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Die Pokal-Brüder

Skiweltcup-Opening Sölden 2017

Die Pokal-Brüder

Wer hinter Söldens Trophäen steckt.

Text: Eva Schwienbacher, Bild: Mark Ruparelia

Wo Sport und Kunst aufeinandertreffen und die begehrten Pokale für das Skiweltcup-Opening in Sölden Gestalt annehmen.

Das eiserne Tor zur Werkstatt der Kunst- und Metallgießerei Krismer in Telfs ist gleichzeitig der Eingang in eine andere Welt. Die Halle ist fast bis zum letzten Winkel mit Kunstobjekten und Werkzeug gefüllt: mit Skulpturen, Reliefs, Büsten, Plaketten und vielem mehr. Hier nehmen Aluminium- und Bronzeobjekte ihre Gestalt an, bevor sie an verschiedensten Orten ausgestellt werden oder als Preise Gewinner beglücken. Die Fülle an kleinen und großen Figuren zeugt davon, dass in diesem Traditionsbetrieb laufend Neues entsteht, und davon, dass hier kreative Köpfe am Werk sind. 

Modelle von Kunstwerken und Werkzeug füllen die Werkstätte der Kunstgießerei Krismer in Telfs.

Vom Industrie- zum Kunstguss

Die Kunst- und Metallgießerei Krismer ist eine der letzten ihrer Art in Tirol und auf Kunstguss spezialisiert. 1961 wurde der Betrieb von Kunibert Krismer gegründet, vorerst als Industriegießerei. Vor über 20 Jahren übernahmen die Brüder Roland und Wolfgang Krismer den Betrieb ihres Vaters. Die beiden spezialisierten sich auf den Kunstguss, da die Nachfrage von Seiten der Künstler sehr groß war, erzählt Wolfgang Krismer. „Wir haben ein spezielles Gussverfahren, das Wachsausschmelzverfahren, eingeführt, womit wir viele Künstler aus Tirol und ganz Österreich erreicht haben.“ 

Diese Gusstechnik ermöglicht eine besonders detailgetreue Wiedergabe von Modellen, weshalb sie bei Künstlern so gefragt ist. Während Roland Krismer gelernter Gold- und Silberschmied ist, hat sich Wolfgang zum Former und Gießer ausbilden lassen, einem Beruf, den es in dieser Form heute nicht mehr gibt.

Sölden, Sonne, Skisport

Bei Krismer entstehen unterschiedlichste Objekte: von winzigen Wappen bis hin zu vier bis fünf Meter hohen Skulpturen; von den verschiedenen Aluminium- und Bronzeskulpturen des österreichischen Künstlers Erwin Wurm, die zu dick geraten wirken, bis zur Statue mit Sixpack und dickem Bizeps für den Bodybuilder-Wettbewerb „Arnold Schwarzenegger Classic“. Auch die größte Kaffeebohne der Welt, eine Bronzeskulptur der renommierten Künstlerin Lotte Ranft, die heute in der Hafencity in Hamburg zu sehen ist, nahm in Telfs Gestalt an. 

Aktuell arbeiten die beiden Brüder wie jedes Jahr im Herbst an den sechs Pokalen für den Skiweltcup-Auftakt in Sölden am 28. und 29. Oktober. „Im Jahr 2000 wurden wir erstmals mit der Herstellung des Weltcuppokals beauftragt“, erzählt Wolfgang Krismer. „Und als fanatischer Skifahrer ist es natürlich etwas Besonderes, den Preis für das Auftaktrennen herzustellen.“ Der Entwurf des Pokals stammt aus der Feder seines Bruders Roland Krismer. Früher stellte der Pokal eine Weltkugel und Berge dar. Vor einigen Jahren wurde die Trophäe neu gestaltet, sodass sie nun die Form eines „S“ hat, das für Sölden, Sonne, Skisport und Schnee steht.

Bei der Herstellung der Pokale müssen einige winter- und spitzensportspezifische Faktoren berücksichtigt werden, erklärt Wolfgang Krismer. So dürfen die Pokale, auch wenn sie an die stärksten Athleten gehen, nicht zu schwer sein, damit sie in der gewohnten Siegespose in die Luft gehalten werden können. Außerdem müssen sie trotz dicker Winterhandschuhe gut in den Händen liegen. 

Vom Gips- zum Aluminiumpokal

Der komplett von Hand gefertigte Pokal für Sölden entsteht im Sandgussverfahren. Dafür fertigen die Krismers zunächst ein Modell aus Gips oder Holz an, das es zur Herstellung für die Negativform braucht. Dieses wird anschließend in Sand gedrückt, der mit speziellen Stoffen versetzt ist, sodass die Negativform entsteht. In einem nächsten Schritt wird das Modell entfernt und die Negativform mit flüssigem Metall gefüllt: Ein Teil des Pokals besteht aus Aluminium, das bei 800 Grad gegossen wird, die Bronzepartien werden bei 1.200 Grad in Form gebracht. Sobald es erstarrt ist, wird das Metall aus der Form geklopft, geputzt und sandgestrahlt. Schließlich werden die einzelnen Teile zur endgültigen Form zusammengeschweißt, geschliffen, ziseliert, patiniert und poliert. Am Ende fehlen nur noch drei kleine Details, die allerdings den großen Unterschied machen: eine Eins aus Messing, eine Zwei aus Aluminium und eine Drei aus Bronze. 

Bei Krismer entsteht alles in Handarbeit.

Die Nummern für die Pokale des Weltcupauftakts in Sölden. Unten: Roland (l.) und Wolfgang Krismer.

Eine Woche vor dem Rennen werden die Pokale abgeholt. In der Regel kehren sie auch nicht mehr in den Betrieb zurück – Ausnahmen bildeten die Damenrennen von 2002 und 2014, als einmal drei Skifahrerinnen – Nicole Hosp, Andrine Flemmen und Tina Maze – und einmal zwei – Anna Veith (damals noch Fenninger) und Mikaela Shiffrin – ex aequo das Ziel erreichten. „Nach dem Weltcupauftakt 2002 benötigten wir plötzlich drei Pokale für die drei Erstplatzierten“, erinnert sich Wolfgang Krismer zurück. „Wir mussten dann die Zwei und Drei entfernen und neue Einsen anfertigen.“ Fast dasselbe Spiel folgte zwölf Jahre später: ein Rennen, zwei Siegerinnen.

Solche Aufregungen bilden jedoch die Ausnahme, zeigen aber, dass am Rettenbachgletscher vieles möglich ist. Auch Roland und Wolfgang Krismer verfolgen immer vor dem Bildschirm die Rennen in Sölden. „Es ist etwas Besonderes, wenn der Pokal, den man am Tag davor noch selbst in den Händen hielt, einem Hirscher, Ligety oder einer Vonn überreicht wird“, sagt Wolfgang Krismer. Bis die Pokale Ende Oktober wieder den Besitzer wechseln, schmücken sie die Werkstatt der Krismer-Brüder – zusammen mit zig anderen außergewöhnlichen Figuren.  

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