#6 Himmel & Hölle auf 238 Kilometern

Like a Pro zum Ötztaler

#6 Himmel & Hölle auf 238 Kilometern

Unsere Geschichte vom Ötztaler.

Text: Jannis Braun, Fotos: Stefan Gapp, Film: Johannes Aizetmüller 

Seit 40 Jahren schreibt der Ötztaler Radmarathon Geschichten über Freud und Leid. Seit vier Wochen können Anna und Christian ihre eigene Geschichte vom Ötztaler erzählen. Begleitet uns auf 238 Kilometern voller Emotionen.

Als ich Anna und Christian ein paar Tage nach dem Ötztaler treffe, um über ihre Ötztaler-Erfahrung zu sprechen, sind sie zwar anwesend, aber irgendwie doch nicht ganz da. Sie scheinen noch auf der Euphoriewelle zu radeln – irgendwo zwischen dem Timmelsjoch und Sölden. Ihr Zustand erinnert mich an Erasmus-Studenten, die nach der schönsten Zeit ihres Lebens nachhause kommen und erstmal wieder in der normalen Welt klarkommen müssen. Die erzählen, um das Erlebte zu verarbeiten, die aber keiner wirklich versteht, der nicht Dasselbe erlebt hat.

„Als ich das Schild am Timmelsjoch gesehen habe, war’s komplett vorbei mit mir“, erzählt mir Anna strahlend und ringt in dem Moment erneut mit Freudentränen. „Also man vergisst den Schmerz irgendwann...aber die Hoffnung, ich habe bis zum Ende gehofft“, berichtet Christian mit einem Leid im Gesicht und einer Kampfeslust in der Stimme, dass ich mich frage, was ich ihm gerade angetan habe. Und sich vielerarms Gänsehaut breit machte. Gänsehaut-Momente gab es sowieso viele an diesem Wochenende. Und nicht nur weil es das kälteste Wochenende des Sommers 2021 sein sollte. 

Am Ort des Geschehens

Nach fast einem Jahr Vorbereitung kam endlich der Tag X für Anna und Christian. Ein brodelndes Gemisch aus Nervosität, Vorfreude und Respekt hing bei ihrer Ankunft über Sölden. Und dichte Regenwolken. Sie sorgten für einen düsteren Empfang am Ort des Geschehens. Das Veranstaltungsteam tat aber erfolgreich das Beste, um die Stimmung aufzuhellen.

Christian: Das Ankommen in Sölden hat mir voll getaugt. Das ganze Dorf ist für das Wochenende auf den Ötztaler ausgerichtet. Ein paar Stunden hatte ich noch Zeit, die Stimmung aufzusaugen. Man sieht andere Teilnehmer, darunter viele bekannte Gesichter. Man fachsimpelt, wünscht sich gegenseitig Glück und gute Haxn. Man ist endlich dort nach so einer langen Vorbereitung und jetzt steht dem Ganzen eigentlich nichts mehr im Weg. Nur das Wetter war ziemlich mies. Aber dadurch, dass trotzdem so viele motivierte Leute vor Ort waren, habe ich darüber schnell hinweg gesehen. Wäre ich allein angereist und dort gewesen, hätte ich schon gedacht: „Oh mein Gott, wie soll ich das bei dem Wetter überleben?“.

Verregnete Ankunft in Sölden. Das Ziel für den nächsten Tag ist klar. Foto: Stefan Gapp

Dieser Artikel ist Teil der Serie

Der „Ötztaler“ feiert dieses Jahr seinen 40. Geburtstag. Dann zählen auch die beiden Hobbyrennradfahrer Anna und Christian zu den Geburtstagsgästen. Gemeinsam mit dem Olympiazentrum Tirol begleiten wir das Duo. Vom ersten Medizinischen TÜV bis – so ist es ihr Traum – über die Ziellinie in Sölden.

Die Initialzündung

Christian: Die Startnummer abzuholen, ist irgendwie die Initialzündung für das Wochenende. Wie, wenn du beim Auto den Schlüssel umdrehst. Dann geht’s los, dann gibt’s kein Zurück mehr. Dann gilt es, das vorher gesteckte Programm Schritt für Schritt abzuarbeiten. Alles davor ist noch gemütlich. Du nimmst die Atmosphäre auf und stimmst dich auf das Rennen ein. Aber mit Erhalt der Startnummer beginnt der Ernst. 

Anna: Dann wurde es richtig spannend. Das erste Mal die Startnummer in der Hand zu halten – irgendwie ein ganz merkwürdiges Gefühl. Da habe ich realisiert, dass ich jetzt wirklich beim Ötztaler mit dabei bin und mir diesen Höllenritt gebe.

