Gritsch, der ,,Bösewicht“ der Djokovic das Laufen lehrte

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Gritsch, der ,,Bösewicht“ der Djokovic das Laufen lehrte

Mit sport.tirol spricht der Tiroler über seine Zeit mit Novak Djokovic und was es braucht, um in der Weltklasse mitzumischen.

Text: Fred Steinacher, Foto: GEPA

Dominik Thiem fällt verletzungsbedingt aus, Alexander Zwerev hat abgesagt. Aber Novak Djokovic ist mit von der Partie! Die Nummer eins der Welt spielt beim Davis Cup in Innsbruck-Tirol und hat sogar besonderem Tirol-Bezug.
Ja, richtig gelesen, denn auf seinem Weg zu diversen Triumphen formte und betreute Dr. Gebhard Gritsch aus Silz den Serben. sport.tirol hat sich den Fitnesstrainer und Berater für ein Interview geschnappt!

Er sagte ohne zu zögern zu, wohl wissend, dass die Entscheidung für "Djoker" das Leben des zweifachen Familienvaters gravierend verändern würde. „Im Schnitt war ich im Jahr 40 Wochen lang mit Novak am Weg, eine unglaublich intensive Zeit", erinnert sich Gritsch mit einem Strahlen (und Stolz) in den Augen. Denn dem großgewachsenen Fitness-Trainer aus Tirol, von dem die Berner Zeitung schon 2013 schrieb, er sei Djokovics Geheimwaffe, hatte der Serbe seine geradezu brillante Physis zu verdanken.

 "Dieser Glatzkopf ist Djokovics Geheimwaffe – er sieht aus wie ein James-Bond-Bösewicht, genießt aber das volle Vertrauen des Serben"
Berner Zeitung, 2013

Ein Goldgriff, denn der steile Aufstieg hatte gerade in dem Jahr begonnen, als Djokovic Gritsch verpflichtete. Und auch wenn Gritsch nicht gerne über seinen Anteil am Triumphzug des mehrfachen Grand-Slam-Siegers spricht, so war es doch der Silzer, der erkannt hatte, welch außergewöhnliches Talent sein zukünftiger Schützling besitzt. „Wie er sich bewegt, den Ball noch kontrollieren kann wo andere schon die Balance verloren hätten – all das ist unglaublich, es hat großen Spaß gemacht."

Dennoch kam es zur Trennung. „ Der Bruch kündigte sich nach seinem Sieg bei den French Open 2016 in Paris an. Da hatte Novak mit seinem Finalsieg über Andy Murray alle vier Grand Slam-Turniere gewonnen und damit ein vorerst letztes großes Ziel erreicht. Wenn du dann am Gipfel stehst und zurückblickst, fällt eine Riesenlast von den Schultern. Und plötzlich war die Luft raus. "Bei Djokovic, aber auch beim ganzen Team. Er wechselte seinen kompletten Betreuerstab aus und verpflichtete Andre Agassi als Head Coach. Nicht die Ideallösung – das Tennisass fiel bald in ein tiefes Loch, verlor Matches und Selbstvertrauen, haderte mit seinem Schicksal.

Am Gipfel des Erfolgs und plötzlich ist die Luft raus. (c) GEPA

Letztendlich, nach einem verlorenen Jahr sozusagen, entschloss er sich, Gritsch und auch Vajda zurückzuholen. Sie gingen sofort an die Arbeit - nie zuvor hat sich Djokovic durch so eine lange Phase des Trainings und Formaufbaus gekämpft.  Nach ein paar Monaten war er zurück auf seinem Top Level und gewann 5 Grand Slams in 1,5 Jahren.
Nach dem Wimbledonsieg 2019 und insgesamt 10-jähriger Trainertätigkeit, in der Djokovic 15 Grand Slam Titel gewann, beendete Gritsch die Zusammenarbeit. Er nahm ein Angebot des Olympiazentrums Linz an.

Jahre später blickt Gritsch zurück. „Ich hatte diese Riesenchance beim Schopf gepackt, um mit einem großartigen Tennisspieler zu arbeiten. Als ich begann, war Djokovic die Nummer Drei. Meine erste Aufgabe war es, ihn in eine Top-physische Verfassung zu bringen. 2011 gelang der Durchbruch, er überholte Federer und Nadal -  beeindruckend wie lange seine Serien hielten. Vor allem wenn man weiß, wie schwierig es ist, die Nummer eins zu werden und dann auch zu bleiben."

