Sie befinden sich hier:
Aufs Kitzbüheler Horn

Tirol Cycling Team

Aufs Kitzbüheler Horn

Trainingsfahrt mit dem Tiroler Rennstall

Text: Eva Schwienbacher, Bild: Manfred Jarisch

Nur selten trainiert das Tirol Cycling Team in größerer Gruppe. Ist das aber der Fall, wird es hart: Bei einer gemeinsamen Ausfahrt kämpften sich sieben Fahrer auf einen der steilsten Radberge Tirols: das Kitzbüheler Horn. Sport.Tirol war im Begleitauto dabei.

„Wind ist gut fürs Training. Das beweisen die Holländer bei Bergrennen“, sagt Thomas Pupp, Teammanager im Tirol Cycling Team, als die ersten Jungs an diesem Frühlingstag beim Radlager eintreffen. Eine kräftige Südströmung aus Nordafrika treibt seit Tagen die Temperaturen in die Höhe und Saharastaub in die Tiroler Alpen. Der letzte Schnee am Berg sowie die Sicht sind eingetrübt.

Hier in einem Firmengebäude hinterm Innsbrucker Westbahnhof befindet sich die Schatzkammer des Rennstalls: Ausrüstung im Wert von mehreren hunderttausend Euro ist hier gelagert. In zwei Räumen stapelt sich kistenweise Kleidung im Tirol-Cycling-Team-Design sowie Verpflegung – Gels, Riegel, Getränkepulver und Trinkflaschen. Gleich daneben ist das Herzstück des Radlagers eingerichtet: Die Werkstatt mit den Laufrädern und den schwarz, orangen Carbonrahmen – echte Hightech-Geräte.

Essen kostet Kraft

„Jeder Fahrer besitzt zwei Räder: eines fürs Training, eines fürs Rennen“, erklärt Gottfried Eder, genannt „Gottl“, Lagermanager und gute Seele im Tirol Cycling Team. „Rennräder dürfen niemals mit nachhause genommen werden.“ Die Werkstatt ist der Spielplatz des 75-jährigen. Er kümmert sich vor und nach den Rennen um die Bikes, er kennt den kompletten Inhalt der unzähligen Schachteln und jede Komponente der fahrbaren Untersätze. Für diese Ausfahrt erlaubt er es ausnahmsweise, die „guten“ zu verwenden.

Für die Stärkung der Jungs ist der sportliche Leiter Harald Berger zuständig. Jeder erhält für das bevorstehende Training zwei Flaschen mit isotonischem Getränk sowie zwei Bananen. „Gerade bei extremen Steigungen, wie am Kitzbüheler Horn, ist es wichtig, sich die Kraft gut einzuteilen. Essen bei Anstiegen kostet Energie, da der Puls um vier bis fünf Schläge steigt“, weiß Berger.

Auf dem Plan steht eine Trainingsfahrt von Innsbruck zum Alpenhaus am Kitzbüheler Horn, wo zuletzt regelmäßig Etappen der Österreich-Radrundfahrt endeten. Am Start sind zunächst Benjamin Brkic (19), Alexander Wachter (21), der Neuzugang Patrick Gamper (19) sowie die beiden Kapitäne Martin Weiss (25) und Clemens Fankhauser (30). Letzterer fährt vorerst im Auto mit, um sich von den Strapazen des vergangenen Rennens zu erholen. Mit von der Partie ist auch Pupp, als Fahrer des Mannschaftsbusses. Dann geht’s los: die zwei Begleitwägen in Tirol-Cycling-Team-Optik über die Autobahn, die vier Fahrer in schwarz über die Bundesstraße. 

