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Teufel von Beruf

Tour of the Alps

Teufel von Beruf

Dieter Senft, der Mann hinter dem Tourteufel, im Interview

 „Ein Teufel, der muss natürlich immer wild sein und herumspringen – genau das mache ich.“

Text: Eva Schwienbacher, Bild: Manfred Jarisch

Didi Senft, alias Tourteufel, zählt nicht nur zu den größten Radfans, sondern hat auch selbst weltweit eine Riesen-Fangemeinde. Bei seinem Tirolbesuch anlässlich der Tour of the Alps erzählt der 65-Jährige, wie alles begann und was der Mauerfall damit zu tun hat.

Herr Senft, was treibt Sie an, der Weltspitze des Radsports rund um den Globus zu folgen und sie im Teufelskostüm anzufeuern? Didi Senft: Ich war selbst in der Jugendzeit aktiver Radrennfahrer in allen Disziplinen: Bahn, Straße, Querfeldein. Wenn man einmal dabei war, kommt man nicht mehr davon los. 

1993 sind Sie zum ersten Mal auf der Bildfläche der Tour de France aufgetaucht. Was hat Sie damals dazu bewegt? Ich lebe zwischen 50 und 60 Kilometer östlich von Berlin. Zu DDR-Zeiten konnte ich heimlich Westfernsehen sehen, zwar mit einem schlechten Fernsehbild, aber als ehemaliger aktiver Radrennfahrer habe ich natürlich immer die Tour de France geschaut. Da habe ich mir gesagt, zur „Flamme Rouge“ (einem roten Stoff 1.000 Meter vor dem Ziel, der als Streckenmarkierung für die Teilnehmer eines Rennens dient, Anm.), der auf Deutsch Teufelslappen heißt, braucht es einen Teufel. Und wenn ich Rentner bin, werde ich als Teufel zur Tour de France fahren. Durch den Mauerfall kam das alles glücklicherweise einige Jahre früher und so war ich mittlerweile bei 23 Tours de France der Männer und zehn Mal bei der Tour de France der Frauen dabei. Und ein Teufel, der muss natürlich immer wild sein und herumspringen – genau das mache ich. 

Didi Senft

"Ich bin eigentlich ein ganz Ruhiger und Zurückgezogener."

Die Bilder, wie Sie dem Italiener Claudio Chiappucci beim Anstieg zum Pyrenäengipfel Col d‘Ordino hinterhergerannt sind, gingen damals um die Welt. Haben Sie sich das jemals erwartet? Nein, in diesem Ausmaß nicht. Es ging von null auf hundert. Innerhalb von drei Tagen war ich weltbekannt. Ich wurde damals zu Chiappucci ins Hotel eingeladen, um dort Fotos und TV-Aufnahmen zu machen. Das hat mich alles sehr überrascht. Die ganze Welt dachte, ich sei als Fan von Chiappucci zur Tour de France gekommen. 

War es für Sie von Anfang klar, dass Ihre Rolle als Teufel eine längerfristige sein wird? Ja, das hatte ich geplant. Ich habe mich ja schon vorher bei verschiedenen kleinen Rennen ausprobiert, aber nie als Teufel. Ich war damals schon seit vielen Jahren in der Radszene integriert, vor allem durch die Friedensfahrt in der ehemaligen DDR (von 1948 bis 1989 ein bedeutendes Etappenrennen für Radamateure, das auch als „Tour de France des Ostens“ bezeichnet wurde, Anm.).

Der Tourteufel vor der Tour of the Alps in Kufstein

Sie waren seither bei fast allen wichtigen Radrennen dabei und gehören sozusagen zu den Events dazu, ausgenommen das Jahr 2014. An der Tour de Suisse konnte ich noch teilnehmen. Dann musste ich ins Krankenhaus aufgrund einer Operation am Kopf und durfte mich danach vier Wochen lang nicht anstrengen.

Wie war es für Sie, bei der Tour de France 2014 nicht dabei sein zu können? Die ganze Welt hat mich gefragt, wo ich bin, und mich angerufen. Ich wäre gerne dabei gewesen.  

Hatten Sie Angst davor, aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zurückkehren zu können? Nein, ich habe den Ärzten vertraut und das Beste gehofft und hatte das Glück an meiner Seite. 

