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Auf Höhenflug

Auf der Seefelder Schanze

Auf Höhenflug

Beim Skisprungtraining in Seefeld mit Schülern des Schigymnasiums Stams

Text: Eva Schwienbacher, Bild: Johannes Mair / Alpsolut

Skispringer kommen dem Menschheitstraum Fliegen ein Stückchen näher. Doch was müssen Skispringer mitbringen? Wie schaut ihr Training aus? Und welche Rolle spielt Mut? Antworten auf solche Fragen hat sport.tirol auf der Schanze in Seefeld gefunden. 

Clemens Leitner setzt sich auf den Balken der Normalschanze in Seefeld. Er stößt sich mit den Händen ab und nimmt die typische Abfahrtsposition ein: Oberkörper nach vorne, Hände nach hinten, die Beine gebeugt. In der Anlaufspur fährt er die Schanze hinunter. Am Schanzentisch springt Clemens ab – und fliegt.

„Skispringen kann man mit nichts vergleichen. Wenn man einen guten Sprung hat, wird man regelrecht nach oben gesaugt und fühlt sich leicht“, erläutert Clemens Leitner. Es ist das zweite Sprungtraining des Skispringers aus Mils nach einer Meniskusoperation und einer mehrwöchigen Pause. „Das Training läuft besser als gedacht. Ich fühle mich gut und komme schnell voran“, sagt der 19-Jährige, der zu den Älteren und Erfahreneren im Schigymnasium Stams gehört. Im Nordischen Kompetenzzentrum in Seefeld absolviert er an diesem Dezembertag mit rund 30 Kollegen sein Sprungtraining, bei dem das zusammengefügt wird, was im Trockentraining hart erarbeitet wurde. 

Clemens Leitner beim Sprungtraining in Seefeld

Entwicklung des Trainings

In den letzten Jahren habe sich das Skispringen sehr stark verändert und weiterentwickelt, erklärt Harald Haim, sportlicher Leiter der Skispringer in Stams. Das wirke sich auch auf die Athleten aus. „Skispringer waren früher die wilden Hunde, die keine Angst hatten und sich die Schanze hinunterstürzten. Mut spielt heute immer noch eine Rolle, aber nicht mehr die einzige.“ Materialentwicklungen verbesserten die Flugeigenschaften, vereinfachten den Sport und machten ihn sicherer. „Heute kommt es beim Skispringen auf die Feinmotorik, Koordination und Schnellkraft an.“

Zudem kommt dem Gewicht eine größere Bedeutung zu als früher. „Der Skispringer sollte möglichst leicht sein und gleichzeitig eine gute Sprungkraft haben“, erzählt Haim. Denn während etwa ein Kugelstoßer mit klassischem Muskelaufbau die Basis für seine Schnellkraft legt, verzichtet der Skispringer auf Muskelaufbautraining, um nicht zu viel Gewicht auf die Waage zu bringen. „Im Mittelpunkt des Trainings steht daher neben Technik und Kondition die Koordination“, weiß Haim. 

Aufgrund der Tatsache, dass das Gewicht ein leistungsbestimmender Faktor ist, kann es schnell passieren, dass Skispringer allzu strenge Diäten halten. Doch der Körper muss mit ausreichend Energie und Nährstoffen versorgt werden, um die erforderliche Leistung zu erbringen. Das Thema Ernährung hat daher am Schigymnasium Stams einen hohen Stellenwert. „In den Köpfen vieler gilt, je leichter, desto weiter“, sagt Heim. „Von dieser Annahme versuchen wir wegzugehen. Viel wichtiger ist, das Richtige zu essen. Und das wollen wir den Athleten beibringen.“

Vom Alpinen in den Nordischen Bereich

Die meisten Skispringer in Österreich kommen aus dem Alpinen Bereich. Auch Max Schmalnauers Weg auf die Schanze führte über die Piste. Bei einem „Guglhupf“-Bewerb – einem Schnupperevent für Kinder – versuchte sich der heute 19-jährige Stamser Schüler zum ersten Mal in der Nordischen Disziplin. „Nachdem ich beim Skifahren auch schon immer lieber gesprungen bin, war für mich schnell klar, dass ich Skispringer werde“, erzählt der junge Athlet aus Bad Ischl beim Sprungtraining im Nordischen Kompetenzzentrum in Seefeld.

Skispringer Max Schmalnauer fand bei einem Kinderberweb Gefallen am Sport.

Als Skispringer Ski fahren zu können, sei eine wichtige Voraussetzung, erklärt Haim. „Skispringer müssen die Schanze hinunterfahren, wegspringen und sicher landen – das geht nur, wenn man Ski fahren kann.“ Während Kinder in Norwegen, wo Langlaufen Nationalsport ist, mit der Langlaufausrüstung die ersten Sprünge wagen, geht es hierzulande im Ski-Outfit auf die Schanze. Erst in einem nächsten Schritt werden Schuh und Bindung verändert.

