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Die jungen Wilden kommen!

Rennrodeln auf Naturbahnen

Die jungen Wilden kommen!

Treffen mit dem Nachwuchs der Naturbahnrodler auf der Grantaubahn in Umhausen.

Text: Eva Schwienbacher, Bild: Stefan Voitl

Manchmal können Junioren so richtig ärgern - warum das so ist und wieso das auch gut sein kann, erfährt sport.tirol beim Training der Junioren auf der Grantaubahn in Umhausen. 

Es ist bereits dunkel, als sieben Nachwuchsathleten des Österreichischen Rodelverbands (ÖRV) wie immer mittwochs ihr Training auf der Grantaubahn im Ötztal starten. Wie gewohnt geht es mit der Besichtigung der 955 Meter langen Naturbahn vom Ziel zum Start los. Im hellen Schein der Flutlichter stapfen fünf Junioren und zwei Rodlerinnen der Jugendklasse Richtung Starthaus. Hat sich das Eis seit dem letzten Training verändert? Ist es härter oder weicher geworden? Sind Löcher in der Bahn? Antworten auf solche Fragen gilt es nun, aus dem glitzernden Glatteis herauszulesen. 

Das Eis knirscht laut unter ihren Füßen, die in silberfarbenen festen Schuhen stecken. Die jungen Rodler tragen einen Rennanzug und darüber einen warmen Pullover oder eine Jacke, einen Vollschalenhelm mit Skibrille sowie mit Spikes versehene Handschuhe. Immer wieder bleiben sie in einer der zwölf Kurven stehen, streifen mit den Schuhsohlen über den Untergrund und simulieren Lenk- und Bremsbewegungen. "Das Eis ist etwas weicher als sonst", sind sie sich einig. Für die Junioren ist es das letzte Training vor dem großen Weltcupfinale am Wochenende in Umhausen. 

Die Bahnbesichtigung ist ein Fixpunkt beim Training der Junioren.

Spektakulärer Sport

"Heimrennen sind immer etwas Besonderes", sagt die Juniorin Vanessa Markt. Seit vier Jahren fährt sie in dieser Klasse. Sukzessive hat sie sich in der Wertung nach vorne gearbeitet. Die 17-Jährige aus Sautens, einem Nachbardorf von Umhausen, kennt die Grantaubahn in- und auswendig. Es ist quasi ihre Heimstrecke. Doch Heimrennen haben nicht immer nur Vorteile. "Die Eltern schauen einem zu und die Erwartungen sind höher. Da steigen der Druck und die Nervosität", erzählt die Rennrodlerin. Ihr großes Ziel ist es, einmal im Weltcup mitzufahren. "Und natürlich Weltmeisterin zu werden." Wenn sie das sagt, wirkt sie ehrgeizig, aber nicht verbissen. 

Neben dem Singen ist das Rennrodeln Vanessas große Leidenschaft. "Wir fahren auf blankem Eis mit hoher Geschwindigkeit. Es ist viel schwieriger, als die meisten glauben", erzählt Vanessa. "Der Sport ist vielleicht nicht so populär wie andere Sportarten. Dabei sind die Rennen für die Zuschauer extrem spektakulär." Schließlich ist es auch das Familiäre, das sie an ihrem Sport mag. Ihr älterer Bruder Florian fährt auch für die Junioren, ihr Vater Manfred Markt begleitet sie als Betreuer zu Trainings und Wettkämpfen.

Rodeln ist eine Familienangelegenheit: Florian und seine Schwester Vanessa fahren für das ÖRV-Juniorenteam. 

Vater Manfred Markt, Betreuer im ÖRV, funkt Anweisungen an die Athleten.  

Auch andere Väter sind an diesem Trainingstag vor Ort. Wie Fußballeltern warten sie im Zielbereich, den Blick auf die Anzeigentafel mit der Rennzeit gerichtet. Ebenfalls im Zielgelände anzutreffen sind Bruno und Gerald Kammerlander. Letzterer ist ehemaliger erfolgreicher Naturbahnrodler und seit 2013/2014 Sportdirektor der Naturbahnrodler im ÖRV. Auch bei dem ehemaligen Spitzensportler ist Rodeln eine Familienangelegenheit: Sein Vater Bruno ist Obmann der Sektion Rodeln im SV Umhausen und OK-Chef, sein Bruder Thomas derzeit bester Naturbahnrodler.

