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Kampf gegen Wind(mühlen)

Herausforderung Bergiselschanze

Kampf gegen Wind(mühlen)

Warum es am Bergisel so windig ist und was das für Skispringer bedeutet

Text: Theresa Kleinheinz, Bild: Axel Springer

Die Innsbrucker Bergiselschanze hat sich schon mehrfach als Austragungsort von sportlichen Großereignissen bewiesen – trotz der meist windigen Umstände. Sport.tirol hat mit drei Kennern der Verhältnisse über die spezielle Windsituation am Bergisel gesprochen und ist der Frage auf den Grund gegangen, ob der Kampf gegen den Föhn einer gegen Windmühlen ist.

Der Tiroler Schicksalsberg hat schon viele spannende Stunden hinter sich. Nicht nur aus historischer, sondern auch aus sportlicher Sicht gab es bange Momente auf dem Bergisel. So verbinden wohl viele individuelle Gefühle mit dem knapp 750 Meter hohen Berg bei Innsbruck. Auch der Nachwuchsskispringer Elias Medwed, Alfons Schranz, der Organisationschef des Bergiselspringens, und der Föhnexperte Alexander Gohm haben jeweils ihren ganz eigenen Blick auf den Bergisel – und natürlich auf den besonderen Wind, der dort bläst.

"Der Bergisel ist das Besonderste"

„Mit dem Wind muss man sich eben arrangieren“, meint der junge Skispringer Elias Medwed. Der Birgitzer ist eine Zukunftshoffnung für das österreichische Nationalteam. Derzeit tritt er für die Junioren an, wo er von Trainer Thomas Thurnbichler betreut wird. Dieser beurteilt die Windverhältnisse im Training und entscheidet schließlich, ob gesprungen wird oder nicht.

„Mit dem Wind muss man sich eben arrangieren.“
Elias Medwed, Nachwuchsskispringer

Beim Wettbewerb hingegen zeigt eine Ampel an, ob und wann es losgeht. Sie ist nach einem Korridor ausgerichtet, den die FIS im Vorhinein festlegt. Wenn das Licht grün ist, ist der Wind im Korridor, und der Springer muss sich innerhalb von zehn Sekunden vom Balken abstoßen. Sollte es trotzdem zu gefährlich sein, kann der Trainer gegebenenfalls abbrechen. Leuchtet die Lampe orange, muss der Springer warten. Ist sie rot, muss er den Startbalken verlassen, bis die Verhältnisse sich gebessert haben.

So schwierig es mit dem Föhn sein kann, Windstille ist für Elias Medwed allerdings auch nicht das Wahre. Wenn er es sich aussuchen könnte, würde sich der junge Sportler natürlich für den Wind von unten entscheiden: „Aufwind ist richtig geil, weil man dann wegsteigt. Rückenwind hingegen fühlt sich an, wie wenn dir jemand eine Zehn-Kilo-Scheibe auflegt“, erklärt der 17-Jährige. Dann müsse man sauber springen und dürfe sich nicht zu viele Fehler erlauben. Nun kommt es aber auch vor, dass die Luft von der Seite auf den Springer trifft. „Dann kann’s dich verdrehen, da muss das Flugsystem sauber sein. Aber das ist meistens kein Problem“, schildert das Nachwuchstalent.

Vorbereitung und Konzentration sind das A und O beim Springen von der Bergiselschanze.

Dem Wind beim Skispringen wirkt man seit der Sommersaison 2009 gewissermaßen auch mathematisch entgegen: Der sogenannte Wind-Faktor, der an verschiedenen Stellen der Schanze ermittelt wird, gleicht die Verhältnisse mit Punkten aus. So werden Springern bei Aufwind Punkte abgezogen und bei Rückenwind hinzuaddiert. Auch die Anlauflänge kann flexibel geändert werden. Während die Konkurrenz früher von vorne begonnen werden musste, wenn man das Gate aufgrund der Windverhältnisse veränderte, bekommen die Springer heute stattdessen Punkte hinzu- oder eben abgerechnet.

