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Eine WM mit Zähnen und Bergen

UCI Straßenrad-WM 2018

Eine WM mit Zähnen und Bergen

WM-Streckenbeauftragter Thomas Rohregger über die Strecken und ihre Entstehung.

"Innsbruck wird ganz anders."

Text: Eva Schwienbacher, Bild: Franz Oss

Bei der Rad-WM in Tirol müssen die Athleten durch die Hölle, um in den WM-Himmel zu gelangen – zumindest ein Teil davon. Im Interview mit sport.tirol spricht Ex-Radprofi Thomas Rohregger, Streckenbeauftragter der Rad-WM, über die Strecken im Detail, sein persönliches Highlight und darüber, warum Innsbrucks Straßenbahnen bei der Planung für Kopfzerbrechen sorgten. 

Nun kannst du das Geheimnis lüften, das in den vergangenen Monaten für Diskussionen sorgte: Wird die sogenannte „Hölle“, also die steile Gramartstraße auf die Hungerburg in Innsbruck, gefahren? Thomas Rohregger: Ja, wir fahren über die Hölle. Das war mein großes Bestreben, für das ich nicht immer nur Rückendeckung gehabt habe, weil es natürlich logistisch eine Riesenherausforderung ist. Aber eine Veranstaltung wie eine Weltmeisterschaft – das habe ich während meiner aktiven Zeit immer wieder gesehen –, die braucht Highlights als Salz in der Suppe, „the cherry on top of the cake“ sozusagen, und das ist die Hölle, definitiv. Die Hölle wird die Mausefalle der Rad-WM. Und darüber wird diskutiert werden. Man braucht etwas, das polarisiert, das andere nicht haben. Die einen sagen, es ist viel zu schwer, die anderen sagen, es ist genau richtig. Ich wünsche mir auch, dass viele Hobbyfahrer die Straße hinauffahren und sich den Abschnitt anschauen. Das wird die Schlüsselstelle des Straßenrennens der Herren. Die Damen und Nachwuchsfahrer werden die Hölle nicht fahren. 

Da sind wir auch schon mitten im Thema. Kannst du uns die einzelnen Strecken kurz vorstellen? Am ersten Tag beginnen wir in der AREA 47 im Ötztal mit dem Mannschaftszeitfahren. Dabei gehen sechs Sportler und Sportlerinnen in der Erwachsenenkategorie an den Start. Das Interessante ist, dass sie in ihren Profi-Teams gegeneinander antreten und nicht in der Nationalmannschaft. Erst bei den darauffolgenden Bewerben schlüpfen sie in ihre Nationalteam-Trikots. Die Strecke führt von der AREA 47 nach Innsbruck. Es handelt sich um ein typisches, sehr schnelles Teamzeitfahren. Die Damen fahren direkt nach Innsbruck, die Herren über eine Steigung nach Axams. Dieser Anstieg bringt einen Rhythmuswechsel ins Rennen und macht das Ganze noch einmal schwieriger. Für die Zuschauer sind gerade die Serpentinen hinauf nach Axams und das Plateau die Hotspots beim Teamzeitfahren nach der AREA 47, wo sich die Fans das dynamische Startprozedere anschauen können. Danach können sie mit dem Zug nach Innsbruck fahren. So kann man sich also Start und Ziel anschauen. Das Ziel befindet sich bei allen Rennen am Rennweg vor dem Tiroler Landestheater. Hier werden auch die Tribünen, der VIP-Bereich, das Pressezentrum usw. aufgebaut. Das Rennprogramm geht dann weiter mit dem Einzelzeitfahren. Die Junioren und Juniorinnen, Herren U23 und Damen-Elite starten in den Swarovski Kristallwelten und fahren in einer Schleife, deren Länge nach Kategorien variiert, über Hall und die Dörferlinie Absam, Thaur, Rum, Arzl, Mühlau über die Kettenbrücke in Innsbruck zum Ziel. Am Mittwoch steht das Einzelzeitfahren der Herren auf dem Programm. Das ist der zweitwichtigste Bewerb. 

Verschiedene Startorte

Das Konzept der Rad-WM sieht vier unterschiedliche Startorte vor, unter anderem Kufstein. 

Start ist in Rattenberg in der Altstadt. Hier geht es durch das Inntal Richtung Schwaz über Reith im Alpbachtal bis nach Kolsass, wo es einen Richtungswechsel auf die andere Seite des Inntals nach Fritzens gibt. Es folgt eine Steigung Richtung Gnadenwald – das ist absolut der Schlüsselmoment. Bis hier ist es ein klassisches Zeitfahrrennen. Dann geht es den Berg hinauf, was sehr schwer ist. Auch hier haben wir uns jedoch gesagt, dass wir eine Berg-WM wollen. Tirol hat Berge und muss Berge zeigen. Die Steigung ist sicherlich der Hotspot für die Zuschauer, die Tour-de-France-Feeling verspricht: Man kann jedem einzelnen Fahrer ins Gesicht schauen und erlebt den Schlüsselmoment hautnah mit. Weiter geht es über das Plateau und wieder hinunter über den Linger-Kreisel in Absam – eine Schnittstelle während der WM – und die Kettenbrücke nach Innsbruck.