Tirol, ein Radland

„Rundfahrten, wie die Ö-Tour, sind ein riesiger Aufwand: Sechs bis acht Leute begleiten das Team sowie bis zu fünf Autos. Jeden Tag brauchen die Fahrer Physiotherapeuten, die sie massieren“, erzählt Pupp, während er den Bus über die A12 nach Schwaz steuert. „Doch der Aufwand lohnt sich. Heim-Rennen sind immer etwas Besonderes.“ Der Team-Chef, selbst leidenschaftlicher Rennradfahrer, hat das Team mit Partnern im Jahr 2007 gegründet. Es soll „talentierten österreichischen Nachwuchsfahrern als Sprungbrett in internationale Teams dienen.“ Im Moment fährt die Mannschaft mit einer UCI Continental Teamlizenz, also der dritthöchsten im internationalen Radsport. „Unser Traum ist es, besonders im Hinblick auf die Heim-WM 2018, in die Pro-Continental-Klasse aufzusteigen.“ Dafür brauche es jedoch ein weitaus höheres Budget. „Der Radsport in Tirol hat eine lange Tradition und enormes Potenzial.“

Großes Potenzial steckt auch in den Rennfahrern, die inzwischen in Schwaz angekommen sind. Nach dreißig Kilometern sind die Jungs gerade mal aufgewärmt und immer noch munter. Hier stoßen die restlichen zwei dazu: Mario Stock (21) und Patrick Bosman (22) – hochmotiviert und für das Training gestärkt. „Wir hatten gerade ein Spezialfrühstück, zwei Weckerl mit Butter und Marmelade und eines mit Schinken“, scherzen die beiden, während sie ihre Laufräder montieren. 

Sich quälen für den Anderen

 „Die Etappe aufs Kitzbüheler Horn ist super. Man ist nah an den Zuschauern und kann mit ihnen sprechen. Man wird von der Stimmung regelrecht angeschoben“, schwärmt Bosman, der schon mehrmals an der Ö-Tour teilgenommen hat. Nicht ganz so begeistert zeigt sich Stock: „Ich bin kein Fan von der Strecke. Es gibt Berge, die auch Sprintern wie mir Spaß machen. Dieser gehört definitiv nicht dazu.“ Eng nebeneinander positioniert treten die Jungs drauflos. Unbekümmert, lachend und plaudernd – so als ob sie sich auf einer Kaffeefahrt befänden und nicht im Training.

„Es ist wichtig, dass sich die Mannschaft gut versteht“, sagt Pupp. „Im Radsport braucht der beste Fahrer ein starkes Team, das ihn vor Konkurrenten abschottet, ihn dabei hilft, auszubrechen, an die Spitze zu kommen, ihm psychischen Beistand leistet und ihn im Sprint nach vorne bringt. Das ist nahezu unmöglich, wenn die Harmonie nicht passt.“

Vor jedem Rennen legt die Mannschaft eine Taktik fest: Wer geht als Favorit an den Start? Wer als Helfer? Wer positioniert sich wo? Speziell für die Debütanten im Team sei die Mischung aus „Egoismus und Altruismus“, die der Radsport abverlangt, eine Herausforderung. Unverzichtbar sind daher erprobte Zugpferde, à la Fankhauser und Weiss, die über „ausgezeichnetes Gespür“ ebenso verfügen wie über körperliche Stärke. 

Brkic beim Zwischenstopp kurz vor Hopfgarten (l.). Hier beginnt auch Fankhauser seine Trainingsfahrt (l. u.). 

Teambesprechung  

Kurz vor Mittag, der zweite Stopp in Hopfgarten: Die beiden Begleitwagen warten am Straßenrand auf das Trainingsteam. Fankhauser, der hier vom Autositz auf den Sattel wechselt, weiß um seine tragende Rolle. „Das Training absolviert jeder für sich. Die Ziele werden jedoch für die ganze Mannschaft definiert“, erzählt der Zillertaler, „Jedenfalls gilt: Egal wer den Sieg holt, man freut sich.“ Häufig werden die Karten auf ihn oder Weiss gesetzt. Und ja, zwischen den Teamältesten herrscht auch Konkurrenz. „Gewissermaßen ist das ganz gut, zu viel Konkurrenz schadet aber nur“, sagt Fankhauser. „Das ist eben das Dilemma des Radsports: Du quälst dich, damit der Andere gewinnt.“ Wer aber sieht, mit welcher Besessenheit und Leidenschaft die Burschen in die Pedale treten, erkennt, dass sie sich damit längst abgefunden haben. 

