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Fliegen, gleiten, kämpfen!

Blick hinter die Kulissen

Fliegen, gleiten, kämpfen!

sport.tirol begleitet die ÖSV-Kombinierer beim Wettkampftraining in Seefeld.

Text: Klaus Erler, Bild: Stefan Voitl

Ein Trainingstag mit dem ÖSV-Team der Nordischen Kombinierer in Seefeld zeigt: Nicht nur die Wettkämpfe der Kombinierer sind hart, auch die Trainingsvorbereitung für den Weltcup der Nordischen Kombination hat es in sich.

Dass sich Seefeld auf Großes vorbereitet, ist deutlich zu sehen und zu spüren: Im ganzen Ort stehen Security-Mitarbeiter in gelben Jacken, sie dirigieren den bereits am heutigen Donnerstag vor den Wettkämpfen spürbar erhöhten Verkehrs- und Besucherstrom in die richtigen Bahnen. An den Wettkampfstätten, dort wo von Freitag, 26. Jänner 2018 bis Sonntag, 28. Jänner 2018 der Weltcup der Nordischen Kombination als Nordic Combined Triple und Generalprobe für die SKI-WM 2019 stattfindet, verdichtet sich diese Energie noch einmal. 

Instandhaltungsarbeiten auf der Aufsprungfläche der Normalschanze in Seefeld während des Trainings

Kettensägen gegen den Schnee

Große Bagger versuchen, die Schneemassen, die ein tief winterliches Wetter in den letzten Tagen zurückgelassen hat, umzuschichten. Bundesheerangehörige rücken mit Kettensägen gegen meterhohe Schneewände am Straßenrand vor. Morgen muss der Weg zu den Toni-Seelos-Schanzen und zum Start/Ziel-Bereich der Wettkampfloipen frei sein. Die Arbeiten gehen zügig voran, obwohl sich die WM-Sportstätten noch im Umbau befinden und deshalb vieles, was an Wegen und Infrastruktur bisher funktionierte und galt, neu organisiert wird. 

Container stehen herum, ein teilweise unterirdisches Wege- und Röhrensystem verbindet die Sprungschanzen mit den Loipen. Die erwarteten Besucherströme werden sich dennoch nirgendwo stauen, das ist der fixe Plan. Und auch die vielen Verköstigungsstände, die ebenfalls gerade aufgebaut werden, dürfen nicht zum Nadelöhr werden. Im Auslaufraum der Schanzen entstehen jetzt Bühnen, Kameras werden positioniert und hektische Durchsagen in die omnipräsenten Funkgeräte gerufen. 

Ein dramatischer Sport

Zehn Uhr: Ein dumpfes Geräusch ertönt, ein lautes Flirren der Skikanten folgt: Die frühen Trainingsbesucher richten ihre Blicke ruckartig weg von den bereits geöffneten Kiosken hin zum Zielraum der Toni-Seelos-Schanzen: Der ÖSV-Kombinierer Bernhard Flaschberger hat mit seinem Sprung, der an die 90-Meter-Grenze heranreicht, das Training eröffnet. Und gleich schon eines gezeigt: Der Skisprung der Nordischen Kombinierer wirkt im TV nicht annähernd so dramatisch wie in Wirklichkeit. "Welche Kräfte im Training und Wettkampf auf die Sportler einwirken, erlebt nur, wer im Zielraum Zeuge der gewaltigen Geschwindigkeit wird, mit der Skispringer nach ihrem bis zu 100 Meter weiten Flug auf das Ende der Piste zurasen", staunt ein deutscher Tourist, der extra für die Wettkämpfe angereist ist und selbst das Training interessiert verfolgt.  

