Einmal Affe und zurück

Innovationen im Klettersport

Einmal Affe und zurück

Text & Titelfoto: Simon Schöpf 

Auch wenn Klettern eine überaus natürliche menschliche Bewegungsform ist: Damit der Klettersport zum Breitensport werden konnte brauchte es so manche technische Innovation, ersonnen von stählernen Spitzenathleten und waghalsigen Draufgängerinnen. Ein (zwangsläufig unvollständiger) Rückblick. 

Der größten Innovation im Klettersport hat sich homo sapiens im Laufe der Evolution wieder selbst entledigt: Seinem Schwanz. Turnen unsere nahen Verwandten immer noch spielerisch und scheinbar vollkommen unbeschwert mit Händen und Füßen über schier unmögliche Felswände, so kommt man sich als Menschenaffe im 21. Jahrhundert im vertikalen Vergleich doch etwas degeneriert vor. Die Hände von der vielen Computerarbeit schwach, die Füße kaum mehr als Greifwerkzeug zu gebrauchen, der Schwanz für die nötige Balance gleich ganz verschwunden – als kletternde Spezies hat man es heutzutage nicht mehr ganz so leicht. Kein Wunder also, dass sich homo vertikalis im nun mit technischen Innovationen wieder mühselig nach oben zu kämpfen versucht – ziemlich plump im Vergleich zu Pavianen und Makis, aber immerhin. 

Klettern ist auch deshalb eine überaus natürliche Sportart, weil es uns seit Jahrtausenden nicht nur sprichwörtlich in den Genen steckt. War ein flinkes Überlisten der Schwerkraft früher Überlebensvorteil, so ist es heute ein immer beliebteres Hobby – seit Jahren boomt der Klettersport, Boulderhallen schießen wie die Schwammerln weltweit aus dem Boden. Klettern ist zum ersten Mal seit der Emigration aus dem zentralafrikanischen Becken wieder massentauglich geworden, und das liegt auch maßgeblich an der Verfügbarkeit von so praktischen Dingen wie Seil, Karabiner und Crashpad. Doch das war nicht immer so, noch vor ein paar Jahrzehnten war der Klettersport eine Spielwiese für wagemutige Individualisten, für draufgängerische Grenzgänger. Und eben auch für erfinderische Praktiker, findige Innovationen kamen oft aus den entlegensten Ecken der Szene – und die Tiroler Felsen spielten auf dieser experimentellen Spielwiese eine Hauptrolle.

Die Tiroler Felsen, eine experimentelle Spielwiese für Innovationen. (c) Simon Schöpf

Klettern als Sport

Geklettert wurde also irgendwie schon immer. Als Geburtsstunde des Kletterns als Sport wird aber meistens mit der Besteigung des Falkensteins in der sächsischen Schweiz in Verbindung gebracht, 1864 war das. „Aber wie so oft historisch gesehen hat es eben nicht nur dieses Ereignis gegeben, auch in Amerika hat sich eine Freikletterbewegung unabhängig davon entwickeln können“, sagt Gebhard Bendler, Historiker und Chefredakteur der Fachzeitschrift bergundsteigen. Und auch bei vielen der für den Klettersport heute unumgänglichen Utensilien – Seile, Haken, Kletterpatschen – gab es nicht nur den einen Erfinder. „Innovationen werden oft unabhängig voneinander relativ zeitgleich ersonnen, so wie neben Edison auch Swan die Glühbirne erfunden hat“, so Bendler. Einige dieser Erfindungen haben eine ganz besonders lebendige Geschichte.

Der Bohrhaken

Wer hohe, steile Wände erklimmen will, der will sich für den Fall des Falles meist auch irgendwie absichern. „Die frühen Kletterer waren meist noch free-solo unterwegs, also komplett ungesichert. Als die Schwierigkeiten dann größer wurden und die Alpinisten mit um den Bauch gewickelten Hanfseilen kletterten, musste auch eine entsprechende Absicherung her“, erklärt Bendler. In dieser Disziplin zeigten die frühen Pioniere des Kletterns eine ausgeprägte Kreativität, „vom selbstgeschnitzten Holzkeil bis zum in die Wand genagelten Bilderhaken war alles dabei. Es stellte sich aber bald heraus, dass diese Art der Absicherung nur suboptimal war.“ 

Nicht zuletzt wegen einem omnipräsenten Gefahrenelement brauchte es erst die Innovationen der wagemutigen Pioniere, damit Klettern zu dem Breitensport werden konnte, welches es heute ist. Einen wesentlichen Teil dazu beigetragen hat der Bohrhaken, der im Falle eines Sturzes die Kletterin hält. Und hier spielen die Steilwände des Wilden Kaisers im Tiroler Unterland eine tragende Rolle: „Der Wastl Weiß war einer der ersten, der für die Anbringung von Haken ein Loch bohrte. Behauptet hat er trotzdem, er arbeite mit geschlagenen Haken, denn damals waren Bohrhaken beim Großteil der Bergsteiger noch verpönt“, weiß Gebhard Bendler. 

