Leuchtende Augen

Skispringen

Leuchtende Augen

Über Skisprung Talente und harte Arbeit

Text: Mathea Holaus, Foto: Stefan Gapp

Es gibt wohl kaum eine Sportart, die nicht von sich behaupten könnte, Talente hätten es leichter. Und trotzdem gibt es mittlerweile leistungsbestimmende Faktoren wie etwa Material, mentale Stärke oder der Wille hart zu arbeiten. Sie zeigen, Talent allein ist zweifelsohne zu wenig. Im Skisprung spielen diese Faktoren eine vielleicht noch wichtigere Rolle. Ein Gespräch über Talente, Leidenschaft und leuchtende Augen.

Skigymnasium Stams. Jedes Mal, wenn ich diese Talenteschmiede betrete, kommt mir vor, als würde mir ein Hauch von Erfolg entgegenwehen. An den Wänden hängen Fotos von ehemaligen Schülern, die durch ihre außergewöhnlichen Leistungen in den Sportarten Sprunglauf, Nordische Kombination, Ski Alpin, Snowboard, Langlauf und Biathlon fast schon Heldenstatus erlangt haben. Im Eingangsfoyer erwarten mich diesmal zwei junge Burschen, noch ohne Heldenstatus, dennoch sind ihre bisherigen Erfolge vielversprechend. Versteckt hinter einer FFP 2 Maske, lassen sich ihre Gesichter kaum erkennen. Was sich aber trotz Schutzmaske nicht verstecken lässt? Leuchtende Augen.

Stephan Embacher und Lukas Haagen zählen in ihrer Altersklasse zu den besten Skispringern europaweit. Trainiert werden die beiden Schüler des Skigymnasium Stams von Werner Schuster. Nach den Stationen als Weltcup-Nationaltrainer in der Schweiz und Deutschland, ist der gebürtige Vorarlberger wieder an seine Ausgangsstätte als Trainer nach Stams zurückgekehrt. 

Stephan Embacher bekommt letzte Anweisungen vom Trainer über Funk.

Lukas Haagen voll konzentriert auf dem Weg zum nächsten Sprung.

Herr Schuster, Sie waren 11 Jahre äußerst erfolgreich als Trainer der deutschen Nationalmannschaft. Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit im Nachwuchsbereich von der Arbeit mit Weltcup-Athleten?

Im Nachwuchs geht es in erster Linie um Entwicklungsarbeit. Es geht darum, Voraussetzungen zu schaffen, sowohl technischer als auch körperlicher Natur, um später Höchstleistungen erbringen zu können. Entwicklungsarbeit zu leisten und mit jungen Menschen zu arbeiten, empfinde ich als Privileg. In diesem Alter sind die Athleten sehr offen und lernwillig und schauen dich mit leuchtenden Augen an. Im Weltcup hast du mit Erwachsenen zu tun und die kann und soll man auch nicht mehr so eng führen. Man muss hier sehr feinfühlig sein, weil natürlich jeder Athlet seine eigenständige Persönlichkeit hat. Gleichzeitig bist du ganz anders unter Druck. Gerade als Cheftrainer einer großen Nation hängt viel mehr von Erfolg oder Misserfolg ab und dieser Spagat ist nicht so einfach zu bewerkstelligen. Entwicklungsarbeit ist weniger beachtet, aber in meinen Augen viel wertvoller, weil gewisse Voraussetzungen, die am Anfang nicht geschaffen werden oder falsch geschaffen werden - zum Beispiel übertriebener Ehrgeiz - holst du später nicht mehr auf.

Trainer Werner Schuster beim Trockentraining mit seinem Athleten.

Gerade im Nachwuchssport wird oft das Wort Talent in den Mund genommen. Woran erkennen Sie Talente?