Jetzt gibt es für Anna und Christian kein Zurück mehr. Foto: Stefan Gapp

Der Schlüssel zum Ötztaler. Foto: Stefan Gapp

Das letzte Abendmahl

Zum ersten Mal Gänsehaut-Feeling. Da war zuerst Coach Lukas, der am Abend noch nach Sölden kam, um seinen beiden Schützlingen beizustehen. In einer genauso emotionalen wie analytisch-taktischen Ansprache stimmte er Anna und Christian auf das Rennen ein. Und dann war da noch der Kaiserschmarren im Grünwald Ressort...  

Anna: Das letzte große Fressen! Da hab ich mir noch ordentlich Pasta und Kaiserschmarren gegönnt. Carb-Loading at its best. Zuerst hatte ich mich ja voll auf die Phase der Superkompensation gefreut. Da hab ich mir gedacht: „Yeah, das ist mein Gebiet, Essen ist meine Stärke“. Am ersten Tag war das ja auch noch ganz lustig. Am zweiten Tag dachte ich dann, „boah, schon wieder die Völlerei“, und am dritten Tag hab ich mich einfach wieder nach Essensnormalität gesehnt. Deswegen war das Fass eigentlich eh schon prunkvoll an diesem Abend und das letzte Essen hat es dann quasi zum Überlaufen gebracht.

Christian: Das gemeinsame Abendessen am Samstag mit der Crew war total wichtig für mich. Wir konnten uns nochmal auf die bevorstehende Herausforderung einschwören. Es war super lässig, dass unser Coach Lukas dabei war und uns noch ein paar letzte Tipps gegeben hat, uns versichert hat, dass wir gut vorbereitet sind und wir die ganze Rennstrategie nochmal durchgegangen sind. Das hat mir ein Stück Nervosität und letzte Zweifel genommen und dafür Sicherheit und Extra-Motivation gegeben.

Coach Lukas gibt Anna und Christian die letzten Instruktionen mit auf den Weg. Foto: Stefan Gapp 

Kaiserschmarren als Abschluss des Carb-Loadings. Foto: Stefan Gapp

Keine Sekunde Schlaf

Dass sie am Sonntag mehr Stunden auf dem Rad sitzen, als sie in der Nacht davor Schlaf bekommen würden  damit hatten Anna und Christian gerechnet. Aber, dass die Differenz aus Schlaf- und Fahrzeit so groß sein würde...

Anna: Ich habe einfach keine Sekunde geschlafen! Ich habe mich nur im Bett hin und her gedreht und dann nochmal hin und her gedreht. Dann bin ich zwischendurch mal aufgestanden und habe aus dem Fenster geschaut, wie das Wetter ist. Habe mich wieder niedergelegt und wieder hin und her gedreht. Habe das Rennen immer wieder im Kopf durchgespielt. Was ist, wenn dies passiert? Was ist, wenn das passiert? Dann habe ich noch Magenprobleme bekommen. Und dann dachte ich eigentlich nur noch: „Scheiß drauf, einfach probieren und schauen wie der Tag morgen wird.“  

Ein Bissen fürs Gewissen

Christian: Aufgestanden bin ich um 4 Uhr. Um 4.30 Uhr gab es dann schon Frühstück. Das war eher nur für’s Gewissen, dass ich was gegessen habe. Die Speicher müssen eh schon komplett voll gewesen sein. Dann ging's weiter im Protokoll: Gewand anziehen und das letzte Mal das Rad checken. Ich war wirklich nervös. Am Morgen schwirrten immer noch Wie-Was-Wenn-Szenarien im Kopf herum. Aber ich muss sagen, nachdem ich mich dann aufs Radl gehockt habe, um von der Unterkunft zum Start zu rollen, war ich eigentlich ruhig. Ich habe gewusst, ich kann jetzt nichts mehr ändern. Ich habe alles organisiert, habe alles nach Plan abgearbeitet. Von daher war ich eigentlich viel entspannter, je näher der Start rückte.

Startblock-Stimmung

Christian: Es war eine supercoole Stimmung am Start. Es ist so viel los, aber es ist trotzdem so ruhig. Man spürt eine Grundnervosität bei allen, eine knisternde Spannung, eine Vorfreude auf den Start. Aber eine panische Nervosität habe ich nicht wahrgenommen, nicht bei mir und auch nicht bei den Anderen. Jeder hat sich bis ins Detail vorbereitet, keiner hat mehr Stress. Was super positiv für mich war: Es war trocken. Hätte es geregnet, wäre ich am Start schon Tausend Tode gestorben. Ich habe mich schon ein bisschen fehl am Platz gefühlt, als ich gesehen habe, wer da noch so im Umkreis von 10 Metern neben mir steht. Da habe ich schon damit gerechnet, dass ich an der Position nicht lange verweilen und schnell durchgereicht werde. Aber die Idee war ja auch nur mit den Könnern zu starten, nicht mit ihnen ins Ziel zu kommen.