Das Ziel des UCI war es, den Gesamtwertungsfahrern, die bei der Tour de France oder beim Giro d’Italia auf dem Podium landen, die Chance zu geben, das WM-Trikot zu erringen, das heißt ein Froome, Quintana oder Chavez. 

Dann stehen die Straßenrennen auf dem Programm. Richtig. Die Juniorinnen starten in Rattenberg, fahren durch das Inntal über Gnadenwald und die Dörferlinie Absam, Thaur, Rum, Arzl, Mühlau nach Innsbruck, wo der Rundkurs beginnt. Der Start für die anderen Kategorien ist in Kufstein. Von hier geht es über Schwoich, Breitenbach und den Reintaler See Richtung Schwaz. In Pill folgt ein Wechsel auf die andere Seite des Inns, wo es von Terfens aus Richtung Gnadenwald geht. Es handelt sich um den Anstieg, den wir bereits bei der Tour of the Alps gefahren sind. Weiter geht es dann über die Kettenbrücke nach Innsbruck zum Rundkurs, der 24 Kilometer lang ist und knapp 500 Höhenmeter aufweist. Der Kurs führt über die Museumstraße am Sillpark vorbei Richtung Tivoli-Stadion hinauf zum Schloss Ambras nach Aldrans, Lans, zum Olympia-Express in Igls. Über Vill, den Kreisverkehr Innsbruck-Mitte und die Olympiabrücke geht es zurück in die Host City. Es folgt ein Stadt-Parcour (Leopoldstraße, Triumphpforte, links in die Maximilianstraße, Innrain), ehe es über die Innbrücke in die Höttinger Gasse geht. 

Das Straßenrennen führt über die Dörferlinie Absam, Thaur, Rum, Arzl, Mühlau nach Innsbruck.

Über die Riedgasse, die Innstraße und Kettenbrücke geht es dann zum Ziel vor dem Tiroler Landestheater. Dieser Rundkurs wird von allen mit unterschiedlichen Anzahlen von Runden den Kategorien entsprechend befahren. Die Männer fahren zusätzlich noch den Anstieg über die Hölle bei der letzten Runde. Sie biegen bei der siebten Runde nicht in die Riedgasse, sondern nach rechts in die Schneeburggasse ab. Über die Dorfgasse und die Höttinger Hölle fahren sie auf die Hungerburg. Retour geht es über die Höhenstraße und schließlich wie bei den anderen Kategorien über die Riedgasse ins Ziel. Das ist dieser „Zusatzhackl“, wie ich ihn immer nenne, der die Schlüsselstelle des Herren-Straßenrennens ist. 

Welche Anforderungen stellt diese Passage an die Athleten und für wen stehen die Chancen besonders gut, sich hier den Weltmeistertitel zu holen? Wir hatten in den letzten Jahren – Richmond, Doha und nun in Bergen – relativ einfache WMs gehabt, was das Profil betrifft. Innsbruck wird ganz anders. Innsbruck favorisiert eher die kletterstarken Fahrer. Das Ziel des Internationalen Radsportverbandes war es, den Gesamtwertungsfahrern, die bei der Tour de France oder beim Giro d’Italia auf dem Podium landen, die Chance zu geben, das WM-Trikot zu erringen, das heißt ein Froome, Quintana oder Chavez. Diese Kletterer, die man bei den Rundfahrten immer in den ersten Reihen sieht, sind sicherlich zu favorisieren. Fahrer wie ein Olympiasieger Van Avermaet, der ein Klassiker und super Eintagesfahrer ist, kann hier aber auch noch vorne mitmischen. 

Der letzte Kurs des Straßenrennens Herren Elite führt auf die Hungerburg durch die sagenumwobene „Höll“. 

Mit bis zu 25 Prozent Steigung ist der Anstieg die Schlüsselstelle.

Wie kann man sich den Entstehungsprozess der Strecken vorstellen? Die eine ist die sportliche Seite: Man muss wissen, ob man flache oder steile Strecken möchte oder etwas dazwischen. In einem nächsten Schritt muss man schauen, wie sich das umsetzen lässt. Wir haben die Aufgabe erhalten, eine schwere Strecke zu planen. Das war unser Ausgangspunkt. Ich kenne hier in Tirol jeden Meter. Man setzt sich vor die Landkarte und lässt einen Zirkel um Innsbruck, die Host City, drehen und schaut, wohin man sich bewegen kann, quasi nach dem Ausschlussverfahren. Das Karwendel und Stubaital waren nicht möglich, da blieb nur noch das Inntal. Weiters zählt auch, welche Orte Interesse, eine Affinität zum Radsport und eine Radsportgeschichte haben. Dann haben wir uns zusammengehockt und sind zu unserem Set-up gekommen. Gerade in Innsbruck war es wegen der Straßenbahn sehr schwierig, eine gute Strecke zu finden. Straßenbahngleise sind der Feind eines jeden Rennradfahrers. Wenn sie im rechten Winkel zur Fahrtrichtung stehen, ist es kein Problem, parallel geht jedoch nicht. Und so muss man sich durch die Stadt hindurch navigieren. Ich hatte gewisse Vorgaben, etwa, dass das Ziel immer vor dem Landestheater sein musste. Dann muss man kreativ sein. Allzu viele Möglichkeiten bleiben nicht. Man braucht eine Strecke, die sportlich okay ist, die für die Zuschauer gut erreichbar ist und die letztlich auch machbar ist. 

