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Ohne Ordnung kein Erfolg

Ski-Weltcup-Auftakt in Sölden

Ohne Ordnung kein Erfolg

Interview mit Ex-Skistar Benjamin Raich

Text: Eva Schwienbacher, Header-Bild: Andreas Pranter/GEPA

Was macht einen Profi im Skirennsport aus? Und was braucht es, um auf der Piste der Schnellste zu sein? Darüber und über die Highlights der bevorstehenden Wintersaison hat sport.tirol mit dem ehemaligen Ski-Profi Benjamin Raich gesprochen.

Du hast in deiner aktiven Zeit viele Weltcup-Auftakte miterlebt. Was braucht ein Skirennfahrer, um ein gutes erstes Rennen hinzulegen? Benjamin Raich: In Sölden ist die Gefahr groß, zu angespannt zu sein. Jeder hat eine lange Trainingsphase hinter sich und will sich messen. Die Nervosität steigt – und damit die Spannung. Die Kunst ist aber, dass man nicht zu viel Spannung verspürt und dass man im Kopf frisch ist. Da wir gerade die Kletter-WM hinter uns haben, möchte ich es mit einem Kletterbeispiel erklären: Der Kletterer kann den Griff so halten, dass er nicht stürzt, oder aber sich so festklammern, dass er an einem Griff die ganze Kraft verbraucht. Dann wird er früher eingehen, als wenn er locker bleibt. Das gilt auch im Skisport.

Wie findet man die richtige Spannung? Das ist nicht einfach. Man muss eine gewisse Nervosität und Anspannung zulassen, darf sich aber nicht verkrampfen. Man braucht Ziele, darf sich aber nicht vor der Niederlage fürchten. Die Erwartungen an einen Profisportler sind enorm – vonseiten des Skiverbands, der Partner, der Familie und auch der Öffentlichkeit. Daran sollte man im Starthaus jedoch nicht denken, sondern daran, dass man aufs Stockerl will und es kann. Das ist beim ersten Rennen in der Saison nicht so einfach. Ich habe mich da auch nicht so leicht getan. Mir war ein gewisser Rhythmus wichtig, die Rennen waren für mich das Training. Es ist wichtig, bei der Sache zu bleiben und sich nicht ablenken zu lassen. Man muss zulassen, dass der Körper das tut, was er kann. Ich hatte immer das Glück, dass ich spürte, was zu tun ist.

In seiner aktiven Zeit galt Benjamin Raich lange als bester Techniker im Skirennsport. Heute ist der mehrfache Weltmeister, Doppelolympiasieger und Gesamtweltcupsieger unter anderem als TV-Analytiker für den ORF tätig.
© Hannes Mair/Alpsolut

Auf sich hören können – ist es das, was einen Profi ausmacht? Ja, bis zu einem gewissen Punkt schon. Ich musste beispielsweise auch erst lernen, wie viel Training gut tut und wie wichtig Regeneration ist. Das ist gerade dann schwierig, wenn man noch nicht so viele Erfahrungen gemacht hat. Im Grunde hat man es aber als Skirennfahrer oder Sportler einfach. Man muss nur das tun, was man von Kindesbeinen an gelernt hat. Die meisten beginnen ja schon im Alter von fünf bis zehn Jahren. Bis es dann in den Weltcup oder zu den Olympischen Spielen geht, hat man eine relativ lange Lehrzeit hinter sich. Ob man mit sechs Jahren ein Kinderrennen fährt oder dann später bei den Olympischen Spielen an den Start geht, ist kein Unterschied. Man muss alles geben.

Durch den Erfolg gewinnt man jedoch auch das notwendige Selbstvertrauen, das ein Nachwuchssportler noch nicht hat. Natürlich spielt Selbstvertrauen eine Rolle. Aber man muss immer – egal ob Nachwuchs oder Profi – seine Leistung erbringen. Bei den Olympischen Winterspielen in Turin (2006, Anm.) hatte ich natürlich bereits viel Erfahrung, gleichzeitig zählte ich zu den Favoriten und hatte damals auch eine andere Rolle. Mit sechs Jahren war es mir ganz wichtig, dass ich gewinne. Ich sehe das heute bei meinen Kindern. Sie möchten gewisse Dinge probieren, und da ist es wichtig, es ihnen zu ermöglichen, dass sie etwas falsch machen. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie mir sehr viel Vertrauen geschenkt haben. Rückblickend wundert es mich sogar oft selbst, was sie mir alles zugetraut haben. Aber Eltern haben meist das richtige Gespür. Als ich mit sechs zum ersten großen Rennen fuhr, sagte meine Mutter zu mir: Heute wirst du nicht gewinnen, aber das macht nichts. Sie wollte mir damit sagen: Hauptsache, du kommst gesund nach Hause. Mein Vater war hingegen derjenige, der sagte: Gas geben. Für mich war letztendlich die Kombination wichtig.