Anna: Wie wir da unser Radl in den Startblock gerollt haben – das Gefühl, das kann ich nicht beschreiben. Die laute Musik im Hintergrund, nebenbei der Ballon, der mit der riesigen Flamme aufgestiegen ist und die Uhr, die anzeigt, wie lange es noch bis zum Start dauert. Und hinter uns der Spruch „Jetzt beginnt dein Traum!“ und vor uns der TV-Hubschrauber, der dann aufsteigt –schon eine einmalige Stimmung! Wir hatten ja mega Glück, dass wir soweit vorne im Startblock stehen durften. Das war eine Erleichterung. Die Teilnehmer in den vorderen Reihen sind mit Rennsituationen vertraut. Dadurch muss man nicht so Panik haben, dass dir irgendwer in die Quere kommt. 

Einrollen in den Startblock. Foto: Stefan Gapp

Eine Stimmung wie beim Ötztaler-Start muss man erlebt haben. Foto: Stefan Gapp

Anna geht kurz vor dem Start die ersten Kilometer im Kopf durch. Foto: Stefan Gapp

Christian wartet auf den Startschuss. Foto: Stefan Gapp

Eingeklickt und losgerollt

Christian: Die Viertelstunde, die man bis zum Startschuss wartet, vergeht einerseits schnell, auf der anderen Seite dauert sie ewig. Dann hört man zuerst den Startschuss und dann von den hunderten Leuten neben dir die Schuhe in die Pedale einklicken. In dem Moment wird dir klar: jetzt geht es wirklich los! Du rollst die ersten Meter. Du hörst die Hubschrauber schon neben dir kreisen. Es ist eine Wahnsinns-Stimmung. Es ist zwar auf den ersten paar Metern ein bisschen hektisch. Man ist so fokussiert auf die richtige Fahrlinie – und schon war ich mit hundert anderen mittendrin in der Abfahrt von Sölden nach Haiming. Es war 6.30 Uhr in der Früh und so viele Menschen standen schon überall am Straßenrand. Das motivierte extrem. Ich habe es mir viel gefährlicher ausgemalt, mit so vielen Fahrern nach Haiming zu fahren, als es im Endeffekt war.

Anna: Eingeklickt, losgerollt und dann wars erstmal ein kleines Abtasten. Wie geht’s jetzt los? Wie nervös sind die Fahrer? Wie wird im Fahrerfeld mit den Ellbogen gerangelt? Aber es ist dann echt gut gegangen. Obwohl, nach 200 Metern sind wir eigentlich schon wieder gestanden weil sich ein Luftbogen verabschiedet hat. Aber nachdem dieses Hindernis dann überwunden war, sind wir mit einer echt hohen Geschwindigkeit in einer guten Gruppe nach Haiming gekommen. Und ich war echt heilfroh, dass das so gut gelaufen ist. Weil ich so Angst vor der Kälte hatte, habe ich mir Wärmepflaster ins Kreuz und aufs Knie und ins Gnagg gepickt. Habe Schichten über Schichten angezogen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich schon bei der ersten Abfahrt so ins Schwitzen komme. 

Erster Berg: Check

Wenige Tage vor dem Rennen hat den Teilnehmern des 40. Ötztaler Radmarathons ein Felssturz noch einige extra Kilo- und Höhenmeter beschert. Der erste Anstieg verlief nicht wie gewohnt von Oetz aus ins Kühtai, sondern über den Haimingerberg und das Sattele. 

Anna: Ich bin erst nochmal stehen geblieben, habe Schichten abgelegt und dann: Hallo Haimingerberg! Was mich gleich zu Beginn des Anstiegs etwas schockiert hat, war, dass jemand am Straßenrand lag und medizinische Hilfe brauchte. Ich habe versucht, nicht zu viel hinzuschauen und nachzudenken und habe mich einfach von den Massen hochziehen lassen. Das Sattele ist einfach ein sausteiler Berg. Aber dadurch, dass sich auf und neben der Strecke so viel abspielt, hast du da eigentlich immer wieder Ablenkung  das macht den Anstieg viel kurzweiliger. Nach der kurzen Zwischenabfahrt musste ich auf dem Weg nach Kühtai erstmal wieder warm werden. Aber das ging ja in der Galerie relativ schnell, die ist steil genug. Da hat man dann auch ein paar Jammerschreie gehört.