Was war die größte Herausforderung? Die allergrößte Herausforderung ist die Planung der operativen Umsetzung. Man muss sich vorstellen, dass Straßen für die Rennen gesperrt werden müssen, aber der Schulalltag für die Kinder und der Arbeitsalltag für die Erwachsenen trotzdem weitergehen muss, Notwege müssen frei bleiben, das Essen auf Rädern muss durchkommen und so weiter. Wir haben zum Glück mit Oberst Markus Widmann von der Landespolizeidirektion, der der Einsatzleiter der kompletten Blaulichtorganisationen ist, einen Topmann. Er hat alles bis ins kleinste Detail aufgearbeitet. Das ist sehr wichtig und erleichtert das Ganze sehr. Es besteht eine super Zusammenarbeit mit den Behörden und öffentlichen Organisationen. Generell ist es entscheidend, gute Leute im Organisationskomitee zu haben und das tun wir mit Wolfgang Konrad und Andreas Klingler, die beide viel Know-how mitbringen. Was mir persönlich ein großes Anliegen ist, ist die Kommunikation rund um die WM, nicht nur international, sondern auch im Land. Die Betroffenen, also Schulen, Pflegeheime, Betriebe, sollen bestmöglich versorgt und integriert werden, damit diese auch ein Teil der WM werden. Mein Wunsch ist es, dass eine Atmosphäre wie beim Giro d’Italia, das mein Lieblingsrennen war, entsteht, dass die Leute wirklich die Veranstaltung leben. In Italien setzen sich die Leute vor die Tür, öffnen sich eine Flasche Wein und verfolgen die Veranstaltung. Wir leben in so einer schnellen Zeit, da wäre es schön, wenn die Leute das Event inklusive Verzögerungen einplanen würden, um es zu genießen. Mein Ziel ist es, dass die Tiroler Bevölkerung die Rad-WM mitlebt. 

Ausschnitt vom Rundkurs

Der 24 km lange Rundkurs der Straßenrennen verläuft über Aldrans, Lans und Igls bis zum Ziel vor dem Innsbrucker Landestheater. Die insgesamt 460 Höhenmeter pro Runde sorgen für ein spannendes Finish. 

Es wurde angekündigt, dass Tirol die härteste Straßenrad-WM wird, die es jemals gegeben hat. Da die Strecken nun feststehen, kann man sagen, dass das zutrifft? Dafür spricht die Passage auf die Hungerburg, sprich die Hölle, beim Straßenrennen der Herren. Aber schwer ist immer relativ. Die Topografie ist ein Part, hinzu kommen die Witterungsbedingungen und auch die Taktik der Athleten. Wenn sie vom ersten Kilometer an auf Krieg fahren, ist es ein Wahnsinnsrennen, aber sie können natürlich auch nur bummeln. Aber rein von der Topografie her ist es sicher eine WM, die sehr viele Zähne und Berge zeigen wird. Die Rad-WM in Duitama, Kolumbien, 1995 war wegen der Höhenlage hart. In Innsbruck haben wir viel steilere Strecken – die Hölle hat 25 Prozent – und das nach 250 Kilometern und über 4.000 Höhenmetern. Man kommt hier aber nicht so schnell in die Sauerstoffschuld. Deshalb ist schwer immer relativ. Aber wir sind sicherlich ganz vorne dabei.

Welche Unterschiede in puncto Strecken gibt es neben den bereits angesprochenen noch zu den Rad-WMs in Doha 2016 und Bergen 2017? Doha war Wüste, das waren Windkantenrennen. Bergen ist ein Hybrid. Und wir haben Berge – diese müssen wir zeigen. Das war dem Radsportweltverband UCI und den Tiroler Organisatoren wichtig und das war auch immer mein Credo. Normalerweise fährt man bei den Weltmeisterschaften einen Rundkurs. Wir haben unterschiedliche Startorte und eine Anfahrt von über 80 Kilometern. So können wir viel mehr von unserem Land zeigen. 

© Martin Hautz Videoproduktion 

Und auch die Regionen miteinbinden. Ja, wir haben ein anderes Konzept. Es gab bei der Startortbestimmung sehr viele interessierte Regionen – es ist toll, dass wir in Tirol einen so gelebten Radsport haben und sportbegeisterte Leute. Mit Kufstein haben wir dann das Maximum an Kilometerzahlen ausgereizt.

Was wird dein persönliches Highlight? Sicherlich der Rundkurs in Innsbruck mit der Hölle. Darauf freue ich mich besonders. Ich hoffe, dass das Wetter mitspielt und wir einen schönen Altweibersommer haben. Das hätten sich all jene verdient, die so hart an der Organisation mitarbeiten. 

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Streckenprofile im Detail gibt es hier.

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