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Er muss nicht mehr gewinnen

Ski-Profi und dann?

Er muss nicht mehr gewinnen

Einblicke in das Leben von Ex-Skistar Benjamin Raich

Text: Eva Schwienbacher, Bild: Johannes Mair / Alpsolut

Der Ex-Skiprofi Benjamin Raich erzählte sport.tirol auf der Leiner Alm im Pitztal von seinem jetzigen Leben. Der Sport spielt nach wie vor eine zentrale Rolle. Doch heute dürfen auch andere schneller sein.

Der Tiroler, der jahrelang immer Erster sein wollte und es auch war, muss schauen, heute nicht Letzter zu sein. 15 Minuten braucht Benjamin Raich normalerweise von der Leiner Alm mit dem Mountainbike runter nach Hause nach Oberleins. Der Forstweg ins Tal ist an diesem Sommertag vom Gewitter in der Nacht und dem Regen am Vormittag aufgeweicht. In der Ferne kündigen Blitz und Donner erneut ein Unwetter an. Es gilt, im Tal zu sein, bevor es schüttet – und bevor andere auf ihn warten müssen. Denn am Nachmittag steht ein Fotoshooting mit der kompletten Familie Raich – seinen Eltern, seiner Frau Marlies mit den Kindern, seiner Schwester Carina und deren Familie – auf dem Programm. „Es ist nicht leicht, alle zusammenzubekommen“, verabschiedet sich Raich und verschwindet hinter der Kurve. Ihm ist es wichtig, pünktlich zu sein.

Perspektivenwechsel

Bevor es für den Pitztaler heute Morgen, fünf Stunden vorher, mit dem Mountainbike auf die Leiner Alm ging, schaute er auf seine beiden Buben. Dann löste ihn Marlies ab, damit er weg konnte. Auf der Terrasse der auf 1.836 Metern Seehöhe gelegenen Alm erzählt er vom Leben nach seinem Ausstieg aus dem Skizirkus. Dabei redet er natürlich auch von seiner aktiven Zeit. Schließlich prägte das Skifahren den Großteil seiner Vergangenheit. „Ich habe mehr oder weniger für den Sport gelebt“, sagt der ehemalige Spitzensportler. Mit zehn, elf Jahren träumte er davon, Olympiasieger zu werden. Mit 15 kam er auf die Schischule in Stams. „Ab da standen nur mehr Skifahren und die Schule im Mittelpunkt.“ Und mit 28 verwirklichte er seinen Kindheitstraum und holte sich zweimal Gold bei den Olympischen Winterspielen in Turin.     

 „Ich habe mehr oder weniger für den Sport gelebt.“ Benjamin Raich

Heute wie damals ist es für Benjamin Raich wichtig, einen Ort zu haben, an dem er Energie tanken kann. „Die Leiner Alm ist für mich so etwas wie ein Kraftplatzl“, sagt er über die Alm seines Heimatorts. Der Perspektivenwechsel helfe beim Problemlösen, Ideensammeln und Entscheidungenfällen. „Kleinigkeiten lassen sich hier oben leichter lösen.“ Im Sommer nimmt der frühere Profisportler das Mountainbike, im Winter die Tourenskier, um hier raufzukommen. Er schätzt die traumhafte Aussicht auf Imst und die umliegende Bergwelt, die ihm dieses Plätzchen bietet. Wenn er Ruhe braucht, sucht er sie hier oben abseits der Alm. Ist ihm nach Gesellschaft, kehrt er ein – nicht zuletzt auch wegen der Gastfreundschaft und um sich, so wie heute, bei Tiroler Hausmannskost zu stärken.  

Auf der Leiner Alm gibt es Stärkung mit Spinatknödeln, die die Wirtin Christine selbst zubereitet hat. 