Sie benötigen eine gute Kondition, um die Strapazen der Reisen, Rennen und Übernachtungen in Ihrem VW-Bus gut auszuhalten. Was hält Sie jung und fit? Ich habe erst voriges Wochenende in Süddeutschland die Karl-Drais-Laufradtour hinter mich gebracht. Ich bin alle Stationen, wo der Laufraderfinder damals gelebt und sich aufgehalten hat, mit dem Laufrad abgefahren – von Waldkatzenbach über Mannheim, Baden-Baden, Kehl bis nach Straßburg. Insgesamt legte ich 300 Kilometer zurück, da ich ein paar Mal quer durch die Orte fahren musste. Dafür habe ich den ganzen Winter lang trainiert. Ich bin jeden zweiten Tag 30 Kilometer mit dem Laufrad gefahren, bei jedem Wetter – egal wie. Ich habe es mir vorgenommen, ich habe es gemacht und bin im Moment auch in einer guten Form. Ich bin rundum zufrieden. (lacht)

Sie sind auf der ganzen Welt unterwegs – Kolumbien, Australien, Frankreich –, sprechen jedoch keine Fremdsprachen. Wie schlagen Sie sich durch? Das spielt keine Rolle. Das funktioniert. Ich habe auch immer Angst davor, besonders vor der Polizei, da ich ja doch in einem sehr außergewöhnlichen Gewand herumlaufe und in der Regel keine Unterkunft habe. Es gab zwar hie und da Probleme, aber irgendwie komme ich weiter, ohne eine Fremdsprache zu sprechen. Vor drei Wochen war ich in China. Es klappte alles reibungslos. Ich erkläre mir das dadurch, dass mich die Leute von der Tour de France kennen. Ich werde interessanterweise in Japan und China mehr gefeiert als zu Hause in Deutschland.  

Sie haben es bereits angesprochen, Sie waren früher in der DDR selbst Rennradfahrer. Können Sie von dieser Zeit erzählen? Ich konnte sogar ein paar Bezirksmeistertitel erringen bei uns in Frankfurt. Ich war besonders stark im Einzelzeitfahren und im Sprint, aber Bergfahren hat mir gar nicht gelegen und Querfeldein auch nicht so. Auf der Bahn war ich ebenfalls sehr gut. Ich habe dann gemerkt, dass ich mehr als die anderen trainieren musste und habe die Sache dann an den Nagel gehängt. Zwei, drei Jahre später habe ich begonnen, verrückte Fahrräder zu bauen und damit mehrere Weltrekorde aufgestellt. Insgesamt habe ich bereits über 200 Fahrräder zusammengeschweißt. Jedes unterscheidet sich in Form, Eigenschaft und Antrieb vom anderen.

Foto mit einem Fan

Das Fahrrad zieht sich wie ein roter Faden durch Ihr Leben: erst Rennradfahrer, dann Tourteufel und schließlich beschäftigen Sie sich auch als Künstler damit. Was fasziniert Sie daran? Ich fahre sehr gerne in der Freizeit Fahrrad, auch mit meiner Frau, auch mal im gemütlichen Tempo. Man ist draußen an der frischen Luft, kann die Landschaft genießen, besser als aus dem Auto, und man schafft mehr Kilometer, als wenn man zu Fuß geht. Für mich ist das Fahrrad ein sagenhaftes Fortbewegungsmittel, das ich nicht missen möchte.

Und wenn Sie das Teufelskostüm ablegen, wer sind Sie dann? Wenn ich zu Hause bin, gehe ich ganz selten aus dem Haus, und wenn ich das mache, dann im Teufelskostüm, es sei denn, ich besuche meine Enkelkinder. Wenn man mich einlädt, wünscht man und erwartet man sich, dass ich im Teufelskostüm komme. Es wird der Tourteufel eingeladen. Wenn ich ganz selten mal Freunde und Bekannte besuche, trage ich Jeans und einen Pullover. Freundschaften muss man pflegen. Da ich so viel unterwegs bin, sind meine Freunde überall verstreut und nur wenige davon in Deutschland.  