2015 hast du bei deinem Rücktritt gesagt, dass dir die Ziele fehlten und der Antrieb, um beim Rennen zu explodieren. Was ist entscheidend, um im Skisport im Spitzenfeld mitzufahren? Es braucht eine gute Ausbildung, Talent und Konsequenz. Gerade die Konsequenz ist das Um und Auf. Das heißt nicht, trainieren wie ein Wahnsinniger, sondern auch konsequent auf seinen Körper zu hören. Zudem braucht es Aufmerksamkeit und Wachsamkeit, um aus den Erfahrungen, die man macht, zu lernen. Wenn man dann am Start steht, gilt es, all das zu vergessen und zuzulassen, dass man explodieren kann. Das ist schwierig, aber es ist möglich. Es gibt Sportler, die am Start stehen und nicht imstande sind, die Bindung zu treffen – so nervös sind sie. Ich hatte das Glück, dass mein Körper und Kopf funktionierten, wenn es darauf ankam.

"Es braucht eine gute Ausbildung, Talent und Konsequenz. Gerade die Konsequenz ist das Um und Auf." Benjamin Raich

Hattest du Strategien, um im Kopf frei zu werden? Vor dem Nachtslalom in Schladming hast du etwa gesagt, dass du kurz in den Wald gegangen bist, um Ruhe zu finden und fokussiert zu sein. Natürlich hat man Strategien, bestimmte Abläufe, die man vor jedem Rennen wiederholt. Bei mir waren es die Vorbereitungen. Ich habe mein Rennoutfit im Zimmer Schicht für Schicht vorbereitet, immer, vor jedem Rennen, damit ich beim Anziehen keine Zeit verliere. Das ist zwar kein Ritual, aber diese Organisation ist wichtig, um sich dann auf das Rennen konzentrieren zu können. Vor den Rennen habe ich für mich immer eine gewisse Ruhe gesucht. Ich bin relativ knapp zum Starthaus, zirka zehn Minuten bevor ich drankam, um dem Trubel auszuweichen. Dann habe ich mich auf das Rennen eingestimmt, bin es im Kopf noch einmal durchgegangen. Ich bin immer auf Nummer sicher gegangen, habe meinen Betreuern immer wieder dieselben Fragen gestellt: Sind die Brillen geputzt? Die richtigen Gläser eingesetzt? Mit Chaos kann man nicht erfolgreich sein.

Was treibt einen Spitzensportler dazu an, sich und seinen Körper immer wieder an die Grenzen zu bringen und oft auch darüber hinaus? Ich denke, es ist das Ziel, das einen antreibt. Man möchte Olympiasieger oder Weltmeister werden und Weltcup-Rennen gewinnen. Und natürlich ist es auch die Freude am Sport. Wenn man Ziele hat, dann entscheidet man sich gerne dafür, auf den Discobesuch zu verzichten – ohne Angst, etwas zu verpassen. Ich wurde oft darauf angesprochen, dass ich für den Sport auf meine ganze Jugend verzichten musste. Aber für mich war es kein Verzicht, ich wollte Rennen fahren. Natürlich bedeutet das auch, dass man Freunde nicht so oft sieht und vielleicht sogar verliert, aber diese habe ich heute wiedergefunden. Man muss wissen, was man will. Man kann nicht sagen, ich will Spitzensportler werden, aber nichts dafür tun. Mir hat das Training immer Spaß gemacht. Natürlich war es zwischendurch hart, aber danach war es ein gutes Gefühl.

© Christian Walgram/GEPA

© Mitchell Gunn/GEPA (oben)

© Hannes Mair/Alpsolut

Wie viel Aufmerksamkeit sollte ein Skirennfahrer dem Training schenken und wie viel dem Material? Das lässt sich nicht beziffern. Wenn man erfolgreich sein will, muss alles passen. Wenn man perfekt trainiert, das Material perfekt ist, aber der Kopf nicht passt, dann wird man keinen Erfolg haben. Als Skirennfahrer muss man sehr vielseitig sein. Ich war nicht extrem kräftig und auch nicht extrem in der Ausdauer, aber ich war immer ausgeglichen und in allen Bereichen gut. Wenn dann auch noch das Material stimmt, kann man erfolgreich sein. Und gerade beim Material ist es wichtig, ein gutes Team hinter sich zu haben.

Was sind deine persönlichen Highlights 2018/2019? Als Sportler ist jedes Rennen wichtig. Einen besonderen Stellenwert haben Sölden, Schladming und Kitzbühel. Alle Rennen in Österreich sind besonders, da wir den Sport einfach leben. Da ist die Stimmung einfach gewaltig. Als Sportler muss man darauf achten, sich etwas abzuschotten, um sich fokussieren zu können. Kitzbühel ist der Wahnsinn, das ist mir erst nach meiner aktiven Zeit so richtig bewusst geworden.

Bei welchen Rennen wird man dich als TV-Analytiker im ORF erleben? Bei den Rennen in Kitzbühel, Schladming, Sölden, Alta Badia und der WM in Åre. 

Vielen Dank für das Gespräch.

WORDRAP

Meine Skikarriere in einem Satz zusammenfasst: Ich würde sagen, das geht mit einem Wort: perfekt.

Das mache ich heute beruflich: Ich bin Selbstständiger.

Mein Perfektionismus steht mir manchmal im Weg bei ...: Beim Tanzen.

Sport bedeutet für mich: Lebensschule, Freude und Dynamik.

Früher war es mein Ziel, Olympiasieger zu werden, heute will ich ...: Meine Kinder aufs Leben vorbereiten.

Mein Wunsch für die Zukunft: Dass wir uns weiterentwickeln.

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