In erster Linie Papa

Der Olympiadoppelsieger, dreifache Weltmeister und Gesamtweltcupgewinner ist heute Vater zweier Buben, Unternehmer, Gastgeber und TV-Analytiker. „In erster Linie bin ich aber Papa“, sagt Benjamin Raich. Fast 20 Jahre lang folgte der Jahresrhythmus des ehemaligen Skirennläufers dem Takt des Weltcupkalenders, bis er im Herbst vor drei Jahren seine Karriere beendete. „Früher war alles durchgetaktet.“ Im Sommer die Vorbereitung auf den Winter, im Winter die Rennen. Jeder Tag stand im Zeichen des Skisports und des Ziels, auf der Piste Schnellster zu sein. Heute versucht er, gemeinsam mit seiner Frau Marlies, ebenfalls frühere Skirennläuferin, den Tagen eine Struktur zu geben, was angesichts der Fülle an unterschiedlichen Tätigkeiten nicht immer leicht sei. 

Von der Piste auf ...

Im Sommer 2015 konnte er sich noch nicht wirklich vorstellen, was es heißt, dem Skisport den Rücken zu kehren. Damals trainierte der Skirennfahrer wie immer für den Weltcupauftakt in Sölden und die weiteren Rennen. Und doch war es kein normaler Sommer. Denn wie bei jedem Spitzensportler irgendwann, stellte sich die Frage, wie lange er noch weitermachen wollte und sollte. Schließlich hatte er fast alles gewonnen, was es für ihn zu gewinnen gab. „Es beschäftigte mich sehr, ob ich danach auch meine Aufgaben finden würde“, sagt Raich über diese Entscheidungsphase. 

Nichts war ihm zu dieser Zeit so vertraut wie das Renngeschehen inklusive des Trubels drum herum. Der Rücktritt fiel ihm daher alles andere als leicht, gesteht Raich. Zum einen, da das Karriere-Ende nicht nur ihn selbst betraf, sondern auch seine Begleiter – die Sponsoren, die Familie und den Skiverband. Da müsse man erst die richtigen Worte finden. Zum anderen bedeutete der Abschied vom Profiskisport auch einen Abschied von der Bühne, auf der er so viele Erfolge feiern durfte. „Jeder möchte mit einem großen Erfolg aufhören.“ 

Das letzte große Ziel, das sich Raich gesteckt hatte, war Weltmeister im Riesentorlauf zu werden. Doch aufgrund eines Fehlers beendete er das Rennen bei der WM in Vail/Beaver Creek 2015 trotz der besten Zwischenzeit nicht. „Dass ich da ausgeschieden bin, war für mich die schmerzhafteste Niederlage“, erzählt er heute rückblickend. Wahrscheinlich auch, weil er damals bereits spürte, dass es die letzte Chance war, Riesentorlaufweltmeister zu werden. „Das ist mir damals nicht gelungen, aber es wäre ein Fehler gewesen, dieses Ziel nicht zu verfolgen.“ 

Nachtslalom Schladming 1999: B. Raich feiert seinen ersten Weltcupsieg ©  GEPA (3)

2006 wird B. Raich Gesamtweltcupsieger 

& Olympiasieger im Slalom und Riesenslalom in Turin. 

Spaß an erster Stelle

Immer noch spielt der Sport eine ganz große Rolle im Leben von Benjamin Raich und seiner Familie. Doch während er früher trainierte, macht er heute Sport, erklärt er. „Früher habe ich mich hingesetzt und einen Plan erstellt mit Zielen, die ich erreichen will. Heute mache ich das, was mir Spaß macht, fahrʼ mal langsamer, mal schneller.“ Er schaue zwar, wie lange er für bestimmte Strecken braucht, etwa wenn er mit dem Bike auf die Leiner Alm fährt. Doch während es früher darum ging, ein bestimmtes Trainingsziel zu erreichen bzw. im Rennen den Gegner zu schlagen, geht es heute um nichts. „Ich habe heute kein Problem damit, wenn mich ein Kollege, den ich früher locker abgehängt habe, beim Radeln überholt. Das ist mir wurscht.“ Im Vordergrund steht der Spaß. 