Insgesamt 55 internationale Athleten werden am heutigen Donnerstagvormittag in zwei Trainingsdurchgängen die Normalschanze austesten. Kurz nach Mittag folgt dann ein provisorischer Wertungsdurchgang, der sogenannte "Pocket Jump". Die Ergebnisse dieses Sprungs sind nur dann für das Gesamtergebnis relevant, wenn die Witterung das Austragen der Sprünge an den kommenden Wettkampftagen unmöglich macht. Angesichts der Sonne, die Seefeld heute in ein strahlendes Winterlicht taucht, ist das nicht zu befürchten. Beste Bedingungen also für die elf Nordischen Kombinierer des ÖSV rund um Bernhard Gruber, Willi Denifl, Lukas Klapfer und Mario Seidl.

Fan aus Deutschland in Seefeld:

"Welche Kräfte im Training und Wettkampf auf die Sportler einwirken, erlebt nur, wer im Zielraum Zeuge der gewaltigen Geschwindigkeit wird, mit der Skispringer nach ihrem bis zu 100 Meter weiten Flug auf das Ende der Piste zurasen."  

Dichtgepackter Trainingskalender

Sie alle sind gestern gemeinsam mit Cheftrainer Christoph Eugen, Sprungtrainer Christoph Bieler und Langlauftrainer Jochen Strobl noch spätabends nach Seefeld angereist. Jetzt absolvieren sie nach dem Frühstück bereits den dritten Fixpunkt im dichtgepackten Trainingskalender. Gestartet wurde noch am Mittwochabend. Neue, maßgeschneiderte Sprunganzüge mussten ungeachtet der späten Stunde angepasst werden. Das ist vor allem für die Trainer eine große Herausforderung, da Wettkampfanzüge nur zugelassen werden, wenn sie dem Sportler genau passen und nicht zu weit sind. Weisen Anzüge eine zu geringe Luftdurchlässigkeit auf, können sie auch zur Disqualifikation des Sportlers führen. 

Entspannte Stimmung 

Im Umkleideraum im ersten Stock des Hauptgebäudes instruiert Trainer Christoph Bieler die ersten der bereits gesprungenen ÖSV-Sportler, während der Platzsprecher draußen die aktuellsten Sprungweiten durchgibt und mit den aus dem Lautsprecher schallenden Pop-Hits um die akustische Vorherrschaft kämpft. "Schau mal, wo deine Hände umgehen", versucht Bieler gemeinsam mit dem Nordischen Kombinierer Mario Seidl, noch letzte Unregelmäßigkeiten im Stil auszumachen, und zeigt dazu am Laptop die detaillierte Sequenz von Seidls erstem Sprung. Im übrigen Raum herrscht in der Zwischenzeit ein großes Kommen und Gehen: Sportler schälen sich rasch und mit großer Erfahrung aus ihren engen Anzügen, die zwischen den Trainingsdurchgängen in der Kabine aufgehängt bleiben. 

An Wettkampftagen beginnt hier hinter der Umkleideraumtür die geschützte Zone, in der die Athleten endlich unbeobachtet von Foto- und Filmkameras ihren Gefühlen freien Lauf lassen können. Heute spielt das keine Rolle, alle sind entspannt. Enttäuschung oder Freude über den Ablauf des Trainingssprungs merkt man maximal an der Energie, mit der die Garderobentür zugemacht wird. Die österreichischen Sprungski, die von zwei nebenan untergebrachten Servicetechnikern vorbereitet werden, sind unter den Schnellsten, die Weiten entsprechend, die Stimmung ist zu Recht gelöst. 

Ähnlich unaufgeregt geht es einige hundert Meter weiter, direkt an der bestens präparierten Wettkampf-Loipe, zu. In Sichtweite zur Start- und Zielgerade steht ein großes Servicefahrzeug- und Containerfeld. Hier hat sich auch das zehnköpfige Langlauf-Serviceteam des ÖSV eingerichtet. In den beiden ÖSV-LKW ist es angenehm warm und hell, Wachsgeruch, der sich in den letzten Jahrzehnten in seiner olfaktorischen Grundstruktur nicht essenziell gewandelt hat, liegt in der Luft. An der Wand des Service-LKW 1 stehen nach Marken geordnet rund 300 Paar Ski für elf Athleten, beschriftet sind sie mit nur von Profis lesbaren Zeichen und Kürzeln, die unter anderem Hinweise auf mögliche Temperatur-Einsatzgebiete geben.

