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Der alte Hase und der  junge Wilde

Behindertensport

Der alte Hase und
der  junge Wilde

Die Rollstuhltennisspieler Martin Legner und Nico Langmann im Fokus

Text: Jakob Matt, Bild: Axel Springer

Im österreichischen Tennissport steht Dominic Thiem eher allein auf weiter Flur. Im Rollstuhltennis gibt es deutlich mehr einheimische Top-50-Spieler. Mit zwei von ihnen hat sport.tirol gesprochen: Der eine ist ein alter Hase aus Tirol und heißt Martin Legner, der andere der junge Wiener Nico Langmann.

Die ewige Nummer eins

Martin Legner aus Mils bei Innsbruck ist der erfolgreichste österreichische Rollstuhltennisspieler aller Zeiten. Seit einem Paragleitunfall im Jahr 1988 kann der Tiroler seine Beine nicht mehr bewegen. Bereits ein Jahr später begann er seine Karriere als Rollstuhltennisspieler und schon 1992 nahm er in Barcelona an seinen ersten Paralympics teil. Danach durfte er noch sechsmal bei den Spielen dabei sein. Eine Medaille holte er zwar nie, auch wenn er teilweise ganz knapp dran war, doch seine größten Erfolge sollte er ohnehin auf der ITF Tour feiern. Wie alles begann, welche Erinnerungen er an seine große Karriere hat und auch was er von seinem über 30 Jahre jüngeren Kollegen Nico Langmann hält, hat der mittlerweile 58-Jährige sport.tirol verraten.

Wie sind Sie zum Rollstuhltennis gekommen?
Martin Legner: Ich habe vor meinem Unfall immer gern Sport betrieben und wollte als kleiner Bub auch Profi werden: Fußballer oder Skirennfahrer, wie es eben die Buben im Kopf haben. Das ist mir nicht so gelungen und im zweiten Werdegang in meinem Leben, nach meinem Unfall, habe ich mir dann angeschaut, was man im Rollstuhl alles machen kann. Tennis hat mir von den Behindertensportarten am besten gefallen, weil dabei alles vereint ist, denke ich: Da braucht man Kraft, Kondition, Spielwitz, Tennisspielen muss man können – und wenn man das alles beherrscht, dann entscheidet sich erst noch im Kopf, wie gut man eigentlich ist.

Dann kamen sehr schnell die ersten Paralympics in Barcelona. Was ist Ihnen in Erinnerungen geblieben?
Ja, Barcelona 1992, das war für mich das erste Highlight in meiner Karriere. Im Doppel haben wir sogar um die Bronzemedaille gespielt, im Spiel um Platz drei. Wir haben den ersten Satz gewonnen und im zweiten schon mit 5:3 und 30:0 geführt. Den nächsten Punkt habe ich noch so genau im Kopf: Den hätten wir eigentlich machen müssen, aber er ging verloren, genauso wie dann auch die Sätze zwei und drei. Am nächsten Tag bin ich gleich abgereist aus Barcelona – da war ich natürlich ein bisschen enttäuscht. Aber es war trotzdem ein Highlight für mich und ich durfte dann sogar noch sechsmal bei den Paralympics dabei sein. Es war jedes Mal ein spezielles Ereignis.

Seit mehr als drei Jahrzehnten gehört der Tiroler Martin Legner zur Weltspitze im Rollstuhltennis.

Die ganz großen Erfolge haben Sie aber auf der ITF Tour gefeiert.
Ja, ich habe im Einzel 84 internationale Turniersiege auf der ITF Tour geschafft und im Doppel 265 internationale Turniersiege. Also da waren schon ein paar lässige Sachen dabei. Im Gesamten habe ich über 1.200 Matches im Einzel gewonnen und im Doppel auch fast genauso viele. Mittlerweile wird es natürlich schwierig. Erst kürzlich habe ich bei den French Riviera Open gespielt und da merkt man schon, dass es im Einzel für mich sehr schwierig ist, Matches zu gewinnen. Aber ich bin immer noch eine Herausforderung für die Gegner, also ganz weit bin ich noch nicht weg von der Weltspitze.

Sie sind ja auch nach wie vor unter den Top 30 der Welt und mit Ihrer Anzahl an Siegen haben Sie einen Weltrekord aufgestellt. Auf der ATP Tour hätte man mit so vielen Erfolgen natürlich ausgesorgt. Wie verhält sich das beim Rollstuhltennis? 
Es ist so wie bei jeder anderen Sportart: Man braucht eben Sponsoren. Der ganze Sport lebt eigentlich davon. Auch das Rollstuhltennis ist sehr abhängig von Sponsoren. Es gibt auch ein bisschen ein Preisgeld, aber vom Sport leben können, das ist natürlich schon schwierig. Ich persönlich lebe ganz gut, aber dass ich mir da jetzt ein Imperium geschaffen hätte oder so etwas – das ist natürlich nicht so. Man ist immer schon zufrieden, wenn die Kosten abgedeckt sind. Ich mache den Sport ja nicht wegen dem Geld, sondern weil er mir gefällt.

