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Begegnung am Eiskanal

Rodel-WM 2017

Begegnung am Eiskanal

Das Erfolgsduo Penz/Fischler

Zu Besuch auf der WM-Bahn in Igls.

Text: Eva Schwienbacher, Bild: Manfred Jarisch

Die Kunsteisbahn in Innsbruck-Igls wird während der Rodel-WM im Jänner 2017 Schauplatz spektakulärer Rennen. Bei einem Lokalaugenschein ist Sport.Tirol Eismeistern und potenziellen Weltmeistern begegnet. 

Ursprünglich wollte Florian Klingenschmid nur einen Winter lang bleiben, doch jetzt befreit er bereits in der sechszehnten Saison den mit Eis überzogenen Betonbau von Schnee und Reif. Der Absamer ist einer von sieben Bahnarbeitern in Igls, die heute kurz vor den allerersten Trainings der Rennrodler und Skeleton-Piloten die Bahn in Top-Form bringen. Der Eismeister-Stellvertreter ist mitunter für die Eisqualität zuständig. „Je schöner die Bahn, desto besser können die Athleten fahren.“ Den Beruf zum Eismeister kann man nicht lernen, erzählt er, der Eiskanal selbst ist die einzige Schule.


Bahnpräparierung

Florian Klingenschmid ist Bahnarbeiter an der Bob-, Rodel- und Skeletonbahn Innsbruck-Igls und als Eismeister-Stellvertreter unter anderem für die Eisqualität zuständig.

In der zweiten Nacht dieser ersten Trainingswoche hat es im Tal geregnet und in Igls leicht geschneit. „Jeder Tropfen, der vom Himmel fällt, friert an der Oberfläche“, erklärt Klingenschmid. Damit die Sportler trotzdem beste Bedingungen vorfinden, sind die Bahnspezialisten früh aufgestanden.

Bereits um 5 Uhr haben sie mit der Präparierung der Kunsteisbahn begonnen. Vom Start bis zum Ziel – auf einer Strecke von 1.207 Metern und einer Fläche von 5.500 Quadratmetern – erfolgt diese in Handarbeit: Zuerst wird gehobelt, dann gekehrt, Besenstrich um Besenstrich. Das Werkzeug dafür sind spezielle Hobel mit extralangem Stiel sowie Besen mit groben Borsten. Einzig an den flachen Stellen kommt ein spezieller Traktor zum Einsatz. Bis um 7.30 Uhr hat das Eis glatt zu sein, da kommen die Athleten, um nach monatelangem Trockentraining wieder in ihrem Element zu sein.

Markus Kleinheinz (o. r.) bringt mit seinem Team die Bahn in Schuss.

Herausforderung Föhn

Wenn die Trainings auf der Olympiabobbahn in Igls beginnen, hat das Team rund um den früheren Tiroler Rennrodler Markus Kleinheinz Hochsaison. Zuvor aber gilt es, die Bahn in Schuss zu bringen. 80 Kilometer lange Kühlrohre sorgen dafür, dass der Betonbau gekühlt wird. In einer 24-Stunden-Schicht wird schließlich das Eis aus Wasser Abschnitt für Abschnitt aufgebaut.

„Ideal für den Eisaufbau sind Außentemperaturen von minus drei bis minus fünf Grad und eine trockene Luft“, erklärt Kleinheinz, der seit heuer Teamleiter des Eisbetriebs in Igls ist und den Eiskanal auch als Pilot bestens kennt. „Die größte Herausforderung hier in Igls ist der Föhn, der uns, wenn er über Tage anhält, das Eis zerstört.“

Von Oktober bis Ende März wird die Bahn tagtäglich benutzt – von nationalen und internationalen Rennrodlern, Bobfahrern, Skeleton-Piloten, für Trainings und Wettkämpfe. „Die Kunsteisbahn in Igls ist sehr beliebt“, weiß Kleinheinz. „Bereits im Sommer ist sie für den ganzen Winter ausgebucht.“

Endlich wieder rodeln

Heute kommen das Österreichische Nationalteam und Nachwuchssportler zum Trainieren nach Igls. Die Aufregung und Vorfreude unter den Sportlern ist groß. Für viele ist es das erste Bahntraining auf der Heim-Strecke nach monatelanger Vorbereitung im Trockenen. Wer wann fahren darf, ist genau getaktet. Über einen Lautsprecher werden die Athleten an den Start gebeten.

