Zurückgewedelt

St. Anton am Arlberg

Zurückgewedelt

Eine Zeitreise durch die Skigeschichte St. Antons.

Text: Mathea Holaus, Bild: Gemeinde St. Anton am Arlberg

Wer an St. Anton denkt, denkt ans Skifahren. Zudem gilt der mondäne Skiort im äußersten Westen von Tirol als die Wiege des Skisports. Zumindest beanspruchen die St. Antoner diesen Ruf stolz für sich. So auch Ferdinand Nöbl. Der 85-Jährige ist bis heute leidenschaftlicher Skilehrer am Arlberg und kennt die Skigeschichte seiner Heimat. 
Ein Streifzug durch die Vergangenheit St. Antons - von Lederstiefeln und Bambusstöcken über Skipioniere und Hollywood-Stars bis hin zum alpinen Skiweltcup.

Stolz präsentiert Ferdl Nöbl die unzähligen Fotos, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben. Einige davon hat er eingerahmt, sie haben ihren fixen Platz im Haus. Fast jedes dieser Bilder zeigt den heute 85-Jährigen auf Skiern, fast immer gemeinsam mit seinen Gästen. Vor einem Foto bleibt Ferdl plötzlich stehen, seine Augen beginnen zu funkeln und ein leichtes Lächeln huscht ihm über sein Gesicht. Es zeigt das handsignierte Foto von Barbara Streisand. Die US-Schauspielerin ist darauf kaum älter als 25 Jahre. Nur eine von vielen Berühmtheiten, die die Ehre hat, mit Ferdl Ski zu fahren. 

Barbara Streisand

Ferdl beim Skiunterricht
(c) Ferdinand Nöbl

Der Gang durch die Chesa Platina, so der Hausname, gleicht einer kleinen Zeitreise. Jedes Bild erzählt seine eigene Geschichte. „Es erinnert mich zurück an eine schöne Zeit. Ich schau mir die Fotos gerne an, das mache ich jeden Tag“, erklärt Ferdl und geht weiter. Es sind Momentaufnahmen aus einem Leben, das sich mit der heutigen Zeit kaum mehr vergleichen lässt. „Früher als Skilehrer, da warst du eine Persönlichkeit. Es gab Gäste, mit denen bin ich den ganzen Winter über gefahren. Heute buchen sie dich nur noch für 2 Stunden. Es ist alles viel hektischer geworden, früher waren die Leute noch entspannter. Ehrlich gesagt, ich vermisse diese Zeit.“

Ferdl Nöbl - Skilehrer mit Leib und Seele.
(c) Ferdinand Nöbl

St. Anton im Winter 1930. 
(c) Gemeinde St. Anton am Arlberg

Auch wenn sich im Gegensatz zu damals vieles verändert hat, die Liebe zu seinem Beruf ist bis heute geblieben. „Das Skifahren ist meine große Leidenschaft. Ich bin bis heute aktiv in der Schischule, ich habe meine Stammgäste und das macht mir nach wie vor Spaß. Als St. Antoner musst du einfach gern Skifahren, das gehört dazu“, meint Ferdl und wieder strahlen seine Augen. Bereits als junger Bursch im Volksschulalter erlernt er das Skifahren, damals allerdings noch ohne Aufstiegshilfe. Die Fahrt mit der Kabinenbahn kann man sich nicht leisten, sie ist den wohlhabenden Gästen vorbehalten. Und so müssen Ferdl und seine Freunde eben zu Fuß nach oben „tretteln“, ehe es auf zwei Brettern flott nach unten geht. Die Ausrüstung hingegen ist für alle dieselbe: Holzski, Bambusstöcke und Lederstiefel zum Schnüren.  

Ein Norweger als Skiimporteur am Arlberg

(c) Gemeinde St. Anton am Arlberg

(c) Gemeine St. Anton am Arlberg

Viele Jahre zuvor, im Jahr 1885, ist es ausgerechnet ein Ingenieur aus dem hohen Norden, der das Skifahren nach St. Anton bringt. Der Norweger besichtigt für Studienzwecke die Großbaustelle der Arlbergbahn, die Eisenbahnverbindung zwischen Innsbruck und Bludenz. Mit im Gepäck sind ein Paar Skier. Die Einheimischen sind anfangs skeptisch, denn für Vergnügen dieser Art ist damals kein Platz. Es dauert aber nicht lange, da entdecken auch sie den Genuss auf zwei Brettern.

Wer hat’s erfunden?

Bis heute unbeantwortet bleibt die Frage, wo denn die Wiege des Skilaufs tatsächlich liegt. Fakt ist, die Norweger sind die Ersten, wenn es darum geht, sich mit Hilfe von zwei Holzbrettern auf Schnee fortzubewegen. Auch die Urform des Skifahrens, die Telemarktechnik, ist klar den Skandinaviern zuzusprechen. Was wir aber gleichzeitig wissen, es ist ein Österreicher, der die Skitechnik revolutioniert und das Skifahren in die Welt hinausträgt. Sein Name ist Hannes Schneider und er kommt vom Arlberg. 

Hannes Schneider Gründer der ersten Skischule in St. Anton.    (c) Gemeinde St. Anton am Arlberg

Für Ferdl Nöbl liegt die Wiege des alpinen Skilaufs klar in St. Anton am Arlberg. „Skifahren kann man freilich überall auf der Welt, aber die alpine Technik, die entstand hier durch unsere Pioniere wie etwa den Hannes Schneider“, sagt der 85-Jährige stolz.

