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Von alleine geht nichts

Rodel-WM 2017

Von alleine geht nichts

Das Rodel-Einmaleins vor der Heim-WM

Worauf es beim Kunstbahnrodeln ankommt.

Text: Eva Schwienbacher, Bild: Manfred Jarisch

Kunstbahnrodeln ist ein komplexes Zusammenspiel von Mensch, Material und Eis. Der Tiroler Rennrodler Wolfgang Kindl stellt im „Startcontainer“ in Innsbruck Ausrüstung und Technik seiner Sportart vor.  

Sie ist leicht zu übersehen, obwohl sie extrem wichtig für das Nationalteam ist: die Startanlage des Österreichischen Rodelverbands in Innsbruck. Im hintersten Winkel des Parkplatzes West der Olympiaworld steht eine Wellblechhütte. Hier trainieren Kindl und seine Teamkollegen ihre Paddelschläge – oft so lange „bis die Unterarme brennen“.

Alleine sind die Athleten auf dem Olympiagelände selten, erzählt der 28-Jährige. Je nach Jahreszeit warten Zirkustiere hier ihren nächsten Auftritt ab, spinnt man Zuckerwatte für Gäste des Vergnügungsparks oder laufen Scharen von Fans und Sportlern über den Parkplatz. „Da muss man sich halt durchschlängeln“, sagt Kindl. An diesem Vormittag ist es ruhig. Nur die LKW, die weiter im Süden über die Inntalautobahn brettern, sind zu hören.

Sie ist leicht zu übersehen, obwohl sie so wichtig für die österreichischen Rennrodler ist: Die Startanlage auf dem Innsbrucker Olympiagelände. © Manfred Jarisch

Guter Start, bessere Zeiten 

Betritt man die Anlage, erhellt Tageslicht für einen Augenblick den Container. Sobald die Tür aber ins Schloss fällt, bleibt bloß das grelle Licht der Neonröhren, das von den mit Aluminium verkleideten Dämmplatten reflektiert wird. Der Bretterboden ist abgenutzt. Die Styroporwände sind mit Kritzeleien bedeckt. Die Temperatur ist winterlich.

Auf der linken Seite lehnen fünfzehn Rennrodeln, gleich dahinter findet sich ein Biertisch mit zwei Bänken. Gegenüber auf einem Holzgerüst steht das zentrale Element der Anlage: die 34 Meter lange Startrampe. Die Neigung der vereisten Bahn beträgt neun Grad. An ihrem Ende geht die Kunstbahn in Kunstrasen über. 

„Wir haben schon vor Ostern mit den Vorbereitungen auf die Wettkampfsaison begonnen“, sagt Kindl. „Intensiv trainieren müssen wir Rennrodler die Kraftausdauer sowie die Schnell- und Maximalkraft. Nur mäßig die Ausdauer. Hinzu kommen Technik und Koordination.“ Besonders wichtig ist der Bewegungsablauf am Beginn des Rennens. „Die Zeit, die man mit einem gelungenen Start rausholt, kann einem niemand mehr nehmen.“

© Manfred Jarisch

Angst ist fehl am Platz

Mit bis zu 130 Stundenkilometern fliegen die Rennrodler durch die vereiste Betonröhre – abschnittweise sogar blind. „Den Kopf heben kostet Zeit.“ Flachstücke, Kurven und Banden prägt sich Kindl deshalb vor Rennen auf auswärtigen Bahnen besonders genau ein. Während der Fahrt schielt er nach links, rechts und nach vorne, um sich zu orientieren. 

Was ihm bei den Tempofahrten durch den Kopf geht? „Nichts. Zumindest nichts, woran ich mich konkret erinnere“, sagt Kindl. Vor allem bei Wettkämpfen ist höchste Konzentration gefragt. Im Training kann es schon passieren, dass seine Gedanken abschweifen, etwa auf seiner Heimbahn in Igls, die er in- und auswendig kennt. Das dauert jedoch höchstens einen Sekundenbruchteil.

Für Zuschauer sind die Anstrengungen, mit denen sich Rodler durch die Bahn manövrieren, kaum zu erkennen. Aber: „Im Eiskanal geht nichts von alleine. Jede Lenkbewegung muss punktgenau und mit viel Feingefühl ausgeführt werden.“ 

Rodel-Einmaleins

Die Rennrodel © Manfred Jarisch

„Meine Rennrodel hat nur mehr wenig von einem klassischen Schlitten. Jedes einzelne Teil – Kufe, Schiene, Bock und Schale – ist eine Spezialanfertigung und exakt auf meinem Körper abgestimmt. Die Fertigstellung kann bis zu 10.000 Euro kosten.“

Weicher Untersatz © Manfred Jarisch

„Die Innenseite der Schale ist mit weichem Moosgummi versehen und dämpft harte Stöße ab. An Griffen an der Unterseite halte ich mich fest. Ich muss mit meiner Rodel zu einem aerodynamischen Gesamtpaket verschmelzen.“

