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Sölden: Berg der Extreme

Skiweltcupauftakt

Sölden: Berg der Extreme

Weltcupsieg und Kreuzbandriss – Tirols Skiass Niki Hosp hat am Rettenbachferner im Ötztal alles erlebt.

24 Jahre lang war Niki Hosp im Skizirkus Zuhause.

Heute verfolgt die ehemalige Skirennfahrerin den Weltcup als Zuschauerin.

Noch immer trainiert die Tirolerin fast täglich.

Text: Eva Schwienbacher, Bild: Fritz Beck, GEPA

Am Söldner Gletscher hat Tirols Skiass Niki Hosp große Erfolge gefeiert, aber auch Schockmomente erlebt. Heute verfolgt sie das Auftaktrennen als Zuschauerin und weiß genau, was den Athleten unmittelbar vor dem Saisonstart durch den Kopf geht.

Die Zeit vor dem allerersten Rennen war für Niki Hosp immer die unangenehmste. „Man trainiert monatelang und gibt tagtäglich sein Maximum und doch weiß man, dass es Schwachstellen gibt, an denen man noch weiter und weiter schrauben könnte.“ Auch die steigende Nervosität der Trainer, die aufgrund der langen Rennpause unter Hochspannung stehen, bekommt man als Sportler zu spüren. Fragen wie „Wo steht mein Athlet und wo die anderen Skirennläufer?“ beschäftigen das Trainerteam unmittelbar vor dem Weltcupauftakt. „Man freut sich dann einfach nur darauf, sich endlich wieder messen zu können.“ 

Niki Hosp genießt ihre gewonnene Freiheit zum Beispiel am Heiterwanger See. Ihre Hündin Leila hält sie auf Trab. 

Kniebeugen und Hanteln

24 Jahre lang war Niki Hosp im Skizirkus zu Hause. In dieser Zeit startete sie bei fast 300 Weltcuprennen, holte zwölf Weltcupsiege, 57 Podestplätze und war über 130 Mal unter den besten zehn. Vor einem Jahren hat die 33-Jährige ihre Karriere beendet. Und doch trainiert sie immer noch fast täglich im lichtdurchfluteten Kraftraum in ihrem Haus in Bichlbach. „Wenn man von klein auf Sport betreibt, verlangt der Körper automatisch nach Bewegung“, sagt Hosp. Neben klassischen Trainingsgeräten für die Schnellkraft und Kraftausdauer steht Niki Hosp Maßgeschneidertes aus der Zeit ihrer aktiven Phase zur Verfügung, das ihr Vater, der Schmied ist, angefertigt hat.

Anders als vor zwei Jahren noch kann sie heute beim Gewichtestemmen auf ein paar Kilos verzichten, ebenso auf zig Kniebeugen. Und das genießt sie. „Ich habe meine Karriere zu einem Zeitpunkt beendet, der für mich perfekt war“, erzählt Niki Hosp. „Ich bin körperlich fit und kann nach wie vor Sport betreiben, was mir unglaublich wichtig ist.“ Erst durch den Blick von außen wurde ihr bewusst, was ihr Körper und Geist als Skiprofi leisten musste. „Man steht permanent unter Druck, muss ständig Höchstleistungen erbringen – selbst im Training.“ Hinzu kommen der Rennstress und das Reisen. „Man hat einen schweren Rucksack zu tragen, dessen Gewicht man erst bemerkt, wenn man ihn abnimmt.“ 

Alles oder nichts

Als Rennläuferin brauchte Niki Hosp die Konkurrenz, um mit Höchstgeschwindigkeit den Hang runter schießen zu können. „Ich war immer eine Rennsau. Nur wenn ich wusste, dass es um etwas ging, konnte ich all meine Kräfte mobilisieren.“ Die Tirolerin war oft für Überraschungen gut. Schon bei ihrem ersten Weltcuprennen holte sie sich mit der Startnummer 36 und einem elften Platz im ersten Durchgang den Sieg, zeitgleich mit zwei anderen Skiläuferinnen. Damals war Niki Hosp 18 Jahre jung, ihre Leistung am Rettenbachferner eine Sensation.

Doch auch für Schockmomente sorgte Hosp am Gletscher in Sölden. Zwei Mal endete ihr Weltcupauftaktrennen aufgrund heftiger Stürze im Rettungshubschrauber. Im Jahr 2009 verletzte sie sich sogar so schwer, dass sie die Saison frühzeitig beenden musste. „Mit Sölden verbindet mich eine Hassliebe – wobei die Liebe überwiegt“, sagt die ehemalige Spitzenathletin. „Auf diesem Berg habe ich mich oft geärgert. Andererseits bescherte er mir einen Weltcupsieg zu einer Zeit, in der niemand damit gerechnet hatte. Das sind Momente, die man als Sportler niemals vergisst.“ 

Bauchgefühl

Die Wettkämpfe führten die Athletin in Skigebiete rund um den Globus. Besuche daheim im Außerfern waren selten. Umso wichtiger war es für Niki Hosp, die verbleibende Zeit mit ihrem Freund, ihrer Familie und Hündin Aila zu verbringen. Ihr Zuhause in Tirol war ihr Rückzugsort. Hier konnte sie durchatmen und Energie tanken. Die Berge und Wiesen, die im Winter meist unter einer dicken Schneedecke liegen und auf denen sie bereits als kleines Kind ihre Schwünge zog, gaben ihr die Kraft, die der Skisport erforderte. Hier fand sie die nötige Ruhe und wieder zu sich.