Servicetechniker Guido Scheiber sorgt  für schnelle Ski. 

Servicetechniker Guido Scheiber erklärt den zentralen Aufgabenbereich seines Teams: "Wir achten darauf, dass die Langlauf-Ski unserer Sportler im Rennen nicht nur schnell, sondern so schnell wie möglich sind." Damit das funktionieren kann, müssen viele einzelne Aktionen perfekt getimt werden. Bereits im vorangegangenen Sommer wurden deshalb die fabrikneuen Langlaufski mit einem Belaggrundschliff versehen. Für den heutigen Trainingstag suchen zwei Servicemitarbeiter den ganzen Vormittag über jene Exemplare heraus, die unter den aktuellen Bedingungen - sehr kalter Schnee um minus sieben Grad - schon vom Skiaufbau her am besten gleiten. Guido Scheiber begibt sich in der Zwischenzeit auf die Jagd nach dem richtigen Wachs. Auf 30 Testskiern werden unterschiedliche Wachsstrukturen aufgetragen, eine Arbeit, die das Anlegen einer Gasmaske erfordert, da das pulverisierte Spezialwachs im Moment des Erhitzens toxisch wird. Jeder einzelne der so bearbeiteten Ski wird von Scheiber auf einer rund 200 Meter langen Strecke auf seine Gleitfähigkeit überprüft. Ein einziger Tester legt so an einem Wettkampftag zwischen 20 und 40 Kilometer zurück. 

Guido Scheiber über die Schwierigkeiten, die sich den Servicetechnikern dabei in den Weg stellen können: "Manchmal lässt sich das schnellste Wachs sofort zweifelsfrei bestimmen, manchmal wird die Auswahl aus ähnlich guten Wachssorten aber auch zur stundenlangen Tüftelei." Erst wenn der passende Ski samt schnellstem Wachs gefunden wurde, kann im zweiten Servicetruck noch eine spezielle Handstruktur auf das Wachs aufgebracht werden, die den Ski noch einmal schneller macht. 

Wieder zurück auf der Toni-Seelos-Schanze ist gegen 13 Uhr der Pocket Jump zu Ende gegangen. Bester Österreicher ist heute Lukas Klapfer auf dem sechsten Platz. Dieses Trainingsergebnis stimmt den steirischen Kombinierer vorsichtig optimistisch. Später wird sich zeigen, dass Mario Seidl als Zehnter zum besten ÖSV-Kombinierer der Wettkämpfe in Seefeld geworden ist. Lukas Klapfer wird trotz guter Langlaufleistung nur auf Platz 14 landen. Noch liegt dieses Endergebnis jedoch drei Tage in der Zukunft, weit präsenter ist die Mittagszeit.

Unkomplizierte Esser

Die ÖSV-Sportler sind im Hotel Hochland in Seefeld untergebracht, dort treffen sie sich jetzt zu einem kurzen Mittagessen. Für den Hotelchef Johann Seelos sind die Athleten unkomplizierte Gäste: "Die nordischen Kombinierer ernähren sich kaum anders, als es der normale gesundheitsbewusste Gast machen würde. Zu Mittag und am Abend benötigen sie allerdings kohlenhydratreiche Speisen." Wichtig sind dabei Nudeln und Reis. Dazu kombinieren die Sportler Rind-, Puten- und Hühnerfleisch, auf Schweinefleisch wird verzichtet. Salate und Gemüse kommen vom Buffet, ebenso wie Vorspeisen, Suppen und Desserts. Zum Trinken werden Fruchtsäfte und Wasser serviert. 

