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Außergewöhnliche Kombination

Außergewöhnliche Kombination

Text: Daniel Feichtner, Bild: Fritz Beck

Nordische Kombinierer stellen sich ganz besonderen Herausforderungen. Für Sport.Tirol haben sich zwei aufstrebende Athleten mit einem alten Hasen ihrer Disziplin getroffen, um vor der Saison gemeinsam zu trainieren und zu erzählen, was ihren Sport von anderen abhebt.

Am Himmel über Seefeld ziehen Wolken auf, als Fabian Steindl und David Pommer sich auf dem Parkplatz des Nordischen Kompetenzzentrums treffen. Ihr heutiges Programm hebt sich vom Trainingsalltag ab. Anstatt ihrer regulären Trainer steht den Nachwuchskombinierern ein ehemaliger Kollege zur Seite: der vierfache Olympia-Medaillengewinner Mario Stecher. Die drei kennen sich noch aus Stechers aktiver Zeit. Und auch wenn er seine Karriere 2015 beendet hat, verbindet sie weiterhin der Sport. „Das ist nicht etwas, das man wie ein Hobby oder auch einen Beruf aufgibt“, meint Stecher, während er seine Ausrüstung auslädt. „Sport ist eine Passion. Und die gehört auch im ‚Ruhestand’ zum Alltag dazu.“

Skiroller statt Langlaufski

Mario Stecher

David Pommer hat seine Passion fürs Laufen verewigt.

Straßenbelag statt Schnee

Erster Punkt auf der Tagesordnung ist das Langlauftraining. Diese ausdauerzehrende Teildisziplin nimmt in der Nordischen Kombination die meiste Trainingszeit in Anspruch und darf auch im Sommer nicht vernachlässigt werden. „Wir verbringen übers Jahr verteilt sicher rund drei Viertel des Trainings damit, an unserer Langlauf-Technik und Ausdauer zu arbeiten“, erklärt Fabian Steindl. „Beim Langlaufen geht es vor allem um Routine: lange anhaltende Kraftreserven und Bewegungsabläufe, die sich kontinuierlich wiederholen. Da entscheidet nicht das Rennen den Sieg, sondern die Jahre, die man davor investiert hat.“

Um ihr Können und ihre Kondition nicht zu verlieren, weichen die Kombinierer während der Sommer-Saison auf Asphalt aus. Anstatt zu Skiern greifen sie dabei zu Skirollern – gewissermaßen Skibindungen mit Vollgummirädern. Diese sind so designt, dass sie auch ohne Schnee der Mechanik des Langlaufens so nahe wie möglich kommen. Und das Kompetenzzentrum in Seefeld bietet den Sportlern die perfekte Oberfläche dafür: Eine 3,6 Kilometer lange Rollerbahn windet sich durch die Landschaft und fordert Langläufer auch im Sommer mit Geraden, Kurven, Steigungen und Gefällen. Damit bietet die europaweit einzigartige Anlage Kombinieren das ganze Jahr über die Möglichkeit, ihre Kondition zu steigern und an ihrer Technik zu feilen. Damit ist die Olympia Region nicht nur für das Training, sondern auch als Austragungsort der Nordischen Ski-WM 2019 bestens ausgestattet.

Balanceakt

Steindl ist beim Langlauftraining mit voller Konzentration und großem Einsatz dabei. Denn seine Stärke liegt eigentlich im Springen: „Auf der Schanze habe ich immer schon Talent beweisen können und war schon früh unter den Besten“, meint der Sportsoldat. Dennoch hat Steindl den Weg zur Kombinierer-Karriere eingeschlagen. Für ihn waren die besonderen Herausforderungen des Sports und der Reiz der Abwechslung ausschlaggebend.

Und damit ist er nicht alleine, meint Mario Stecher, nachdem er mit den beiden Nachwuchssportlern einige Runden auf der Bahn gedreht hat: „In der Nordischen Kombination stehst du im permanenten Spannungsfeld zwischen zwei Extremen. Langlaufen ist eine enorme physische Belastung. Hier zählen Leistungsfähigkeit und Durchhaltevermögen. Beim Springen hingegen steht die Psyche im Vordergrund: Auf der Schanze und in der Luft brauchst du die nötige Feinmotorik um dich selbst spüren zu können – bis ins kleinste Detail.“ Während Fehler auf der Loipe ausgebügelt werden können, lässt das das Springen nahezu nie zu. Die Kombinierer haben im Sprungbewerb zwischen Start und Landung rund acht Sekunden Zeit – vier davon im Anlauf und vier in der Luft. Dabei muss nicht nur jede Bewegung sitzen, oft sind es auch millimeterkleine Änderungen in der Haltung, die über Meter in der Sprungdistanz entscheiden.

