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"Ich wollte es unbedingt"

Interview mit Angy Eiter

"Ich wollte es unbedingt"

Was Tirols Ausnahmekletterin Angy Eiter antreibt

Text: Eva Schwienbacher, Aufmacherbild: Angy Eiter, La Planta de Shiva © Javipec

Vergangenes Jahr ist der Ausnahmekletterin Angy Eiter mit La Planta de Shiva in Spanien ein Meisterstück gelungen: Als erste Frau kletterte sie eine Route im Schwierigkeitsgrad 9b. In einem ausführlichen Interview spricht die Tirolerin über dieses Projekt, ihre Motivation weiterzumachen und die Kletter-WM im Herbst.

Du zählst zu den besten Kletterinnen der Welt. Wie fühlt es sich für dich an, wenn du das hörst? Angy Eiter: Aus meiner Perspektive ist das nicht begreiflich. Mein Umfeld sieht mich als Angy und auch für mich bin ich einfach die Angy. Wenn ich aber unterwegs bin und andere schauen zu mir auf, vor allem Kinder, denen ich ein Vorbild bin, wenn ich Autogramme schreibe oder jemand ein Foto mit mir machen möchte, merke ich, dass ich eine Rolle vertrete. 

Du nimmst diese Vorbildrolle bewusst ein? Ja, besonders wenn ich am Felsen unterwegs bin, achte ich darauf, verantwortungsvoll mit der Natur umzugehen und besonders sorgfältig die Sicherheitsvorkehrungen einzuhalten. Es ist mir ein großes Anliegen, dass die Kletterwelt, die ja jetzt immer mehr Zulauf bekommt, Grundsätzliches mit auf den Weg bekommt. 

Im Oktober 2017 ist dir am Fels ein ganz besonderer Erfolg gelungen: Du bist mit La Planta de Shiva in Andalusien als erste Frau eine Route im Schwierigkeitsgrad 9b geklettert. Was macht diese Route so schwierig? Die Route ist sehr steil mit einem Überhang von fast 45 Grad und sehr lange mit 45 Metern. Sie besteht aus sehr diffizilen Bewegungen an kleinen Tritten und Griffen. Der entscheidende Aspekt ist jedoch, dass sie hundert Züge ohne wirklichen Rastpunkt enthält. Man kann sich nicht zwischendurch erholen – das hat die Route so richtig schwer gemacht. 

Im Oktober 2017 knackte die 32-jährige Tirolerin Angy Eiter mit der Begehung von der Route mit dem Namen La Planta de Shiva im andalusischen Klettergebiet Villanueva del Rosario als erste Frau eine 9b-Route. © Javipec  

Vor dir wurde die Route erst von den zwei Kletterern Adam Ondra und Jakob Schubert durchgestiegen. Warum hast du dir ausgerechnet diese Route ausgesucht? Es war eine spontane Entscheidung. Ich bin nach Andalusien gereist, da ich unbedingt mein nächstes Level erreichen wollte. Das heißt, ich bin davor eine 9a geklettert und wollte eine 9a+ klettern. Die dafür in Frage kommenden Routen auf meinem Topo (grafische Darstellung einer Kletterroute, Anm.), das nicht mehr das aktuellste war, wurden jedoch alle durch den Erstbegeher abgewertet. Also gab es in diesem Gebiet keine 9a+ mehr. Ich probierte eine 9a+/9b-Route, in der ich aber gleich bei der vierten Schlinge gescheitert bin, da ich einen weiten Zug nicht lösen konnte. Per Zufall bin ich dann auf die La Planta de Shiva gekommen. Es war mein Lebensgefährte Bernhard (Ruech, genannt Bernie, Anm.), der mich ermutigt hat, sie zu versuchen. Ich wäre vielleicht gar nicht eingestiegen, da bisher nicht einmal eine 9a+ von einer Frau geklettert wurde, geschweige denn eine 9b. Aber die Route gefiel mir auf Anhieb und ich sah, dass alle Züge möglich sind. Ich konnte nicht mehr loslassen.  

