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Jeder kann klettern

Kletter-WM 2018: Paraclimbing

Jeder kann klettern

Beim Training mit dem Paraclimbing Team Tirol im Kletterzentrum Innsbruck

"Klettern ist jetzt meins."

Text: Eva Schwienbacher, Bild: Johannes Mair / Alpsolut

Bei der IFSC Kletter-WM im Herbst in Innsbruck/Tirol steht auch Paraclimbing auf dem Programm. Zwei Athletinnen des Paraclimbing Team Tirol erzählen, wie sie zum Klettersport gekommen sind und warum der Sport die gute Seite ihres Handicaps ist. 

Heute muss sich Jasmin Plank im Training etwas zurücknehmen. Sie ist noch nicht bei vollen Kräften. Trotzdem schlüpft sie gut gelaunt in ihren Klettergurt, nimmt das von der Decke hängende Seil und bindet sich ein. Sie überprüft, ob ihre Seilpartnerin Gabi Fröhlich bereit ist, sie zu sichern, und steigt in die Route mit den großen, weißen Griffen im fünften Grad ein. Die Trainerinnen Katha Saurwein und Ines Kappacher schauen ihr von unten zu. 

Es ist ihre erste Route des heutigen Paraclimbing-Trainings, das wie immer donnerstags im Kletterzentrum Innsbruck stattfindet. In der Halle ist am frühen Nachmittag verhältnismäßig wenig los. Das Aufwärmen haben Gabi und Jasmin bereits hinter sich. Nun wollen sie nur noch eines: klettern. Mit schnellen, gekonnten Bewegungen steigt Jasmin nach oben und erreicht in Nullkommanix das Top. Heute machen ihre Arme und Beine, Hände und Füße das, was sie will. Das ist nicht immer der Fall.

Mitglieder des Paraclimbing Team Tirol und Kletterpartnerinnen: Jasmin Plank (l.) und Gabi Fröhlich 

Plötzlich krank

Seit sechs Jahren lebt Jasmin mit ihrem Handicap. Plötzlich sah die damals 23-Jährige alles verschwommen. Im Glauben, bloß eine Brille zu benötigen, besuchte sie ihre Augenärztin. Diese leitete sie an eine Neurologin weiter, da sie von einer Sehnerventzündung ausging. Man verschrieb ihr für vier Wochen Cortison. Das war Jasmins erste Sportpause. Denn normalerweise ging sie täglich mindestens zwei Stunden inlineskaten. „Ich brauchte das als Ausgleich zu meinem Job“, erzählt die Früherzieherin. Damals ging das noch.

Als sie sich nach einem Monat wieder auf die Rollen stellen wollte, ging nichts mehr. Sie hatte keine Kraft in den Beinen, schaffte es nicht, geradeaus zu fahren. Was sie anfangs auf die Medikamente zurückführte, bereitete ihr schließlich doch mehr und mehr Sorgen. Der Verdacht der Ärzte: Multiple Sklerose. Das wurde allerdings wieder verworfen. Seither lebt Jasmin mit dem Verdacht auf Tetraparese. Ganz genau weiß man es nicht. 

Mindestens einmal im Jahr geht Jasmin für intensive Untersuchungen ins Krankenhaus. Hinzu kommen regelmäßige Besuche bei ihrer Neurologin sowie Untersuchungen und Therapien, wenn es ihr nicht gut geht – etwa dann, wenn sie wieder einmal ganz plötzlich ein sogenannter Schub überkommt. Dieser kann sich in Krämpfen und Lähmungserscheinungen in den Beinen, Armen oder Händen äußern und unterschiedlich lange dauern. Jasmins letzter Schub verursachte extreme Kopfschmerzen und wurde von einer für die Erkrankung typischen Sehbeeinträchtigung begleitet. „Auch in diesen Phasen versuche ich, in die Kletterhalle zu gehen, um zumindest meine Partner zu sichern und mir ein Stück Normalität zu bewahren“, erzählt Jasmin. Die Kletterhalle ist ihr Kraftplatz, sagt sie. Dreimal in der Woche trainiert sie hier. 

Die Geburtsstunde

Jasmin ist eines von knapp 30 Mitgliedern in den noch jungen Paraclimbing Teams in Österreich. Seit etwas mehr als zwei Jahren gibt es die Mannschaft. Begonnen hat alles mit einer kleinen Gruppe im Raum Tirol und Vorarlberg auf Initiative des österreichischen Kletterverbands (KVÖ). Die Vorarlberger Sportpsychologin Madeleine Eppensteiner sowie Franzi und Katha Saurwein aus Tirol waren von der ersten Stunde an mit dabei. Die beiden Schwestern Franzi und Katha ergänzten sich als Ergotherapeutin bzw. Profi-Kletterin perfekt. Bereits die ersten Paraclimbing-Workshops in Wörgl stießen auf großes Interesse. Daraus entstand eine fixe Gruppe, die sich zu regelmäßigen Trainings traf. 

