden die Ruhe finden, die sie nach zehrenden Rennen und Trainingsausfahrten brauchen, erzählen sie.

Wenn die beiden von daheim reden, merkt man, wie wichtig ihnen ihre Familie ist. Das war auch ein Grund, warum sie sich vor acht Jahren gegen den Ski- und für den Radsport entschieden. Um als Skirennfahrerinnen Erfolg zu haben, hätten sie auf eine spezielle Schule und damit in ein Internat müssen, sagen sie. Von daheim wegzugehen war für sie aber kein Thema. Im Sommer 2010 traten sie dem Radclub Tirol bei. Bis dahin war Radfahren bloß Teil des Konditionstrainings im Sommer. Das änderte sich mit der Teilnahme an ersten Rennen. „Am Anfang kriegten wir natürlich eins auf den Deckel. Mit den ersten kleinen Erfolgen stieg dann aber unsere Motivation und wir wollten mehr“, erzählt Kathrin. Wenn die Schweinberger-Zwillinge etwas machen, dann „g’scheit“, sagen sie. Damals waren sie 14 Jahre alt.

Rennradfahren war in ihrer Familie eine komplett neue Sportart. Natürlich wussten sie von der Tour de France. Aber niemand kannte sich wirklich aus, erzählt Christina. Trotzdem unterstützten sie ihre Eltern, wo sie konnten. Ohne ihre Hilfe wäre es vor allem finanziell nicht möglich gewesen, im Rennradsport Fuß zu fassen. Auch die Mutter, frühere Skilehrerin, hatte nichts dagegen, dass die Töchter den Winter- gegen einen Sommersport austauschten.

Christina und Kathrin Schweinberger (v.l.) fahren heuer erstmals für ein belgisches Frauenrennradteam.

Beide haben Großes vor: Sowohl Kathrin (l.) als auch Christina wollen Rad-Profis werden. 

Aller Anfang ... ist schwer

In der ersten Zeit fuhren sie in der Kategorie U15 und waren vor allem mit dem österreichischen Nationalteam unterwegs. So konnten sie wertvolle Erfahrungen bei Auslandsrennen sammeln, bei denen das Tempo höher und das Starterfeld größer war als bei regionalen Wettkämpfen. Dann kamen sie in die Juniorenklasse. 2013 durfte Kathrin zur Rad-WM nach Florenz, 2014 sicherte sich Christina einen Platz für die WM im spanischen Ponferrada. Für beide endeten die Weltmeisterschaften allerdings aufgrund von Stürzen frühzeitig.

Auch gesundheitlich lief es in dieser Anfangszeit nicht immer nach Wunsch: Kathrin erkrankte 2014 am Pfeifferschen Drüsenfieber, Christina an einer Herzmuskelentzündung. Da bei beiden die Krankheiten jedoch nicht sofort bemerkt wurden, trainierten sie weiter und wunderten sich lediglich, warum nichts weiterging.

Training ohne Effekt

Als sich die beiden erholt hatten, begingen sie einen Fehler, der Nachwuchssportlern oft passiert: Sie trainierten zu radikal. 30 Stunden pro Woche bereiteten sie sich in der Wintersaison 2015/2016 auf die Rennsaison vor. „Es reichte nicht, ein- oder zweimal den Berg hinaufzulaufen, sondern es musste drei- oder viermal sein“, erzählen die Zwillinge. Sie gingen viele Skitouren und trainierten daheim am Ergometer. Christina hat in dieser Phase nebenbei 40 Stunden pro Woche gearbeitet – sie absolvierte eine Lehre als Chemielabortechnikerin und stand vor der Abschlussprüfung. Um Training, Arbeit und Lernen unter einen Hut zu bringen, stand sie fast täglich um 3.30 Uhr auf. „Wir wollten gut sein und machten uns einen enormen Druck.“ Als ihre Leistung trotz des Trainings nicht besser wurde, wussten sie, dass sie etwas falsch machten. 

„Das war einfach nur dumm“, sagen die Schwestern heute, drei Jahre später, und können darüber lachen. Inzwischen haben sie gelernt, auf ihre Körper zu hören und das zu machen, worauf sie Lust haben. „Natürlich trainieren wir nicht planlos, sondern mit Ziel, aber mittlerweile wissen wir, dass Regeneration zum Training gehört“, sagt Kathrin. Ihren Ausdauertrainingsplan erstellen sie sich selbst, um nicht Gefahr zu laufen, mehr zu trainieren, als ihnen gut tut. Dabei bekommen sie wichtige Inputs im Olympiazentrum Innsbruck, wo sie ihr Krafttraining absolvieren. 

Vom Zweierteam zur großen Mannschaft

Mit der Trainingsumstellung lief es für Kathrin und Christina schließlich auch bei den Rennen besser und in der Saison 2016/2017 durften sie für das Team Stuttgart, ein deutsches professionelles Frauenradsportteam, an den Start gehen. Das war für sie eine wichtige Schule. Sie lernten, dass Radsport Teamsport ist, dass es verschiedene Rollen im Team gibt und dass nicht nur Ergebnislisten, sondern auch der Einsatz für die Kolleginnen zählt. „Bis dahin zählte für uns nur die jeweils andere, sonst hat es niemanden gegeben.“ 

Denn in den ersten Jahren sahen sich Kathrin und Christina als Zweierteam. Die eine dachte während des Rennens an die andere und umgekehrt. Hatte eine Erfolg und die andere nicht, galt es, die Schlechtere zu trösten. Konkurrentinnen und gleichzeitig beste Freundinnen zu sein, sei nicht immer leicht. „Manchmal wäre es entspannter, wenn man sich einfach nur auf sich konzentrieren könnte“, geben die beiden zu. Auch jetzt noch haben beide bei Stürzen im Rennen Angst, die Schwester könnte involviert sein. Doch getrennte Wege zu gehen, können sich die beiden nicht wirklich vorstellen – obschon sie unterschiedliche Stärken haben und deshalb nicht immer alles teilen können.