Kopfsache

Nach den Skirollern ist Lauftraining angesagt. Dafür zweckentfremden die Sportprofis den Hang einer der beiden Schanzen des Seefelder Kompetenzzentrums. Der Bereich vom Auslauf bis zum Schanzentisch wird dabei zur – enorm steilen – Laufstrecke, auf der sie zwar kurze, aber außerordentlich kräfteraubende Sprints hinlegen.
„Das Springen ist eine extrem feinfühlige Angelegenheit“, bestätigt David Pommer, als er in seine Laufschuhe wechselt. „Im Gegensatz zum Langlaufen passiert der Sprung zu einem großen Teil im Kopf – bis zu 70 Prozent sind mentale Leistung.“
Auch für ihn war es diese Verbindung von Widersprüchlichem, die ihn an der Nordischen Kombination von Anfang an begeistert hat. Anders als bei seinem Kollegen lag seine Spezialität ursprünglich im Langlauf. Inzwischen ist es Pommer allerdings gelungen, die richtige Balance zu finden – dank zunehmender Erfahrung und hartem Training.

Zuviel des Guten

Die Leistungssteigerung in seiner ehemals schwächeren Disziplin hat er sich dabei nur zum Teil am Sportplatz erarbeitet. „Beim Sprung hat man nur die eine Chance. Da muss alles sitzen und es kommt viel auf Gefühl und Intuition an. Deswegen ist mentales Training enorm wichtig“, erklärt Pommer. „Ständige Wiederholung, Visualisierung und Selbstanalyse helfen dann, wenn es darauf ankommt, die beste Performance zu bringen.“
Anders als beim Langlaufen kann der Sprungleistung zu viel sogar schaden. Übertreibt man es mit dem Kraft- oder Lauftraining, leiden das Feingefühl und die Reaktionszeit.

„Man wird gewissermaßen muskulär weniger spritzig“, meint Pommer. Und auch die Konzentration kann nachlassen. „Dann erreicht man den Punkt, an dem man körperlich zwar die Leistung bringen kann, der Kopf aber den Sprung ruiniert.“ So verlangt auch das Training von den Kombinierern einen permanenten Balanceakt: Top-Kondition und Ausdauer für den Langlauf, ohne sich durch Über-Training die Chancen auf der Schanze zu verbauen.

Jahreszyklus

Um diesem Spagat gerecht zu werden, verändern die Kombinierer den Fokus ihres Trainings im Laufe des Jahres. Im Frühjahr stehen für sie 30 bis 40 Wochenstunden am Plan. Dann wird vor allem an der Grundlagenausdauer gearbeitet und die Koordination gefestigt, die sich Monate später beim Langlaufen bezahlt machen. Zum Sommer hin reduziert sich dieser Aufwand auf etwa die Hälfte. Vom Juli bis in den Herbst verbringen sie rund 15 Stunden wöchentlich mit speziellem Ausdauertraining, kurz vor der eigentlichen Saison dann sogar nur noch circa zehn. Diese werden dafür immer öfter für das Training des intensiven Bereichs genutzt.

„So reduziert man das abstumpfende monotone Ausdauertraining vor den Wettbewerben auf ein Minimum“, erklärt Stecher. „Stattdessen konzentriert man sich dann auf die explosive Kraft und die ‚Feinmechanik’, die es für das Springen braucht.“ 

Und mit dem Fokus darauf schließen die Kombinierer auch den heutigen Tag ab. Oft steht ihnen High-Tech, wie ein Windkanal zur Verfügung, um an Haltung und Form zu arbeiten. Doch beim Training in der freien Natur heißt es improvisieren – was die Übungen nicht weniger wirksam macht. Gemeinsam mit David Pommer simuliert Mario Stecher den Sprung vom Schanzentisch. Dabei helfen sich die Kombinierer gegenseitig: Der Springer geht in die Hocke, wie er sie auf der Schanze einnehmen würde und springt in die gestreckte Sprunghaltung. Ist er in der Luft, greift sein Helfer zu und stemmt ihn in der Körpermitte hoch. So haben die beiden abwechselnd die Möglichkeit die richtige Haltung und Körperspannung zu trainieren.

Kampf der Routine

Die Kombinierer sind das ganze Jahr über voll bei der Sache, egal ob es gerade um Ausdauer, Technik oder Gefühl geht. Der größte Feind dabei ist die Routine, sagt Stecher zurück am Parkplatz. „Bei jedem Training, besteht, so wie heute, ein Teil des Programms natürlich aus fixen Abläufen und Übungen. Aber beim Rest sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt.“ Mountainbiken , Stehpaddeln und nahezu jede andere Sportart kann helfen, den Trainingsalltag aufzulockern. Die Abwechslung dient zum einen der generellen Motivation. Zum anderen trainiert jede neue Sportart, während man sie lernt, auch das Körpergefühl. „Und das ist definitiv die beste Methode, um nicht stumpf zu werden, sondern hoch konzentriert bei der Sache zu sein“, ist sich Stecher sicher.

Mario Stecher (39)

Wahltiroler und ehemaliger Kombinierer. Größte Erfolge: Olympia: 2 x Gold (Vancouver & Turin), 2 x Bronze (Sochi & Salt Lake City); WM: 2x Gold (2011 Oslo), 3 x Silber (2013 Val di Flemme, 2001 Lathi, 1999 Ramsau), Bronze (1997 Trondheim)

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