Christian: Ich bin noch nie so gut das Sattele hochgekommen. Es hat sich bei weitem nicht so anstrengend angefühlt wie im Training oder die Jahre davor, wenn ich mich mal dort hinauf verirrt habe. Das Sattele ist nämlich nicht gerade mein Lieblingsberg. Denn es gibt praktisch keine Warnphase. Man biegt ab und es geht gleich steil hoch. Aber es waren einfach so viele Leute an der Strecke, der Hubschrauber über einem und so viele Radfahrer um dich herum. Es ist natürlich anstrengend, aber man rollt da einfach so in dem Tempo des Feldes mit. Deshalb war es wirklich etwas schwierig, das vom Coach vorgegebene Tempo einzuhalten. In der Renneuphorie ist man schnell verleitet, zu schnell zu fahren. Auch weiter nach Kühtai hoch habe ich mich super gefühlt. Allerdings war es oben wirklich kalt. Ich bin genau im Zeitplan hochgekommen, erster Berg: Check!  

Anna rollt im Kühtai ein, der erste Berg ist geschafft. Foto: Stefan Gapp 

Christian bereitet sich für die Abfahrt vor. Foto: Stefan Gapp

Bei Null Grad Lufttemperatur kann man nicht genug Schichten tragen. Foto: Stefan Gapp

Gruppenzwang

Christian: Der Brenner war kompliziert zu fahren. Ich habe mir schwer getan, genau die richtige Gruppe zu finden. Ich habe nie gewusst  fahr ich jetzt zu schnell oder zu langsam? Mit dem Wissen, dass da noch zwei richtig hohe Berge warten, bin ich dann auf Nummer sicher gegangen. Auf dem Weg bin ich lange mit Anna gemeinsam gefahren. Das war natürlich super schön, einen Teil der Erfahrung gemeinsam zu erleben.

Anna: Der Brenner – ja – der Brenner. Am Brenner war ich eigentlich nicht so happy. Das ist irgendwie so ein unrunder Berg. Es ist eigentlich kein richtiger Berg. Schwer zu definieren. Und da meinte Coach Luki „schaut, dass ihr da eine gute Gruppe findet“ und das fand ich wirklich schwierig. Da habe ich die ganze Zeit hin und her gekopft: Soll ich jetzt schneller fahren? Oder doch nicht und lieber Kraft sparen, weil es noch so weit ist? Aber eigentlich ging noch mehr, ich fühlte mich ja gut und hatte gute Haxn. Die schnellere Gruppe war dann weg. Dann habe ich gedacht, bleib bei der langsameren Gruppe, spare dir die Körner, die kannst du dann später noch verschießen.

Die richtige Gruppe gefunden, Christian? Foto: Stefan Gapp

Schneller oder langsamer, was ist die richtige Brenner-Taktik? Foto: Stefan Gapp

Rasende Abfahrt vom Brenner nach Sterzing. Foto: Stefan Gapp

Unaufhaltsam. Foto: Stefan Gapp

Familien-Freuden

Das Teilnehmerfeld war mit Ex-Rennradprofis und aktuellen Spitzensportlern aus anderen Ausdauersportarten prominent bestückt. Trotzdem hätte man meinen können, die meisten Zuschauer waren gekommen, um Anna und Christian zu sehen. Am Haimingerberg, unweit seiner Heimat, hallten laute Christian-Christian-Rufe um die Kehren. Man munkelt, Anna hatte am nächsten Tag am meisten Muskelkater in den Armen  vom vielen Zuwinken. Bekannte, Freunde und Familienmitglieder jubelten entlang der Strecke. Sie unterstützen die beiden wo sie konnten  mit trockener Kleidung, Flüssigkeit und Kalorien in allen möglichen Formen.

Anna: Schon am ersten Berg haben oben Freunde auf mich gewartet. Mein Freund Tommy hat mich mit meiner Daunenjacke, Skijacke und Skihose versorgt. In Kühtai hatte es einen Grad, da war es echt gut zapfig. Da habe ich mir das dann alles angezogen und bin warm eingepackt runter gesaust. Und dann habe ich mich schon auf den nächsten Streckenposten gefreut. Die Gitti, eine Freundin von mir, hat mich in Kematen empfangen. Dort habe ich meine Extra-Schichten dann wieder ausgezogen, Trinkflaschen und Riegel aufgefüllt. In Innsbruck war es mega cool, so nahe zuhause vorbeizufahren.  Da stand dann fast unser halbes Büro und auch Freundinnen von daheim. Das motiviert einfach so. Das ist sagenhaft und man freut sich da einfach so drüber – ein gescheiter Push! Am Brenner habe ich mich dann mega gefreut, da warteten meine Eltern. Als ich an den Streckenrand gefahren bin, stand meine Mama mit der Kamera da und meinte dann erstmal: „Anna ich muss ein Foto machen, ich muss ein Foto machen, ich muss dich filmen!“. Ich hab gesagt „Mama, ich brauche eine Flasche und kein Foto, ich brauche was zu essen und dann fahre ich wieder, ok?“. Welche Flasche? Ja, sie waren halt leicht überfordert mit der Situation  das war so lieb. Haben sich echt für die Logistik-Crew eines World-Tour-Teams qualifiziert. Mega stolz waren sie und haben sich gefreut, dass sie mich noch gut gelaunt gesehen haben. Am Jaufenpass gab es dann noch einen Zwischenstopp bei meinem Bruder. Das waren echt tolle Momente!