„Als Spitzenathletin steht man permanent unter dem Einfluss von Trainern, Beratern, Betreuern oder den Medien. Die Gefahr ist groß, von Fremden bestimmt zu werden.“ Im Laufe ihrer Karriere musste Niki Hosp erst wieder lernen, auf ihre innere Stimme zu hören. „Sobald ich meinen eigenen Weg einschlug, stieß ich natürlich auf Widerstand. Doch ich erkannte, dass ich mich auf mein Bauchgefühl verlassen konnte.“

Plötzliche Freiheit

Heuer startet Niki Hosp in ihren zweiten rennfreien Winter, der inzwischen auch ohne Wettkämpfe mit Terminen gefüllt ist. Unmittelbar nach ihrer Karriere konnte sie sich ihre Zukunft abseits der Piste noch nicht so recht vorstellen. „Nach dem Aus war ich zunächst erleichtert, dann kam das große Fragezeichen“, erzählt Hosp. Sie wusste zwar genau, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte, war sich aber auch bewusst, dass ihr der Erfolgsrausch und Adrenalinkick fehlen würden. Um keine Leere entstehen zu lassen, füllte sie ihr Leben mit neuen Projekten rund um den Skisport.

Niki Hosp genießt es, endlich mehr Zeit daheim zu verbringen.

Unter dem Namen „Skimotions“ bietet die Sportlerin Skitage an. Zudem begleitet sie Gäste zum Heliskiing nach Kamtchatka in Russland. Auch privat ist Niki Hosp regelmäßig auf der Piste anzutreffen. „Wann immer ich Zeit habe, schnalle ich mir die Bretter an und fahre für zwei, drei Stunden – immer noch mit Vollgas“, erzählt Niki Hosp. Und selbstverständlich verfolgt sie auch interessiert die Rennen ihrer ehemaligen Kollegen. Besonders gespannt ist die Weltmeisterin von Are auf das bevorstehende Weltcupwochenende auf „ihrem Berg der Extreme“. Das bedeutete für sie immer: „Jetzt geht es wieder los.“

Wordrap mit Niki Hosp

 Als Skirennläuferin in Tirol ...

.. kann man einfach nur gut werden. 

Meinem 15-jährigen Ich rate ich ...

.. vertraue auf dich, suche deinen Weg, höre auf dein Bauchgefühl, aber stelle dich nicht quer. Kämpfe, wenn du dir sicher bist, und höre auf, wenn du zweifelst.

 Die wichtigste Erfahrung während meiner Karriere war ...

.. aufgeben gibt es nicht.

In den nächsten Jahren will ich ...

.. weiterhin meine Skitage und Heliskiing anbieten, hin und wieder für die Zeitung schreiben und Rennen kommentieren, gesund bleiben und sicherlich für Skinachwuchs sorgen.

 Der Titel meiner Autobiografie würde lauten ...

.. wo ein Wille, da ein Weg.

Die Allrounderin

Niki Hosp (1983) stammt aus Bichlbach in Tirol. Sie begann ihre Karriere im Skiverein Bichlbach und ging ab dem Jahr 2000 für den Österreichischen Skiverband (ÖSV) an den Start. Sie war im Weltcup zunächst auf Slalom und Riesenslalom spezialisiert und startete ab 2006 in allen Disziplinen. In jeder gewann sie mindestens eine Medaille bei Großveranstaltungen. 2007 wurde die Allrounderin zu Österreichs Sportlerin des Jahres gewählt. Ihre größten Erfolge: Olympia: Silber im Slalom (2006) und Super-Kombination (2014), Bronze im Super-G (2014), WM: Gold Riesentorlauf (2007) und Teambewerb (2013 und 2015), Silber in der Kombination (2003 und 2015) bzw. im Teambewerb (2005), Bronze im Slalom (2003), in der Abfahrt (2007) und Super-Kombination (2013); Weltcup: Gesamt- und Disziplinsiegerin im Riesentorlauf (2007), Gesamtzweite (2008), 12 Siege (5 Riesentorlauf, 5 Slalom, je 1 Super-G und Super-Kombination); Junioren-WM: Bronze Abfahrt 2002;

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