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Immer die Ruhe bewahren!

Sportpsychologie

Immer die Ruhe bewahren!

Mentale Stärke im Spitzensport

Text: Klaus Erler, Titelbild: EXPA/ JFK

Univ.-Prof. Dr. Martin Kopp ist Sportpsychologe und Leiter des Instituts für Sportwissenschaft in Innsbruck. Er gibt Einblicke in die Sportler-Psyche und erklärt, wie diese professionell unterstützt werden kann.

Gewonnen! Das harte Training hat sich bezahlt gemacht, der junge Sportler steht endlich am Siegespodest, die Kameras klicken, die Massenmedien werden zum besten Freund: Eine Situation, auf die viele Athleten oft jahrelang hinarbeiten. Wird der Erfolg dann zur Realität und wiederholt sich im besten Fall auch noch regelmäßig, kann er sich paradoxerweise auch zur Belastung und zum sportlichen Hemmschuh entwickeln. 

„Ein Sportpsychologe verhält sich in der Regel sehr zurückhaltend und funktioniert vor allem als Reflexionsorgan. Der Sportler nimmt ihn in Anspruch, um sich bei Problemstellungen in seinem eigenen Verhalten zu erkennen und die daraus resultierenden Optimierungs-Ergebnisse zu nutzen.“ Martin Kopp

Problemzone Starallüren

Es sind Problemstellungen wie diese, mit denen sich die Sportpsychologen am Innsbrucker Institut für Sportwissenschaften beschäftigen. Univ.-Prof. Dr. Martin Kopp – Leiter des Instituts – erklärt: „Sobald junge Talente erste Siege verbuchen, steigt die mediale Aufmerksamkeit. Eine Erfolgsverwöhnung samt damit einhergehender Überheblichkeit könnte die Folge sein, eventuell auch eine generelle Nachlässigkeit oder die Erhöhung der Risikobereitschaft.“ 

Alles keine wünschenswerten Nebenprodukte des Erfolgs. Deshalb sehen es Kopp und sein Team aus vier Sportspsychologen auch als ihre Aufgabe an, schon früh – möglichst noch bevor sich der erste Erfolg einstellt – in Zusammenarbeit mit den Eltern und Trainern gemeinsam positive Verhaltensmodelle für junge Athleten einzustudieren. Hätten diese frühzeitig gelernt, diszipliniert, problemresistent und zielorientiert zu agieren, würden sie später seltener Starallüren entwickeln. Kopp: „Auch wenn die Förderung eines gesunden Perfektionismus bei der Jungsportlerausbildung sicher ihre Berechtigung hat, übertreiben sollte man es damit nicht. Negative Folgeerscheinung könnte der übertriebene Wunsch nach Fehlervermeidung und eine tiefe Bewertungsangst sein.“ Beides Stolpersteine, soll sich der junge Athlet zur Sport-Persönlichkeit weiterentwickeln.

Psychologe als Reflexionsorgan

Die grundsätzliche Funktion, die ein Sportpsychologe in der Betreuung einnimmt, ist für Kopp klar definiert: „Er verhält sich in der Regel sehr zurückhaltend und funktioniert vor allem als Reflexionsorgan. Der Sportler nimmt ihn in Anspruch, um sich bei Problemstellungen in seinem eigenen Verhalten zu erkennen und die daraus resultierenden Optimierungs-Ergebnisse zu nutzen.“ Geht es um den Sport-Nachwuchs, sei das übergeordnete Ziel der Sportpsychologie, diesen ohne körperliche und geistige Verschleißerscheinungen ins Erwachsenenalter zu begleiten.

Sportpsychologische Patentrezepte funktionieren nicht. Sportler sind Individuen, demzufolge muss eine Problemlösung auch auf die individuelle Persönlichkeit zugeschnitten sein.“  Martin Kopp

