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Einfach Vollgas!

Zwei Profis beim Starttraining

Einfach Vollgas!

Text: Julia Tapfer, Bild: Johannes Mair / Alpsolut

Am 18. und 19. November findet der Weltcup-Auftakt der Kunstbahnrodler in Igls statt. Die Tiroler Profirodlerinnen Miriam Kastlunger und Madeleine Egle zeigen im Landessportcenter Innsbruck, an welchen besonderen Trainingsgeräten sie sich auf die Wintersaison vorbereiten.

Miriam fasst mit beiden Händen an die Abzugbügel. Ihr Blick ist konzentriert nach vorn gerichtet, als sie beginnt, sich mit ihrer Rodel vor- und zurückzuschieben. Einmal noch tief einatmen, dann folgt der Rückschub und Miriam zieht sich beim Aufrichten mit einem kräftigen Schulter-Arm-Zug vom Bügel ab. Ihre Rodel gleitet über das Eis und mit ein paar kräftigen Paddelschlägen nimmt die Kunstbahnrodlerin weiter Fahrt auf. Dann legt sie sich aber nicht flach auf ihre Rodel, sondern richtet sich bereits für den Bremsvorgang auf – die Eisbahn ist nach diesen wenigen Metern nämlich schon zu Ende. Miriam packt ihre Rodel und geht durch den spärlich beleuchteten, kalten Raum wieder an den Startbock zurück.

Miriam Kastlunger, Kunstbahnrodlerin im österreichischen Nationalkader, trainiert gerade nicht im Eiskanal, sondern im Startcontainer des Landessportcenters auf dem Gelände der Olympiaworld in Innsbruck. Hier haben die Rodler das ganze Jahr über die Möglichkeit, den Start auf Eis zu trainieren. Der Container ist nicht mehr der Jüngste. Schon fast 15 Jahre hat er auf dem Buckel, die Bodenbretter knarzen und an sehr heißen Sommertagen kann es durchaus mal vorkommen, dass die Vereisungsmaschine schlappmacht. Aber der Container versprüht auch seinen ganz eigenen Charme. Das österreichische Rodelteam verbringt hier viele Stunden, um den Start zu perfektionieren – dieser ist in ihrem Sport nämlich von essenzieller Bedeutung.

Tiroler Know-how

Beim Kunstbahnrodeln geht es um Hundertstel und Tausendstel. „Bei uns sind drei Zehntel schon Welten“, erklärt Rene Friedl, Cheftrainer des Österreichischen Rodelverbandes ÖRV. Wer keinen guten Start fährt, hat im weiteren Rennverlauf auch mit bestem Material kaum Chancen, den Rückstand bis ins Ziel aufzuholen. Aus diesem Grund nimmt das Starttraining bei den Rodlerinnen und Rodlern einen so hohen Stellenwert ein. Trainiert wird aber nicht nur auf dem Eis, sondern mit speziellen, in Tirol entwickelten Geräten, die etwa Grizzly Power oder Speedpaddler heißen. Beide stehen im Spezifikraum des Landessportcenters, der Basis des Rodelteams. Hier absolvieren heute Miriam Kastlunger und ihre Kaderkollegin Madeleine Egle einen Teil des Trainings mit Athletik- und Starttrainer Thorsten Flath.

Madeleine Egle beim Starttraining im Landessportcenter Innsbruck

Vorbereitungen auf Olympia

Die 19-jährige Madeleine ist erst in der vergangenen Saison von den Junioren in die allgemeine Klasse gewechselt. Einige Weltcup-Rennen hat sie schon hinter sich, wie Miriam fiebert sie jetzt auf das erste Rennen in Igls am 18. und 19. November hin. Bei den Olympischen Spielen im Februar 2018 in Südkorea teilzunehmen, ist ihr großes Ziel, gleichzeitig weiß die junge Sportlerin aber, dass dies nicht einfach wird. „Am Anfang ist es immer schwierig, sich selbst im Vergleich zu den anderen einzuschätzen. Aber ich werde einfach mein Bestes geben“, sagt Madeleine. 

Inzwischen hat sich ihre Teamkollegin Miriam auf die am Grizzly Power befestigte Rodel gesetzt. Hier wird der Abzug, also die unmittelbar ersten Bewegungsabläufe beim Start, trainiert. Ab Mai, nach der Saisonabschlusspause, baut der Athletiktrainer den Grizzly Power wieder häufiger ins Training ein. „Zuerst arbeiten wir vorwiegend technisch, danach können wir auch noch zusätzliche Gewichte dranhängen, wenn wir die Schnellkraft fokussieren“, erklärt Thorsten Flath, der seit vier Jahren die österreichischen Rodler das ganze Jahr über begleitet.