So ist es auch Hannes Schneider, der die erste Skischule gründet, das ist im Jahr 1921. In den darauffolgenden Jahren rückt der Arlberg immer mehr in den internationalen Fokus. Bald schon folgen die ersten prestigeträchtigen Rennen, wie etwa das Arlberg-Kandahar Rennen. Hannes Schneider und Sir Arnold Lunn, britischer Skipionier, sind die Begründer dieses Wettbewerbes, welcher erstmals 1928 als Kombination von Abfahrt und Slalom ausgetragen wird. 

1904 das erste Skirennen in St. Anton am Arlberg.    (c) Gemeinde St. Anton am Arlberg

In Laufe der Jahre kommen mit Mürren, Chamonix, Sestriere und Garmisch-Partenkirchen weitere Austragungsorte hinzu. Das Arlberg-Kandahar Rennen trägt damals maßgeblich zur Entwicklung des alpinen Skirennlaufs bei. Auch Karl Schranz lässt sich 1958 bei seinem Heimrennen als Sieger feiern. Die Arlberg-Kandahar Rennen sind bis zur Einführung des alpinen Skiweltcups im Jahr 1967 die wichtigsten Bewerbe nach Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften.

Karl Schranz beim Kandahar Rennen.     (c) Gemeinde St. Anton am Arlberg

2001 bildet den vorläufigen Höhepunkt einer beeindruckenden Skigeschichte am Arlberg. Mit der Austragung der alpinen Skiweltmeisterschaft lockt St. Anton tausende begeisterte Skifans an die WM-Piste. Spätestens seit damals zählt der Traditionsort am Arlberg zu den bekanntesten Ski-Destinationen weltweit. Mittlerweile ist St. Anton, zumindest was den Skirennlauf betrifft, fest in weiblicher Hand. Im Zweijahres-Rhythmus gastiert hier der alpine Skiweltcup der Damen in den Speed-Disziplinen. 2021 finden die Bewerbe am 9. und 10. Jänner statt.

Damen Weltcup in St. Anton am Arlberg.    (c) Arlberg Kandahar Rennen

Von Freddy Quinn animiert

1957 beginnt Ferdl, trotz abgeschlossener KFZ-Lehre, als Skilehrer am Arlberg zu arbeiten. Damals noch mit Anfängergruppen unterwegs, folgt 1964 die staatliche Skilehrerausbildung. Es soll der Beginn von etwas Neuem sein. „Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen lächerlich, wenn ich das sage,“ schmunzelt Ferdl. „Aber es hat damals so einen Schnulzen-Sänger gegeben, den Freddy Quinn. Der hat mich fasziniert. In seinen Songs ging es oft um die Sehnsucht nach der Ferne. Da habe ich mir gedacht, ich würde gerne über den Teich schauen, um zu sehen, wie die Menschen dort leben.“ Und so kommt es, dass Ferdl im Winter 1965/66 seine Koffer packt und als Skilehrer in die USA geht. Zuerst nach Kalifornien, nach Sugar Ball, und ein Jahr später nach Sun Valley in die Rocky Mountains. „Ein gutes Pflaster“, wie Ferdl meint, denn im Ausland lässt es sich damals gut verdienen. Aber nicht nur das. In jener Zeit startet Ferdl bei einigen Skirennen, viele davon gewinnt der gebürtige Arlberger und so wird ein gewisser Ray Stark, Producer bei Columbia Pictures, auf ihn aufmerksam. Ferdl lernt damit zahlreiche Hollywood-Stars, darunter eben auch Barbara Streisand, kennen. Menschen, zu denen sich im Laufe der Zeit wahre Freundschaften entwickeln.  „Du musst im Leben Glück haben und die richtigen Menschen kennenlernen, um weiterzukommen. Was immer in meinem Leben passiert ist, verdanke ich vielen anderen Menschen, die mir geholfen haben, dort hinzukommen, wo ich heute bin. Ich hatte dieses Glück.“

Ferdl Nöbl im Rennmodus. 

Prinz Raimondo und Ferdl.

Ray Stark, Producer bei Columbia Pictures.
(c) Ferdinand Nöbl

Das Heimweh bringt Ferdl Nöbl nach 18 Jahren Ausland zurück an jenen Ort, wo er das Skifahren gelernt hat. Karl Schranz führt damals die Skischule in St. Anton. Unter seiner Leitung setzt Ferdl die Karriere als Skilehrer in seiner Heimat fort. Bis heute sieht man den Ferdl mit seinen Stammgästen am Arlberg Skifahren. „Der Arlberg ist einfach mein Zuhause, da fühle ich mich wohl. Ich könnte mir keinen anderen Ort mehr vorstellen.“

MEILENSTEINE:

1884 - Erschließung des Arlbergs durch die Arlbergbahn
Ende 19. Jh - erste Skifahrer & Touristen am Arlberg
1901 - Gründung Arlberg Skiclub
1904 - erstes Skirennen am Arlberg
1921 - Gründung 1. Schischule durch Hannes Schneider
1928 - erstes Kandahar Rennen vom Galzig
1930 - erstes FIS Rennen am Arlberg
1937 - Eröffnung Galzigbahn, Personenschwebebahn
2001 - FIS Alpine Ski WM St. Anton

Interviewpartner: Ferdinand Nöbl (Jg 1935, 85 Jahre)

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