© Tirol Werbung / Bernd Ritschel

Meditativ gegen Stress

Ein weiteres Interventionsfeld für die Sportpsychologie sind unerwünschte und störende Emotionen im Zusammenhang mit einer Wettkampfsituation. Kopp: „Hier gilt es zunächst, herauszufinden, wie hoch das Anspannungsniveau des Sportlers ist, durch welche Faktoren es beeinflusst wird, welche Interventionstechniken überhaupt funktionieren könnten, um diese dann gewinnbringend umzusetzen.“ Klassische Beispiele für in diesem Zusammenhang erfolgreiche Interventionsmöglichkeiten sind meditative Entspannungstechniken, progressive Muskelentspannung oder autogenes Training. Neu ist dabei das Biofeedback: Dabei ermöglicht es der Computer, über die Messung von Muskelanspannung und der Atem- oder Herzfrequenz, Rückschlüsse auf die momentane psychische Befindlichkeit zu ziehen. So lernt der Sportler, die innere Aufregung zu steuern, sie herunter oder – bei Bedarf – auch hinauf zu schrauben. Auch Visualisierungsstrategien sind dabei sinnvoll. Sich schon vorab die Wettkampfsituation und das eigene Verhalten vorzustellen, hilft, im Ernstfall gelassener zu bleiben, weil der Sportler die Stress-Situation schon kennt und sie gefühlsmäßig schon durchlebt hat.

Keine Patentrezepte

Auch das Auffinden von eventuellen kontraproduktiven Disharmonien im Wechselspiel zwischen Sportler und Trainer gehört zum Aufgabenbereich des Sportpsychologen, genauso wie die Förderung des Teambuilding. Bei allen Problemlösungen gilt laut Kopp: „Der Sportpsychologe ist kein Freund medikamentöser Zugänge, es sein denn, eine derartige Behandlung ist durch psychische oder körperliche Erkrankung erforderlich.“ Kopp verwehrt sich auch gegen Patentlösungen: „Immer wieder kommen vor allem Trainer und Funktionäre zu uns, die eine Art sportpsychologisches Kochrezept einfordern. Das funktioniert leider nicht.“ Sportler seien Individuen, demzufolge müsse eine Problemlösung auch auf die individuelle Persönlichkeit zugeschnitten sein.

Martin Kopp

„Der Sportpsychologe wird häufig zum Gesundheitsanwalt vor allem auch des jungen Sportlers. Alles auf eine Karte zu setzen und weitere gesundheitliche Risiken einzugehen, ist nicht immer der beste Weg.“

© Tirol Werbung / Bernd Ritschel

Deshalb wird auch auf vielen Ebenen nach Lösungen gesucht. Dazu ein Fallbespiel, das für Kopp sehr aussagekräftig ist: Ein Trainer kommt mit der fixen Vorstellung, dass sein Schützling seit einem Sportunfall Angst hat und daher nicht auf hundert Prozent seiner Leistungsfähigkeit zugreifen kann. Der Auftrag an den Sportpsychologen lautet dementsprechend: „Nimm ihm die Angst und richte ihn wieder auf!“ Spricht der Psychologe dann mit dem Sportler, stößt er nicht selten auf ein anderes Problemfeld, das viel bestimmender ist. Oft stimmt die grundsätzliche Kommunikation mit dem Trainer nicht, vielleicht auch, weil der seinem Schützling nicht genug zutraut. 

Gesundheitsanwalt der Sportler

Verletzungen sind dennoch wichtige Interventionsfelder für Sportpsychologen, da sie laut Kopp meistens Wendepunkte im sportlichen Leben darstellen. Hier beginnt der Sportler zu überlegen, ob sich der Aufwand noch lohnt und wohin die weitere berufliche Reise gehen soll. Der Sportpsychologe wird in einem solchen Fall häufig zum Gesundheitsanwalt vor allem auch des jungen Sportlers. Kopp: „Alles auf eine Karte zu setzen und weitere gesundheitliche Risiken einzugehen, ist nicht immer der beste Weg. Der Sportpsychologe wird helfen, an Lösungen zu arbeiten, zu denen der Athlet stehen kann, auch wenn es bedeutet, die sportliche Karriere zu beenden.“ Sollte er beschließen, weiter Sportler bleiben zu wollen, ist es wichtig, dass der Sportpsychologe einen Trainingsplan der kleineren, rasch zu erreichende Zwischenziele entwickelt: für Kopp der einzige Weg zurück an die Spitze.

Martin Kopp © privat 

In den richtigen Zustand kommen

Welche Erkenntnisse aus der Sportpsychologie lassen sich schließlich auch für den Normalverbraucher umsetzen? Kopp: „Es gilt herauszufinden, wo sich die individuelle Zone des optimalen Funktionierens bei einem selbst befindet. Dazu gehört, sich selbst zu beobachten und zu schauen, wie man die besten sportlichen Ergebnisse erzielt, ob man in Wettkampfsituationen eher Entspannungs- oder Aktivierungsübungen braucht, um schließlich in den richtigen Energiezustand zu kommen.“

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