Die Tour of the Alps führt Sie nach Tirol. Können Sie am Beispiel dieser Radrundfahrt beschreiben, wie ein typischer Renntag für Sie ausschaut? Ich habe dieses Mal das Glück, dass ich eine Unterkunft zur Verfügung gestellt bekomme, und kann so auch meine Frau mitbringen, die ich durch die Karl-Drais-Laufradtour eine Woche lang nicht gesehen habe. Normalerweise geht es am Morgen bereits beim Frühstück los. Da trage ich bereits mein Kostüm und die Leute kommen auf mich zu, um mich zu fotografieren. Dann geht es raus zum Rennen, den Fans, den Sportlern, um Fotos und Selfies zu machen. Hier herumspringen, da herumschreien. Teufel sein ist ein Ganztagsjob. 

Dieter „Didi“ Senft wurde am 7. Februar 1952 in Reichenwalde bei Berlin geboren und ist durch seinen Auftritt im Teufelskostüm bei der Tour de France 1993 berühmt geworden. Seither ist er als „Tourteufel“, „El Diablo“ oder „Didi the Devil“ in der ganzen Welt, vor allem aber in der Rennradszene, bekannt. Senft ist gelernter Karosseriebauer. Mit Mitte zwanzig begann er als Künstler, Erfinder und Fahrraddesigner verschiedenste Fahrradkuriositäten zu konstruieren – inzwischen sind es mehr als 200. Das Größte ist 7,80 Meter lang und 3,70 Meter hoch. Zu DDR- Zeiten war er aktiver Amateurradrennfahrer und wurde mehrfacher Bezirksmeister. Senft ist seit vierzig Jahren verheiratet, hat eine Tochter und lebt in Storkow. An rund 100 Tagen im Jahr ist er auf Radrennen unterwegs. 

Machen Sie sich vor einem Rennen einen Plan oder bereiten Sie sich vor? Ich informiere mich über den Streckenverlauf, reagiere aber immer spontan auf das Verhalten meiner Mitmenschen. 

Welchen Bezug haben Sie zu Tirol? Ich komme immer wieder nach Tirol, habe auch einen guten Fahrradfreund hier. Ich trete ja nicht nur bei Radsportevents aus, sondern auch bei anderen Sportveranstaltungen. So war ich zum Beispiel bei der Vierschanzentournee dabei oder der Fußball-EM 2008. Da war ich mit meinem eigens für die EM konstruierten Fußballfahrrad in der Fanmeile vor dem Goldenen Dachl in Innsbruck. 

Gibt es etwas an der Tour of the Alps, worauf Sie sich am meisten freuen? Es ist schön, dass es die Tour of the Alps nun unter diesem Namen gibt. Ich hoffe, dass der Radsport in Tirol immer größer wird. Im kommenden Jahr haben wir ja wieder eine Deutschlandtour und da hoffe ich, dass wir in Tirol Station machen werden. 

Wie lange darf sich die Radrenngemeinschaft, inklusive Sportler und Fans, noch über Unterhaltung freuen? Ganz lange noch. Vor ein paar Jahren habe ich schon angekündigt, dass man mich in einem Art Papamobil herumchauffieren soll, sollte ich es einmal nicht mehr schaffen – solange ich gesund bin, können die Fans aber gewiss noch mit mir rechnen. 

Vielen Dank für das Gespräch.

Wordrap mit dem Tourteufel

Mein Lebensmotto lautet: 

Immer alles versuchen und wenn es nicht klappt, ein zweites und drittes Mal versuchen.

Radsport bedeutet für mich: 

mein ganzes Leben.

Mein größter Held im Radsport ist: 

alle Radsportler, aber besonders hervorzuheben sind Jan Ullrich und Marco Pantani.

Ein Erlebnis bei einem Rennen, das ich nie vergessen werde: 

1996 bei der Tour de France, als im Schneesturm am Col du Galibier eine starke Windböe meinen Autoanhänger samt meinem großen Fahrrad, dem größten der Welt, abgerissen hat. Glücklicherweise ist nichts passiert. 

Das Wichtigste in meinem VW-Bus ist: 

ein Kanister voll mit Wasser.

Die Tour of the Alps ist für mich: 

eine neue Herausforderung und ich freue mich riesig darauf.

Diesen Crankworx-Bewerb sollten sich die Zuschauer in Innsbruck anschauen:

viele Radrennen, die ich begleitet habe und viele positive Erinnerungen. Tirol ist ein wunderschönes Land.

Darauf freue ich mich, wenn ich nach Radrundfahrten nach Hause komme: 

die Vorbereitung auf die nächste Tour.


Der bin ich, wenn ich nicht das Teufelskostüm trage:

ein ganz Ruhiger und Zurückgezogener.


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