„Paraclimbing ist Klettern für Menschen mit Körper- oder Sinnesbehinderung“, erklärt Katha Saurwein, die Mitglied im österreichischen Boulder-Nationalteam ist. Gemäß dem Motto, jeder kann klettern, möchte man Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen zum Klettern bringen, damit sie die Faszination der Sportart erleben können. Vor einem Jahr wurde ein Nationalteam auf die Beine gestellt. Damals gab es noch keine Aufnahmekriterien. „Die einzigen Anforderungen an die Athleten waren, dass sie regelmäßig an den Stützpunkttrainings teilnahmen, zusätzlich noch selbstständig trainierten und die Motivation sowie Bereitschaft, Wettkämpfe zu bestreiten, mitbrachten“, erklärt Katha. An all dem fehlt es den Athleten nicht. „Sie sind extrem ehrgeizig, manchmal müssen wir sie eher bremsen“, erzählt die 30-Jährige. 

Ines Kappacher (l.) ist für die wöchentlichen Trainings in Tirol zuständig. Katharina Saurwein ist Trainerin des österreichischen Paraclimbing-Nationalteams. 

Flexibilität gefragt

Die ersten Trainings mit dem Paraclimbing-Team waren auch für die Trainerinnen sehr spannend und nicht immer leicht. Im Team sind Kletterer mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen – etwa mit Sehbehinderungen, neurologischen Erkrankungen, Querschnittlähmungen, Amputationen. „Wir mussten herausfinden, was die Athleten machen können und was nicht. Jemand, der kaum sieht, hat andere Bedürfnisse als ein Rollstuhlfahrer“, erzählt Katha. Auch wenn das Training noch so gut geplant war, musste man anfangs oft umdisponieren und Ersatzübungen einbauen. 

Hinzu kamen finanzielle Herausforderungen. Denn erst bei regelmäßiger, internationaler Wettkampfteilnahme steigen die Förderungen. Inzwischen hat das Team jedoch Sponsoren gefunden, sodass die wöchentlichen Stützpunkttrainings zumindest für ein Jahr gesichert sind. Auch das Niveau innerhalb des Teams variiert. Manche klettern schon sehr lange und sind durch einen plötzlichen Unfall zum Paraclimbing gekommen. Andere wiederum leben seit ihrer Geburt mit einer Beeinträchtigung und haben erst später mit dem Klettern begonnen – wie Gabi Fröhlich.

Mittlerweile sind die Trainerinnen Ines (zweite v. l.) und Katha (dritte v. l.) und ihre Athletinnen Jasmin (erste v. l.) und Gabi (vierte v. l.) ein eingespieltes Team. Am Anfang galt es für die Trainerinnen erst herauszufinden, was wer machen kann. 

„Das Adlerauge unter den Sehbehinderten“

Auf den ersten Blick ist nicht ersichtlich, was Gabi von den anderen Kletterinnen in der Halle unterscheidet. Mit routinierten Bewegungen seilt sie ihre Partnerin Jasmin Plank ab und steigt in ihre Schuhe, um die Route selbst zu probieren. „Weiße Griffe sind immer etwas schwierig“, erzählt sie später. „Sie heben sich kaum von der grauen Wand ab.“ Besser klettert Gabi in farbigen Routen, die durch den höheren Kontrast für sie deutlicher zu erkennen sind. 

Wenn Gabi spricht, wandern ihre hellblauen Augen ganz schnell von links nach rechts. Sie hat eine durch Albinismus bedingte Sehbeeinträchtigung. Sie sieht 20 Prozent auf beiden Augen. Die 28-Jährige hat trotzdem eine sehr gute Orientierung. „Ein früherer Trainer sagte mal zu mir, ich sei das Adlerauge unter all den Sehbehinderten“, erzählt die gebürtige Steirerin.

Rechter Arm auf zwölf

Gabi ist über den Blindensportverband zum Klettern gekommen. Sie hat zwar früher schon ein paar Kletterversuche gewagt, so richtig durchgestartet ist sie jedoch erst mit dem jetzigen Team vor zwei Jahren. Am Klettern mag sie die Bewegungsabläufe und, ihre Grenzen auszuloten. Das Entscheidende sind schließlich die Wettkämpf. „Ich bin jemand, der die Herausforderung braucht, und mag es, mich mit anderen zu messen. Erst wenn ich ein Ziel habe, bin ich motiviert“, erzählt Gabi. 