Kohlenhydratreiches Mittagessen: Die ÖSV-Kombinierer Paul Gestgraser und Thomas Jöbstl stärken sich, bevor es am Nachmittag weitergeht.

Nicht alle ÖSV-Sportler können sich allerdings heute die Zeit nehmen, dieses Mittagessen zu genießen. Bereits um 14.30 Uhr gilt es, den nächsten Fixpunkt auf dem Trainingsplan abzuhaken: In der Seefelder WM-Halle stellen sich Lukas Klapfer, Willi Denifl, Mario Seidl und Bernhard Gruber den Fragen der zahlreichen Journalisten. Der Medienbetreuer der Nordischen Kombination, Clemens Derganc, moderiert das Gespräch, in dem Cheftrainer Christoph Eugen die Teamform als teilweise noch nicht dem Niveau des letzten Jahres entsprechend diagnostiziert. Die Athleten zeichnen den großen Traum Olympia vor und schätzen die eigenen Chancen am kommenden Weltcup-Wochenende vor allem auch auf der Schanze als gut ein.

In der Seefelder WM-Halle stellen sich die ÖSV-Kombinierer bei einer Pressekonferenz den Fragen der Journalisten.

Vollgas erst am Wochenende

Im Anschluss an diese Pressekonferenz führt ein ruhiges Langlaufabschlusstraining das gesamte Team wieder zusammen. In diesem Training wird von den Sportlern darauf geachtet, möglichst keine Energie zu verschwenden, weil - wie Vorzeigeläufer Lukas Klapfer beim Anschnallen seiner Ski festhält - "Vollgas eh am Wochenende kommt". Dieses Training dient vor allem der Auflockerung und Streckenbesichtigung, nur wenige Sportler gehen heute in die Wettkampfvorbelastung. Die Strecke ist insgesamt 2,5 Kilometer lang, wird in den Wettkampftagen bis zu sechs Mal hintereinander durchlaufen und entspricht der offiziellen WM-Strecke von 2019. Sie hat sich gegenüber den letzten Jahren stark verändert und besitzt nun längere Flachpassagen, die für das Team zur taktischen Herausforderung werden können. Aktuell wird jedoch entspannt gelaufen, soll das Nachmittagstraining doch auch einen guten Gegenpol zum eher statischen Sprungtraining des Vormittags bieten. Das Lauftraining am Nachmittag dauert 30 bis 60 Minuten. Danach ist Zimmerstunde, die auch dafür genützt wird, die abendlichen Massagezeiten mit dem mitreisenden Team-Physiotherapeuten auszumachen.

Um 19 Uhr folgt das Abendessen, im Anschluss daran geht der Sprungtrainer mit den Sportlern noch einmal einzeln die Videosequenzen der Trainingssprünge durch. Danach ziehen sich die Athleten früh in die Doppelzimmer zurück, wo sie sich – jeder auf seine Art – auf die morgigen Wettkämpfe vorbereiten. Fernsehen, Computer spielen, auf der Couch liegen, alles ist erlaubt, was entspannt. Morgen ist ein großer Tag, dem die Athleten am besten ausgeruht begegnen. 

Nach dem harten Trainingstag bekommt der Kombinierer Lukas Klapfer eine Massage vom Physiotherapeuten Gernot Landerer. © Clemens Derganc

Nordic Combined Triple:

Das Nordic Combined Triple wird seit 2014 in Seefeld ausgetragen. Am ersten Wettkampftag werden dabei ein Sprung und ein Fünfkilometerlauf ausgetragen. Am zweiten Wettkampftag findet ein Sprung und ein Zehnkilometerrennen statt, das Teilnehmerfeld ist dabei bereits auf die besten 50 Athleten aus der Freitagwertung reduziert. Die Punkte- und Zeitdifferenzen werden für die Startreihenfolge und die Gesamtwertung übernommen. Am letzten Wettkampftag starten nur noch die besten 30 Athleten. Diese absolvieren einen Sprung und laufen 15 Kilometer

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