Der perfekte Berg

Christian: Luki hat immer gesagt, dass der Einstieg in den Jaufenpass der inoffizielle Startschuss des Rennens ist. Zum Glück kann ich sagen, dass das so stimmt, denn da habe ich mich echt noch fit gefühlt. Ich habe es wirklich genossen, den Berg zu fahren. Es lief einwandfrei, das Wetter war super und ich bin genau mein Tempo gefahren. Ich habe einen Haufen Leute überholt, das ist immer gut für den Kopf. Ich hatte nie das Gefühl, dass es jetzt wirklich krass anstrengend wird. So hätte ich mir jeden Berg gewünscht. Wenn dann nach der Abfahrt in St. Leonhard das Ziel gewesen wäre, wäre alles gut gewesen.

Anna: Bei der Abfahrt nach Sterzing haben wir mal kurz die Meldung aus dem Auto vom Luki bekommen, dass wir den Jaufenpass ruhig ein bisschen über unserer Pace fahren können, wenn wir uns gut fühlen. Ich habe dann geschaut, dass ich Gas gebe, habe einfach meinen Kopf einigesteckt und bin gefahren. Ist ja auch lustig, man sieht dann immer wieder die gleichen Leute. Dann hangelt man sich so weiter, überholt den einen, überholt den anderen. Der Jaufenpass ist echt ein cooler Berg, schön gleichmäßig! Oben habe ich mich echt gefreut: Nur noch ein verdammter Berg und dann ist der Ötztaler im Kasten! Und dann ging‘s runter nach Bella Italia und weiter Richtung Timmelsjoch.

Anna voll in ihrem Flow, auf dem Weg zum Jaufenpass. Foto: Stefan Gapp

Die Timmelsjoch-Tortur 

Christian: Ich hatte mir gewünscht, das Timmelsjoch gut und einigermaßen fit zu fahren. Dass ich zwar fertig bin – natürlich, nach dem was man bis dahin schon hinter sich gebracht hat – aber, dass ich noch irgendwie halbwegs gut den Berg bezwinge. Aber das war überhaupt nicht mehr so.

Am Beginn des Aufstiegs hat sich auf einmal ein Schalter umgelegt, wie als hätte jemand einen Knopf gedrückt und mein Körper hat mir gesagt: „Das war’s jetzt leider, jetzt ist es vorbei.“ Aber es waren gar nicht die Beine, die mich verlassen haben, es war der Bauch. Ich habe Magenkrämpfe bekommen, konnte nichts mehr essen und nichts mehr trinken und habe dann keine Kraft mehr auf die Pedale bekommen. Ich war die ganze Zeit aufgebläht und mir war schlecht. 17oo Höhenmeter ohne einen Bissen. Es ist mir jetzt noch ein Rätsel warum. Von einer Minute auf die andere ist einfach nichts mehr gegangen. Obwohl ich den ganzen Tag gegessen und getrunken habe. Und auch nur Sachen, die ich vorher schon aus dem Training kannte.

Ich hatte einen Grant auf alles. Ich hatte einen Grant, dass es so ist. Dann habe ich einen Grant gekriegt, weil ich nicht verstanden habe, warum das jetzt so ist und dann war ich einfach genervt von der ganzen Situation. So super vorbereitet und dann passiert sowas. Also, dass man mal eine Tiefphase hat okay, wenn die Beine müde werden oder man im Kopf nicht mehr kann. Aber ich habe mir meine Tiefphase anders vorgestellt. Ich habe gehofft, dass ich mich irgendwie noch erholen würde, wenn ich langsamer fahre. Sozusagen wieder auf meine neuen 100 Prozent komme. Aber die Hoffnung....ich habe bis Sölden gehofft. Das war so ein dermaßen brutaler Kampf. Also man vergisst den Schmerz, aber das war einfach so extrem in der Situation. Man fühlt sich wie ein Luftballon, der jeden Moment platzt und du weißt nicht, was du tun kannst. Wenn man kräftemäßig an der Grenze ist, sich aber an sich gut fühlt, dann kann man sich irgendwie quälen. Man fährt zwar nicht mehr schnell, aber man kommt noch irgendwie voran. Aber so war das eine reine Qual, das war die Hölle, eine Tortur von unten bis oben, oder von St. Leonhard bis Sölden! Und das ist echt ein ewig langer Weg, wenn es einem nicht gut geht.