Gritsch erlebte viele sensationelle Matches seines Schützlings hautnah mit. Eine Partie blieb ihm besonders in Erinnerung: Da kommt mir als erstes das Australien-Open-Endspiel 2012 gegen Rafael Nadal in den Sinn. Eine Marathon-Schlacht, die mit fast 6 Stunden Dauer in der Grand- Slam-Geschichte verewigt ist. Dass Novak dem spanischen Konditionswunder den entscheidenden Satz abnehmen konnte, war auch für mich wie eine "Meisterprüfung", schmunzelt Gritsch.

Gritsch war stehts hautnah bei den ganz großen Matches mit dabei. (c) GEPA


22 Fragen an den Tennis- Guru

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Entwicklung im Tennissport


Was muss ein Jugendlicher mitbringen, um im professionellen Tennissport eine Chance zu haben?

Tennis ist ein sehr komplexer Sport. Motorisches Talent und Schnellkraft sind für mich die Grundvoraussetzung, dazu braucht es Motivation und Lernfähigkeit mit dem Ziel, im Ernstfall auf jede Situation eine Antwort zu wissen!

Wie groß sind die Chancen, vom Tennis leben zu können?

Nun ja, der Weg dorthin ist steinig, vor allem aber sollte jedem bewusst sein: um vom Tennis leben zu können, muss erst investiert werden. Eine Karriere kostet viel Geld, es braucht die Familie und damit ein intaktes Umfeld.

Welcher Aufwand steckt dahinter?

Disziplin, beinhartes Training und natürlich gute Trainer mit einem ausgereiften Entwicklungs-System (Methodik).


Spitzensport und Persönlichkeitsentwicklung 


Kann sich der Mensch sozial noch entwickeln?

Eine spannende Frage, denn vor allem Spitzensportler stehen permanent in der Öffentlichkeit, haben ab einem gewissen Niveau das eigene Leben nicht mehr in der Hand. Sie sollen, nein müssen stets perfekt funktionieren, egal ob nach einem triumphalen Erfolg oder einer bitteren Niederlage. Und das ist zusätzlicher Stress, z. B. auf jede Frage eine Antwort zu wissen, das Richtige zu sagen. In diesem (Weltklasse)-Bereich gehört zwar Rhetorik-Training zur täglichen Routine, um sich auf Interviews vorzubereiten. Doch das Beispiel der sehr schüchternen Naomi Osaka (die Japanerin verweigerte bei den French Open eine Pressekonferenz, war aus dem Turnier ausgestiegen, um ihre psychische Gesundheit zu schützen) zeigt den schmalen Grat, auf dem sich die gefeierten Stars bewegen.

Fanatismus der Eltern?

Das ist ein zweischneidiges Thema wie ich meine, das aber nicht nur im Tennis präsent ist. Klar ist, dass es - ohne verständnisvolle Eltern nicht geht, Daher: Gespräche und Feedback ja, aber nur nicht zu viel davon und nicht nach jedem Schlag.


Training und Match


Stresssituationen im Match bewältigen zeigt von mentaler Stärke. (c) GEPA

Wie wichtig sind Routinen, welche Form von Routinen gibt es (Warm Up, Bewegungsabläufe, Umfeld, etc.)?

Ein perfektes Aufwärmen mit den stets gleichen Abläufen ist speziell für das Selbstvertrauen wichtig. Dabei sind viele Kleinigkeiten zu berücksichtigen. Das ist wie bei einem Fein-Tuning in der Formel 1, Faktum ist: der Sportler muss letztlich spüren, dass jeder Schritt passt! 

Es gibt eine hohe Leistungsdichte an der Spitze. Wie schaffen es Profis immer wieder über längeren Zeitraum das Maximum abzuliefern?

Das Zauberrezept heißt Periodisierung. Diese soll im Zusammenspiel zwischen Trainer, Physiotherapeut und Arzt die richtige Dosierung des Trainings in Bezug auf Athletik, Taktik, Technik und Regenerationsphasen ermöglichen. Erst kommen ein paar Tage passive und aktive Erholung, ein paar Tage Konditionstraining und 1 1/2 Wochen intensives Schlag- und Konditionstraining, dann normalerweise 3 Wochen Turniere. 

Im Training abliefern und beim Match scheitern – endet hier bei vielen die Karriere?

Genauso wie im konditionellen Bereich gibt’s auch im mentalen Bereich eine individuelle Bandbreite (mental schwach bis zu mental stark) die höchstens graduell verbessert werden kann. Im Einzelsport Tennis werden nur jene Spieler mental stark, die viele Stresssituationen vor, im und nach dem Match bewältigen können. 

Wie stark wird auf Mental-Training gesetzt?

Das ist ein permanenter Teil des Trainings, da wird quasi künstlicher Stress erzeugt, wie im Match. 

Spielt auch vielseitiges Training eine Rolle, beispielsweise andere Sportarten?