„Ich habe heute kein Problem damit, wenn mich ein Kollege, den ich früher locker abgehängt habe, beim Radeln überholt.“ Benjamin Raich

„Ich habe beispielsweise mit dem Tennisspielen begonnen. Da habe ich zwar einen gewissen Ehrgeiz, aber ich muss nicht gewinnen. Das wundert mich selbst manchmal. Mir ist es lieber, ich verliere, aber das Spiel war gut.“ Auch als Profisportler galt er als einer, der mit Niederlagen besonders gut umzugehen wusste. „Als Sportler muss es weh tun, wenn man nicht gewinnt. Zugleich ist es wichtig, die ganze Sache relativieren zu können. Skifahren ist zwar wichtig, aber nicht das Wichtigste.“

Benjamin Raich mit dem Mountainbike im Pitztal

Auf der Zuschauertribühne

Auch die bevorstehenden Weltmeisterschaften im Sportklettern bzw. Straßenradsport in Innsbruck/Tirol im Herbst wird er verfolgen. Schließlich ist er Botschafter des Sportlands Tirol. Außerdem war der Tiroler, bevor er vor drei Jahren erstmals Vater wurde, selbst mit seiner Frau Marlies in Klettergärten in Tirol und außerhalb unterwegs und das Rennrad war wichtiger Bestandteil des Ausdauertrainings. Dass Tirol mehrfach Sportgroßereignisse austrägt, begrüßt er. „Sportgroßevents sind eine Chance für viele Bereiche und ein Erlebnis für die Zuschauer.“ Als aktiver Sportler habe er die Stimmung und die Energie einer Weltmeisterschaft immer sehr genossen. Er ist sich sicher, dass die beiden Heim-WMs im September viel Begeisterung auslösen werden.

Ob er selbst noch einmal bei einer WM dabei sein wird, etwa als Trainer, das behält Benjamin Raich für sich offen. Die Trainierausbildung hat er jedenfalls vor Kurzem abgeschlossen. Doch noch sei es zu früh und der Abstand zu seiner eigenen aktiven Zeit zu gering, um erneut in den Skisport einzusteigen. Oberste Priorität haben derzeit seine Kinder, die es nun gilt, auf das Leben vorzubereiten, sagt er. Und generell seine Familie – weshalb er nach ein paar Stunden auf der Terrasse der Leiner Alm zügig zusammenpackt und aufbricht. Schließlich will er seine Lieben nicht warten lassen.

Zur Person:
Benjamin „Benni“ Raich, geboren am 28. Februar 1978 in Leins im Pitztal im Tiroler Oberland, zählt zu den erfolgreichsten Skirennläufern des Österreichischen Skiverbands (ÖSV). Er ging in den Disziplinen Slalom, Riesentorlauf, Super-G, Abfahrt und Kombination an den Start und galt in seiner erfolgreichsten Zeit als bester Techniker im Skirennsport. Benni Raich besuchte die Schihandelsschule in Stams. Seine ersten Erfolge erzielte er bei den Junioren-Weltmeisterschaften, die er fünf Mal gewann. 1996 feierte er sein Weltcupdebüt. 1999 erreichte er beim Nachtslalom von Schladming seinen ersten Weltcupsieg, als er vom 23. Rang im ersten Durchgang noch auf Platz eins fuhr. In den darauffolgenden Jahren wurde er unter anderem dreifacher Weltmeister, Doppelolympiasieger, Gesamtweltcupsieger und 36-facher Weltcupsieger. Am 10. September 2015 gab Raich bei einer Pressekonferenz seinen Rücktritt bekannt. Benni Raich ist mit der ehemaligen österreichischen Skirennläuferin Marlies Raich (früher Schild) verheiratet, gemeinsam leben sie mit ihren Söhnen Josef (3) und Jakob (1) in Arzl im Pitztal. 

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