Rene Friedl war maßgeblich an der Entwicklung des Grizzly Power beteiligt. „Das war die Weiterentwicklung eines bereits vorhandenen Geräts“, erklärt Friedl. „Ich habe schon vor 33 Jahren auf dessen Vorläufer trainiert.“ In Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2010 in Vancouver wurde in Zusammenarbeit mit dem Trainingswissenschaftlichen Zentrum der Universität Innsbruck und der Technischen Universität Wien an der Entwicklung des Grizzly Power getüftelt. Das Gerät wurde moderner, vielfältiger einsetzbar und erhielt eine verbesserte Messtechnik. Mitumgesetzt wurde es von der Tiroler Firma EAE Stöckl sowie Siemens.

„Das ist weltweit ein Unikat, das gibt’s so nur in Innsbruck.“ Rene Friedl, Cheftrainer des ÖRV

„Das ist weltweit ein Unikat, das gibt’s so nur in Innsbruck“, erklärt der Cheftrainer des ÖRV stolz. Einerseits hätte die Industrie kein Interesse, solche Geräte herzustellen, da der Markt dafür viel zu klein sei, andererseits ist jedes Rodelteam auch um Geheimhaltung der eigenen Trainingsmethoden bemüht. Die Konkurrenz schläft nicht. So arbeitet man auch jetzt schon wieder an neuen Trainingsgeräten – wie genau die aussehen, wird natürlich nicht verraten.

Höher, schneller, weiter 

Die technische Weiterentwicklung habe man immer im Hinterkopf, so Rene Friedl. „Das ist einfach unser Streben als Mensch: höher, schneller, weiter.“ Rund um olympische Jahre werden besonders häufig technische Neuerungen umgesetzt. Das hänge auch mit dem Ehrgeiz von Sportpolitik und Wirtschaft zusammen, das eigene Land besonders gut darzustellen und beste Ergebnisse zu erzielen. Förderungen für Projekte werden rund um Olympia häufiger vergeben. 

So war es auch kurz vor den Olympischen Spielen 2006 in Turin, als der Speedpaddler entwickelt wurde. Wieder war Rene Friedl der „Vater des Gedankens“. Ein ähnliches Gerät für Langläufer brachte ihn auf die Idee, Förderbänder für das gezielte Training der Tatzlerbewegung, also des Paddel- bzw. Pinguinschlags nach dem Abzug beim Start, zu verwenden.

Schnelles Feedback

Miriam Kastlunger trainiert am sogenannten Speedpaddler.

Miriam zieht sich ihre Handschuhe mit Spikes an. Diese sind je an den Zeige-, Mittel- und Ringfingern angebracht und sorgen für den nötigen Grip beim Paddeln. Die Tirolerin setzt sich auf die Rodel und ihr Athletiktrainer schaltet den Speedpaddler ein – die zwei Förderbänder links und rechts von der Sportlerin bewegen sich schnell auf sie zu. Mit den Händen schlägt sie darauf ein und zieht bzw. drückt sich mit ihrer Rodel jeweils ein Stück nach vorn. 

„Hier werden Schnelligkeit und Kraft trainiert“, erklärt Thorsten Flath. „Man kann auch den Winkel des Geräts ändern, so dass die Bahn nach oben geht und ein zusätzlicher Widerstand zu überwinden ist.“ Flath schätzt die beiden Trainingsgeräte im Spezifikraum besonders deswegen, weil er als Trainer unmittelbar neben seinen Sportlerinnen und Sportlern stehen und sofort Anweisungen geben kann. Beim Starttraining auf der Rodelbahn müsse er immer warten, bis die Rodler vom Ziel zurück an den Start gefahren werden, und kann sein Feedback also erst viel später geben.   

„Als Athletiktrainer lerne ich die Sportler mit ihren Stärken und Schwächen sehr gut kennen. So merke ich auch früh, wenn jemand zum Beispiel ein Motivationstief hat.“ Thorsten Flath, Athletiktrainer

Als Athletiktrainer ist Thorsten Flath das ganze Jahr über in direktem Kontakt mit den Sportlern. In der Wintersaison von Oktober bis Anfang März ist das Rodelteam für die Wettkämpfe überall in der Welt unterwegs – Thorsten ist immer dabei. „Als Athletiktrainer lerne ich die Sportler mit ihren Stärken und Schwächen sehr gut kennen. So merke ich auch früh, wenn jemand zum Beispiel ein Motivationstief hat“, beschreibt der Trainer seine wichtige Funktion im Team.

Ab Mai beginnt nach einer etwas ruhigeren Phase wieder das tägliche Training. 27 Stunden in der Woche trainiert der österreichische Nationalkader – momentan elf Männer und vier Frauen – zusammen. Nicht nur rodelspezifische Übungen und Techniktraining werden dabei absolviert, sondern etwa auch Kraftübungen. Miriam und Madeleine machen so auch klassische Gewichthebeübungen – was man auch an ihren muskulösen Oberarmen und Schultern erkennt. 