Ich glaube, dass unser Talentbegriff sehr stark sportmotorisch orientiert ist. Man sieht natürlich, ob jemand koordinativ begabt ist, wie er sich bewegt und ob er ein gewisses Gefühl zum Fliegen hat. Aber Talent allein reicht nicht aus, jetzt weniger denn je, weil sich die Trainingsbedingungen radikal verbessert haben. Skispringen hat sich vom Wilde-Hund-Sport zum Präzisionssport entwickelt. Ich habe in Deutschland den Severin Freund trainiert. In meiner Laufbahn habe ich viel größere Talente gesehen, aber dieser Severin Freund hat sich eine unglaubliche Expertise erarbeitet. Heute brauchst du echt dieses Talent zum Arbeiten, also diese langandauernde Leistungsfähigkeit, diese Akribie, die Begeisterungsfähigkeit für den Sport und auch entsprechende charakterliche Grundvoraussetzungen. Diese Faktoren werden in unserem Talentbegriff eher unterbewertet, sind aber enorm wichtig im Skispringen.

Jeder Verband ist natürlich bestrebt, junge Talente zu entdecken. In Österreich gibt es Wettkampfformate wie beispielsweise den Goldi-Cup.  In welchem Alter kann überhaupt mit dem Skispringen begonnen werden?

Grundsätzlich kann man mit 6 Jahren anfangen. Aber ich bin eigentlich ein Gegner, dass man so früh beginnt. Es gibt heutzutage ja fast schon einen Kampf um die Kinder, sprich, wer krallt sich die besten Talente für die jeweilige Sportart. Es gibt zu wenig Kinder und zu viel Angebot, das ist meines Erachtens der falsche Weg. Skispringen ist eine koordinativ komplexe Sportart, die gewisse Grundvoraussetzungen benötigt. Zum einen braucht es ein skifahrerisches Grundkönnen, es hilft auch wenn man mit Geschwindigkeit umgehen kann und zum anderen braucht es natürlich eine gewisse koordinative Voraussetzung. Das optimale Alter ist meiner Meinung nach zwischen 8 und 10 Jahren, sofern man davor vielseitige sportmotorische Erfahrungen gesammelt hat. 

Skispringen ist eine komplexe Sportart wo viele Komponenten übereinstimmen müssen um erfolgreich zu sein.

Auf welcher Schanzengröße starten Anfänger?

Das geht auf kleinen Schneeschanzen los, die sind meist 5 Meter oder 7 Meter. Die Schanzen sind auch so gestaltet, dass man keine wahnsinnig hohen Flugkurven mehr hat. So erlernen die Kinder die Grundtechnik und tasten sich langsam an höhere Weiten heran. Anfangs springen sie noch mit Alpinski, ab einer Schanzengröße von 10 Metern kann man bereits auf die Sprungausrüstung umsteigen, um die entsprechende Körpervorlage ins Gefühl zu bekommen. Mit 12 Jahren springen die Athleten bereits von 50-Meter-Schanzen und mit 14 Jahren sind sie bereits in der Lage von 90- bzw. 100-Meter-Schanzen zu springen.   

Ein sowohl spektakulärer als auch respekteinflößender Blick von der Skisprungs-Schanze in Seefeld.

Was halten Sie von der Aussage: Je jünger, desto unbekümmerter sind Athleten?

Es ist schon so, dass man sie eher bremsen muss. Auf einer 20-Meter-Schanze wird ihnen bald langweilig. Als Trainer muss man da oft standhaft bleiben. Das ist gar nicht so einfach, weil sie sich zum Teil selbst überschätzen. Die Unbeschwertheit hilft natürlich und man sollte ihren Mut nicht bremsen, aber dennoch in Bahnen lenken. Ein Sturz auf einer 60-Meter-Schanze kann schon Mal Spuren hinterlassen. Als Trainer hast du da einen verantwortungsvollen Job.  

Springer im Kindes- und Jugendalter sind quasi ständig im Wachstum, gleichzeitig ist das Skispringen eine koordinativ anspruchsvolle und höchst komplexe Sportart. Welche Herausforderungen ergeben sich in diesem Zusammenhang?

Die Herausforderung ist, ihnen eine Technik beizubringen, die lange Zeit Bestand hat. Je nach Athlet gibt es eine gewisse Phase, so im Alter zwischen 13 und 16 Jahren, wo die Beine schneller wachsen als der Oberkörper. Es stimmen dann die Proportionen nicht mehr und der Schwerpunkt verändert sich. In diesem Zusammenhang ist sehr viel Sensibilität gefragt. Dabei ist es wichtig, dass man ihnen eine unkomplizierte stabile Grundtechnik beibringt, die dann auch im ausgewachsenen Alter noch wirksam ist. Die Herausforderung besteht darin, nicht dem schnellen Erfolg nachzuhetzen, sondern beständig zu arbeiten. Ich bin für ein solides Fundament.