Das Ötztal, ein Rodelzentrum

Doch nicht nur bei den Kammerlanders hat Naturbahnrodeln Tradition. "Das Ötztal war immer schon eine wahre Rodelhochburg", erzählt Bruno Kammerlander. Im Jahr 1998 wurde die Grantaubahn gebaut, 1999 wurde das erste internationale Rennen ausgetragen, seit 2003 befindet sich hier das Bundesleistungszentrum West. Seit Jahren ist Umhausen Fixveranstalter für nationale und internationale Bewerbe, darunter Welt- und Europameisterschaften, Weltcuprennen, Tiroler- und Österreichische Meisterschaften. Zudem gilt das Zentrum als beliebte Trainingsstätte sowohl für Anfänger als auch für das österreichische Nationalteam.

Die Jungen fürs Rodeln begeistern 

Gerald Kammerlander ist für Organisatorisches - von der Trainingsplanung über die Quartiersuche und Trainerauswahl bis hin zur Kaderaufstellung - in allen Altersklassen zuständig. Die Nachwuchsarbeit im Naturbahnrodeln in Österreich hat einen hohen Stellenwert: "Die Schülerklassen der Naturbahnrodler werden von den Vereinen und den Landesverbänden betreut. Die stärksten Verbände sind der Tiroler und der steirische. Ab der Juniorenklasse, sprich ab dem 14. Lebensalter, kommen die Besten in die Obhut des ÖRV." Um die Jungen für den Sport zu begeistern, gab es in der Vergangenheit mehrere Schulprojekte. Federführend in der Nachwuchsarbeit sei die Steiermark, erzählt Gerald Kammerlander. An zweiter Stelle stehe Tirol. "Der große Trumpf der Naturbahn ist, dass wir in sieben von neun Bundesländern vertreten sind", sagt der Sportdirektor.

Wie alle Sportverbände muss der ÖRV heute - anders als vor 20 Jahren noch - aktiv Nachwuchs akquirieren. "Man muss in die Kindergärten und Schulen gehen und das ganze Jahr über eine Rundumbetreuung bieten. Das erwarten sich die Eltern von einem Sportverein", erzählt Kammerlander. So kümmert sich beispielsweise ein eigener Betreuer um die Trainings im Sommer, wenn es zwar keinen Schnee gibt, aber dafür zahlreiche andere Bewegungsmöglichkeiten.

Die Grantaubahn gilt als technisch anspruchsvoll.

Bruno (oben) und Gerald Kammerlander im Ziel der Grantaubahn. 

Finanzielle Einstiegshürden beseitigen

Auch auf internationaler Ebene wird großer Wert auf Nachwuchsarbeit gelegt. Der Internationale Rodelverband (FIL) setzt gezielt Maßnahmen, um mögliche Einstiegshürden aus dem Weg zu räumen. So wurde vor vier Jahren eine Umstellung des Materials beschlossen, die nächsten Winter greift. "Das Sportgerät wird günstiger und weniger spezialisiert", erklärt Gerald Kammerlander. "Im Kinderbereich ähnelt die Rodel künftig mehr einer Tourenrodel, sprich einer klassischen Freizeitrodel." Eine Rennrodel für Kinder, die aktuell rund 1.600 Euro teuer ist, soll künftig zwischen 600 und 700 Euro kosten. 

Doch nicht nur der Kostenfaktor war ein Grund für die Umstellung. Das Sportgerät soll schneetauglicher werden, um bestehende Rodelbahnen für den Freizeitsportler mitbenutzen zu können. "Rodeln ist ein Traditionssport im Alpenraum, speziell in Tirol, Bayern und Südtirol. Auch das touristische Rodeln boomt. Jedes Skigebiet baut eine Rodelbahn", sagt Gerald Kammerlander. "Die Verbindung zwischen Naturbahnrodeln und Tourismus gilt es, noch weiter zu stärken."  

Ergebnisse, Ehrgeiz und Freude zählen

Die jungen Athleten, die heute in Umhausen trainieren, sind bereits Feuer und Flamme fürs Naturbahnrodeln. Am Starthaus angekommen, gehen die Fahrten gleich los. Im Startbereich liegt ein Funkgerät im Eis, das die Rodler mit Bruno Kammerlander, der sich im Ziel befindet und die Athleten zum Start berechtigt, verbindet. Florian Markt bringt sich und seine Rodel als Erster in Stellung. Er greift zum Funkgerät. "Bruno, für Start kommen", tönt es aus dem Funkgerät. "Florian am Start", antwortet Florian Markt. "Start frei", heißt es wenige Sekunden später.