Skispringen ist auch Kopfsache

Die Grundlagen erwerben die meisten Sportler in einem Skisprungverein. Zunächst springt man auf kleinen Schanzen, um sich dann nach und nach an die normale Schanze heranzutasten. Schaffen die ambitionierten Skispringer den Sprung ins Schigymnasium Stams, steht in der ersten Zeit vor allem Techniktraining auf dem Programm. Und, wie in anderen Disziplinen auch, Mentaltraining. „Schüler, die nach Stams kommen, sind sehr motiviert und sehen oft nur das Training und den Sport“, erklärt Haim. „Deshalb legen wir besonders am Anfang großen Wert darauf, den Schülern bewusst zu machen, welche Herausforderungen auf sie zukommen können, und versuchen ihnen Techniken zu vermitteln, die ihnen helfen, damit umzugehen.“

Das Mentaltraining findet in den ersten Jahren disziplinenübergreifend statt. Zusätzlich können die Schüler Einzelstunden wahrnehmen. „Das Angebot wird von rund 70 Prozent aller Anfänger angenommen. Dadurch sehen wir, dass sie besonders am Beginn ihrer Karriere Begleitung benötigen“, sagt Haim. „Wir können ihnen den Druck nicht nehmen, aber wir können sie unterstützen.“

Harald Haim

„Selbstvertrauen ist ein entscheidender Erfolgsfaktor. Wenn man wegspringt, muss man sich sicher sein, dass einen die Luft hält.“

Gerade beim Skispringen passiert sehr viel im Kopf. „Selbstvertrauen ist ein entscheidender Erfolgsfaktor. Man muss sich zutrauen, Bewegungen, die nicht unbedingt natürlich sind und zunächst bedrohlich wirken, durchzuziehen. Wenn man wegspringt, muss man sich sicher sein, dass einen die Luft hält.“ Speziell bei schlechten Bedingungen, etwa wenn plötzlich Wind aufkommt, kann sich Unsicherheit breitmachen. Da gilt es, seine Angst in den Griff zu bekommen. „Skispringen ist ein Risikosport. Es ist ein tolles Gefühl, durch die Luft zu schweben. Genauso fühlt es sich schrecklich an, wenn die Luft nicht greift. Es ist wie mit dem Auto auf der Schneefahrbahn.“ 

Warten aufs Kommando

Als sportlicher Leiter betreut Harald Haim selbst eine siebenköpfige Trainingsgruppe. Seine Schützlinge hat Haim während des Sprungtrainings genau im Blick. Von einem Turm aus, der sich neben der Sprunganlage befindet, gibt er den Athleten ein Handzeichen, sobald sie springen dürfen. Nur wenn er das Kommando erteilt, dürfen die Athleten starten. Mit einer Kamera zeichnet Haim die Sprünge auf, um sie hinterher mit den Sportlern zu analysieren. 

Von einem Turm aus geben die Trainer den Athleten ein Handzeichen, sobald sie springen dürfen.

Harald Haim, kümmert sich als sportlicher Leiter der Skispringer im Schigymnasium Stams u. a. um die Trainingspläne. © Schigymnasium Stams

Denn was auf den ersten Blick einfach aussieht, ist ein komplexes Zusammenspiel von körperlicher und mentaler Kraft, Gewicht, Gefühl und Physik. Nur wenn alles stimmt, gelingt der Flug. Allein der Anlauf auf der Schanze erfordert viel Feingefühl und Präzision, erklärt Harald Haim. „Beim Anlauf muss der Athlet ein dynamisches Gleichgewicht finden. Das heißt, er darf in der Hocke nicht zu weit vorne oder hinten sein, aber auch nicht zu hoch oder zu tief. Beim Absprung geht es darum, sich zu trauen, ins Nichts zu springen. Das ist der Mutfaktor.“ 

Was folgt, sei ein ganz kurzer Moment, in dem man nicht viel spüre, außer dass der Ski in der Luft weitergleite, erklärt Haim: „Man bemerkt relativ früh, ob man zu schnell ist, von der Luft gebremst wird oder ob man – und das ist der Idealfall – von ihr getragen wird. Dann kann man den Moment einfach genießen.“ Dieses Gefühl ist es auch, was die jungen Stamser Skispringer dazu bewegt, sich immer und immer wieder die steile Schanze hinunterzustürzen. Mit dem perfekten Sprung möchten sie sich nicht nur den Traum vom Fliegen verwirklichen, sondern auch den Traum, mit dem Fliegen einmal ganz oben zu stehen. 

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