Mann gegen Mann

In diesem Moment biegt die Mannschaft in synchroner Bewegung gleich einem Fischschwarm um die Kurve. „Hey Clemi, fährst du jetzt auch mit?“, ruft einer von weitem. Nach einer kurzen Verschnaufpause bricht das Team Richtung Kitzbühel auf. Mit 40 km/h jagen die Sportler in ihren eleganten Trikots, auf ihren Maschinen über die Bundesstraße vorbei an Wiesen und Kühen. Sie überholen Traktoren sowie manch anderes Gefährt und ernten dabei neugierige Blicke. Sie durchqueren Kirchberg, erreichen Kitzbühel und tauchen durch den finsteren Lebenbergtunnel hindurch, ehe sie in einem Siedlungsgebiet von den ersten Steigungen gebremst werden. 

„Horn“ ist nach einer scharfen Rechtskurve in großen Lettern auf der Straße zu lesen. Noch schnell eine Banane zur Stärkung, bevor die Kletterei über die Panoramastraße auf den legendären Radberg beginnt. Um 13.30 Uhr ist es immer noch 20 Grad warm. Selbst mit Steigen der Höhenmeter fällt die Temperatur kaum. Sieben Kilometer und 850 Höhenmeter liegen noch vor ihnen, 91 Kilometer stecken bereits in ihren Beinen.

Plötzlich trennt sich die Truppe. Fankhauser, Weiss, Brkic und Wachter reißen aus. Mit hoher Trittfrequenz pedalieren sie bergauf. Die Coolness schwindet nach und nach aus ihren Gesichtern. Die Durchschnittssteigung von 12,5 Prozent verlangt selbst den trainierten Profis alles ab. Das Kitzbüheler Horn schenkt einem nichts. Jede Kurve ist harte Arbeit.

"Megaharter Aufstieg"

Auf den Hängen rund um das Alpenhaus zogen wenige Tage zuvor noch Skifahrer ihre Schwünge. Jetzt rinnt Schmelzwasser über die braunen Wiesen. Eine Pistenraupe ist vor dem Alpenhaus abgestellt. Die Hornbahnen sind außer Betrieb. Wer heute hier hinauf will, muss zu Fuß gehen, sich eine Genehmigung fürs Auto besorgen oder kräftig treten. 

Die letzten Kehren sind mit 22 Prozent Steigung extrem kräftezehrend. Die Rennfahrer haben aufgehört, miteinander zu sprechen. Niemand ist da, der die Jungs heute über die Ziellinie applaudiert. Es ist ein Kampf, den jeder alleine zu bewältigen hat. „In diesem Moment sagst du dir ‚durchbeißen’“, sagt Weiss, als er es geschafft hat. „Hochkommen ist reine Kopfsache“, bestätigt auch Bosman. „Es ist einfach ein megaharter Aufstieg.“ Um 14.25 Uhr, nach 47 Minuten, sind alle sieben am Alpenhaus angekommen. Sie sind sichtlich erschöpft. Das Limit hat aber keiner erreicht, zu gut ist ihre physische Verfassung. 

Impressionen vom Aufstieg © Manfred Jarisch (3)

Das Thermometer zeigt 17 Grad. Der Wilde Kaiser jenseits des Tals ist vom Saharastaub vernebelt. Nachdem ein paar Fotos für Facebook geschossen sind und die verschwitzte Kleidung gegen trockene ausgetauscht ist, geht es in den Begleitwägen retour nach Innsbruck. Unterwegs schauen die Burschen noch bei der Wursttheke eines Supermarkts vorbei. Einer spricht in sein Smartphone „Mama, was hast du heute gekocht?“

© 2017 Tirol Werbung