Biathlon & Tirol

Biathlon & Tirol

Vom elitären Sport für Militär und Exekutive zum TV-Quotenhit des Winters.

Text: Fred Steinacher, Titel-Foto: 

Biathlon - geprägt von Spannung, Nervenkitzel und absoluten Spitzensport. Der Zweikampf hat sich auch in Tirol etabliert jedoch mit Startschwierigkeiten. sport.tirol hat sich diese spezielle Beziehung genauer angesehen. 

Das Interesse der immer größer werdenden Biathlon-Familie konzentriert sich traditionell zum Jahresende Richtung Hochfilzen, wo sich jährlich im Dezember die Weltelite versammelt. Zigtausende Fans entlang der Loipen und rund um den Schießstand, Millionen via TV verfolgen gespannt dieses sportliche Spektakel. Biathlon hat sich über die Jahrzehnte zu einer der beliebtesten und attraktivsten Sportarten entwickelt. Und Hochfilzen zählt spätestens seit Ende der Siebzigerjahre zu den Hotspots in der Szene. Mitverantwortlich dafür ist Franz Berger, der seit 2019 das Referat Biathlon im ÖSV führt. Der 65-jährige Tiroler war neun Jahre lang Renndirektor der Internationalen Biathlon Union, fast 20 Jahre lang Nachwuchsreferent des ÖSV und ist nach wie vor Vorsitzender des lokalen Organisationskomitees beim alljährlichen Biathlonweltcup in Hochfilzen.

Woher kommt der Biathlon-Sport eigentlich?

Die Ursprünge des Biathlonsports sind vor allem im miltärischen Bereich zu finden. Dass sportlicher Wettstreit ein hartes und gutes Training für Soldaten sein könnte, hatten sich die Militärchefs vor allem im nördlich gelegen Europa schon rund um die Jahrhundertwende gedacht. Die erste Überlieferung eines Wettkampfes stammt aus dem Jahre 1767. Soldaten, die damals die schwedisch-norwegische Grenze bewachten, wollten wissen, wer der Beste von ihnen ist. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurden sportliche Wettbewerbe mit Skiern und Gewehren in Skandinavien und Russland immer beliebter.

______________________________________________________________________BIATHLON IM ZEITRAFFER

1910 ... Militärischer Patrouillenlauf als Wintersport-Disziplin (Mannschaftsbewerb)
1930 ... erste WM im Militär-Patrouillenlauf
1948 ... Olympische Winterspiele, neben dem Militärpatrouillenlauf wurde auch der Winter-
                Pentathlon (Reiten, Degenfechten, Schießen, Skilanglauf, Abfahrt) als winterliche Alternative
                des modernen Fünfkampfs zugelassen
1949 ... Entmilitarisierung der Sportart & Öffnung für zivile Athleten - Namensänderung auf Biathlon
1954 ... IOC anerkennt Biathlon als eigenständige Sportart & Aufnahme in die UIPM (Weltverband
                Moderner Fünfkampf)
1958 ... erste Biathlon-Weltmeisterschaft  
1993 ... Gründung IBU (Internationale Biathlon Union)
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Ende des 19. Jahrhunderts ist Biathlon der beliebteste Sport in Weißrussland. 

Staffelstart bei den Weltmeisterschaften 1974 in Raubichi.

Biathlon Ursprung in Tirol

Zurück nach Österreich. Biathlon und Tirol - das ist mittlerweile eine nicht nur jahrzehntelange, sondern vor allem faszinierende Beziehung, die mit Startschwierigkeiten zu kämpfen hatte und erst nach der Durchführung der zweiten Olympischen Spiele in Seefeld/Innsbruck 1976 langsam Fahrt aufgenommen hatte. Bei den Bewerben in Seefeld waren die österreichischen Athleten zwar nicht über eine Statistenrolle hinausgekommen aber es war dennoch eine Art Initialzündung für das Comeback des Biathlonsportes in Österreich und Tirol. Unter anderem auch weil beim Olympiakongress ein historischer Beschluss gefasst wurde.
Das bis zu diesem Zeitpunkt verwendete Großkaliber-Gewehr wurde durch ein Kleinkaliber-Waffe ersetzt. Eigentlich verständlich, wenn man bedenkt, dass dieses Großkaliber - ein Jagdgewehr mit einem Gewicht zwischen 5 und 6 Kilogramm - nicht für die Masse geeignet war. Die nun aktuellen Gewehre wiegen 3,5 Kilogramm. Der Tiroler Hofrat DeFlorian, damals Mitglied der Technischen Kommission der UIPMB, war ein Befürworter dieser Entscheidung. Er entwickelte auch die Metall-Fallscheibe, die die alten Ballon-Ziele endgültig ersetzte. Ballon-Ziele? Tatsächlich war in den Anfangsjahren des Biathlons auf Luftballons geschossen worden, heute gehören elektromechanische Scheiben mit Computer-Auswertung der erzielten Treffer zum Standard.  