Zweimal zieht sich Florian kräftig vor und zurück, ehe er sich aus dem Starthaus katapultiert. Mit sogenannten Paddelschlägen beschleunigt er noch ein paar Meter, dann drückt er den Oberkörper flach zurück. Mit hoher Geschwindigkeit rast er auf die erste Kurve zu, um die er sich mit einer gekonnten Hand- und Fußbewegung steuert. Florian Markt ist zu diesem Zeitpunkt Bester in der Gesamtwertung. Er hat nur einen kleinen Vorsprung auf seinen größten Konkurrenten und Teamkollegen Fabian Achenrainer. Was beide in diesem Moment noch nicht wissen: Fabian wird es am Wochenende schaffen, Florian zu überholen und Gesamtweltcupsieger zu werden. 

Die Bestzeit der Junioren auf der Grantaubahn, die als technisch anspruchsvoll gilt, liegt bei einer Minute, dreizehn Sekunden und 20 Hundertstelsekunden. Um es als Athlet in das Team der Junioren im ÖRV zu schaffen, sind gute Ergebnisse natürlich wichtig, aber nicht allein entscheidend, sagt Gerald Kammerlander: "Noch viel wichtiger ist das Umfeld: der Verein, das Elternhaus, aber auch der Ehrgeiz und die Freude des Naturbahnrodlers. Es gibt genug Beispiele dafür, dass letztlich auch jene erfolgreich sein können, die im Kindes- und Jugendalter nicht unter den Topathleten waren." Das sei auch bei ihm selbst der Fall gewesen.

Riccarda Ruetz vom Jugendteam des SV Oberperfuss geht vor dem Start noch einmal die Strecke durch.

"Ob groß oder klein - jeder kann Erfolg haben"

Was die körperlichen Anforderungen betrifft, so gibt es den klassischen Naturbahnrodler nicht - anders als bei den Kunstbahnrodlern, die im Idealfall schwer und groß sind und lange Arme für den Start haben. "Ob groß oder klein - jeder kann Erfolg haben. In den Kurven hat man als kleiner, leichter Sportler Vorteile", weiß Gerald Kammerlander. "Im Flachen überwiegen die Vorteile einer großen und schweren Statur. 90 Kilogramm sind aber das obere Limit." Und wie in jedem Sport, so spielt auch im Rennrodeln auf der Naturbahn die Psyche eine wichtige Rolle. "Schlussendlich gewinnt der Kopf. Denn die Technik beherrschen die Topfahrer alle auf der Welt." 

Eine große Rolle in der Nachwuchsarbeit spielen auch Vorbilder, so wie es Gerald Kammerlander, der 2011 auf der Grantaubahn Weltmeister wurde, und sein Bruder Thomas sind. "Wir profitieren alle davon, in Österreich jemanden zu haben, der an der Spitze ist", sagt Gerald über seinen Bruder. Gleichzeitig sind die Jungen wichtig, um die Älteren zu pushen, ergänzt er. "Die fünf Besten, die mit einem im Kader sind, hat man noch im Griff und kann man gut einschätzen. Und dann kommt plötzlich ein Junior und ärgert dich." 

Inzwischen haben die letzten Rodler die drei Trainingsfahrten hinter sich gebracht. Müde, aber gut gelaunt steigen sie ins Auto ihrer Eltern, die sie nach Hause bringen. Sie alle haben Großes vor und trainieren, um eines Tages einen älteren Kollegen und die internationale Konkurrenz zu ärgern - in einem Sport, der Natur und Geschwindigkeit verbindet und gleichzeitig immer am Boden geblieben ist.

Von 27. bis 28. Januar 2018 wurde in Umhausen das Finale des Juniorenweltcups 2017/2018 ausgetragen. Gesamtweltcupsieger bei den Einsitzern wurde Fabian Achenrainer vor seinem Teamkollegen Florian Markt und dem Italiener Laurin Kompatscher. Vanessa Markt ist als Fünfte in der Gesamtwertung beste Österreicherin bei den Juniorinnen. Von 16. bis 17. Februar 2018 findet das Weltcupfinale in Umhausen statt.

Gerald Kammerlander aus Umhausen war selbst ein erfolgreicher Naturbahnrodler. Die ersten Medaillen holte er sich im Doppelbewerb, danach war er im Einsitzer erfolgreich. Im Jahr 2011 wurde er auf der Grantaubahn Weltmeister. 2013 beendete er seine Karriere. Seit 2013/2014 ist er Cheftrainer und Sportdirektor im Österreichischen Rodelverband

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