Wie fühlt es sich für dich an, wenn dich eine Route packt und nicht mehr loslässt? Man kann es sich vorstellen, wie Liebe auf den ersten Blick. Man merkt, dass es harmoniert, und man fühlt sich wohl und aufgehoben. Die Bewegungen gefallen und auch das ganze Drumherum – das Landschaftliche, das Umfeld, die Leute. Die Route hat genau das geboten, was ich gesucht habe. Sie ist anspruchsvoll und ausgesetzt. Sie brachte mich an meine Grenzen. Ich war ja immer wieder verletzt, ich habe mir das Ringband und eine Sehne gerissen und musste einige Monate das Klettern reduzieren. Die Frage tauchte auf, zu welchem Preis ich das machen will. Gesundheit ist mir wichtiger. Ich bekam jedoch Unterstützung vom ASP Red Bull-Team, das mir durch Physiotherapien half. Und letztendlich konnte ich einfach nicht anders. Ich wollte es unbedingt. 

"Es ist wie Liebe auf dem ersten Blick."

Kannst du kurz erzählen, wie die Vorbereitungen auf La Planta de Shiva aussahen? Man weiß etwa, dass du die Route in der Kletterhalle Imst nachgebaut hast. Insgesamt bin ich sieben Mal für meist eine Woche nach Andalusien geflogen. Die restliche Zeit, die ich nicht vor Ort verbringen konnte, versuchte ich, hier in Tirol zu kompensieren. Ich baute die Route in Imst nach, um die Belastung und Intensität gezielt trainieren zu können, denn sie hatte drei Züge, die meine vor Jahren verletzte Schulter stark belasteten. Ich wollte meine Muskulatur stärken und auch meine verletzten Bereiche. Eine Route lässt sich natürlich nicht eins zu eins nachbauen, da die Felsstrukturen komplett anders sind. Doch ich konnte zumindest die Intensität und meine Fitness trainieren.

Wie bist du beim Routenbau vorgegangen? Hast du dich am Topo orientiert? Der Prozess war komplex. Bei hundert Zügen muss man sich natürlich beschränken – sie hätten in der Halle nicht einmal Platz. So habe ich die letzten fünfzig Züge nachgebaut. Ich benötigte zwei Trips, bis ich die Route überhaupt im Kopf hatte. 

Das heißt, du hast sie auswendig gelernt? Ja, ich habe die Tritte und Griffe komplett im Kopf gespeichert. Allerdings habe ich einzelne Züge beim ersten Mal anders gelöst als beim dritten und vierten Versuch. Das bedeutet, dass ich die Route immer wieder adaptieren musste. Ich hatte ein Bild im Kopf, das ich schließlich an der Wand umgesetzt habe.

Du hast deine Verletzungen angesprochen. Was treibt dich in solchen Situationen an weiterzumachen? Es ist meine Leidenschaft, die ich fürs Klettern habe, mit der ich den Sport lebe – mit allen Sinnen – und meine Motivation. Wenn man etwas gerne macht, sind gewisse Einschränkungen kein Grund aufzugeben. Ich bewundere generell Para-Climbers oder -Athleten: Sie schaffen so viel! Der Wille und die Motivation bringen Menschen dazu, Dinge zu schaffen, von denen man zunächst nicht glaubt, dass sie möglich sind. 

"Wenn man etwas gerne macht, sind gewisse Einschränkungen kein Grund aufzugeben." 

Gibt es Vorbilder, Menschen, an denen du dich speziell in schwierigen Zeiten orientierst? Es gibt in meinem Bereich sehr viele Vorbilder: starke Kletterer, die mich bereits zu Wettkampfzeiten inspirierten, Menschen, die auch im hohen Alter noch sehr gesund und vital sind und viel unternehmen. Und ich habe auch Idole, wenn es darum geht, eine bestimmte Position zu vertreten, wie Reinhold Messner. 

Was ging in dir vor als du La Planta de Shiva schließlich bewältigt hast? Ehrlich gesagt habe ich gar nicht daran geglaubt, dass ich es wirklich schaffen würde. Nachdem Jakob Schubert zuvor gemeint hatte, dass diese Route der Fight seines Lebens war, sagte ich mir: Angy, such‘ dir etwas anderes. So beschloss ich zunächst, nur den zweiten Teil der Route zu klettern. Mit diesem Gedanken flog ich im Oktober 2017 nach Spanien. Dann fühlte ich mich aber so fit, dass ich die ersten 25 Meter schließlich doch dazu nahm und es einfach probierte. Schließlich hat es geklappt. Es war total überraschend und natürlich sehr erfreulich für mich.

"Ich sagte mir: Angy, such‘ dir etwas anderes."