Elias meint, dass die Wettbewerbe noch immer nicht ganz gerecht seien, weil die Windpunkte nicht alles kompensieren könnten. Als Athlet habe man jedenfalls ein eigenes Gespür für den Wind: „Vor allem wir als Skispringer merken es extrem, dass es einen ziemlichen Unterschied macht, ob du ein bisschen Aufwind hast oder ein bisschen Rückenwind.“ Insgesamt bewertet er den Wind-Faktor aber als gute Lösung: „Es ist definitiv viel fairer geworden.“

Grafiken: Target Group

Bei der Staatsmeisterschaft im Oktober 2019 konnte jedoch auch der Wind-Faktor nicht mehr helfen: Das Springen in Innsbruck musste abgesagt werden – wegen des starken Föhns. Das war für Elias besonders bitter, denn er freut sich immer sehr auf die Wettbewerbe in Innsbruck: „Der Berigsel ist das Besonderste. Du hast im Hintergrund die Stadt, eine coole Arena, einen tollen Turm. Das schaut lässig aus.“ Auch die Schanze selber „taugt“ ihm. Da tue eine Absage umso mehr weh.

"Mit dem Netz sind wir sehr gut aufgestellt"

Der Föhn hat den Veranstaltern aber nicht zum ersten Mal einen Strich durch die Rechnung gemacht. 2014 und 2017 etwa konnte bei der Vierschanzentournee kein zweiter Durchgang gesprungen werden. Das Schicksalsjahr für Innsbruck bei der Tournee war aber wohl 2008. Noch nie zuvor war es so weit gekommen, dass ein Springen als Ganzes abgesagt werden musste. Aus der Vier- wurde damals eine Dreischanzentournee: Der dritte Bewerb fand anstelle von Innsbruck in Bischofshofen, der eigentlich vierten Station der Tournee, statt. Auf der dortigen Paul-Außerleitner-Schanze gingen deshalb gleich zwei Springen über die Schanzenbühne.

Spätestens dann war für die Verantwortlichen des Bergiselspringens klar: Es muss etwas unternommen werden. Alfons Schranz, der Chef des Organisationskomitees, blickt zurück: „Den Vorwurf wollte man sich nicht gefallen lassen, dass man keine Konsequenzen zieht, wenn man einmal absagt. Das hätte man nicht vernünftig erklären können.“ Ein Jahr später, im Jänner 2009, kam deshalb erstmals ein mobiles Windnetz zum Einsatz. Dazu hat man sich gemeinsam mit dem Veranstalter, dem ÖSV, entschieden. Die Windbarriere wird um rund 50.000 Euro pro Bewerb von einer Kärntner Firma mit Expertise aus dem Autorennsport geliehen. Während die dafür nötigen Stangen bereits im Dezember aufgebaut werden, spannt das Team das Netz erst am Tag des Wettbewerbs elektronisch auf. Dadurch sollen unnötige Strapazen durch Wind und Sonne vermieden werden.

„Den Vorwurf wollte man sich nicht gefallen lassen, dass man keine Konsequenzen zieht, wenn man einmal absagt. Das hätte man nicht vernünftig erklären können.“
Alfons Schranz, OK-Chef Bergiselspringen

Das blaue Netz hat zwei Wirkungen: Zum einen schwächt es den Wind ab, zum anderen mindert es die Turbulenzen. „Es hat eine bestimmte Neigung nach unten, damit die Verwirbelung entsprechend abgefedert wird“, erklärt Schranz. Doch diese Technologie funktioniert nur bis zu einer gewissen Windstärke. 2008 etwa war der Wind so stark, dass auch das Netz nichts mehr bewirkt hätte. Schranz, für den die Sicherheit der Springer an oberster Stelle steht, ist froh über die Einrichtung: „Mit dem Netz sind wir sehr gut aufgestellt.“

Eine weitere Möglichkeit, dem Föhn am Bergisel aus dem Weg zu gehen, wäre, den Beginn des Springens zu verschieben. Doch das ist gar nicht so einfach: „Mit den Startzeiten kann man fast nichts machen“, meint der Organisator. Nach vorne könne man das Springen nicht verschieben, weil gleichzeitig alpine Bewerbe stattfänden, die auch im Fernsehen gezeigt würden. Später könne man auch nicht anfangen, weil es kein Flutlicht gebe. Die Startzeit um 14 Uhr ist also nicht flexibel, obwohl sich ein späterer Zeitpunkt durchaus anbieten würde, denn abends ist es laut Schranz meistens windstill oder zumindest ruhiger. Eine Flutlichtanlage werde immer wieder diskutiert. „Momentan ist es zwar nicht vorgesehen, aber irgendwann wird es schon kommen“, zeigt sich Schranz zuversichtlich.