Sie betreuen in Stams eine Gruppe mit 6 Athleten im Jugendalter. Darunter sind auch Stephan Embacher und Lukas Haagen. Was macht die beiden Athleten aus?

Beide brennen extrem für‘s Springen. Für sie ist das tatsächlich ihr Leben und dementsprechend agieren sie auch. Beide haben auch schon recht früh Erfolgserlebnisse gesammelt und das hilft natürlich für ihr Selbstbild. Von den Talenten her sind sie unterschiedlich geartet. Stephan ist der bessere Flieger, Lukas der bessere Abspringer. Sie stehen natürlich erst am Anfang einer Entwicklung, aber in ihrem Alter gehören sie zu den Besten europaweit. Aber das Höchstleistungsalter hat sich nach oben geschraubt und jetzt muss man sehen, wohin die Reise geht. Die interne Konkurrenz beflügelt auf jeden Fall. Das ist auch eine gute Energiequelle, dass man im Training gefordert wird und nicht nur auf Ökonomie-Modus dahindümpelt.

Die 6 Athleten von Cheftrainer Werner trainieren regelmäßig auf der Schanze in Seefeld.

Wann behaupten Sie von sich, dass sie als Trainer erfolgreich sind?

In Stams habe ich immer eine andere Motivlage gehabt. Ich versuche den Athleten einen gewissen Grundstock mitzugeben, dh. technisch, körperlich und charakterlich. Entscheidend ist in letzter Konsequenz, dass jeder an sein persönliches Limit kommt. Man hat nicht nur Superstars, auch nicht in einer Leistungssport Schule wie Stams. Wichtig ist, dass sich jeder ausprobieren und austoben kann, dann ist eben die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass er seinen Weg macht. Egal ob im Sport oder anderswo.

Lukas Haagen liegt besonders der Absprung. 

5 Fragen an Lukas Haagen:

Jahrgang 2006, wohnt in Kapellen (Stmk), springt für den ESV Mürzzuschlag

Mit welchem Alter hast du mit dem Skispringen begonnen?       

Mit 4 Jahren war ich zum ersten Mal beim Goldi Talente Cup. Meine Brüder sind damals schon gesprungen und dann wollte ich das auch probieren.

Was ist deine Stärke?                                                                                  

Der Absprung

Wer ist dein Vorbild?                                                                                   

Mein älterer Bruder David.

Wie war es für dich zum ersten Mal von einer 100-Meter-Schanze zu springen? 

Das war richtig cool, vor allem weil man noch viel höher in der Luft ist und dahingleiten kann. Das ist ein lässiges Gefühl.

Welche Ziele hast du?

Ich möchte einfach von Sprung zu Sprung schauen, dann sieht man eh was dabei rauskommt.

Stephan hat sein nächstes Ziel fest im Blick, er würde gerne in den Weltcup kommen und dort zeigen was in ihm steckt. 

5 Fragen an Stephan Embacher:

Jahrgang 2006, wohnt in Hopfgarten im Brixental, springt für den Kitzbüheler Skiclub

Mit welchem Alter hast du mit dem Skispringen begonnen?       

Mit 4 Jahren war ich das erste Mal beim Goldi Talente Cup am Start, mit 6 Jahren bin ich dann zum Kitzbüheler Skiclub gekommen.

Was ist deine Stärke?                                                                                  

Die Flugphase

Wer ist dein Vorbild?                                                                   

Gregor Schlierenzauer

Wie ist das Gefühl, wenn man zum ersten Mal von einer größeren Schanze springt?       

Am Anfang hat man schon ein bisschen Kribbeln im Bauch, aber sobald der erste Sprung erfolgt ist, fühlt sich alles wieder normal an.                                               

Welche Ziele hast du?

Langfristig würde ich gerne in den Weltcup kommen und Medaillen bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften gewinnen.