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„Jetzt geht es um die Details“

Kletter-WM 2018 Innsbruck-Tirol

„Jetzt geht es um die Details“

Über die finalen Vorbereitungen auf die Kletter-WM in Innsbruck sowie die Highlights

Text: Eva Schwienbacher, Aufmacherbild: Johannes Mayr / Alpsolut

Michael Schöpf, CEO der Kletter-WM 2018, steckt mit seinem Team mitten in den letzten Vorbereitungen auf die Weltmeisterschaft im Herbst. Wie man sich seinen Arbeitsalltag vorstellen kann, was die Vorteile eines kleinen Teams sind und worauf sich die Zuschauer freuen können, erzählt er im Interview.

Michael, du bist als Chef des Organisationskomitees einer der Hauptverantwortlichen für die Kletter-WM. Wachst du manchmal nachts auf und dir fällt etwas ein, was du ja nicht vergessen darfst? Michael Schöpf: Ja, jetzt beginnt so langsam die Zeit – wie meistens vor Großereignissen –, in der ich Notizbuch und Stift am Nachttischkästchen liegen habe, weil ich einfach nicht abschalten kann. Man denkt 24 Stunden an die WM. Da fällt einem oft beim Einschlafen oder im Halbschlaf noch etwas ein. 

Du bist kein Unerfahrener, was Sportgroßevents betrifft. Inwiefern kommt dir die Organisation anderer Wettkämpfe in Innsbruck, etwa der Weltcups am Marktplatz oder der Jugend- und Junioren-Kletter-WM 2017, zugute?
Natürlich profitieren wir davon. Nicht nur ich, sondern das ganze Team, das teilweise schon seit mehr als zehn Jahren Events organsiert. Die WM ist aber natürlich eine andere Nummer. Keiner von uns hat jemals etwas in dieser Größenordnung organisiert. Es gibt viel Neues, aber genau das ist das Spannende.

Wie seid ihr im Organisationsteam aufgestellt? Welche Zuständigkeitsbereiche gibt es? Es gibt zum einen das nicht operative OK-Team, das mit einem Aufsichtsrat vergleichbar ist und aus zehn Personen besteht – etwa Vertreter der Fördergeber, der Stadt und des Landes, des österreichischen Alpenvereins und des Kletterverbands. Auf der anderen Seite haben wir das achtköpfige operative Team, das in unterschiedliche Aufgabenbereiche aufgeteilt ist. Wir sind nach wie vor ein kleines Team, wenn man bedenkt, dass der französische Verband die WM in Paris 2016 mit 40 Hauptamtlichen und zusätzlich noch rund 150 Volunteers vorbereitet hat. Dadurch, dass wir viel Erfahrung haben, werden wir das Kind aber schon schaukeln.

Also kann auch ein kleines Team ein großes Event bewältigen? Die Quantität ist sekundär. Natürlich muss man aufpassen, dass man nicht zu viele Aufgaben auf einmal übernimmt, aber entscheidend ist letztendlich die Qualität des Teams. Es zählen die Erfahrungen und die Kompetenzen des Einzelnen. Die Vorteile eines klein strukturierten Teams sind die kurzen Wege, die flachen Hierarchien und die schnellen Entscheidungen.  

Michael Schöpf, EXPA Pictures © JFK

"Unser Anspruch ist nicht, die beste, größte und schönste WM zu veranstalten, die es jemals gegeben hat. Unser Ziel ist, dass unsere Weltmeisterschaft auf ihre Art einzigartig ist." 

Kannst du kurz erzählen, wie man sich deinen Arbeitsalltag vorstellen kann? Zwischen acht und 17 Uhr komme ich selbst eigentlich nicht zum Arbeiten. Das mag eigenartig klingen, aber so fühlt es sich an, da ich in dieser Zeit mehr oder weniger komplett für die Mitarbeiter da bin. Von sechs bis acht Uhr arbeite ich die E-Mails vom Vortag auf, bis 17 Uhr folgen Besprechungen. Den Abend nutze ich, um noch einmal ein bis zwei Stunden Vorbereitungen für den nächsten Tag zu treffen und um mir einen Überblick zu verschaffen. 

Was ist dein Hauptaufgabenbereich als OK-Chef?  Ich würde sagen, das Anforderungsprofil entspricht einer eierlegenden Wollmilchsau. (lacht) Im Idealfall kennt man sich überall aus, weiß aber trotzdem, wo die Grenzen sind und welche Experten es für welche Bereiche gibt und wem man vertrauen kann. 

Gab es in den letzten Monaten auch Überraschungen, sprich Fragen oder Aufgaben, mit denen du nicht gerechnet hast? Das passiert täglich. Insbesondere was die TV-Produktionen bzw. Übertragungen betrifft, kommen zur Zeit beinahe täglich neue Wünsche bzw. Anforderungen von Fernsehstationen auf uns zu. Ein kleiner Vergleich: Von der WM 2016 in Paris haben 16 TV-Stationen berichtet, nur eine davon live. Bei uns berichten insgesamt 130 TV-Stationen von der WM, davon voraussichtlich elf live.