Ich habe nicht ein Mal ans Aufgeben gedacht. Mein Motto während des ganzen Aufstiegs war: Ein Pedaltritt bringt mich weiter als ein Schritt. Das habe ich mir die ganze Zeit gesagt. Fahr, fahr, fahr! Ich bin nie stehen geblieben, bin alles durchgefahren, aber halt in einem Tempo, in dem ich eigentlich gestanden bin. Und warum jetzt aufgeben und auf den Besenwagen warten? In der Zeit bin ich schon lange irgendwie auf dem Timmelsjoch oben. Also was heißt „schon lange“, aber irgendwie komme ich da schon selbst hoch, habe ich mir gedacht. Also blieb mir die einzige Option: Lieber langsamer fahren, als gar nicht. Das war die beste Option, so schnell wie möglich wieder nach Sölden zu kommen. Und die habe ich genutzt, aber alles andere als mit Spaß. Eine Qual war das, körperlich und mental. Die Wohlfühlsituation war alles andere als gut.

Mit Magenkrämpfen quält sich Christian auf das Timmelsjoch. Foto: Stefan Gapp

Ein Pedaltritt bringt mich weiter als ein Schritt – Christians Motto auf dem Weg zum Timmelsjoch. Foto: Stefan Gapp

Das Schild zum Glück

Anna: Ich war schon müde, aber ich hab mich echt noch gut gefühlt. Hab mir gedacht: „Das teile ich mir jetzt gut ein und dann werde ich da gut rüberkommen". Das Timmelsjoch hat seinem Ruf definitiv alle Ehre gemacht. Ich bin den Pass das erste Mal im Training gefahren und da ist mir der Anstieg relativ kurzweilig vorgekommen. Aber beim Ötztaler hat es sich sooo gezogen. Vor allem bis zur Labestation hab ich mir gedacht, das hört einfach nicht mehr auf! Immer wieder tauchten so langgezogene Kurven auf und danach noch mehr Kurven. Am Anfang habe ich noch ein bisschen Gas gegeben und gedacht, passt, läuft. Dann bin ich aber langsamer und noch langsamer geworden. Es hat einfach nicht aufgehört. Das gibt’s doch nicht! Aber als ich dann bei der Labestation war, habe ich mich mega gefreut. Denn jetzt kamen nur noch die Serpentinen, jetzt war es nicht mehr weit. Und dann die Kurven mit den Fahnen und den Trikots. Das ist ja eigentlich das Bild, was man immer im Kopf hat, wenn man an den Ötztaler denkt. Und das war schon cool, wenn man dann wirklich durch diese Kurven fährt. Das ist schon fast eine Ehre!

Das Wetter war gerade im Umschwanken, es ist schon recht düster geworden. Eine richtig besondere Stimmung. Hinten drin sieht man den Gletscher und das Wetter zog langsam rein. Zuerst der Nebel und dann fing es ein bisschen zum Nieseln an. Es war einfach volle still, du hättest eine Nadel auf dem Boden aufkommen gehört. Weil jeder einfach nur noch seinen Kopf in den Lenker einisteckt und dahinradelt.

Und dann ging es durch den Tunnel. Da hat es so durchgepfiffen! Wie in einem Windkanal kam ich mir vor, als ob der Tunnel nicht wollte, dass du da durch fährst. Da kam dir ein Sturm aus dem Norden entgegen das war echt nochmal ein Kampf. Du bist fast gestanden, so ein Sturm ist da gewesen. Und dann hat‘s noch ein bisschen geschneit. Und der Nebel – du hast fast nichts mehr gesehen. Und dann siehst du irgendwann endlich das Timmelsjoch-Schild. Von da an war‘s vorbei mit mir. Ich habe mich so gefreut, ich habe nur noch rearen können vor Glück. Da habe ich gecheckt: Anna, du hast es echt geschafft! 

Anna im Schneeregen vom Timmelsjoch. Foto: Stefan Gapp

Anna in der berühmten Trikot-Kehre. Foto: Stefan Gapp

Der Tunnel zu Himmel und Hölle

Christian: Südtiroler Seite  leichter Regen, das ging. Aber der Tunnel oben am Timmelsjoch war irgendwie das Tor zum Wasserfall, der Todesstoß. Es war eiskalt, es war nass, es hat in Strömen geregnet. Nebel, nichts gesehen. Ich war durchfroren, komplett am Ende. Hab die Handschuhe kaum noch anbekommen. Man spürt so viel, aber eigentlich auch gar nichts mehr. Der reine Wahnsinn! Auf der einen Seite war ich einfach nur happy, dass ich endlich oben war, nach diesem elend langen Anstieg. Auf der anderen Seite habe ich gewusst, dass jetzt eine Abfahrt mit einem Gegenanstieg wartet, im strömenden Regen von 2500 Meter Seehöhe abwärts. Himmel und Hölle gleichzeitig. Ich wollte nur noch runter. Es ging nur noch darum, irgendwie sicher und heile nach Sölden zu kommen. Gefühlt ein Kampf ums Überleben.