Bunt gemischter Trainingsplan

„Das Krafttraining ist aber nicht zentral in unserem Training“, stellt Thorsten Flath klar. „Das sind vielleicht sechs Stunden in der Woche.“ Ansonsten stehen Leichtathletik, allgemeine Konditions- und Koordinationsübungen und verschiedene Spiele wie Volleyball oder Fußball auf dem Trainingsplan. „Die Spiele sind auch fürs Teambuilding wichtig“, führt der Athletiktrainer aus. Zudem erklärt er, dass es immer eine Gratwanderung sei, wie viel Krafttraining er einbaue. „Man darf in der Sommervorbereitung den Schwerpunkt nicht nur auf Kraft legen, sonst kann die Feinmotorik darunter leiden. Wenn man sich im Eiskanal nach dem Paddeln auf die Rodel legt, entsteht ein kurzer Moment der Instabilität. Um das auszugleichen, braucht es Gefühl“, beschreibt der Trainer. Dieses Feingefühl müsse auch trainiert werden, so stehen für das Rodelteam etwa auch Slacklining oder Jonglieren auf dem Trainingsplan. 

„Ich hätte nie damit gerechnet, dass ich einen Leistungssport anfange“, erinnert sich die über 1,80 große Madeleine schmunzelnd an ihre ersten Sommertrainingsstunden vor zehn Jahren zurück. Die haben ihr so gut gefallen, dass sie weitermachte. Am Rodeln selbst fasziniert sie der Speed. Auch Miriam liebt die Geschwindigkeit. „Mein Maximum-Speed waren 134 Stundenkilometer“, sagt sie stolz. Vor sechs Jahren gewann die damals 16-Jährige auf ihrer Heimstrecke in Igls bei der Jugendolympiade die Goldmedaille. „Das war sensationell. Ich wusste, dass ich gut drauf bin und es schaffen könnte. Aber der Moment im Ziel, wo dann einfach alles geklappt hat, war einfach ein super Erlebnis. Das wird wahrscheinlich immer mein Highlight bleiben“, schwärmt die junge Frau. 

Die in Rinn wohnhafte 19-jährige Profirodlerin Madeleine Egle ist in der vergangenen Saison erstmals bei Weltcup-Rennen der allgemeinen Klasse an den Start gegangen. Heuer möchte sie sich für Olympia qualifizieren. Ihre größten Erfolge bisher waren die Bronzemedaille bei den YOG in Lillehammer 2016 sowie zwei Junioren Weltcup-Siege im Jahr 2015.

Die 23-jährige Miriam-Stefanie Kastlunger ist Sportsoldatin. Kastlungers größter Erfolg war die Goldmedaille bei den Youth Olympic Games YOG 2012 in Innsbruck. In der Saison 2016/17 erreichte sie in der Gesamtweltcup-Wertung Platz 17. Für die heurige Saison hat sich Kastlunger hohe Ziele gesteckt: im Gesamtweltcup unter die Top 10, bei der Europameisterschaft unter die Top 6 und bei den Olympischen Spielen unter die Top 8 zu fahren.

In nur wenigen Tagen wird sie beim Weltcup-Auftakt in Igls wieder auf ihrer Heimstrecke fahren. Der Druck, der dabei auf ihr lastet, ist vielleicht noch ein bisschen höher als bei einer anderen Strecke, „weil ja Familie, Freunde und Sponsoren dabei sind.“ Aber Miriam hat gelernt, mit diesem Druck umzugehen. Dem mentalen Druck bei jedem Start, möglichst perfekt zu sein, begegnet die Tirolerin pragmatisch: „Je mehr man darüber nachdenkt, desto eher geht der Schuss nach hinten los. Der Start ist ja eine automatisierte Bewegung, man weiß, dass man es kann. Deshalb: Einfach Vollgas!“ Dieses Motto werden beide Sportlerinnen bei den Weltcup-Rennen beherzigen – und wenn alles klappt, dann auch bei den Olympischen Spielen in Südkorea.

Seit vier Jahren ist Thorsten Flath Athletik- und Starttrainer des österreichischen Rodelteams. Der gebürtige Münchner kommt eigentlich aus dem Turnsport. Mit dem österreichischen Rodelteam will er 2018 zu Olympia nach Südkorea. Er findet: „Jeder Sportler sollte große Ziele haben, das ist ja auch ein Motivator.“

Rene Friedl ist seit zwölf Jahren Cheftrainer des ÖRV. Als Profirodler trat er für die Nationalmannschaft der DDR, später für das wiedervereinte Deutschland an, bis er mit 28 Jahren in den Trainerberuf wechselte. Friedl schätzt Tirol als großes Sportland. Für den Spitzensport wünscht er sich stets gute Förderungen, aber auch Zentralisierung. So sei man flexibler und verliere viel weniger Zeit, um die verschiedenen Trainingsstätten anzufahren.

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