Auf der einen Seite der Bergiselschanze schwächen Bäume den Wind ab. Auf der anderen Seite soll ein Windnetz, das erst am Tag des jeweiligen Bewerbs zur Gänze aufgebaut wird, helfen, den Föhn und Turbulenzen zu entschärfen.

"Die Lage des Bergisels ist komplex"

Der Bergisel ist wegen seiner Lage prädestiniert für föhnige Stunden. Warum, das weiß der Atmosphärenwissenschaftler Alexander Gohm von der Universität Innsbruck. Allerdings gilt es zunächst mal zu klären, was genau der warme Wind eigentlich ist: „Föhn zeichnet sich immer durch Luftmassen aus, die von größerer Höhe ins Tal absinken“, erklärt der Experte. Er entsteht, wenn eine Luftströmung auf ein Gebirge trifft und dann auf der anderen Seite, im sogenannten Lee, zum Absteigen gezwungen wird. Durch das Absteigen wird die Luft beschleunigt und komprimiert und dadurch erwärmt.

© Franz Oss

„Föhn zeichnet sich immer durch Luftmassen aus, die von größerer Höhe ins Tal absinken.“
Alexander Gohm, Atmosphärenwissenschaftler

Gohm illustriert das Ganze anhand eines Beispiels: „Wenn das Wasser im Fluss über einen Stein strömt, dann sieht man, dass die Wasserobergrenze im Lee vom Stein, also stromabwärts, absinkt. Und dass es schneller fließt.“ In diesem Modell läge an der Hinterseite des Steins Innsbruck und damit auch der Bergisel.

So gesehen, ist der Föhn eine beschleunigte Strömung im Lee eines Gebirgskamms. „Dort liegt in diesem Fall das Wipptal, das deshalb eine so hohe Föhnhäufigkeit aufweist, weil der Brenner einer der tiefsten Alpenpässe ist, der das Überströmen der Luft erleichtert.“ Je weiter der Föhn zum Ausgang des Wipptals kommt, desto schneller wird er. In der Region um Ellbögen, Patsch und dem Bergisel ist der Wind laut Gohm deshalb am stärksten.

Beim Bergisel kommt aber noch eine Besonderheit dazu, nämlich der sogenannte Kaltluftsee. „Den kann man sich wirklich vorstellen wie eine mit Wasser gefüllte Badewanne“, erklärt Gohm. Diese kalte Luft im Inntal muss vom Föhn beseitigt werden, bevor man die warme Luft überhaupt spürt. Man spricht vom „Durchbrechen“ des Föhns, wenn er es geschafft hat, die stabile und schwere Luft auszuräumen. Alexander Gohm arbeitet gerade mit seinem Team daran, diesen Durchbruch des Föhns genauer vorherzusagen. „In unserem Forschungsprojekt PIANO geht es unter anderem um die Frage, wie der Föhn diesen Kaltluftsee abbaut.“ Damit könnten die Wissenschaftler eine Methode finden, mit der man letztendlich auch die Vorhersage fürs Bergiselspringen präzisieren kann.

Was das Ganze erschwert, ist, dass die Oberfläche des Kaltluftsees nicht flach über Innsbruck liegt, sondern sich wie das Meer bei Wellengang bewegt. Außerdem variiert er in der Höhe, was dazu führen kann, dass die Bergiselschanze einmal im Kaltluftsee liegt, ein anderes Mal nicht. Möglich ist auch, dass sie sich genau an der Grenze befindet, wo Turbulenzen stark ausgeprägt sind. „Die Lage des Bergisels ist komplex“, bilanziert Alexander Gohm.

Ob man nun versucht, den Föhn genauer vorherzusagen, ihn mit Netzen aufzuhalten oder den Sprung so perfektioniert, dass die Luftströmungen einem nichts anhaben können – es gibt verschiedene Strategien, mit dem Wind am Bergisel umzugehen. Insofern ist es also weniger ein Kampf gegen Windmühlen als eine Herausforderung. Und genau die macht schließlich auch die Skisprungbewerbe am Bergisel zu etwas Besonderem.

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