#1 Das Projekt

Like a Pro zum Ötztaler

#1 Das Projekt

Der Beginn einer langen Reise.

Text: Jannis Braun, Fotos: Stefan Gapp

Der Ötztaler gilt als inoffizielle Amateurmeisterschaft des Radrennsports. In einer kleinen Projektgruppe finden wir heraus, wie Hobbysportler die 238 Kilometer und 5.500 Höhenmeter bewältigen. Anna und Christian stellen sich der Herausforderung. In der Vorbereitung genießen sie dabei eine sportwissenschaftliche Betreuung, die normalerweise Spitzensportlern vorenthalten bleibt. 

Es ist dunkel, ungemütlich und kalt. Unter uns verschwimmen die Lichter des winterlichen Innsbrucks zu einer verschwommenen Masse. Wir wissen nicht, ob es aus den Wolken oder den Bäumen schneit, die mit allen Kräften gegen den Föhnsturm ankämpfen. Ich kämpfe währenddessen, um auf dem Weg zum Patscherkofel nicht von Anna abgehängt zu werden, die sich auf ihren Tourenski unerschütterlich Meter um Meter die letzte Steilstufe erarbeitet. Gleich ist es geschafft. Und dann auch die zweieinhalb Stunden Ausdauertraining, die der Trainingsplan Anna an diesem Tag vorschreibt.

Eine Woche später überholt mich Christian auf seinen Langlaufski mit einem breiten Grinsen im Gesicht und winkt in die Kamera. Technisch einwandfrei und sichtlich mit großer Freude an der koordinativ fordernden Bewegung. Nur die Sonne über dem Leutascher Himmel strahlt an diesem Tag noch mehr. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu schnell laufen, mein Puls sollte nicht zu hoch steigen, sonst ist der Luki sauer “, lässt er mich wissen. Für mich stellt das zu schnell Werden keine Gefahr dar, er muss sich dagegen regelmäßig zügeln.

Ehrgeiz, Zähigkeit, die Bereitschaft zu kämpfen, Spaß an der Bewegung und Gefühl für filigrane Technik. Die Zeichen stehen gut, dass Anna und Christian am 29. August die Ziellinie des Ötztalers überqueren. Aber bis dahin ist der Weg noch weit und bis vor kurzem hätten die beiden wohl nie daran gedacht, sich überhaupt mal auf diesen Weg zu machen.

Die Versuchskaninchen

Bis vor zwei Jahren beschrieb Anna ihren Beziehungsstatus zum Radsport mit „nicht interessiert“ oder „der ganzen Sache ziemlich abgeneigt“. Die Vorstellung, „auf so einem filigranen Rad zu sitzen und so übertrieben enge Hosen anzuziehen“ wirkte völlig befremdlich. Sehe ich heute ihre Augen leuchten, wenn sie neben mir genau auf so einem Rad sitzt, kann ich ihren Worten nur schwer Glauben schenken. Viel mehr nehme ich ihr ab, dass Rennradfahren für sie heute purer Genuss ist. Dass eine kurze Ausfahrt am Abend für sie die effektivste Art ist, nach einem anstrengenden Arbeitstag den Kopf frei zu bekommen.  

Annas Liebe zum Rennradsport entfachte während der Rad-WM 2018 in Tirol, als sie dem Organisations-Komitee des Groß-Events assistierte. Die Welle der Rennrad-Begeisterung, die in dem Sommer über Tirol schwappte, löste ihre Skepsis nach und nach auf. Ein Jahr später betreut sie die Carbon-Ritter, eine Rennradtruppe bestehend aus ehemaligen Spitzensportlern und Persönlichkeiten aus der Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, während einer ihrer traditionellen Radreisen, um das Radland Tirol über die Grenzen bekannt zu machen. Setzt sich dabei selbst einmal für eine kurze Strecke aufs Rad. Noch ein Jahr später fährt sie selbst als Teil der Carbon-Ritter bis nach St. Tropez. Und nun, ein weiteres Jahr ist vergangen, nimmt sie das wohl größte Sportprojekt ihres 28 Jahre langen Lebens ins Visier.

Anna beginnt zu strahlen, wenn man mit ihr über das Rennradfahren philosophiert. 

Anna nimmt die größte sportliche Herausforderung ihres Lebens in Angriff.

Auch Christian wurde der Radsport nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Sechs Jahre ist es her, als Freunde ihn zu einer mehrtägigen Mountainbiketour von der Heimat nahe Imst in die Dolomiten überreden. Sein Zustand damals: „Weit weg von trainiert, sportlich, oder irgendwas, was dem nahekommt.“ Hart bereitet er sich auf die Woche vor. Diese wird trotz, oder gerade wegen fünf Tagen Regenwetter zum prägenden Ereignis und absolutem Erfolgserlebnis. Mit der Zeit steigt er vom Mountainbike aufs Rennrad um. Findet Gefallen daran, sich Tritt für Tritt Straßenpässe hoch zu kämpfen. An dem Gefühl, sich selbst zu spüren, wie es bei ihm keine andere Sportart auslöst. An den Kurven und dem Asphalt. An dem Fahrtwind und dem Freiheitsgefühl. An mechanischen Details wie dem Geräusch der Kette und den verschiedenen Griff-Positionen, die der Lenker bietet. 