Peter Penz und Georg Fischler, die beiden Tiroler Doppelsitzer und Vizeweltmeister von 2015 im Sprint, sind heute ebenfalls dabei. „Die ersten Bahntrainings sind etwas ganz Besonderes. Man freut sich auf die Geschwindigkeit, die Perfektion und die Präzision, die der Sport erfordert“, beschreibt Fischler. „Und man weiß plötzlich wieder, wofür man tagtäglich so hart trainiert.“

Drei bis vier Fahrten stehen auf dem Programm. Mehr wären aufgrund der abnehmenden Konzentration nicht sinnvoll. „Bei den ersten Trainings geht es darum, wieder Gefühl fürs Eis zu bekommen, neues Material zu testen und die richtige Linie zu finden“, erklärt der Obermann Penz. „Bis zur Rodel-Weltmeisterschaft in Igls im Jänner wollen wir die schnellste Linie gefunden haben.“  

Einfach, aber schwierig

Vor dem Start erfolgt das Warm-up, das aus leichtem Joggen und Übungen für den Oberkörper besteht. „Die Schultern und die Nackenmuskulatur sind besonders verletzungsanfällig durch die Fliehkräfte, die auf uns einwirken“, erklärt Fischler.

Die Schlüsselstellen an der Olympiabahn in Igls sind die Kurve neun, die „Neuner“ sowie das Labyrinth, also die Kurvenkombination elf bis 13, die besondere Präzision erfordern. Prinzipiell ist es in Igls jedoch schwierig, schneller als die Konkurrenz zu fahren. „Das Besondere am Eiskanal in Igls ist, dass er relativ flach, kurz und langsam ist. Daher ist ein gelungener Start siegentscheidend. Die Bahn, die technisch relativ einfach ist, bietet kaum Stellen, Zeit aufzuholen“, erklärt Fischler.

Die Doppelsitzer sind gleich an der Reihe. In der Umkleidekabine treffen sie letzte Vorbereitungen: Sie schlüpfen in ihre hautengen Rennanzüge und polieren das Visier ihrer Helme mit einem Tropfen Haar-Shampoo – ein bewährter Insider-Tipp, der gegen das Beschlagen des Augenschutzes helfen soll.

Rodel-WM

Die FIL-Weltmeisterschaften im Rennrodeln finden vom 26. bis 29. Jänner an der Bob-, Rodel- und Skeletonbahn in Innsbruck-Igls statt.

Visualisierungstanz

Dann tun die beiden etwas, wobei sie an zwei zeitgenössische Tänzer erinnern: Mit geschlossenen Augen visualisieren sie die Strecke vom Start bis zum Ziel. Sie schaukeln sanft hin und her, bewegen ruckartig ihre Arme vor und zurück, wiegen ihre Hände einem Dirigenten gleich im imaginären Takt, lehnen die Oberkörper nach hinten, links und rechts. Rund eine Minute dauert die Choreografie – etwas kürzer als die tatsächliche Fahrtzeit. Hochkonzentriert und ohne Worte verlassen sie anschließend den Umkleideraum, um sich zum Damenstart zu begeben, wo heute die Läufe beginnen.

Dieses Ritual wiederholen die beiden ein- bis zweimal vor jedem Start. Dabei gehen sie im Kopf die Lenkbewegungen durch und achten auf besondere Schlüsselstellen. 

Wieder daheim sein

Die Namen der Doppelsitzer tönen aus den Lautsprechern. Sekundenbruchteile später katapultieren sich Penz und Fischler aus dem Starthaus und verschwinden im Eiskanal, der sie nach 39 Sekunden und 64 Hundertsteln wieder ausspuckt.

Mit dem ersten Lauf sind die beiden zufrieden. „Es ist, wie nach einer langen Reise nach Hause zu kommen und wieder im eigenen Bett zu schlafen“, umschreibt Fischler das Fahrerlebnis auf seiner Heim-Bahn in Igls.

Auch die Qualität des Eises stimmt. „Die Eismeister haben gute Arbeit geleistet“, sagt Penz. „Speziell an den Ein- und Ausfahrten der Kurven ist die Oberfläche perfekt.“ Wie alle Rennrodler haben auch die beiden eine Vorliebe für eine bestimmte Beschaffenheit des Eises. Wie diese aussieht, wissen nur die engsten im Team sowie die Eismeister ihrer Heim-Bahn, die bis im Frühjahr im Dauereinsatz sind und für beste Bedingungen im Eiskanal sorgen.

Das Erfolgsduo

Peter Penz und Georg Fischler sind seit der Wintersaison 2001/2002 als Rennrodel-Doppelsitzer im Eiskanal unterwegs. Zu den größten Erfolgen der beiden Tiroler zählen: WM-Bronze (2012 Altenberg), WM-Silber (2015 Sigulda und 2016 Königssee), EM-Gold (2012 Paramonowo).

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