Daunhill mit Downenjacke

Anna: Gott sei dank habe ich dann oben noch so eine fette Daunenjacke bekommen. Die war wirklich wichtig. Ich war fetznass und es war saukalt. Und ich dachte, da runter kann ich jetzt sicher nicht mehr bremsen, weil ich meine Finger nicht mehr spüren würde. Aber man ist da einfach so voller Adrenalin und Vorfreude und will nur noch runter ins Ziel. Wenn man an die Leute denkt, die auf einen warten und mit gezittert haben, dann vergisst man alles! Also wenn ich im normalen Zustand da runter gefahren wäre, dann wäre das die Hölle für mich gewesen. Aber so habe ich mir gedacht: Ja, ja, ja, jetzt ist es dann gleich geschafft!

Einfach nur runter, raus aus der Kälte. Foto: Stefan Gapp

Der letzte Gegenanstieg. Foto: Stefan Gapp

Ein rettender Recyclinghof

Christian: Am Recyclinghof in Zwieselstein kam dann der Augenblick der Erleichterung. Diese kleine Welle, wo es ein letztes Mal so ganz leicht hochgeht. Eigentlich ein lächerlicher Holperer, aber in meinem Zustand die letzte Hürde. Das war wirklich der Punkt, an dem ich mir gedacht habe, „okay jetzt habe ich es wirklich geschafft“. Von da an hatte ich wirklich bewusst eine Gaudi. Von da an war es dann eine Wohltat und Befreiung sondergleichen, die letzten Kilometer bis nach Sölden zu rollen. Euphorie pur!

Sie haben ihr Ziel erreicht

Christian: Mein körperlicher Zustand hat die Zieleinfahrt leider etwas getrübt. Ich war einfach nur noch froh, über den Strich drüberzufahren und nicht mehr weiterfahren zu müssen. Da war es dann echt wichtig, dass das Ziel da war. Ich habe mir natürlich vorgestellt, dass ich total fertig sein würde, aber ich hätte mir gewünscht, dass ich es doch etwas mehr genießen könnte. Trotzdem war es natürlich extrem lässig ins Ziel zu kommen. Ich wusste, ich habe es geschafft. Ich habe mich durchgekämpft, auch wenn es extrem war. Die ganzen Familienmitglieder und Freunde, die einen am Ziel in Empfang nehmen – das ist einfach super spektakulär! Wenn man dann noch die anderen Teilnehmer sieht, die ins Ziel kommen und wie viele Zuschauer da noch zu später Stunde im Regen warten. Ich war komplett fertig, am Ende. Hab das alles gar nicht mehr so richtig realisiert.

Anna: Dann biegst du in die letzte Kurve ein und fährst echt durch den Zielbogen. Der Traum ist geschafft! Ich habe die Hände hochgerissen und meinen Freund Tommy im Ziel gesehen. Dann bin ich ihm gleich um den Hals gesprungen und habe geheult wie ein Schlosshund. Als Nächstes habe ich hochgeschaut und habe Coach Luki und Freunde von mir hinter der Bande gesehen, die sich genau so gefreut haben wie ich. Als sich dann das Adrenalin langsam verabschiedet hat, ist mir viel zu kalt geworden und ich habe nur noch gezittert.

Tränen der Freude im Ziel. Foto: Stefan Gapp

Ein stolzer Coach. Foto: Stefan Gapp

Christians Zieleinfahrt. Foto: Stefan Gapp

Komplett fertig. Foto: Stefan Gapp

Ein paar Minuten später – ein strahlender Finisher. Foto: Stefan Gapp

Meine eigene Geschichte

Christian: Alles in allem war das Projekt Ötztaler erfolgreich. Auch wenn das letzte Viertel des Rennens wirklich eine extrem harte Erfahrung war. Die ersten drei Viertel waren einfach der Superwahnsinn! Auf dem Rad sicher das härteste was ich je gemacht habe oder generell in sportlicher Hinsicht. Brutalste Challenge! Ich bin mir sicher, jeder der die Strecke fährt, stirbt da irgendwann mal Tausend Tode. Und wenn man dann das Durchhaltevermögen hat, einfach weiter, weiter, weiter, weiter zu fahren – die Situation muss man erlebt haben.