„Weit weg von trainiert, sportlich, oder irgendwas, was dem nahekommt.“

Vor einigen Jahren ist Christian vom Mountainbike auf das Rennrad umgestiegen.

Die absolute Freiheit. Bei keiner anderen Sportart spürt sich Christian so sehr wie beim Rennradfahren. 

Schon im letzten Jahr liebäugelte der 30-Jährige mit einer Teilnahme am Ötztaler. Was die Pandemie ihm letzten Sommer verwehrte, soll nun dieses Jahr funktionieren. Nur ist der Ötztaler Radmarathon natürlich ein ganz anderes Kaliber als eine Urlaubsfahrt mit den Jungs. Und da kommt Lukas ins Spiel. 

Trainieren wie die Profis

Lukas Höllrigl ist als studierter Sportwissenschaftler beim Olympiazentrum Tirol (OZ) tätig, dessen Kernaufgabe die Athletenbetreuung ist. Die Mitarbeiter führen mit den rund 75 akkreditierten Sportlern Leistungsdiagnostiken durch, erstellen individuelle Trainingspläne, begleiten sie bei Reha-Maßnahmen, beraten im Bereich der Ernährung und arbeiten mit ihnen auf sportpsychologischer Ebene zusammen. Dieses Leistungsangebot  richtet sich an Athleten, die in ihrer Sportart bereits zur Elite gehören und an jene Nachwuchssportler, die dort einmal hingelangen möchten. Entsprechend arbeitet das OZ mit den großen Sportverbänden des Landes und Nachwuchsschulen wie der Schule Stams zusammen. 

Selbst einmal im Radsport aktiv gewesen, verantwortet Lukas heute federführend den Ausdauerbereich des OZ. Er steuert u.a. die Trainingsprogramme der Gamper-Brüder und der Schweinberger-Schwestern. Und im kommenden halben Jahr auch von Anna und Christian. Die Zusammenarbeit mit Hobbysportlern ist ein Novum für Lukas und eine absolute Ausnahme. Die Prinzipien aus der Trainingssteuerung der Profis könne er im Grunde auf die beiden übertragen, natürlich in einem anderen Ausmaß. Insbesondere die Vollzeit-Auslastung der beiden Berufstätigen bedinge Modifizierungen im Trainingsablauf und werde das Duo das ein oder andere Mal an ihre Grenzen bringen.

Lukas begleitet Anna und Christian auf ihrem langen Weg zum Ötztaler.

Natürlich können Ötztaler-Interessierte sich auch ohne professionelle Hilfe vorbereiten. Fallen gibt es während so einer intensiven Vorbereitung laut Lukas allerdings viele. Während die trainingswissenschaftlichen Analysen diese Fettnäpfchen effektiv und fundiert umgehen, ist man als Privatperson dem Versuch-und-Irrtum-Prinzip ausgeliefert und wird unweigerlich in einige treten und kostbare Zeit- und Energieressourcen verlieren. 

„Wenn es da zu Beginn gleich völlig unrealistische und übereuphorische Zielvorstellungen gibt, muss ich natürlich sofort einschreiten.“

Bis zum Rennen werden Anna und Christian deshalb ein volles Programm durchlaufen. Angefangen mit dem medizinischen Test am Institut für Sport-, Alpinmedizin und Gesundheitstourismus. Es folgte eine Leistungsdiagnostik, auf deren Grundlage Lukas den individuellen Trainingsplan für Anna und Christian erstellte. Seit Anfang Dezember trainieren sie, tauschen sich dabei über eine Trainings-Software regelmäßig mit Lukas aus. Dabei haben sie unterschiedliche Trainingsarten kennengelernt, die eine nötige Grundausdauer aufbauten und im Winter sinnvolle Alternativen zum Training am Rad boten. Demnächst kann es dann endlich aufs Rad gehen. Die ersten langen Trainingsausfahrten stehen im Frühjahr an. Die Ernährung wird unter die Lupe genommen. Das ein oder andere Gran-Fondo-Rennen wird genutzt, um die Rennsituation kennenzulernen. Zuvor stehen Aspekte wie Krafteinteilung und Pacing-Strategien auf dem Lehrplan. Einige Wochen vor dem großen Tag wagt das Trio dann vorsichtig eine Prognose, welche Zeit sie anpeilen. Bis dahin heißt es unter Lukas‘ Aufsicht; „so viel und schlau wie möglich zu trainieren“.

Ganz zu Beginn der langen gemeinsamen Reise trafen sich die Protagonisten zu einem ausführlichen Eingangsgespräch. Die Größe des Projektes wurde eingeordnet, die Kompatibilität der Anforderungen mit dem Alltag der beiden Berufstätigen abgeglichen und erforderliche Opfer in der Freizeit klargestellt. „Wenn es da zu Beginn gleich völlig unrealistische und übereuphorische Zielvorstellungen in dem Sinne 'ich möchte schon ganz vorne mitfahren' gibt, muss ich natürlich sofort einschreiten“, betont Lukas. 