"Ich mache den Sport ja nicht wegen dem Geld, sondern weil er mir gefällt."
Martin Legner

Ein Tiroler auf der Asche von Paris

Wer an Österreich und die French Open denkt, der denkt wahrscheinlich an Dominic Thiem, der dort mittlerweile in gewisser Regelmäßigkeit im Finale auftaucht, oder hat Thomas Muster bei seinem legendären Sieg im Jahr 1995 vor Augen. Doch drei Jahre nach Musters Erfolg gewann ein Tiroler auf der Asche von Paris. 1998 siegte Martin Legner im Einzel bei den French Open, 2002 und 2003 sollte er noch zum Doppel-Champion von Paris werden. So richtig wohl fühlt sich der Tiroler auch „down under“: Sechs Doppel- und einen Einzeltitel hat Legner bei den Australian Open bereits eingefahren.

Sie sind im Laufe Ihrer Karriere natürlich viel auf Achse gewesen, sind aber auch verheiratet und haben drei Kinder. Wie lassen sich Sportler- und Privatleben unter einen Hut bringen?
Martin Legner: Für meine Familie ist es natürlich ein größeres Problem gewesen als für mich. Aber meine Frau hat mir die Freiheiten gelassen, sodass ich den Sport ausüben konnte, und dafür bin ich sehr dankbar. Anders wäre das Ganze auch nicht möglich gewesen.

"Ich bin seit über 30 Jahren dabei und immer noch so leidenschaftlich wie früher."
Martin Legner

Wenn wir nun noch in die Zukunft blicken: Was haben Sie noch für Ziele? 
Große Ziele habe ich keine mehr, aber ich muss sagen, mir hat der Sport einfach immer so getaugt und ich bin seit über 30 Jahren dabei und immer noch so leidenschaftlich wie früher. Natürlich nicht mehr mit dieser Kraft und der Intensität, man wird einfach auch älter, keine Frage.

Der aufstrebende Nico Langmann steht jedenfalls schon bereit, um in Ihre Fußstapfen zu treten. Was trauen Sie ihm zu?
Er ist ein sehr guter Spieler, ein sehr netter Typ und hat sich schon in der Weltspitze etabliert. Ihm traue ich alles zu, er ist noch jung und es ist alles noch offen bei ihm.

Drei zusätzliche Räder am Rollstuhl verhindern, dass Martin Legner - wie hier etwa beim Aufschlag - aus der Balance kommt. Außerdem machen sie den Rollstuhl flexibler in der Links-rechts-Bewegung.

Der designierte Nachfolger

Als Martin Legner seinen ersten Titel in Paris erkämpfte, war sein inzwischen hartnäckigster Gegner in der inner-österreichischen Rangliste gerade einmal ein Jahr alt. Inzwischen ist es quasi zur Wachablöse gekommen. Bei den Staatsmeisterschaften hat der 23-jährige Nico Langmann sein großes Vorbild in den letzten drei Jahren geschlagen. Aktuell steht er in der Weltrangliste zwar noch ein paar Plätze hinter Legner und damit österreichweit nach wie vor auf Rang zwei, doch es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis Langmann sein großes Idol überholen wird. Selbst übt sich der junge, sympathische Wiener, der seit einem Autounfall im Jahr 1999 querschnittgelähmt ist, aber in Bescheidenheit und streut seinem Rivalen Rosen.

Was ist es für ein Gefühl, dass Sie gerade dabei sind, das jahrzehntelange Aushängeschild im österreichischen Rollstuhltennis Martin Legner abzulösen?
Nico Langmann: „Ablösen“ ist ein zu hartes Wort, glaube ich – weil Martin einfach eine Legende ist. Er ist Weltrekordhalter, hat die meisten Siege aller Zeiten auf der internationalen Tour und hat den Sport einfach entscheidend mitgeprägt. Meine Karriere mit seiner zu vergleichen, ist noch nicht möglich. Ich stehe ja doch eher noch am Anfang, aber natürlich ist er ein absolutes Vorbild und es ist immer eine Ehre, mit ihm auf dem Platz zu stehen.

Gemeinsam auf dem Platz standen Sie zum Beispiel bei Ihren ersten Paralympics in Rio de Janeiro. Wie war das für Sie?
Wie gesagt, es war eine große Ehre, mit Martin zu spielen. Und es war auch sehr hilfreich, immerhin waren es seine siebten Paralympischen Spiele – der wusste schon, wie der Hase läuft. So jemanden bei den ersten Spielen dabei zu haben, ist natürlich sehr beruhigend.