Alltäglich sollte der Gebrauch von Handbohrern erst ab Ende der Fünfziger werden. Die ersten gesetzten Bohrhaken waren im Prinzip Normalhaken mit äußerst dünnen und kurzen Schäften, die in ein passgenaues Loch gehämmert wurden. Entsprechend häufig konnten sie auch ausbrechen. Die heute geläufigen Expansions- oder Klebebohrhaken stehen einer vielfach größeren Belastung stand, nach der Norm EN 959 eine radiale Zugfestigkeit mindestens 25 kN. Die größtmögliche Sturzbelastung liegt beim Klettern bei etwa 16 kN. 

Felshaken und Felshammer. (c) ÖAV Alpenverein-Museum, West. Fotostudio

Expressschlingen

Wo ein Haken, da ein Weg. Als Bindeglied zwischen Haken und Seil sind wir als moderne Sportkletterinnen die Expressschlinge gewohnt, doch auch diese musste erste erfunden werden. Und das war gut so, denn Markus Schwaiger, Kletterexperte des Österreichischen Alpenvereins, erinnert sich, wie es noch ohne Karabiner zuging: „Im Elbsandsteingebirge waren große Ringe angebracht, an denen man sich mit einer Hand festgehalten hat, um mit der anderen Hand das Seil auszubinden, durchzufädeln und sich einhändig wieder einzubinden.“

Die heutigen Expressschlingen haben schon ein paar Entwicklungen hinter sich. (c) Simon Schöpf

Nicht der ganz sichere Standard – und wieder kommt der Wilde Kaiser ins Spiel. „Der Legende nach hat Otto Herzog in der Fleischbank Ostwand als erster überhaupt einen Karabiner eingesetzt, gesehen hatte er das Prinzip vermutlich bei der Feuerwehr“, erklärt Gebhard Bendler. Anfänglich waren die Karabiner aus schwerem Stahl, später wurden jeweils zwei Karabiner zusammengehängt, die Vorläufer der modernen Expressschlingen, die zwei Karabiner mit einem Textilelement verbindet. „Die ersten Schlingen wurden noch als gefährlich eingestuft, aber bald lagen die Vorteile auf der Hand“, erklärt Markus Schwaiger. „Auch beim Material gab es viele Innovationen, heutige Expressschlingen sind aus Aluminium gefertigt und damit viel leichter, Drahtbügel sparen noch zusätzlich Gewicht. Außerdem sind mittlerweile Gummifixierungen Standard, damit sich der Karabiner nicht verdreht.“ 

Sicher sichern 

Eine interessante Entwicklung nahm auch das Sicherungsgerät. Über Jahrzehnte wurden die Vorsteigerinnen mit sogenannten dynamischen Sicherungsgeräten gehalten, bei denen eine Hand immer am Bremsseil bleiben muss. Weit verbreitet war der sogenannte Achter, später der Tuber. Aus der Kletterszene heraus entwickelte der französische Hersteller Petzl 1991 dann das GriGri, ein halbautomatisches Gerät, das bei einem Sturz selbstständig blockiert und dadurch mehr Sicherheit bietet. „Das GriGri hat das Sichern revolutioniert“, weiß Markus Schwaiger, „und dann ist es aber tatsächlich in einigen Hallen sogar verboten worden, zum Beispiel in der Kletterhalle Imst“, erinnert er sich. Die Ursache waren einige Unfälle, die aber allesamt auf Bedienfehler zurückzuführen sind. „Es braucht natürlich eine entsprechende Einschulung, wir haben mittlerweile eigene Videos dazu gedreht“, informiert Schwaiger. (Link zum Video

Obwohl das GriGri und andere halbautomatische Sicherungsgeräte beim Sportklettern in der Halle und am Fels mittlerweile Standard sind, wird bei offiziellen Wettkämpfen immer noch mit dynamischen Sicherungsgeräten gesichert. „Warum weiß eigentlich keiner so genau … ein Grund dafür ist wahrscheinlich, dass die Spitzensportler im Wettkampf immer sehr ans Limit gehen und zum Teil richtig große Stürze dabei sind. Ist der Gewichtsunterschied zwischen Kletterer und Sicherer zu groß, wird es schwer, auf den Impuls angemessen zu reagieren. Ein weiches, dynamisches Sichern ist deshalb mit dynamischen Sicherungsgeräten einfacher“, erklärt sich Schwaiger die Situation. Der Alpenverein setzt sich aber mittlerweile dafür ein, dass auch im Wettkampf mit Halbautomaten gesichert werden darf.