Gibt es die eine, größte Herausforderung bei der Organisation einer Kletter-WM? Das kann man nicht pauschal sagen, da es die eine Kletter-WM nicht gibt. Unser Anspruch ist nicht, die beste, größte und schönste WM zu veranstalten, die es jemals gegeben hat. Unser Ziel ist, dass unsere Weltmeisterschaft auf ihre Art einzigartig ist. Da steckt ein gewisses Konzept dahinter. Es gibt beispielsweise erstmals eine Medal Plaza, damit wir die Siegerehrungen in der Stadt durchführen können. Und wir haben ein zehntägiges, sehr umfangreiches Rahmenprogramm am Marktplatz – das Climbers Paradise Village. Das Allerwichtigste ist jedoch, dass die Athleten die besten Konditionen vorfinden, um ihren Sport auf höchstem Niveau ausführen zu können. Dann können sie auch eine gute Show bieten. 

Michael Schöpf

"Das Allerwichtigste ist, dass die Athleten die besten Konditionen vorfinden, um ihren Sport auf höchstem Niveau ausführen zu können."

© Stefan Voitl

Was erwartet die Zuschauer aus sportlicher Sicht bei der Kletter-WM? Was sind die Highlights? Es ist das erste Mal in Innsbruck bzw. Österreich, dass wir die weltbesten Athleten aus allen Disziplinen hier haben. Ein einziges Highlight herauszupicken, fällt mir allerdings schwer. Ich hoffe ja, dass die gesamte WM ein Highlight wird. Ich würde sagen, man sollte die Gelegenheit nutzen und sich nicht nur einen, sondern mehrere Wettkämpfe anschauen, auch wenn man mit dem Sport sonst wenig zu tun hat, und man sollte auch offen für andere Disziplinen sein. Ein Speed-Finale kann beispielsweise extrem spannend sein – da werden die Athleten in Innsbruck um den Weltrekord kämpfen. Die Kombination aus sportlicher Höchstleistung, Musik und Moderation garantiert Gänsehaut-Feeling. Klettern hat ähnliches Unterhaltungspotenzial wie Beachvolleyball und das versuchen wir, im Rahmen der WM bestmöglich darzustellen.

Wo können Interessierte das Event mitverfolgen? Für alle, die mobil unterwegs sind, gibt es einen Live-Stream auf Youtube, wo wir sämtliche Bewerbe übertragen. Zusätzlich überträgt ORF Sport Plus das Halbfinale und Finale live. Auch Eurosport berichtet über die Finalrunden und einen Großteil der Halbfinalrunden. 

Gibt es auch Public Viewing? Die technischen Voraussetzungen haben wir, aber es ist nicht geplant. Wir werden Public Viewing am Marktplatz dann anbieten, wenn in der Olympiaworld keine Plätze mehr sind. Unser Ziel ist es, die Leute dazu zu animieren, in die Halle zu kommen, um die Stimmung vor Ort mitzukriegen. 

Jugend- und Junioren-Kletter-WM 2017 in Innsbruck 

Bei der Kletter-WM vom 6. bis 16. September entsteht am Marktplatz in Innsbruck das Climbers Paradise Village.

© Stefan Voitl

Wie läuft der Ticketverkauf? Und woher kommen die Zuschauer? Sehr gut bis ausgezeichnet. Wir haben insgesamt schon ein Drittel der Finaltickets verkauft. In erster Linie kommt das Publikum aus Österreich, gefolgt von Südtirol und dem süddeutschen Raum. Außerdem verkaufen wir die Karten in die Schweiz, nach Polen und Tschechien und vereinzelt auch nach Amerika und Russland. 

Nur wenige Tage nach der Kletter-WM trägt Innsbruck-Tirol die Rad-WM aus. Gibt es hier Synergien in der Vorbereitung? Wir haben dasselbe Motto, und es lautet: Klettern. Sonst ist das Synergiepotenzial überschaubar, da es doch sehr unterschiedliche Veranstaltungen sind, mit einem anderen Zielpublikum. Wir haben im Vorfeld die eine oder andere Möglichkeit genützt, in der Kommunikation zusammenzuarbeiten. Es gab beispielsweise einen gemeinsamen Presseabend beim Nordischen Weltcup in Seefeld und wir ließen Busse in Innsbruck im Rad- bzw. Kletter-WM-Design branden. 

Die Rad-WM soll die schwerste aller Zeiten werden. Was erwartet die Athleten bei der Kletter-WM in Innsbruck? Kann man schon etwas über den Routenbau sagen? Für die Routen sind die Routenbauer zuständig, die der internationale Verband stellt – auf sportliche Aspekte haben wir als Veranstalter nur wenig Einfluss. Ich hoffe, dass die Athleten jene WM erwartet, bei der sie die meiste Wertschätzung erfahren, sprich bei der sie die besten Rahmenbedingungen vorfinden werden. Das ist eine Riesenherausforderung. Die Qualifikationsrunden finden ja Outdoor statt. Das heißt, es wird unmöglich sein, vom ersten Starter um zehn Uhr am Vormittag bis zum letzten Kletterer ähnliche Konditionen zu schaffen. Das haben wir nicht in der Hand. Was wir aber beeinflussen können, ist die Qualität des Aufwärmbereichs, der Athleten-Lounge, der Verpflegung – hier ist unser Anspruch, die Sportler bestens zu umsorgen. 