Das herausragende ist sicher die Stimmung. Diese ist eine ganz eigene, schon vor dem Rennen. Vorfreude im ganzen Tal. Jeder der irgendwie in dem Event involviert ist – als Veranstalter, als Helfer, als Zuschauer, als Teilnehmer – ist mit so viel Begeisterung dabei. Das spürt man den ganzen Tag und überträgt sich auf einen selbst. Die Emotionen, die da während der 238 Kilometer entlang der Strecke zu spüren sind, das ist wirklich Weltklasse. So viele Eindrücke! So viele verschiedene Gefühlslagen! Jeder gönnt jedem den Zieleinlauf, jede Leistung wird mit Applaus gewürdigt. Jeder wird entlang der Strecke gefeiert. Wenn man das ein bisschen mitnehmen und genießen kann, dann ist der Tag eh schon super.

Ich habe die Tage danach viel darüber nachgedacht, was ich geleistet habe, nicht nur am Renntag, sondern schon in der ganzen Vorbereitungszeit. Ich habe gelernt, dass eine gute Vorbereitung für alles wichtig ist, aber man kann trotzdem nicht alles planen. Es gibt immer unvorhersehbare Dinge. Und wenn dann Herausforderungen auf dem Weg auftauchen, mit denen man nicht gerechnet hat, heißt es einfach auch mal Augen zu und durch. Gar nicht lange nachdenken und einfach durch. Durchhaltevermögen hat mich das ganze Projekt wirklich gelehrt, auch wenn es mal nicht so gut läuft.

Der Ötztaler ist bei mir im Umkreis einfach „DAS Ding“. Jeder kennt ihn, gefühlt jeder ist ihn mal gefahren. Jeder hat eine ganz eigene Emotion, Meinung oder Geschichte dazu. Das hat man bei anderen Radrennen nicht so in dem Ausmaß. Und jetzt habe ich endlich auch meine Geschichte dazu.

Foto: Stefan Gapp

Ein legendärer Tag 

Anna: Es ist immer noch unreal was sich da abgespielt hat. Das wir das Rennen wirklich ins Ziel gefahren haben, unwirklich. Da ist so viel passiert an dem Tag, dafür braucht man wirklich erstmal eine Zeit, um das zu verarbeiten. Wir hatten zwar erschwerte Bedingungen mit Regen, Schnee und Magenproblemen, aber der Ötztaler war einfach ein Wahnsinns-Erlebnis, an das ich noch ganz lange zurückdenken werde. So viele Leute an der Strecke, die einen da unterstützt haben, sagenhaft! Wenn einem die Freunde und Familienmitglieder angefeuert haben, das war das schönste überhaupt. Ich kanns noch gar nicht checken, wie viele Leute an der Straße standen und uns zugejubelt und mit gefiebert haben. Wie viele sich dafür interessiert haben. Die haben wirklich den ganzen Livestream mitverfolgt und auch immer getrackt und geschaut, wo ich war. Das war eine der coolsten Dinge, die ich an dem Tag mitgenommen habe. Das war einmalig. Das hat mich komplett geflasht! Wir hatten die Mega-Crew, die während der ganzen Zeit super zusammengearbeitet hat. Mit Luki hatten wir den besten Trainer und immer eine Gaudi mit dem ganzen Team über das ganze Jahr. Beim Ötztaler dann der krönende Abschluss, einfach schön!

Ich war auf alle Fälle zufrieden, habe mein Ziel erreicht. Mein Ziel war ja, dass ich nach dem Ötztaler nicht sag, dass ich mich nie wieder aufs Radl setze. Das ist nicht so. Ich bin die Woche drauf dann schon wieder auf dem Radl gesessen. Nicht mehr in dem Ausmaß, also etwas gemütlicher. Aber es macht definitiv noch voll Spaß.

Der Ötztaler hat mir bestätigt, dass wenn ich mir ein Ziel in den Kopf setze  dann kann ich das auch erreichen. Außerdem habe ich während des Projektes viel über meinen Körper und von Luki trainingstechnisch extrem viel gelernt. Dass ich auch mal Pausen machen muss. Dass Pausen auch genauso zum Training gehören und auch Gold wert sein können. Ich nehme den Ötztaler und das ganze Jahr als super Erinnerung mit und – ja – ich glaube, die wird mich noch das ganze Leben begleiten. Vor allem die Bilder von den Leuten an der Strecke und vom Timmelsjoch-Schild im Nebel! Jeder, der gerne Rennradl fährt, soll das einmal erlebt haben. Aber sich auch dementsprechend vorbereiten, dass man an dem Tag auch noch Spaß dabei hat. Der Luki hat uns vor dem Rennen gesagt, dass es in jedem Fall ein legendärer Tag für uns wird und wir noch lange etwas davon haben werden. Das war und wird definitiv der Fall sein!

Foto: Stefan Gapp

Lieber Ötztaler, das war die coolste Geburtstagsparty, auf der wir je waren dürfen wir nächstes Jahr wieder kommen?

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