Bevor Gabi in eine Route einsteigt, schaut sie sich normalerweise die Abfolge der Griffe an und versucht, sie sich gut einzuprägen. Rund ein Drittel der Route kann sie sich merken, Top-Kletterer sind sogar fähig, sich an die komplette Griffabfolge zu erinnern. Seit Kurzem bauen Gabi und ihre Trainerinnen ein Headset in das Training ein, das vor allem bei Wettkämpfen helfen soll, den richtigen Weg nach oben zu finden. „Das war am Anfang noch ziemlich eigenartig, aber inzwischen finde ich es sehr hilfreich“, sagt Gabi. 

Nicht nur für die Kletterin war es gewöhnungsbedürftig, auch die Trainerinnen mussten erst eine Methode finden, ihren Athleten schnell verständliche Anweisungen zu geben. „Wir haben das Uhrensystem eingeführt, das mittlerweile sehr gut funktioniert“, erklärt die Nationalteamtrainerin Katha Saurwein. „Es geht darum, eine Kommunikation zu finden, die für beide Seiten passt.“ Wenn es beispielsweise heißt, „rechter Arm auf zwölf“, weiß Gabi genau, wo sich der nächste Griff befindet bzw. wohin sie greifen muss. 

Vor dem Einstieg in die Route geht Trainerin Ines (l.) mit der Athletin Gabi Fröhlich die Griffabfolge durch.

Der Traum von der Heim-WM

Beide – Jasmin und Gabi – haben heuer ein großes Ziel: die Heim-Weltmeisterschaft im Herbst. Seit zwei Jahren fiebern die Athletinnen dem Event entgegen. Für heuer muss das Nationalteam, und damit das WM-Team, erst aufgestellt werden. Dafür gilt es, gewisse Kaderkriterien zu erfüllen. Es zählen etwa Kraft- und Ausdauertests sowie Resultate bei Wettkämpfen. 

„Die Aussicht, einen Platz im Nationalteam zu bekommen, motiviert mich extrem“, sagt Gabi. „Ich möchte unbedingt dabei sein.“ Dabei ist Jasmin ihr großes Vorbild. Sie hat sich nämlich bereits durch ihre hervorragende Leistung ein Ticket für die WM gesichert. „Ich hätte es mir nie erträumt, bei einer Kletter-WM teilzunehmen. Das ist ein Stück weit das Positive an meiner Krankheit, ohne die ich nicht in den Leistungssport gekommen wäre“, sagt Jasmin. „Klettern ist jetzt meins. Es gibt mir Kraft.“ 

Motiviert an der Kletter-WM im Herbst in Innsbruck/Tirol teilzunehmen, geben die Paraclimber im Training alles.

Das Therapieklettern während der Reha war es auch, das ihr den Weg ins Paraclimbing geebnet hat. Als sie noch nicht in der Lage war, geradeaus zu gehen, konnte sie sich bereits in der Senkrechten am Seil gut fortbewegen. Und Jasmin ist eine Kämpferin. „Aufgeben war nie eine Option.“ Jasmin weiß nicht, wohin sie ihr Weg noch führt – oder wann der nächste Schub kommt. Das Inlineskaten musste sie aufgeben, dafür hat sie eine neue Sportart entdeckt. Nun will sie eine Vorreiterin sein und zeigen, was alles geht, auch mit Handicap.

Paraclimbing – gut zu wissen:

Der ersten ISFC Paraclimbing-Wettkämpfe fanden im Jahr 2006 in Ekaterinburg in Russland statt. Seit 2010 ist Paraclimbing fixer Bestandteil des ISFC Wettkampfkalenders. Die erste Weltmeisterschaft wurde in Arco am 18./19. Juli 2011 ausgetragen. 2017 gab es erstmals eine österreichische Meisterschaft. Die Paraclimbing-Weltmeisterschaft findet gleichzeitig mit der Kletter-Weltmeisterschaft statt, sodass auch im Herbst in Innsbruck Paraclimbers am Start sind.


Drei Kategorien

Die Athleten werden je nach Art und Ausprägung ihres Handicaps in drei verschiedene Kategorien mit jeweils weiteren Unterkategorien eingeteilt, um eine Vergleichbarkeit der sportlichen Leistungen zu gewährleisten. Kategorie A: Amputationen und Querschnittlähmungen; Kategorie B: Athleten mit Sehbehinderung; Kategorie C: neurologische Erkrankungen (Abkürzung RP). Jede Kategorie ist in weitere Unterkategorien unterteilt.

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