Das Veranstaltungsbudget wurde vor kurzem von 2,36 auf 2,8 Millionen Euro leicht nach oben korrigiert. In welchen Bereich fließt der größte Teil der Ausgaben? Ein Viertel des Budgets machen die Kosten für die drei Venues aus. Der Grund für die Erhöhung des Budgets ist nicht, dass wir uns verkalkuliert haben. Im Gegenteil, wir konnten sogar mehr Sponsorengelder lukrieren, als ursprünglich gedacht. Dieses wollten wir jedoch in das Erlebnis Kletter-WM investieren, in die Qualität des Bewerbs. Würde man den Marktplatz inklusive des dort stattfindenden Programms weglassen, könnte man sicher Kosten einsparen. Aber wir wollen ein qualitativ hochwertiges Programm zusammenstellen. Ein weiterer Grund ist, dass 2014 – als wir den Zuschlag bekamen – Klettern noch nicht olympisch war und es die Disziplin Kombination in der jetzigen Form noch nicht gab. Deswegen sind auch zwei Veranstaltungstage dazugekommen. Das erhöht natürlich die Kosten. 

Wer vom österreichischen Nationalteam hat aus deiner Sicht die größten Chancen auf eine Medaille? Ein klarer Favorit ist Jakob Schubert. Seit 2010 gehört er zu den besten Vorstiegskletterern der Welt. Er ist sicher die größte Medaillenhoffnung, wahrscheinlich auch in dem mit am härtesten umkämpften Bewerb, nämlich Vorstieg der Herren. Hier ist es nicht einfach, eine Medaille zu holen. Bei den Frauen wird Jessica Pilz die größten Medaillenchancen haben. Und dann wird es sicher wieder Überraschungen geben. Wir haben einige mit Potenzial im Nationalteam. Die beiden werden natürlich auch einen großen Druck haben. Und damit muss man erst einmal umgehen. 

Jessica Pilz und Jakob Schubert zählen zu Österreichs Favoriten. EXPA Pictures © JFK

© Heiko Wilhelm

Was ist nun aus Veranstaltersicht in den letzten Wochen bis zur WM noch zu tun? Die Grobplanung ist abgeschlossen, die Infrastruktur ist definiert. Jetzt geht es in jedem Bereich um die Details. Von der Auswahl der Müsliriegel, die wir den Athleten zur Verfügung stellen, über das Venue-Branding bis hin zu Entscheidungen im sportlichen Bereich. 

Und wie schaffst du es, abends abzuschalten? Verfolgst du die Fußball-WM? Und wenn ja, siehst du sie durch die Veranstalterbrille? Ja, ich schaue so viele Spiele an, wie es geht, was nicht viel ist. (lacht) Natürlich achte ich auf bestimmte Aspekte, aber eine Fußball-WM ist eine komplett andere Größenordnung. Allein die Budgets, die man zur Verfügung hat, liegen Welten auseinander. Wirklich abschalten kann ich, wenn ich mit meinen Kindern Zeit verbringen kann – und wenn ich das Handy weglege. Ende Mai war ich eine Woche lang im Urlaub in Kroatien, da habe ich das Handy hier gelassen. 

Was hoffst du, wird am Ende von der Kletter-WM in Tirol, speziell in der Kletterstadt Innsbruck, bleiben? Ich hoffe in erster Linie, dass die WM unfallfrei über die Bühne geht und sich kein Athlet bzw. Zuschauer verletzt. Den ganz großen Gewinn haben wir jedoch schon vor der WM gemacht, und diesen kann uns keiner mehr nehmen, das Kletterzentrum Innsbruck, das im Rahmen der WM entstanden ist und sowohl Leistungs- als auch Breitensportlern perfekte Bedingungen bietet. Wenn wir in Zukunft wieder Bewerbe in Innsbruck haben wollen, benötigt es ein grundsätzliches und finanzielles Commitment zum Klettersport, insbesondere vonseiten der Politik und der Tourismuspartner. Klettern hat sich weltweit entwickelt. Innsbruck steht mittlerweile in Konkurrenz mit Städten wie München, Moskau, Paris, Tokio, Shanghai usw. und da muss man mitgehen. Schließlich soll Klettern als Sport wahrgenommen werden, der zu Tirol passt wie Skifahren, und die WM soll den Tirolern positiv in Erinnerung bleiben, sodass es heißt: Das war ein Event, das wir in Zukunft ruhig noch einmal machen können.  

Vielen Dank für das Gespräch.

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