Olympische Spiele 1964 in Innsbruck.

Optisch könnte man bei diesen beiden Bildern nicht erkennen dass das neue Kleinkaliber-Gewehr (rechts) 2,5 Kilogramm leichter ist als das schwere Geschütz (links) welches früher zum Einsatz kam.
(c) Alpsolut 

In den Anfangsjahren des Biathlon wurde auf Luftballons geschossen.

Heute können die Treffer mittels elektromechanischen Scheiben mit dem Computer ausgewertet werden. 

Nach den letzten Olympischen Spielen sind die Seefelder Schießscheiben in den Bestand des Bundesheeres nach Hochfilzen gewechselt, mit der Bedingung, 1978 in Hochfilzen eine Biathlon-WM auszurichten. Eine neue Ära war fixiert. Der Wahl-Tiroler Adolf Scherwitzl, in den Sechzigerjahren selbst Biathlet und Olympiastarter in Innsbruck 1964, spielte eine entscheidende Rolle für den Aufschwung des Biathlonsports. Er war der erste offizielle Biathlon-Trainer Österreichs und betreute einige ÖSV-Langläufer, die eifrig auf die bevorstehende erste WM mit Kleinkaliber-Gewehren in Hochfilzen trainierten. Nachdem der Sport nach den Spielen 1964 (Innsbruck) und 1968 (Grenoble) hierzulande in die Versenkung abgetaucht war, sah man diese WM als große Chance um Biathlon auch in Österreich salonfähig zu machen.   

Und so war es auch. Die Titelkämpfe 1978 waren, Dank starker Platzierungen der Österreicher, ein voller Erfolg und veranlassten den ÖSV, mit 1. Jänner 1979 ein eigenständiges Biathlon-Referat einzurichten. Damit konnte der Zweikampf-Sport nun auch in Österreich auf hohem Niveau ausgeübt werden.  

______________________________________________________________________GROSSEREIGNISSE IN ÖSTERREICH

1958 ... WM in Saalfelden
1963 ... WM in Seefeld
1964 ... Olympische Spiele Seefeld/Innsbruck
1976 ... Olympische Spiele Seefeld/Innsbruck
1978 ... WM in Hochfilzen
1989 ... WM in Feistritz/Drau
2005 ... WM in Hochfilzen
2017  ... WM in Hochfilzen
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Medaillenhamster Dominik Landertinger

In den Folgejahren etablierten sich Österreichs Biathleten in der absoluten Weltklasse. Gemessen an Medaillen bei Großveranstaltungen darf vor allem der Tiroler Dominik Landertinger auf die erfolgreichste rot-weiß-rote Biathlon-Laufbahn aller Zeiten zurückblicken. Mit vier Olympiamedaillen, fünf WM-Medaillen und 37 Weltcup-Podestplätzen hatte der 32-jährige nach der WM 2020 (Bronze) eine grandiose Karriere beendet. Dominik hat sich mittlerweile Selbstständig gemacht und gibt seine Expertise in Form von individuellen Coaching an Hobbysportler sowie auch Spitzensportler weiter.

Spitzenplatzierungen blieben allerdings nicht nur den Männern vorbehalten auch die Damen zeigten auf. Angeführt von Lisa Hauser, die 2021 mit ihrem erstem Weltcupsieg und WM-Titel so richtig durchstartete und damit der bis dato ewigen Medaillenlücke (von 1983 bis 2021) neuen Glanz verlieh.  

Dominik Landertinger zählt zu den erfolgreichsten Athleten in der österreichischen Biathlon Geschichte. (c) GEPA

Damen im Biathlonsport

Es hatte ja einige Zeit gedauert, bis sich die Damen ihren Platz im Biathlonsport erobern konnten. Nachdem 1980 die damals zuständige UIPMB klare Regeln für Frauen-Wettkämpfe festlegte, war es auch den Damen möglich sich in der Biathlon Szene zu beweisen. Die Weltcup-Premiere gab es bereits 1981, 1984 folgte die erste WM. Seit 1989 finden Titelkämpfe für Frauen und Männer gemeinsam statt. Nach erfolgten Aufnahme durch das IOC in das Olympische Programm feierten die Damen 1992 in Albertville ihren Olympia-Einstand. Heute zählen vor allem die Damenrennen zu den Quotenhits und werden mit großer Begeisterung weltweit verfolgt.  
In Tirol ist vor allem Lisa Hauser mit einer großen Fangemeinde vertreten. Lisa explodierte quasi in der letzten Saison auf der Loipe sowie auch am Schießstand und lieferte gleich reihenweise sensationelle Ergebnisse. Getoppt hat die Kitzbühlerin das ganze mit dem Weltmeister-Titel den sie sich 2021 als erste Österreicherin sicherte.  

Tirols Top Athleten

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