Stabilisierender Kopfschutz © Manfred Jarisch

„Beim Kunstbahnrodeln müssen alle Athleten denselben genormten Helm mit Visier tragen, der sich lediglich durch die Farben unterscheidet. Der Augenschutz ist splittersicher. Über eine Beinschlaufe ist der Helm fixiert, sodass er auch als Kopfstütze dient und ich nicht auf der Eisbahn aufstoße.“

Zweite Haut © Manfred Jarisch

Der Rennanzug muss eng anliegen, darf keine Falten werfen und gleichzeitig auch nicht in der Bewegung einschränken. Der spezielle Kunststoff reduziert den Luftwiderstand. Für eine bessere Aerodynamik ist der Reißverschluss hinten angebracht.“

Spiegelglatte Sohle © Manfred Jarisch

„Um schneller zu werden, darf man dem Fahrtwind so wenig wie möglich Angriffsfläche bieten. Die Füße sind der erste Angriffspunkt. Daher trage ich spezielle Rennschuhe ohne Profil und ohne Nähte. Fürs Training besitze ich ein anderes Modell, damit ich auf dem Eis besseren Halt habe.“


Guter Griff © Manfred Jarisch

„Zur Beschleunigung am Start benötige ich Spikeshandschuhe. Am Zeige-, Mittel- und Ringfinger sind jeweils Platten mit Stahlstiften angebracht, die maximal fünf Millimeter lang sein dürfen. Sind sie länger, wird man disqualifiziert. Im Laufe der Saison verbrauche ich zwei bis drei Platten.“

Schnelles Blei © Manfred Jarisch

„Grundsätzlich gilt: Je schwerer der Sportler, desto schneller ist er in der Bahn. Ich bin verhältnismäßig leicht und dürfte laut Reglement noch 13 Kilogramm Zusatzgewicht anbringen. Ich verzichte allerdings auf ein paar Kilos, um die Vorteile meiner Statur am Start zu nutzen. Denn wer mehr wiegt, braucht mehr Kraft, um seinen Körper in Bewegung zu bringen.“

Rasanter Abflug © Manfred Jarisch

„Der Start funktioniert so: Ich katapultiere mich im Sitzen mit einem kräftigen Abzug an zwei Bügeln in den Eiskanal.“

Geschwindigkeit aufbauen © Manfred Jarisch

„Ich beschleunige mit kurzen Paddelschlägen. Die Spikes an den Handschuhen bohren sich dabei ins Eis.“

Perfekte Position © Manfred Jarisch

„Wenn ich Fahrt aufgenommen habe, presse ich mich rücklings auf die Rodel. Perfektes Timing ist dabei essenziell. Bin ich zu langsam, bremst mein Oberkörper durch den Luftwiderstand. Bin ich hektisch, riskiere ich eine Schräglage und habe schon verloren.

Richtige Richtung © Manfred Jarisch

„Die Hauptbewegung erfolgt über die Füße, die ich gegen die Hörnchen am Schlitten drücke. Feine Lenkbewegungen erfolgen über die Griffe auf der Unterseite der Rodel. Für harte Lenkungen setze ich sowohl die Beine als auch die Schultern und Griffe ein. Die Rodeln sind technisch hoch entwickelt und reagieren blitzschnell auf kleinste Einflüsse.“ 

Niemals bremsen © Manfred Jarisch

„Im Prinzip gilt: Wer bremst, hat verloren. Wenn ich jedoch einen Fehler ausgleichen muss, gebe ich die Füße aufs Eis, um die Bahn wieder zu korrigieren. Das bedeutet aber Zeitverlust. Ich bremse im Normalfall also nur nach der Ziellinie, indem ich mich aufhocke.“

Wolfgang Kindl..


... kommt am 18. April 1988 in Innsbruck auf die Welt und wächst in Vill auf. Mit elf beginnt er seine Rodelkarriere beim SV Igls. Nach der Matura am Sport-BORG im Jahr 2007 in Innsbruck erhält er einen Platz als Profisportler im Heeresleistungssportzentrum und wird Teil der österreichischen Nationalmannschaft. Seit vier Jahren lebt Kindl in Natters.

 

Der Tiroler liebt die Geschwindigkeit und die Präzision, mit der jede Bewegung auszuführen ist. Angst kennt der Spitzensportler nicht: „Die ist in unserem Sport sicher fehl am Platz.“


Die größten Erfolge der Saison 2015/2016:

 

1.Platz: Sprint-Weltcup Park City (USA), Österreichische Meisterschaft, Tiroler Meisterschaft

2.Platz: Gesamtweltcup, Weltcup Park City (USA), Weltcup Sochi (RUS)

3.Platz: Weltmeisterschaft Königssee (GER), Weltcup Igls (AUT), Weltcup Lake Placid (USA), Weltcup Calgary (CAN), Sprint-Weltcup Calgary (CAN), Weltcup Mannschaft Sochi (RUS), Weltcup Mannschaft Winterberg (GER)

4.Platz: Europameisterschaft Altenberg (GER)

5.Platz: Sprint-Weltmeisterschaft Königssee (GER), Weltcup Oberhof (GER), Weltcup Altenberg (GER), Weltcup Winterberg (GER)



© Manfred Jarisch

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