Vom Ziel ins Ziel zu kommen

Diese Sorge beseitigt Christian sogleich. Mit seiner entspannten Art erklärt der Lehrer und Marketing-Student, dass er sich einfach nur vornimmt, am Tag des Rennens so viel Spaß wie möglich zu haben und fügt lachend hinzu: „Natürlich leidet jeder auf dieser Strecke. Aber ich hoffe, dass der Punkt, an dem ich leide, erst relativ spät kommt.“ Sollte er mit einem nicht allzu gequälten Lächeln auf den Lippen und dem Wissen, das Ultimum gegeben zu haben, im Ziel ankommen, dann war das Projekt für ihn ein voller Erfolg. 

„Natürlich leidet jeder auf dieser Strecke. Aber ich hoffe, dass der Punkt, an dem ich leide, erst relativ spät kommt.“

Die Ziellinie ist auch das Ziel von Anna. Was so logisch klingt, ist keine Selbstverständlichkeit. Bei der letzten Ausgabe des Ötztalers erreichten von den 4.285 Starterinnen und Startern 3.983 das Ziel. Auf den 238 Kilometern in der Horizontalen und 5.500 Metern in der Vertikalen kann viel passieren. Von daher geht auch Anna das Projekt mit Demut und Respekt an: „Die Ziellinie schaffen, nachher vom Radl absteigen und nicht sagen, ich steige da nie wieder auf.“ An eine konkrete Zeit verschwendet sie momentan keinen Gedanken. Der Spaß steht auch bei ihr an erster Stelle. Bei der Vorstellung, vor der Ziellinie aufgeben zu müssen, schüttelt sie aber nachdenklich den Kopf. Ihre ehrgeizige Seite kommt hervor: „Nein, das ginge gar nicht! Das ist fest in meinem Kopf verankert, wenn ich das nach der monatelangen Vorbereitung und Unterstützung körperlich nicht schaffe, wäre ich schon arg enttäuscht. Das ist schon mein Anspruch.“

Christian stimmt ihr zu, dass sie dem Projektteam und den unterstützenden, mitleidenden Angehörigen am meisten zurückgeben würden, wenn sie die Strecke bewältigen. Umso schneller, desto besser. Denn „12 bis 13 Stunden auf einem Rad zu sitzen, hat dann eben doch nichts mehr mit Spaß zu tun, das ist nur noch Qual.“

Bis zum großen Tag des Rennens werden Anna und Christian sich noch einige Höhenmeter hoch quälen.

Der Spaß steht dabei aber stets im Vordergrund.

Die Frage nach dem Warum

Mehr als 15.000 Bewerber brennen jedes Jahr auf die Chance, sich eben genau dieser Qual auszusetzen. So vielfältig wie das Teilnehmerfeld jedes Jahr ist, so divers sind auch die Gründe und Motive für die Teilnahme.  

„Ich wäre schon dumm, wenn ich diese Chance nicht nutzen würde.“

In dem Hauptmotiv sind sich Anna und Christian einig, beide machen es vordergründig für sich selbst. Die eigenen Grenzen austesten. Schauen, was sie aus sich herausholen können, nachdem sie sich monatelang auf ein Ziel fokussierten. Ein Gefühl dafür bekommen, wie es um die eigene Leidensfähigkeit, das Durchhaltevermögen und das Entwicklungspotential steht. Vielleicht in gewissem Maße sich auch selbst etwas beweisen und bestätigen. Eine Art Selbsterfahrungs-Experiment mit großem Transformationspotential auf alltägliche Herausforderungen.

Für Anna eine weitere Möglichkeit Gewissheit zu schöpfen, jede noch so kleine, egal ob sportliche oder private Herausforderung, im Leben meistern zu können. Sie ist sich sicher, dass es im Laufe des Projektes hin und wieder mentale Tiefphasen geben wird. Wenn sich der nächste Intervalllauf auf dem Trainingsplan plötzlich zum unüberwindbaren Hindernis aufschwingt. Sich aus diesen Phasen wieder rauszuholen und neu aufs Ziel zu fokussieren und weiterzumachen. Aber auch zu wissen, wann Schluss ist und der eigene Körper in den Streik geht. Darin sieht sie den Reiz, und den Mehrwert für alles, was nach dem Ötztaler noch auf sie zukommen mag.

Der Eintritt in den exklusiven Kreis der Ötztaler-Finisher spornt alleine schon an: „In meinem Freundeskreis haben einige schon den Ötztaler geschafft und sie alle finden das natürlich total cool, wenn ich das jetzt endlich auch mal mache.“ Nicht umsonst lockt der Ötztaler mit dem Slogan „Ich habe einen Traum“. Und auch darin sind sich unsere beiden Protagonisten einig: Sie wären schon dumm, wenn sie die Chance nicht nutzen, die Erfüllung dieses Traums in so einem professionellen Rahmen anzugehen.  

Ausblick

Wie die beiden bei der Leistungsdiagnostik abgeschnitten haben und mit welchen Trainingsmethoden Lukas Anna und Christian zu Ötztaler-Bezwingern macht, erfahrt ihr in der nächsten Episode.

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