Natürlich – koordinative Bewegungserfahrungen aus allen Bereichen sind extrem wichtig. 

Was wird unternommen, um den Athleten ein möglichst gleichbleibendes Umfeld (u. a. Bedingungen beim Reisen) zu schaffen?

Da ist vor allem die individuelle Flexibilität gefragt, denn natürlich ändern sich die Bedingungen immer wieder und das ist zu akzeptieren. 

Während eines Matches ist es wichtig leicht verdauliche Kost zu sich zu nehmen. (c) GEPA

Wie sehr ist die Ernährungswissenschaft im Tennissport angekommen, auf was wird besonders geachtet (Ernährungsform)? 

Diesbezüglich war ich in der Arbeit mit Djokovic irgendwie Vorreiter, habe gleich zu Beginn unserer Zusammenarbeit die besten Wissenschaftler eingebunden. Djokovic hatte erkannte, dass er sich lange Zeit falsch ernährt hatte und schließlich akzeptiert, dass er mit einer konsequenten und zielorientierten Ernährungsumstellung (glutenfrei) seine Leistungsfähigkeit und damit sein Energielevel eklatant steigern kann. Das Ergebnis ist bekannt. 

Während des Matches wird kaum gegessen – warum?

Erstens ist nicht so viel Zeit, aber wenn, dann gilt es leicht verdauliche Kost zu sich nehmen, die reich an Kohlenhydraten, Mineralstoffen und Vitaminen ist. 

Werden regelmäßig Leistungsdiagnostiken durchgeführt?

Nein, fast nie. Der Sportler kennt sich selbst am besten, weiß genau, was er braucht und wann etwas zu überprüfen ist. 

Können die Fans im Stadion den Athleten beeinflussen oder blenden die Sportler dies komplett aus?

Natürlich nimmt der Spieler die Atmosphäre beim Betreten des Platzes wahr, registriert die Stimmungslage (pro/contra); doch die Energie, die so ein vollbesetztes Stadion vermittelt, ist unglaublich motivierend. 

Match auf Sand oder Rasen, was wird bei der Vorbereitung anders gemacht?

Das sind im wahrsten Sinne des Wortes zwei Paar Schuhe, komplett andere Systeme. Bei Sand beispielsweise haben wir einen hohen Absprung des Balles, mehr Schläge, lange Ballwechsel, brauchen eine Lauftechnik mit kleineren Schritten. Bei Rasen wird der Ball nach dem Absprung schnell, kommt meist flach, der Spieler ist mit einem komplett anderen Körperschwerpunkt konfrontiert, das erfordert mehr Arbeit aus den Beinen heraus.

Die Energie, die ein vollbesetztes Stadion überträgt ist extrem motivierend. (c) GEPA


Zahlen und Fakten auf Spitzenniveau


Wie viele Stunden wird pro Woche trainiert?

Vormittag: Individuell eine ½ Stunde Good Morning-Einheit; 1 Stunde aufwärmen, 1 ½ Stunden Training am Platz. 

Nachmittag: 1/2 Stunde aufwärmen, 1 Stunde spezifisches Training; anschließend Regeneration, dann Konditionseinheit mit aktiver und passiver Erholung. 

Wie groß ist die Mannschaft hinter einem Athleten?

In Australien z. B. dürfen Ex-Sieger jeweils vier Betreuer mitnehmen, ansonsten gilt drei Personen für Top-10 Spieler. 

Wie viele Wochen im Jahr ist wirklich Freizeit/Urlaub/tennisfrei?

Kaum zu glauben, aber höchstens eine Woche! 

Wie oft verwendet ein Profi neue Bälle?

Alle halben Stunden. 

Wie viele Schläger/Paar Tennisschuhe braucht es im Jahr?

Rund 30 Schläger (je nach Temperament lacht Gritsch); oft sind Schuhe bereits nach einem (langen) Match kaputt. 

Wie bereitet sich der Sportler auf ein Match vor?

Sehr individuell – bei Djokovic war es intensives Seilspringen, dynamisches leichtes Dehnen, mit Bändern arbeiten und letztlich lockeres Einschlagen. 

Dr. Gebhard Gritsch

 Sportleistungsberater von 2009-2017 & 2018-2019 Fitnesstrainer und Berater des serbischen Tennisprofis Novak Djokovic.
Studierte Sportwissenschaft und Sportmanagement an den Universitäten Innsbruck und Wien, schloss sein Doktorat mit Auszeichnung ab.
Bietet Expertise und Training für Hochleistungssportplanung. Derzeit betreut er das Elite-Trainingsprogramm des OOE Olympiastützpunkts in Linz.

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