„Manchmal wäre es entspannter, wenn man sich einfach nur auf sich konzentrieren könnte.“ Christina und Kathrin Schew

Der Weg nach Belgien

Letztes Jahr wollten die beiden schließlich in ein UCI-Frauenteam, das heißt in eine Mannschaft, die fix an Rennen der UCI Women’s WorldTour teilnimmt. Sie schrieben zig UCI-Teams an und bekamen nach zahlreichen Absagen schließlich eine positive Rückmeldung aus Belgien, wo zu diesem Zeitpunkt ein neues Frauenteam aufgestellt wurde. Gemeinsam wagten sie den Schritt ins Unbekannte. 

Seitdem hat sich viel verändert: Die Betreuung ist professioneller – es gibt beispielsweise einen Masseur, einen Teamarzt, einen Mechaniker – und wenn sie in Belgien sind, leben sie in einem Teamhaus, das sie sich mit ihren 14 Kolleginnen aus neun verschiedenen Nationen teilen. Die Ausrüstung und Reisekosten werden übernommen, was die beiden sehr schätzen. Anders als bei den Männern ist im Frauenrennradsport allerdings kein Mindestgehalt vom Weltradsportverband UCI vorgeschrieben. Auch wenn es ihr Ziel ist, Radprofis zu werden, schätzen sie ihre Chancen realistisch ein. „Als Frau vom Straßenradsport zu leben, ist kaum möglich“, wissen die Tiroler Athletinnen.

Heuer haben die beiden bereits Erfolge eingefahren: Kathrin gewann beispielsweise eine Etappe bei der Tour of Uppsala in Schweden, Christina wurde österreichische Meisterin im Straßenrennen. Natürlich ist es der Traum von beiden, hier in Kufstein beim Frauenstraßenrennen anlässlich der WM am 29. September an den Start zu gehen. Doch da es in der österreichischen Damenmannschaft nur drei Startplätze gibt, schätzen sie ihre Chancen nicht allzu groß ein. Kathrin ist derzeit besonders im Sprint stark, Christina ist eine talentierte Allrounderin. Bei der Straßenrad-WM in Innsbruck-Tirol sind allerdings starke Bergfahrerinnen gefragt. „Für uns beide wird es sich nicht ausgehen“, sagt Christina. „Jetzt hoffen wir, dass zumindest Kathrin einen Startplatz bekommt.“ Dann könnte sich zumindest eine der beiden freuen und ihre Zwillingsschwester mit ihr.

Kathrin und Christina Schweinberger, geboren am 29. Oktober 1996 in Jenbach, begannen ihre Straßenradkarriere beim Radclub Tirol. Im Jahr 2017 fuhren sie für das Team Stuttgart, heuer fahren sie zum ersten Mal in dem noch jungen belgischen Team Health Mate – Cyclelive Team. Kathrin studiert Mathematik und Geografie auf Lehramt an der Universität Innsbruck und ist um eine Minute älter. Christina absolvierte eine Lehre als Chemielabortechnikerin und holt derzeit die Matura nach, um nächstes Jahr ein Studium beginnen zu können. Kathrin wurde mehrfach österreichische Meisterin im Straßenrennen und Einzelzeitfahren (2012, 2013 und 2014) und gewann heuer eine Etappe und eine Punktewertung bei der schwedischen Tour of Uppsala. Christina wurde österreichische Juniorenmeisterin im Bergfahren (2014), erzielte mehrere Erfolge auf der Bahn und wurde heuer österreichische Meisterin im Straßenrennen.

Wordrap

Kathrin Schweinberger

Christina über ihre Schwester Kathrin:

 

Kathrins größte Stärke: Ihr Ehrgeiz.


Zu ihren Schwächen zählt: Ihr Ehrgeiz, da er ihr ab und zu im Weg sein kann.


Das habe ich mir von ihr abgeschaut: Ihre zielbewusste Art.


Darüber streite ich immer wieder mit ihr: Dass sie mir bei Trainingsausfahrten immer wieder eine halbe Laufradlänge vorausfährt, um Tempo zu machen. (lacht)


In fünf Jahren wird Kathrin: Falls sie nicht mehr Radfahren will, wird sie bestimmt viel in den Bergen unterwegs sein.

Kathrin über ihre Schwester Christina:

 

Christinas größte Stärke: Dass man sich zu zweihundert Prozent auf sie verlassen kann.


Zu ihren Schwächen zählt: Manchmal ihr Selbstzweifel.


Das habe ich mir von ihr abgeschaut: Wie sie auf andere Leute zugeht und im Rennen alles für die Teamkollegin gibt.


Darüber streite ich immer wieder mit ihr: Über Pünktlichkeit. Manchmal muss ich auf sie warten, da ich schneller fertig bin.


In fünf Jahren wird Christina: Einen österreichischen Staatsmeistertitel haben und mit ihren Fähigkeiten sicher noch ein paar Rennen gewonnen haben.

Christina Schweinberger

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