Die mediale Aufmerksamkeit, als du als erste Frau eine 9b geschafft hast, war enorm. Wie hast du diese Zeit erlebt? Für mich kam der Rummel sehr überraschend. Mir war nicht bewusst, dass mir ein Meilenstein gelungen war. Es war sehr faszinierend, dass mir alle möglichen Leute gratulierten. Das mediale Interesse war gewaltig, was mich sehr freute, gleichzeitig aber auch viel Arbeit bedeutete. 

Gab es nach dem erfolgreichen Abschluss dieses Projekts auch einen Moment der Leere? Ja, ich sah den Erfolg mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich hatte es endlich geschafft, gleichzeitig fand ich das schade. Aber dadurch, dass Klettern so grenzenlos und vielfältig ist, gehen mir die Projekte nicht aus. 

Du hast die Messlatte im weiblichen Sportklettern sehr hoch gelegt. Wie groß ist deiner Meinung nach der Niveauunterschied zwischen Männern und Frauen im Klettersport? Ich würde sagen, Klettern ist typenabhängig. Ich denke, dass an einer Route genauso viele Männer scheitern können wie Frauen. Ich persönlich mag kleingriffige, lange Routen. Es gibt aber Kletterer, die kurze, knackige Route bevorzugen mit weiten Zügen und Körperdynamik. Es gibt tendenziell Unterschiede zwischen Frauen und Männern – Frauen sind oft gelenkiger, geduldiger, klettern bewusster und sicherer, während Männer oft mit mehr Kraft und Schnelligkeit klettern. 

Angy Eiter

"Beim Klettern ist es wichtig, dass der Kopf mitspielt. Tut er das nicht, kann man noch soviel Kraft haben und man kommt nicht weiter."

Angy Eiter in der 8c-Route "Janus" in Nassereith im Jahr 2015 © Bernie Ruech

Was, glaubst du, ist der Schlüssel zum Erfolg im Klettersport? Ist es die Technik, die Kraft, die Ausdauer oder der Kopf? Und gibt es hier Unterschiede zwischen Männern und Frauen? Gerade was die Psyche angeht, stehen Frauen Männern in nichts nach. Sie haben einen starken Willen. Beim Klettern ist es jedenfalls wichtig, dass der Kopf mitspielt. Tut er das nicht, kann man noch soviel Kraft haben und man kommt nicht weiter. 

Gibt es aktuell ein Projekt, das du dir vorgenommen hast? Ich möchte unterschiedliche Routen in verschiedenen Ländern klettern, um so viele Bewegungsmuster wie möglich kennen zu lernen. Es geht dabei um die Vielfalt, weniger um den Schwierigkeitsgrad. Klettern ist so komplex, zudem gibt es zahlreiche unterschiedliche Gesteinsformen, Längen, Neigungen. Mein Ziel ist, in meinem Bereich mein Repertoire zu erweitern. 

Es ist schwer vorstellbar, dass es im Klettern etwas gibt, das du nicht kannst. Der Mensch ist nur sehr schwer zufriedenzustellen. Das kennen wir aus allen Bereichen. Wenn etwas geglückt ist, will man gleich das Nächste. Im Klettern lernt man nie aus. Sogar Adam Ondra sagt, er hat Schwächen.

Was sind deine? Ich mag keine dynamischen und kraftigen Züge. Ich bin nicht der muskulöse Typ, sondern bevorzuge technische, lange Routen. Speziell im Bereich der Maximalkraft sollte man mehr Pausen machen zwischen den einzelnen Versuchen, da der Muskel mehr Regeneration braucht. Und diesbezüglich fehlt mir die Geduld. 

Wie oft in der Woche trainierst du? Definitiv weniger als noch vor zehn Jahren zu Wettkampfzeiten. Auch wenn ich noch nicht so alt bin, merke ich, dass ich länger brauche, um mich zu regenerieren. Ich habe doch schon zwanzig Jahre Hochleistungssport am Buckel und spüre die Klettermeter. Im Schnitt klettere ich viermal in der Woche. Nebenbei mache ich Wanderungen, gehe biken und mache täglich Physiotherapie wegen meiner Verletzungen. Vor einem Jahr konnte ich nicht einmal schmerzfrei sitzen. Hier muss ich dranbleiben, um ein normales Leben führen zu können. 

Du machst weiter, auch wenn du einiges in Kauf nehmen musst. Ich habe mir den Sport ausgesucht, übernehme die Verantwortung dafür und trage die Konsequenzen. 

Fragst du dich nie, warum du dir das antust? Doch, schon sehr oft. Vor allem in der La Planta de Shiva – bei Stürzen, Verletzungen, der extremen Hitze. Dann kommt man nach Hause und denkt sich, eigentlich war es doch gut. Je mehr Durststrecken es in einem Projekt gab, desto mehr freut man sich, wenn es dann gelingt. 