Dies waren bestimmt nicht Ihre letzten Paralympics. Wären Sie in Tokio auch dabei gewesen? Bleibt dieses „Ticket“ erhalten?
Ich hätte mich qualifiziert gehabt. Allerdings beginnt die Qualifikationsphase jetzt gerade von Neuem. Die Verschiebung um ein Jahr hat auch die Qualifikation verschoben. Deswegen freue ich mich jetzt darauf, international wieder loszulegen.

Nico Langmann ist der aufstrebende Stern am österreichischen Rollstuhltennis-Himmel.
© Mia Knoll

So verschieden, dass sie sich fast ähneln

Nun liegen da zwar über 30 Jahre zwischen Langmann und Legner, doch sie ähneln sich doch in einer gewissen Weise. Beide zeichnet unglaublicher Kampfgeist und Ehrgeiz aus, gegen beide möchte man auf keinen Fall im Armdrücken antreten und beide lieben das, was sie tun. In ihrer Herangehensweise an die letzten, für alle sehr außergewöhnlichen Monate unterscheiden sich die zwei dann aber wieder: Während Martin Legner die Corona-Pause auch gleich zur Verschnaufpause machte, blieb Nico Langmann voll im Training. Inzwischen sind sie beide wieder international auf Turnieren unterwegs und freuen sich auf die kommenden Herausforderungen.

„Beim Training mit Wolfgang ist der Rollstuhl gar kein Thema. Es geht ihm bei mir genauso wie bei allen anderen Spielern darum, das Tennis zu verbessern.“
Nico Langmann

Sie werden seit 2019 von Wolfgang Thiem trainiert. Wie kam es dazu? Trainieren Sie auch häufiger mit seinem Sohn Dominic zusammen?
Nico Langmann: In der Tennisfamilie Österreichs kennt man sich bald einmal. Wir haben uns also schon länger gekannt. Im Sommer 2019 war ich in einer schwierigen Phase in meiner Karriere angelangt und bei einem gemeinsamen Abendessen haben wir dann gesagt, dass wir es einmal ein paar Wochen miteinander versuchen. Dabei war der Rollstuhl gar kein Thema, es geht ihm bei mir genauso wie bei allen anderen Spielern darum, einfach das Tennis zu verbessern. Da wird kein Unterschied gemacht, deswegen funktioniert das auch so gut, obwohl es eigentlich weltweit einzigartig ist, dass sich ein Rollstuhl-Profi und ein ATP-Profi den Trainer teilen. Und ja, wir stehen oft gemeinsam am Platz, der Dominic und ich. Er ist auch wirklich begeistert vom Rollstuhltennis, wir spielen deswegen schon gemeinsam, wenn es sich irgendwie ausgeht.

Dann haben Sie bestimmt auch die US Open verfolgt. Wo und wie haben Sie den Final-Sieg ihres guten Freundes Dominic Thiem erlebt?
Bei mir zu Hause, mit meiner Familie. Ich bin danach heiser ins Bett gegangen vor lauter Geschrei nach dem Matchball. Wenn ich an das Spiel zurückdenke, bekomme ich auch jetzt noch Gänsehaut.

Im Rollstuhltennis gelten prinzipiell die gleichen Regeln wie im Tennis, mit der einzigen Ausnahme, dass der Ball zweimal den Boden berühren darf, bevor man ihn zurückschlagen muss.

© Mia Knoll

Nun aber wieder zurück zu Ihnen: Sie stehen, wie Sie sagen, noch am Anfang Ihrer Karriere. Was sind Ihre großen Ziele?
Die Teilnahme bei einem Grand Slam wäre schon ein großer Erfolg – dort sind nämlich nur die besten acht Spieler der Welt startberechtigt. Das ist aber tatsächlich das Ziel, das der Wolfgang und ich uns gesetzt haben: bei einem Grand Slam dabei sein.

Zunächst stehen jetzt aber die Austrian Masters in Schwaz an – für Sie eine Art Heimspiel, richtig?
Ja, genau. Ich bin so halb in Schwaz aufgewachsen, meine Mutter ist von dort und wir haben meine Oma dort bei jeder Gelegenheit besucht, als ich noch klein war. Schwaz ist also sowas wie mein zweites Zuhause. Dadurch bin ich natürlich mehr als motiviert und ich darf ja auch als Titelverteidiger ins Turnier gehen. Ich werde also alles dafür geben, auch 2020 wieder zu gewinnen.

Austrian Rollstuhltennis Masters

Die Austrian Masters im Rollstuhltennis finden vom Freitag, dem 9. Oktober 2020, bis zum Sonntag, dem 11. Oktober 2020, in der Tennishalle Silberberg Schwaz statt.

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