Top-Rope-Automaten, von der Maschine gesichert. (c) Simon Schöpf

Top-Rope-Automaten

Oder einfach gleich von einer Maschine gesichert werden? Was vor einigen Jahren noch futuristisch anmutete, ist mittlerweile in vielen Hallen ein gewohntes Bild: Die Top-Rope-Automaten. Hier kam ein wichtiger Impuls für die Entwicklung aus dem Spitzensport, genau genommen aus der Disziplin Speed-Klettern, die bei den Olympischen Spielen 2021 Teil des Kombinationsformates sein wird. „Zuerst wurde auch beim Speedklettern manuell gesichert, aber irgendwann ist man mit der Geschwindigkeit ganz einfach nicht mehr mitgekommen“, erinnert sich Markus Schwaiger. Der aktuelle Weltrekord für die 15 Meter hohe Wand liegt bei unglaublichen 5,208 Sekunden (Link zum Video des Speed Kletter Weltrekords). „Beim Speedklettern ist alles genormt, von der Route selbst bis eben auch zum Sicherungsautomaten, wo genau vorgegeben ist, wie schnell eingezogen wird und wie viel Zug von oben kommt.“ Im Kletterzentrum Innsbruck hängen beispielsweise die gleichen Geräte, die auch bei Olympia die Höchstleistungen der vertikalen Sprinter assistieren werden.

Trainingsmethoden

Trainieren wie ein Olympiasieger, dieses Motto kannten Kletterer auch schon vor Tokyo 2021. Wegweisend war einer, der für viele als der beste Sportkletterer aller Zeiten gilt: Wolfgang Güllich. Für die Begehung seiner berühmtesten Route – „Action Directe“ im Frankenjura, die weltweit ersten 9a – entwickelte er mit Genossen ein eigenes Trainingsgerät, das mittlerweile auch in diversen Abwandlungen in vielen Wohnzimmern motivierter Amateure zu finden ist: Das Campusboard. Kleine Holzleisten, auf die oft nicht mehr als eine Fingerkuppe passt, die an einer leicht überhängen Holzplatte befestigt sind. Es war gewissermaßen die Geburtsstunde des systematischen Trainings für hohe Schwierigkeitsgrade, welches seit der Professionalisierung der Wettkämpfe stetig zugenommen hat.

Das Campusboard ist ein beliebtes Trainingsgerät für zu Hause. (c) Simon Schöpf

Auch hier haben die Leistungen im Spitzensport einen Einfluss auf die Breite: „Das Wettkampfklettern wird immer mehr zum Parcourklettern, dynamische Elemente werden immer wichtiger. Koordinativ sind die Routen und Boulder mittlerweile unheimlich komplex, es gleicht oft mehr einem schwungvollen Turnen als einem statischen Kletterzug“, weiß Markus Schwaiger vom Alpenverein. Wurden bei den ersten Wettkämpfen sogar noch Stilnoten vergeben, dominieren heutzutage dynamische Showelemente und Sprünge, die Spannung für das Publikum garantieren. 

Gib Gummi

Mit den Schuhen lässt sich der Bogen wieder zurück zu den Affen spannen; Wenn unsere Greifzehen schon degeneriert sind, dann stecken wir sie zum Klettern eben in richtig enge Kletterpatschen. „Im Bereich der Kletterschuhe hat sich extrem viel getan. Früher musste der Schuh mindestens drei Nummern kleiner gekauft werden, um ein gutes Gefühl zu haben, wo man steht“, erklärt Markus Schwaiger vom Alpenverein. „Mittlerweile haben die Top-Schuhe eine extreme Vorspannung, teilweise sogar mit einer Innenrotation, da muss der Schuh nicht mehr ganz so eng sein.“ Hier können die Spitzenathleten vielleicht am meisten Einfluss auf das Material nehmen und neue Modelle intensiv testen.  

Auf die Kletterschuhe können Athleten am meisten Einfluss nehmen indem sie die Materialien intensiv testen.
(c) Simon Schöpf

An dieser Stelle könnte man noch viel hinzufügen … über die Japaner, wie sie frenetisch an der perfekten Magnesium-Mischung tüfteln. Über den Werdegang der räudigen Matratze zum trendigen Crashpad. Über das US-Militär und die Erfindung der Kletterseile. Aber bei der ganzen Technik sollte man das Wesentliche nicht vergessen: Klettern bleibt Klettern bleibt Klettern. Und funktioniert mittlerweile auch ohne Schwanz ganz ordentlich.

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