Kletter-WM Paris 2012 © S. Gruden / ASP Red Bull

Kletter-WM Arco 2011 © Florian Klingler / ASP Red Bull

2012 wurde Angy Eiter Sportlerin des Jahres (unten) © GEPA

Glaubst du, dass auch deine Heimat Tirol Anteil an deinem Erfolg hat? Ja, mit Sicherheit. Ich bin eine richtige "Heim-Plärrerin". Ich bin in der Region Imst mit dem Klettern aufgewachsen und fühle mich in Tirol wohl und sicher. Wir haben einen sehr hohen Standard, das fällt mir auf meinen Reisen immer wieder auf.  

Seit du mit dem Klettern angefangen hast, hat sich in Tirol viel getan. Wie schätzt du die Entwicklungen im Klettersport ein? Mit Imst hat alles begonnen, als dort eine der ersten großen, modernen Hallen gebaut wurde. Dann hat sich alles nach und nach entwickelt. In Tirol gibt es Leute, die mit viel Engagement, Herzblut und Ehrenamt arbeiten. So ein Imperium, wie es jetzt in Innsbruck mit dem neuen Kletterzentrum steht, entsteht nicht von alleine. Da steckt sehr viel Herzblut drinnen. Wir nehmen im gesamten Klettersport eine Vorreiterrolle ein, nicht nur was die Infrastruktur betrifft, sondern auch was die Athletenbetreuung angeht. Das freut mich sehr.

Tirol richtet im Herbst auch die Kletter-WM aus. Reizt es dich manchmal, in den Wettkampfsport zurückzukehren? Es gibt Momente, in denen ich Lust hätte, noch einmal in Wettkämpfen reinzuschnuppern. Ich mochte diese Zeit sehr und ich habe sehr viel erlebt. Doch ich habe mich für einen anderen Weg entschieden. Und solange ich gesund und fit bin, möchte ich meinen Felsprojekten nachgehen. Auf zwei Hochzeiten zu tanzen, ist schwierig.

Wirst du die WM verfolgen? Ja, selbstverständlich. Als Klettertrainerin und ehemalige Athletin interessieren mich Wettkämpfe nach wie vor.

Kannst du es dir vorstellen, deine Erfahrungen als Ausnahmekletterin in einem Buch mit anderen zu teilen? Ja, das kann ich mir vorstellen – wenn die Zeit dafür reif ist. Ich denke, dass mein Leben ein paar Leute interessieren könnte. (lacht)  

Eine Idee, wie der Titel lauten würde? Nein, darüber mache ich mir Gedanken, wenn es dann soweit ist.  

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person
Angela (Angy) Eiter (am 27. Jänner 1986 in Zams geboren) zählt weltweit zu den besten Kletterinnen in Lead und in Bouldern. Ihren ersten Wettkampf bestritt sie mit elf Jahren bei den Westtiroler Meisterschaften in Landeck. 

Wettkampferfolge

· vierfache Weltmeisterin in der Disziplin Vorstieg (2005, 2007, 2011, 2012)
· dreifache Weltcupgesamtsiegerin im Vorstieg (2004, 2005, 2006)
· insgesamt 25 Weltcupsiege 
· Weltcupgesamtsieg: Kombination, Vorstieg und Boulder (2006)
· Europameisterin 2010
· Sieg bei den World Games im Jahr 2005
· Rekordhalterin mit sechs Rock-Master-Titeln in Arco (2003, 2004, 2005, 2007, 2009, 2012)

Größte Erfolge im Felsklettern

· erste Frau weltweit, die im Sportklettern mit La Planta de Shiva in Andalusien eine Route im Schwierigkeitsgrad 9b bezwingt (Oktober 2017)
· erste österreichische Kletterin, die im Sportklettern Routen im Schwierigkeitsgrad 9a bezwingt
· Boulder Fragile Steps (8b) in Rocklands
· Mehrseillänge Boulevard of Broken Dreams (8a) in Nösslach/Ötztal
· Mehrseillänge Halteverbot (8b) in Tannheim (Flash)

Auszeichnungen


• Tiroler Sportlerin der Jahre 2006, 2007, 2012
Goldene und Silberne Ehrennadel für Verdienste um die Republik Österreich
Panathlon-Auszeichnung
Ehrenbürgerin der Gemeinde Arzl im Pitztal 

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